der kerygmatische Jesus sitzt vor einer Hütte und spricht zu einer kleinen Gruppe

Der Kerygmatische Jesus: Streifblick in die christliche Theologie

Wenn Theologen vom „kerygmatischen Jesus“ sprechen, meinen sie nicht den historisch greifbaren Handwerker aus Nazareth, sondern den via „Kerygma“ (griechisch für Verkündigung) idealisierten Erlöser.

Es ist der Jesus, der passend für die Kanzel zurechtgeföhnt wurde – auferstanden, göttlich und bar jeder profanen, irdischen Realität.

Diese Perspektive, die sich von der historisch-kritischen Betrachtung des „historischen Jesus“ unterscheidet, legt den ganzen Wert auf die theologische und spirituelle Bedeutung Jesu, wie sie in den Schriften des Neuen Testaments und der christlichen Tradition vermittelt wird.

Für die moderne Religionskritik und die evidenzbasierte Forschung wird hier das Kernproblem der Theologie sichtbar: Weil die historische Person Jesus von Nazareth wenig Spuren hinterließ und so gar nicht in das Bild des Weltenretters passen will, flüchtet sich die Kirche in das Konstrukt des Glaubenschristus.

Das Kerygma Jesu: Eine andere Rekonstruktion der Worte Jesu und ihre religionsgeschichtliche Bedeutung
Stammt das Kerygma Jesu von woanders? „Die Darstellung wesentlicher Inhalte einiger Mysterienreligionen, die bereits vor der christlichen Kirchenbildung existiert haben, wird deutlich machen, dass sehr vieles, was in den neutestamentlichen Texten Jesus zugeschrieben wird, tatsächlich „übernommen“ worden ist, also Plagiate sind.“
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Definition und Ursprung des Begriffs „Kerygmatischer Jesus“

In der christlichen Theologie bezieht sich der kerygmatische Jesus auf die Darstellung und Interpretation von Jesus Christus, wie sie in der Verkündigung der frühen Kirche und insbesondere in den Schriften des Neuen Testaments zum Ausdruck kommt.

Was bedeutet „kerygmatisch“?

Der Begriff „Kerygmatischer Jesus“ leitet sich vom griechischen Wort „kerygma“ ab, was „Verkündigung“ oder „Predigt“ bedeutet.

Das Kerygma ist also das, was in den Predigten der Kirche und in der Bibel über die Bedeutung von Jesus und seinen Lehren gesagt wird. Es ist der Kern der christlichen Botschaft.

Der Ursprung dieses Konzepts liegt in der frühchristlichen Verkündigung, wie sie in den Apostelgeschichten und den Briefen des Neuen Testaments dokumentiert ist. 

Diese Verkündigungen fokussierten auf die zentralen Elemente des christlichen Glaubens, wie die Menschwerdung, das Leiden, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi. 

Theologen wie Rudolf Bultmann, Helmut Ristow und Martin Kähler haben im 20. Jahrhundert dazu beigetragen, den Begriff des kerygmatischen Jesus in der akademischen Theologie zu etablieren, indem sie auf die Unterscheidung zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des Glaubens“ hinwiesen.

Bultmann (Kerygma)_Theologie des Neuen Testaments
Bultmann
Der historische Jesus und der kerygmatische Christus. Beiträge zum Christusverständnis in Forschung und Verkündigung
Ristow

Der kerygmatische Jesus bezieht sich auf letzteren, also auf das Bild von Jesus, das durch den Glauben und die Lehren der Kirche geprägt ist, im Gegensatz zu dem, was historisch-kritische Forschung über den historischen Jesus aussagen kann.

Der Sogenannte Historische Jesus und der Geschichtliche, Biblische Christus
Kähler

Was sind die 5 Punkte des Kerygmas?

Die Wiege des Christentums steht nicht auf dem Fundament historischer Tatsachen, sondern auf dem Fundament einer cleveren Werbebotschaft. In der Theologie nennt man dieses Werbeprogramm „Kerygma“

Bevor die Evangelien niedergeschrieben wurden, zog die Urkirche mit einem knackigen kerygmatischen Fünf-Punkte-Plan durch das Römische Reich, um den jüdischen Wanderprediger Jesus von Nazareth postum zum kosmischen Erlöser hochzujubeln.

Den ersten Missionaren ging es nicht um das, was Jesus tatsächlich tat oder sagte, sondern um die rituelle Deutung seines Todes. Das Kerygma ist kein historischer Bericht, sondern ein religiöser Deutungsrahmen, der den gekreuzigten Sektengründer in den Rang eines göttlichen Wesens erheben sollte.

