„Bruder Spaghettus“ ist einer der Protagonisten, wenn es in Deutschland um die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters geht. Wir haben ihm einige Fragen gestellt – über Piratenkluft, evolutionären Humanismus und einen aktuellen Schülerpreis. (Foto: Florian Chefai, CC BY-SA 4.0)
Bruder Spaghettus: Persönliches
konfessionen.org: Bruder Spaghettus, im bürgerlichen Leben bist du als Rüdiger Weida unterwegs und lebst im brandenburgischen Templin.
Gleichzeitig bezeichnest du dich als „Feldherr der bissfesten Lochnudel vom Schutzorden des saftigen Glaubens“ und „Bruder Spaghettus“ – ist das so etwas wie ein offizieller Ordensname in der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e.V. (KdFSM)?

Bruder Spaghettus: So in etwa. Wir haben keinen Orden, aber jeder Pastafari wird bei uns auf einen Pastafarinamen getauft oder tauft sich selbst.
Bruder Spaghettus ist also mein Pastafariname, steht aber auch in meinem Ausweis unter der Kategorie Ordens- oder Künstlername.
Als „Bruder Spaghettus“ kann ich auch rechtsgültige Verträge abschließen, zum Beispiel ein Konto eröffnen, ein Auto kaufen, eine Klage einreichen.
Der „Feldherr der bissfesten Lochnudel vom Schutzorden des saftigen Glaubens“ ist ein Titel, der mir vom Konklave unserer italienischen Bruderkirche Chiesa Pastafariana Italiana zur Eröffnung unserer Kirche in Templin verliehen wurde.

konfessionen.org: Wie war dein persönlicher Weg zur KdFSM?
Bruder Spaghettus: Der war relativ kurz und schnell. Als ich 2005 einen Artikel mit dem Titel „Mein Gott, ein Nudelmonster“ gelesen habe, hat es mich sofort gepackt.
Ich habe früher eine Zeit lang Amateurkabarett gemacht und hatte somit das nötige Rüstzeug, um diese Religionssatire in die Tat umzusetzen.

konfessionen.org: Wie siehst du deine Rolle innerhalb der KdFSM?
Bruder Spaghettus: Jahrelang war ich der Motor des Vereins und habe so auch automatisch die Richtung und die Regeln vorgegeben, in die wir uns entwickelt haben. Natürlich immer mit Hilfe und in Abstimmung mit anderen Aktiven.
Inzwischen ist meine Zeit im aktiven Vorstand vorbei. Als Ehrenvorsitzender stehe ich aber hinter den Kulissen bei Fragen immer noch zur Verfügung.
konfessionen.org: In den sozialen Medien sieht man dich im Kreise deiner Liebsten. Sind alle in deiner Familie Pastafarianer?
Bruder Spaghettus: Ja, Elli Spirelli und Cpt. Nodus waren schon bei der Gründung des Vereins mit dabei. Wie alle Gründungsmitglieder haben sie deshalb die Mitgliedsnummer 1. Allerdings sind wir die letzten, die noch heute aktiv sind.
Elli Spirelli ist so was wie die Mutter der Kompanie. Sie hat das Nudelholz als Gebetsrolle eingeführt, den Monstergruß erfunden, die erste Fahne genäht und viele alte Pastafarigeschichten und Sitten wieder ausgegraben und neu aufgeschrieben.
Cpt. Nodus ist sofort eingesprungen, als unsere alte Kassiererin ausgewandert ist und sonst niemand da war, der den Job übernehmen wollte. Er war so mehrere Jahre im Vorstand des Vereins.
konfessionen.org: Welche Feiertage oder welches Pastafari-Fest ist dir am liebsten?
Bruder Spaghettus: Garfreitag macht großen Spaß, weil man da so schöne Aktionen machen kann.
Und WeinAchten, weil da der Lichterpirat kommt und wir gemeinsam in Familie feiern.

