Der Begriff „Apokryphen“ bezieht sich auf eine Sammlung von Schriften, die nicht in den offiziellen Kanon der Bibel aufgenommen wurden. Diese Texte sind oft von religiöser und historischer Bedeutung, werden aber von verschiedenen Glaubensgemeinschaften unterschiedlich rezipiert und bewertet.

Ursprung und Bedeutung der apokryphen Schriften

Die Apokryphen geben wertvolle Einblicke in die religiösen und kulturellen Vorstellungen der Menschen in der Antike. Sie zeigen, wie jüdische Gemeinschaften auf die Herausforderungen durch die griechische und römische Herrschaft reagierten und wie sich ihre religiösen Praktiken und Überzeugungen entwickelten.

Zudem spielen die Apokryphen eine bedeutende Rolle in der kritisch-historischen Bibelwissenschaft, die sich darauf konzentriert, die historischen, kulturellen und literarischen Hintergründe biblischer Texte zu erforschen. Das folgende Video erläutert die Hintergründe der Apokryphen etwas präziser.

Etymologie: Was heißt „apokryph“?

Der Begriff der Apokryphe stammt aus dem Altgriechischen: ἀπόκρυφος apokryphos, bedeutet auf Deutsch so viel wie „dunkel“ oder verborgen“. Der Plural lautet ἀπόκρυφα (apokrypha). 

Der Begriff wird fast ausschließlich innerhalb der christlichen Theologie verwendet. Alternative Begriffe für die Apokryphen sind apokryphe Schrift oder außerkanonische Schrift. Geprägt wurde der Begriff im zweiten Jahrhundert; anfangs bedeutete er eben auch „außerkanonisch“ und sogar „häretisch“, da die ausgemusterten Schriften als Irrlehre angesehen wurden. Zu sehen sind die Apokryphen vor allem auch im Verhältnis zur Gnosis.

Was sind Apokryphen in der Bibel?

Apokryphen sind Texte, die in einigen Versionen der Bibel enthalten sind, aber nicht in allen. 

In der katholischen und orthodoxen Tradition werden einige dieser Schriften als „deuterokanonisch“ bezeichnet, was bedeutet, dass sie einen zweiten Kanon bilden. 

Zu unterscheiden sind Apokryphen des Alten Testaments und – wenig überraschend – Apokryphen des Neuen Testaments.

Historische Kontexte der Apokryphen

Die meisten Apokryphen wurden zwischen 200 v. u. Z. und 200–300 n. u. Z. verfasst. Diese Periode war geprägt von politischen Umwälzungen, religiösen Reformen und kulturellen Begegnungen. 

Die Apokryphen bieten damit Informationen über die historische Periode zwischen dem Alten und Neuen Testament, insbesondere die Zeit des Zweiten Tempels in Jerusalem.

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Die Geschichte Israels
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Texte wie die Bücher der Makkabäer liefern Einblicke in die politischen und militärischen Ereignisse dieser Zeit, einschließlich der Makkabäeraufstände gegen die Seleukidenherrschaft im 2. Jahrhundert v. u. Z., deren Umstände und Verlauf wir sonst nur von Flavius Josephus kennen.

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Flavius Josephus: Der jüdische Krieg

Den historischen Kontext kennen wir von Flavius Josephus (37/38–100), der allerdings erst nach Jesus Tod geboren wurde [Klicke auf die Cover | Anzeige]

Die Apokryphen spiegeln diese turbulente Zeit wider und enthalten oft Themen wie Glaube, Moral und menschliches Schicksal. Sie erweitern das Verständnis der historischen, sozialen und theologischen Kontexte, in denen die biblischen Texte entstanden sind. 

Außerdem dienen sie als Ergänzung der Evangelien dort, wo diese Lücken aufweisen – denken wir nur an die Kindheit Jesu und seine Jugend, über die wir aus den synoptischen Evangelien so gut wie nichts erfahren.

Apokryphen
Was geschah in Jesu Jugend?
Die Apokryphen ergänzen die Lücken des neuen Testaments mitunter

Durch die Analyse dieser Schriften gewinnen Forscher ein umfassenderes Bild der religiösen und literarischen Landschaft des antiken Judentums und frühen Christentums. Die Apokryphen tragen somit wesentlich dazu bei, die Entstehung und Geschichte der biblischen Traditionen zu erfassen. Sie helfen auch beim Interpretieren.