1. Die Erfüllung der Prophetie und das Zeitalter des Heils

Der erste Punkt der urchristlichen Botschaft lautete: „Die Zeit ist erfüllt.“ Die Missionare behaupteten gebetsmühlenartig, dass alle alttestamentlichen Prophezeiungen exakt in den jüngsten Ereignissen gipfelten.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht handelt es sich hierbei um eine klassische Methode der Legitimation: Man dockte an bestehende jüdische Schriften an, interpretierte diese nachträglich kreativ um und verpasste der eigenen Bewegung so den Anschein einer logischen, göttlichen Fortsetzung.

2. Das Wirken, der Tod und die Kreuzigung Jesu nach Gottes Plan

Punkt zwei besagt, dass Jesus von Nazareth durch Gott beglaubigt wurde, sterben musste und schlussendlich gekreuzigt wurde – und zwar „gemäß der Schrift“. Hier wird das historische Ereignis der römischen Hinrichtung sofort theologisch aufgeladen.

Der Tod war demnach kein politisches Scheitern, sondern ein vorbestimmtes kosmisches Opfer. Ein zynischer Blick auf die Logik offenbart: Ein allmächtiger Gott benötigt offenbar Blutopfer, um mit seiner eigenen Schöpfung ins Reine zu kommen.

3. Die Auferstehung am dritten Tage als Triumph über den Tod

Das absolute Herzstück und der kühnste Werbeslogan des Kerygmas: „Gott hat ihn auferweckt!“ Nach der Kreuzigung folgt die Behauptung der leiblichen oder visionären Auferstehung.

Historische Belege außerhalb der innerchristlichen Zweckliteratur? Fehlanzeige.

Dennoch bildete diese unbelegte Behauptung das psychologische Fundament, um die verängstigten Jünger bei der Stange zu halten und die Dynamik der neuen Religion überhaupt erst in Gang zu setzen.

4. Die Erhöhung Jesu zur Rechten Gottes und die Gabe des Geistes

Als vierter Punkt wurde verkündet, dass der auferstandene Jesus in den Himmel aufgefahren sei und nun als kosmischer Herrscher (Kyrios) zur Rechten Gottes sitze. Als Beweis für diese unsichtbare Herrschaft wurde das Phänomen des „Heiligen Geistes“ angeführt, das sich in ekstatischen Zuständen und Zungenrede der Gläubigen geäußert haben soll.

Psychologisch betrachtet eine perfekte Immunisierungsstrategie: Der Chef ist zwar weg und unsichtbar, aber seine Energie ist angeblich spürbar – solange man nur fest genug daran glaubt.

5. Der Ruf zur Umkehr und das Versprechen der Sündenvergebung

Der finale Punkt des Kerygmas richtet sich direkt an das Publikum und fordert die „Metanoia“ – die radikale Sinnesänderung und Taufe. Nur wer die ersten vier Punkte bedingungslos als Wahrheit akzeptiert, dem wird die Vergebung der Sünden und die Rettung vor dem baldigen Weltgericht versprochen.

Hier zeigt sich die klassische Motivationsstruktur religiöser Bewegungen: Erst wird ein existenzielles Angst-Szenario aufgebaut, um im selben Atemzug die exklusive Medizin dagegen zu verkaufen.

Kerygmatische Theologie und Josef Andreas Jungmann

Das 1936 erschienene Buch „Die Frohbotschaft und unsere Glaubensverkündigung“ von Josef Andreas Jungmann spielte eine wichtige Rolle in der katholischen Theologie, insbesondere in Bezug auf die Liturgie und die Art und Weise, wie das Evangelium und der christliche Glaube verkündet werden. 

Josef Jungmann, ein Jesuitenpriester und einflussreicher Liturgiewissenschaftler, war bekannt für seine Bemühungen, das Verständnis und die Teilnahme der Laien am liturgischen Leben zu vertiefen.

Sein Werk trug wesentlich dazu bei, die Bedeutung des Kerygmas, also der zentralen christlichen Botschaft, in der Liturgie und in der Predigt hervorzuheben. Er betonte, dass die Verkündigung des Glaubens klar, verständlich und relevant für das alltägliche Leben der Gläubigen sein sollte. 

Jungmanns Ideen beeinflussten später das Zweite Vatikanische Konzil und dessen Reformen im Bereich der Liturgie, was zu einer Erneuerung der Gottesdienstgestaltung und einer stärkeren Betonung der Sprache des Volkes in der Messe führte.