(mache zum Vergrößern einen Rechtsklick auf das Bild und dann „Öffnen in neuem Tab“))
konfessionen.org: Bei deinem Erscheinen als Bruder Spaghettus musst du als Anhänger des Fliegenden Spaghettimonsters Piratenkluft tragen. Wie lange brauchst du für die Kostümierung und ist das nicht manchmal ermüdend?
Bruder Spaghettus: Ich muss nicht immer in vollem Ornat erscheinen, es reicht schon die piratige Kopfbedeckung oder eine Augenklappe. So will es das Monster im Evangelium.
Mein Kappen trage ich täglich, einfach aufgesetzt und raus geht’s. Ornat anlegen, also Piratenhemd und -mantel, Dreispitz, Entermesser und ein bisschen Schmuck, dauert etwas länger, aber auch nicht viel länger als bei normaler Kleidung.
Bei Nudelmessen trage ich ein Messgewand. Beim Anlegen hilft mir meine Messdienerin Elli Spirelli. Ermüdend ist das nie, ich empfinde es immer als großes Vergnügen.

(Karikatur mit freundlicher Genehmigung von Rolf Heinrich)
konfessionen.org: Gibt es auch Momente, in denen Bruder Spaghettus mal aus der Rolle fällt, bei ernsthaften Themen oder hitzigen Debatten?
Bruder Spaghettus: Inzwischen bin ich da ziemlich geübt, aber gelegentlich reagiere ich auch mal impulsiv.
Zwischen Parodie und Ernst: Bruder Spaghettus
konfessionen.org: Die Kirche des fliegenden Spaghettimonsters wird oft als Parodie verstanden. Es ist ja allerdings nicht das Hauptanliegen der KdFSM, andere Religionen nur durch den Kakao zu ziehen. Ihr versteht euch als Weltanschauungsgemeinschaft mit einer echten ethischen Agenda.
Was würdest du Menschen, die den Eindruck einer bloßen Nonsense-Parodie haben, über eure Bewegung und deren Anliegen mitteilen?
Bruder Spaghettus: Dass wir keine Nonsens-Parodie sind, sondern Religionssatire. Wir verstehen das als Religionskritik der besonderen Art. Nach den Reaktionen der Kirchen zu urteilen, ist diese auch besonders wirksam.
Da wir aber nicht nur gegen etwas sein wollen, sondern in erster Linie für etwas, haben wir auch eine weniger sichtbare Seite. Wir bekennen uns klar zum evolutionären Humanismus, wie ihn die Giordano-Bruno-Stiftung entwickelt, und wollen aktiv in die Gesellschaft hineinwirken. Deshalb lassen wir z. B. Evolutionswege bauen und verschenken sie an Gemeinden.
Unser neuestes Projekt ist GöthE – der deutsche Schülerpreis. Damit wollen wir Schülerinnen und Schüler dazu anregen, sich mit götterfreier humanistischer Ethik zu beschäftigen.
konfessionen.org: Wie schaffst du es, diesen Spagat zwischen Satire und ernsthaftem Engagement hinzubekommen?
Bruder Spaghettus: Drei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Aber die verstehen sich blendend. Andere verstehen das nicht immer so gut. Dann frage ich einfach, wen sie hören wollen: den Satiriker, den Religionskritiker oder den Humanisten.
konfessionen.org: Wie reagierst du, wenn Menschen die KdFSM als „respektlos“ gegenüber traditionellen Glaubensgemeinschaften bezeichnen?