Unterschiedliche Anerkennung der Apokryphen

Die Anerkennung der Apokryphen variiert stark zwischen den christlichen Konfessionen. Die Texte enthalten eine Vielzahl theologischer Konzepte und Ideen, die nicht in den kanonischen Schriften zu finden sind. 

Apokryphen in verschiedenen christlichen Traditionen

Unterschiede: Katholiken und Protestanten stimmen im Kanon des Neuen Testaments großteils überein – beim Alten Testament aber scheiden sich die Meinungen. Während die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen einige der apokryphen Schriften in ihren Kanon aufgenommen haben, lehnen die meisten protestantischen Kirchen sie ab.

Warum das? Während der Reformation im 16. Jahrhundert kam es zu bedeutenden Änderungen im Umgang mit den biblischen Texten. Martin Luther, der führende Reformator, setzte sich für die Rückkehr zu den ursprünglichen hebräischen und griechischen Schriften ein. Er betrachtete die Apokryphen als nützlich und lehrreich, aber nicht als kanonisch und daher nicht als gleichwertig mit den anderen Büchern der Bibel.

Luther Ausgewählte Schriften: 6 Bände in Kassette
Ausgewählte Schriften Luthers:
6 Bände in Kassette

In seiner deutschen Übersetzung der Bibel platzierte Luther die Apokryphen in einen separaten Abschnitt zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, was ihre Autorität herabsetzte.

Diese Entscheidung wurde von vielen protestantischen Traditionen übernommen, sodass die Apokryphen in den meisten protestantischen Bibeln nicht mehr als Teil des Kanons betrachtet wurden. Dies zeigt die reformatorische Betonung auf die Sola-Scriptura-Lehre, die allein die kanonischen Schriften als Grundlage für Glauben und Praxis akzeptiert.

Anzahl der Apokryphen

Die genaue Anzahl der Apokryphen kann je nach religiöser Tradition variieren, da verschiedene Gemeinschaften eben unterschiedliche Schriften als apokryph oder deuterokanonisch betrachten. Im Allgemeinen umfasst die Liste der Apokryphen, die in der römisch-katholischen und orthodoxen Tradition als deuterokanonisch anerkannt sind, 14 bis 18 Bücher. 

Apokryphen im Judentum

Im Judentum wurden die Apokryphen nie in den hebräischen Kanon aufgenommen. Die jüdischen Schriften wurden im 1. Jahrhundert n. u. Z. kodifiziert, und die Apokryphen, die hauptsächlich auf Griechisch verfasst wurden, blieben außerhalb des jüdischen Kanons. Trotzdem wurden einige dieser Schriften in der jüdischen Diaspora, insbesondere unter hellenistischen Juden, gelesen und geschätzt.

Schlacht des Makkabäeraufstands wie in den Apokryphen beschrieben
Die Apokryphen beschreiben u. a. die Zeit des Makkabäeraufstands gegen die Seleukiden

Apokryphen des Alten Testaments: Tanach vs. Septuaginta

Die Apokryphen des Alten Testaments haben ihren Ursprung hauptsächlich in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, die im 3. und 2. Jahrhundert v. u. Z. erstellt wurde. 

Der Tanach hingegen, also der hebräische Kanon, enthält nur die Schriften, die im jüdischen Palästina als heilig anerkannt wurden.

Tanach
Der Tanach
Tanach – Lehrbuch der jüdischen Bibel
Lehrbuch zum Tanach

Doch warum umfasst die Septuaginta mehr apokryphe Schriften? Ist sie nicht einfach eine griechische Übersetzung des Tanachs?

Einfluss des Hellenismus auf die Apokryphen

Eben nicht. Die Septuaginta ist mehr als nur eine griechische Übersetzung des Tanachs; sie umfasst zusätzliche Bücher, weil sie in einem anderen historischen und kulturellen Kontext entstanden ist. 