Die Frohbotschaft und unsere Glaubensverkündigung
Hier der neu aufgelegte Text von 1895

Was ist das Kerygma in der frühen Kirche?

Das Kerygma in der frühen Kirche war die zentrale Botschaft der Apostel über Jesus Christus und die Grundlage der christlichen Verkündigung. Diese Kernbotschaft fokussierte auf Jesu Tod und Auferstehung als Erfüllung der Heilsgeschichte und als Weg zur Erlösung. 

Die Apostelgeschichte und die Briefe des Neuen Testaments, insbesondere die Paulusbriefe, bieten Einblicke in dieses ursprüngliche Kerygma. Es diente nicht nur der Verbreitung des christlichen Glaubens, sondern auch der Festigung der Gemeinden in ihrem Glauben. Das Kerygma umfasste zudem die Aufforderung zur Umkehr und Taufe als Antwort auf diese Verkündigung und die Ankündigung des kommenden Reiches Gottes.

Der Gefälschte Paulus: Das Urchristentum im Zwielicht
Waren die Paulusbriefe gar nicht echt?
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Entwicklung des kerygmatischen Konzepts

Die Entwicklung des Konzepts des Kerygmas im Laufe der Kirchengeschichte zeigt, wie sich die ursprüngliche Verkündigung der Apostel in der theologischen Reflexion und Praxis der Kirche weiterentwickelt hat. 

Wann entwickelte sich die systematische Untersuchung des Kerygmas in der Forschung?

Die wissenschaftliche Sektionierung des Kerygmas begann nicht etwa im stillen Kämmerlein dogmatischer Systematiker, sondern als krisenhafte Reaktion auf das Scheitern der „Leben-Jesus-Forschung“ an der Wende zum 20. Jahrhundert.

Nachdem Historiker feststellen mussten, dass sich aus den Evangelien kaum eine verlässliche Biografie Jesu rekonstruieren lässt, schlug die Geburtsstunde der Formgeschichte.

Der Theologe Martin Kähler lieferte bereits 1892 mit seiner folgenschweren Trennung zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „geschichtlichen, biblischen Christus“ das theoretische Fundament. Das Buch ist als Nachdruck für wenig Geld verfügbar.

Der Sogenannte Historische Jesus und der Geschichtliche, Biblische Christus
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Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff weiter ausgeformt. Sie betonten die Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus und dem kerygmatischen Christus – dem Jesus, wie er im Glauben und in der Verkündigung der Kirche erscheint. 

Die systematische, radikale Untersuchung des Kerygmas explodierte in den 1920er- und 1930er-Jahren durch Rudolf Bultmann und die britische Forschung um C. H. Dodd. Bultmann erkannte messerscharf, dass die Evangelien reine Verkündigungstexte – also theologische Propaganda – und keine Geschichtsbücher sind.

Diese Sichtweise führte zu einer neuen Bewertung der biblischen Texte und ihrer Bedeutung, wobei der Schwerpunkt auf der theologischen und existenziellen Bedeutung des Kerygmas in der heutigen Zeit lag.

Statt die Mythen also als historisch wertlos zu verwerfen, versuchte die liberale Theologie verzweifelt, sie durch „Entmythologisierung“ für den modernen Menschen zu retten. Aus religionskritischer Sicht markiert diese Epoche den Moment, an dem die Wissenschaft der Kirche endgültig das historische Fundament unter den Füßen wegzog und das Kerygma als das entlarvte, was es ist: ein meisterhaft konstruiertes Glaubensnarrativ ohne empirischen Boden.

War Luther ein kerygmatischer Theologe?  

Sich auf die christliche Botschaft konzentrieren – klingt das nicht nach Luther, nach Protestantismus?

Martin Luther, der Reformator des 16. Jahrhunderts, kann in einem gewissen Sinne als ein kerygmatischer Theologe angesehen werden, auch wenn dieser Begriff zu seiner Zeit noch nicht gebräuchlich war. Der kerygmatische Ansatz in der Theologie bezieht sich auf die Verkündigung, und in dieser Hinsicht war Luthers Theologie stark auf die zentrale Rolle von Jesus Christus und dessen „Erlösungswerk“ ausgerichtet.

Luthers Schwerpunkt lag auf der Rechtfertigung durch den Glauben, nicht durch Werke, und auf der Autorität der Heiligen Schrift. Seine Lehren und Schriften zielten darauf ab, das Evangelium und die Botschaft von Christus zu klären und zu verkünden. In diesem Sinne kann man durchaus sagen, dass Luthers Theologie kerygmatische Elemente aufweist, auch wenn sie historisch und konzeptionell von der kerygmatischen Theologie unterschieden ist, die sich – wie erwähnt – erst im 20. Jahrhundert entwickelte.