(mit freundlicher Genehmigung)
Bruder Spaghettus: Dann frage ich, warum sie meinen, man müsse ihnen Respekt entgegenbringen. Nur weil dort eine organisierte Form des Aberglaubens praktiziert wird? Nur weil diese Gemeinschaften es für sich beanspruchen? Beides sind keine akzeptablen Gründe.
Respekt muss man sich verdienen. Ich kenne keine traditionelle Religionsgemeinschaft, die ihn verdient hätte. Viel zu dunkel sind ihre Schattenseiten. Allenfalls Toleranz halte ich für angebracht. Aber auch das nur, wenn sich die Religionsgemeinschaften inhaltlich und juristisch dem geltenden Recht unterordnen.
„Respekt muss man sich verdienen. Ich kenne keine traditionelle Religionsgemeinschaft, die ihn verdient hätte.“
Bruder Spaghettus
Ich unterscheide aber klar zwischen den Religionsgemeinschaften und den einzelnen Mitgliedern. Letztere haben selbstverständlich das Recht, ihre Religion frei zu wählen und im Rahmen des geltenden Rechts auszuüben.
Der philosophische und humanistische Fokus der KdFSM
konfessionen.org: Die KdFSM setzt sich für säkulare Werte und den Schutz einer pluralistischen Gesellschaft ein. Dabei weist sie auch auf die zehn „Angebote“ des evolutionären Humanismus hin.
Wie bewertest du vor diesem Hintergrund die Rolle von Religionen in der modernen Gesellschaft?
Bruder Spaghettus: Religionen, insbesondere die abrahamitischen Religionen, basieren auf Dogmen. Dogmen sind Denkverbote, und Denkverbote behindern die gesellschaftliche Entwicklung.
Religionen sind also gesellschaftsschädlich, auch, weil sie grundsätzlich pluralismusfeindlich sind. Sie unterteilen in Rechtgläubige und Ungläubige und damit in Freund und Feind.
„Religionen, insbesondere die abrahamitischen Religionen, basieren auf Dogmen. Dogmen sind Denkverbote, und Denkverbote behindern die gesellschaftliche Entwicklung.“
Bruder Spaghettus
Sie sind grundsätzlich konservativ und bekämpfen fortschrittliche Werte wie Gleichberechtigung, persönliche Selbstbestimmung, Demokratie und anderes.
Vor allem die Kirchen sind dabei sehr geschickt. Wenn sie den Kampf um ihre konservativen Werte verloren haben, präsentieren sie sich schnell als Vorkämpfer für neue Werte.
Es braucht also immer gesellschaftlichen Druck von außen, damit sich Religionsgemeinschaften weiterentwickeln, sich den Menschenrechten öffnen und die gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr behindern.
konfessionen.org: Welche drei Kernbotschaften möchtest du im Sinne des säkularen Humanismus verbreiten?
Bruder Spaghettus:
- Nichts ergibt Sinn, außer im Lichte der Evolution.
- Übernehmt selbst Verantwortung und begründet eure Werte aus dem Menschsein heraus.
- Rückgriffe auf höhere Wesen sind nicht nur unnötig, sondern falsch.
konfessionen.org: Welche ethischen Prinzipien und Werte vertritt die Kirche jenseits ihrer humorvollen Elemente?
Bruder Spaghettus: Wir sind ein bunter Haufen und haben in vielen Dingen sicher unterschiedliche Anschauungen. Das positiv zu sehen, ist wohl eine gemeinsamer Wert. Was uns alle verbindet, sagt unsere Satzung am besten:
§ 3 Wertebildung und Umsetzung
(1) Die Vereinsmitglieder richten ihre Ethik an den 8 Am Liebsten Wäre Mirs und den 10 Angeboten des evolutionären Humanismus aus.(2) Sie kennen keine Dogmen, sondern überprüfen ihre gefundenen Einstellungen und Festlegungen immer wieder an der sich ändernden Realität und passen sie an, wenn neue Erkenntnisse und Erfahrungen das erfordern.
Aus der Satzung der KdFSM
Darüber hinaus haben wir uns noch auf einige gemeinsame Regeln geeinigt.
Bruder Spaghettus und Aktivismus
konfessionen.org: Ein wiederkehrendes Thema der KdFSM ist der Kampf gegen die Privilegierung von Religionen im öffentlichen Raum. Wo siehst du in Deutschland aktuell die größten Herausforderungen?
Bruder Spaghettus: In der Lösung einer paradoxen Situation: Je mehr die Bedeutung der Religion/Kirchen in der Öffentlichkeit abnimmt, desto mehr scheint sie in der Politik zuzunehmen. Wir müssen die Politik zwingen, die veränderte Realität in politisches Handeln umzusetzen.
konfessionen.org: Große mediale Verbreitung fand damals der Streit um die Ortseingangsschilder mit der „Nudelmesse“ in Templin. Wie ist hier der Stand und gibt es auch andere Städte mit solchen Schildern?