Die Septuaginta entstand in einem hellenistischen Kontext, im 3. und 2. Jahrhundert v. u. Z. in Alexandria – einem Zentrum der hellenistischen Kultur. In dieser Zeit waren viele jüdische Gemeinden außerhalb Palästinas stark von der griechischen Sprache und Kultur beeinflusst.

Apokryphen_Septuaginta_Alexandria
Alexandria zur Entstehungszeit der Septuaginta

Die Septuaginta

Diese Diasporagemeinden benötigten eine griechische Übersetzung der hebräischen Schriften, was zur legendären Entstehung der Septuaginta führte. (Angeblich haben 72 Übersetzer in 72 Tagen unabhängig voneinander absolut identische Übersetzungen angefertigt. Septuaginta ist Lateinisch für siebzig – zum Schluss hat man halt etwas abgerundet.)

Die hellenistische Umgebung förderte die Aufnahme zusätzlicher Schriften, die in griechischer Sprache verfasst wurden.

Diese zusätzlichen Schriften wurden später in den Kanon der katholischen und orthodoxen Kirchen aufgenommen und als deuterokanonisch bezeichnet. Im Gegensatz dazu lehnten die Rabbinen in Palästina diese Schriften ab, und sie wurden auch von den meisten protestantischen Reformatoren ausgeschlossen, die sich auf den hebräischen Text als maßgeblich bezogen.

Es gab zudem theologische Unterschiede: Die jüdischen Gemeinden in der Diaspora hatten schlicht teilweise andere theologische Perspektiven, wozu sicherlich auch der Hellenismus beitrug. 

Und es gab auch andere literarische Vorlieben als diejenigen in Palästina: Die Aufnahme von Büchern in die Septuaginta war weniger strikt und folgte anderen Kriterien als bei der hebräischen Bibel. Dies zeigen Septuaginta-Apokryphen wie das Buch der Weisheit oder das Buch Judit.

Das Buch der Weisheit, Sapientia Salomonis - Die Weisheit Salomos, das 2. Buch der Apokryphen aus der Bibel
Das Buch Judith, das 1. Buch der Apokryphen aus der Bibel

Zwei der bekanntesten Apokryphen sind das Buch der Weisheit und das Buch Judith
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Die Kanonisierung der Apokryphen des Alten Testaments

Der hebräische Kanon, der Tanach, wurde erst im 1. Jahrhundert n. u. Z. von jüdischen Rabbinern festgelegt, also nach der Entstehung der Septuaginta. 

Bei dieser Festlegung wurden sehr strenge Kriterien angewandt, wobei die Autorität, das Alter und die Übereinstimmung mit der hebräischen Sprache und Tradition entscheidend waren. Viele der apokryphen Schriften erfüllten diese Kriterien nicht und wurden daher nicht in den hebräischen Kanon aufgenommen, obwohl sie weiter in der Septuaginta zu finden waren.

Liste der Apokryphen des Alten Testaments

Hier sind einige der bekanntesten Apokryphen:

Bekannteste Apokryphen im Alten Testament

  • Tobit
    • Erzählung eines rechtschaffenen Mannes und seiner Familie, die göttlichen Schutz erfahren.
  • Judit
    • Geschichte einer mutigen Frau, die die Stadt Betulia rettet, indem sie den assyrischen General Holofernes tötet.
  • Zusätze zu Esther
    • Erweiterungen der kanonischen Esther-Geschichte, die zusätzliche Gebete und Briefe enthalten.
  • Weisheit Salomos (Buch der Weisheit)
    • Philosophische Abhandlung über Weisheit und Gerechtigkeit, die Salomo zugeschrieben wird.
  • Jesus Sirach (Ecclesiasticus)
    • Sammlung von Weisheitssprüchen und ethischen Lehren, die von Jesus Ben Sirach verfasst wurden.
  • Baruch
    • Ein Buch, das dem Propheten Baruch zugeschrieben wird und Ermahnungen und Gebete enthält.
  • Brief des Jeremia
    • Ein Brief, der angeblich von Jeremia an die Verbannten in Babylon geschrieben wurde, der die Abgötterei anprangert.
  • Zusätze zu Daniel
    • Enthalten Geschichten wie „Das Gebet des Asarja“, „Susanna“, und „Bel und der Drache“.
  • 1. Makkabäer
    • Historische Erzählung der Makkabäeraufstände gegen die Seleukidenherrschaft.
  • 2. Makkabäer
    • Fortsetzung der Geschichte der Makkabäer, mit einem stärkeren Fokus auf göttliches Eingreifen.
  • 3. Makkabäer
  • Geschichte über die Verfolgung von Juden in Ägypten.
  • 4. Makkabäer
    • Philosophische Abhandlung über Vernunft und Tugend, die die Märtyrergeschichten der Makkabäer als Beispiel verwendet.
  • 1. Esdras (Griechisches Esra)
    • Alternative Version der Bücher Esra und Nehemia.
  • 2. Esdras (4. Esra)
  • Gebet Manasses
    • Reuegebet des Königs Manasse von Juda.
  • Psalm 151
    • Ein zusätzlicher Psalm, der in einigen Septuaginta-Handschriften gefunden wird.
  • Oden
    • Sammlung von Hymnen und Gebeten, die in einigen orthodoxen Bibeln enthalten sind.