Der Kerygmatische Jesus in der neutestamentlichen Exegese

In der neutestamentlichen Exegese wird der kerygmatische Jesus als Mittelpunkt des Neuen Testaments betrachtet. 

Jesus im Neuen Testament

Die Evangelien und Briefe präsentieren Jesus als Messias, Sohn Gottes, und Erlöser, wobei besonderer Wert auf seine Lehren, Wunder, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung gelegt wird. 

Diese Elemente bilden das Herzstück des christlichen Kerygmas. In der neutestamentlichen Forschung wird untersucht, wie diese Darstellungen Jesu nicht nur historische Ereignisse reflektieren, sondern auch tiefe theologische und spirituelle Bedeutungen vermitteln, die für den Glauben der frühen christlichen Gemeinschaften zentral waren.

Interpretationen des kerygmatischen Christus

Die Interpretationen des kerygmatischen Christus in der modernen theologischen Exegese variieren. Einige Gelehrte betonen die eschatologische Botschaft Jesu und seine Verkündigung des Reiches Gottes, andere konzentrieren sich auf seine Rolle als Erlöser und Mittler des „Neuen Bundes“.

In der kerygmatischen Theologie steht die Verkündigung Jesu als Christus und die daraus resultierende Aufforderung zur Umkehr und zum Glauben im Vordergrund. Diese Perspektive hebt die Bedeutung der Botschaft Jesu für die Gegenwart und das persönliche Glaubensleben hervor und unterscheidet sich damit von einem rein historisch-kritischen Verständnis.

Bedeutung des Kerygmas in der christlichen Theologie

Die Bedeutung des Kerygmas in der christlichen Theologie ist zentral: Kerygma bezeichnet die Kernbotschaft des christlichen Glaubens und dient als Basis für die Lehre und Verkündigung in der Kirche. 

Das Kerygma verbindet zudem die moderne Kirche mit ihren Ursprüngen in der Frühkirche. Die Apostel verkündeten das Kerygma als Botschaft der Erlösung durch Jesus Christus. Diese Verkündigung ist in den Schriften des Neuen Testaments dokumentiert und damit wesentlicher Teil der christlichen Tradition.

Das Kerygma Jesu: Eine andere Rekonstruktion der Worte Jesu und ihre religionsgeschichtliche Bedeutung
Stammt das Kerygma Jesu von woanders? „Die Darstellung wesentlicher Inhalte einiger Mysterienreligionen, die bereits vor der christlichen Kirchenbildung existiert haben, wird deutlich machen, dass sehr vieles, was in den neutestamentlichen Texten Jesus zugeschrieben wird, tatsächlich „übernommen“ worden ist, also Plagiate sind.“
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Das Kerygma fördert zudem ökumenischen Dialog. Verschiedene christliche Konfessionen können sich auf das Kerygma als gemeinsamen Glaubensinhalt berufen, trotz unterschiedlicher theologischer Interpretationen und Praktiken.

Vergleich: der historische Jesus und der kerygmatische Christus

Die historisch-kritische Forschung konzentriert sich auf den „historischen Jesus“, also auf die Rekonstruktion des Lebens und der Lehren Jesu basierend auf historischen Methoden und Analysen.

Diese Forschung versucht, ein Bild von Jesus zu erstellen, das auf historischen Quellen, archäologischen Funden und kritischer Textanalyse beruht. Dabei werden Faktoren wie der sozio-kulturelle Kontext des antiken Palästinas und die politischen Umstände seiner Zeit berücksichtigt. Ziel ist es, ein möglichst authentisches Verständnis der historischen Person Jesu zu gewinnen, unabhängig von theologischen Interpretationen.

Der eine Gott und die Götter: Religions- und Theologiegeschichte Israels - ein Durchblick
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Beim kerygmatischen Jesus geht es weniger um die historische Genauigkeit als vielmehr um die theologische und spirituelle Bedeutung von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Der kerygmatische Christus ist somit eine Glaubenswahrheit, die über die historischen Fakten – sofern man diese überhaupt als vorhanden betrachten kann – hinausgeht. Indem sie sich auf die Erlösungsbotschaft und die spirituelle Bedeutung für die Gläubigen konzentriert, entzieht sie sich jeder „materialistischen“ Überprüfbarkeit.

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