(Foto mit freundlicher Genehmigung)
Bruder Spaghettus: Nur in Templin gibt es eine Kirche, in der regelmäßig Nudelmessen stattfinden. Deshalb sind die Tafeln auch nur dort möglich.
Inzwischen sind sie durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung als touristische Wahrzeichen dauerhaft gesichert. Daran konnte auch ein Brandbrief der drei Templiner Kirchen, der jedem Stadtverordneten persönlich überreicht wurde, nichts ändern. Sie entschieden zum Wohle der Stadt.

konfessionen.org: Einer eurer letzten Coups ist das „Kapern“ des Kirchentags 2027 in Düsseldorf durch die Gründung eines satirischen Vereins. Was hältst du von der Aktion und warst du an ihr beteiligt?
Bruder Spaghettus: Das war eine Gemeinschaftsaktion des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes, der Giordano-Bruno-Stiftung, des 11. Gebotes und von uns.
Ich wusste von der Aktion und war begeistert, aber nicht an der Organisation beteiligt. Besonders schön fand ich, wie sich hier unterschiedliche säkulare Akteure zusammengeschlossen haben.
konfessionen.org: Die KdFSM setzt auf satirischen Protest, um Aufmerksamkeit für Themen wie die Trennung von Kirche und Staat zu schaffen. Hast du den Eindruck, dass dies eine effiziente Methode ist, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken?
Bruder Spaghettus: Ich habe sogar den Eindruck, dass dies eine notwendige Methode ist. An „normale“ Kritik haben sich die Kirchen schon gewöhnt. Wenn man aber einfach über sie lacht, hinterlässt das Wirkung.
Nicht nur bei den Kirchen selbst. Dieses Lachen trägt auch viel dazu bei, den unnötigen Respekt, der vielerorts den Kirchen noch entgegengebracht wird, verschwinden zu lassen.
Schülerpreis der KdFSM
konfessionen.org: Die KdFSM vergibt einen Schülerpreis für wissenschaftliches Denken und kritisches Hinterfragen. Was hat euch dazu inspiriert, diesen Preis ins Leben zu rufen?
Bruder Spaghettus: Wir werden oft in Schulen eingeladen, ich war neulich per Videokonferenz sogar an einer katholischen Privatschule. Außerdem bekommen wir immer wieder Mails von Schülern, die Nachfragen für Arbeiten, die sie für die Schule machen, haben.
Das haben wir aufgegriffen, um götterlose humanistische Ethik weiter zu verbreiten und zu fördern.
konfessionen.org: Welche Art von Projekten oder Leistungen möchtet ihr mit dem Schülerpreis besonders würdigen?
Bruder Spaghettus: Welcher Art die Projekte sind, ist gleichgültig. Ob Wandzeitung, Rap, Video, Vortrag, Schulhofaktion, alles, was sich damit beschäftigt, Werte ohne Rückgriff auf höhere Wesen zu begründen, kann eingereicht werden.
Der Inhalt ist wichtig, die Form völlig frei. Es muss nur etwas mit Unterricht bzw. Schule zu tun haben.

konfessionen.org: Gibt es eine Botschaft, die du jungen Menschen, insbesondere den Teilnehmer*innen am Schülerpreis-Wettbewerb, mit auf den Weg geben möchtest?
Bruder Spaghettus: Hinterfragt alles und erarbeitet euch eine eigene Meinung. Bildet euch, um diese Meinung möglichst fundiert zu entwickeln. Betrachtet alles vom Standpunkt des Humanismus und der Evolution.
Bruder Spaghettus in der Zukunft
konfessionen.org: Wo siehst du die Kirche des fliegenden Spaghettimonsters in zehn Jahren?
Bruder Spaghettus: In zehn Jahren wird viel passieren, Voraussagen sind schwierig. Meine Hoffnung ist, dass wir überflüssig werden, weil unsere Ziele erreicht wurden. Ob das aber schon in zehn Jahren ist? Möglich wär´s.
konfessionen.org: Welche Ziele möchtest du bis dahin erreichen?
Bruder Spaghettus: Ich beginne, mich langsam zurückzuziehen und mehr den privaten Hobbys zu widmen. Die Ziele setzen dann meine Nachfolger.
konfessionen.org: Möchtest du unseren Leser*innen noch etwas mitgeben?
Bruder Spaghettus: Sucht Gleichgesinnte, wenn ihr etwas ändern wollt. Verzichtet auf jede physische Gewalt und besetzt euch immer positiv. Kämpft also nicht gegen etwas, sondern immer für etwas. Protestiert nicht nur, sondern bietet Lösungen an.
konfessionen.org: Vielen Dank für das Gespräch, Bruder Spaghettus.
Bruder Spaghettus: Aber gerne.
Mit dem Spaghettimonster gibt es auch lustige T-Shirts.
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