Apokryphen des Neuen Testaments

Die Apokryphen des Neuen Testaments entstanden meist zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. u. Z. und bieten alternative Perspektiven und zusätzliche Informationen zu den kanonischen Evangelien und Briefen. Sie umfassen Evangelien, Apostelgeschichten, Briefe und Apokalypsen.

Die Apokryphen des Neuen Testaments zeigen die Merkmale der frühen christlichen Bewegungen und ihre theologischen Debatten. Sie zeigen, dass es im frühen Christentum viele unterschiedliche Strömungen (insbesondere die Gnosis), Gottesbilder und Interpretationen gab.

Großer Gott und Demiurg in der Gnosis
Großer Gott und Demiurg in der Gnosis

Während diese Schriften nicht in den offiziellen Kanon aufgenommen wurden, haben sie dennoch einen bedeutenden Einfluss auf die christliche Tradition und das Verständnis der frühen christlichen Lehren. Sie werden von Historikern und Theologen untersucht, um ein vollständigeres Bild der Entstehung und Entwicklung des Christentums zu gewinnen.

Apokryphe Evangelien

  • Barnabasevangelium: Ein Text, nach dem angeblich Jesus die Ankunft des Propheten Mohammed voraussagte – höchstwahrscheinlich eine Fälschung.
  • Evangelium nach Maria: Ein Text, der Maria Magdalena als zentrale Figur darstellt und über geheime Lehren Jesu berichtet.
  • Evangelium nach Judas: Eine gnostische Schrift, die Judas Iskariot als den Vertrauten Jesu darstellt, der ihn auf Jesu Bitte hin verrät.
  • Evangelium der Kindheit nach Thomas: Eine Erzählung über die Kindheit Jesu, die Wunder und besondere Begebenheiten beschreibt.
  • Evangelium nach Thomas: Eine Sammlung von 114 Sprüchen, die Jesus zugeschrieben werden, oft mit einer gnostischen Interpretation.

Apokryphe Apostelgeschichten

  • Apostelgeschichte des Petrus: Ein Bericht über die Taten des Apostels Petrus, der zusätzliche Wunder und Predigten enthält.
  • Apostelgeschichte des Paulus: Geschichten über die Reisen und Taten des Paulus von Tarsus, die in den kanonischen Apostelgeschichten nicht enthalten sind.
Paulus hat eine Erscheinung von Jesus auf dem Weg nach Damaskus
Das „Damaskuserlebnis“ des Paulus

Briefe

  • Brief des Barnabas: Ein theologischer Brief, der die christliche Lehre und die Abkehr von jüdischen Traditionen diskutiert.
  • Dritter Korintherbrief: Ein fiktiver Briefwechsel zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth.

Apokalypsen

  • Apokalypse des Petrus: Eine visionäre Beschreibung von Himmel und Hölle, die moralische und eschatologische Lehren enthält.
  • Hirten des Hermas: Ein apokalyptisches Werk, das Visionen, Gebote und Gleichnisse enthält und eine frühe christliche Ethik vermittelt.

Inhalt und Themen der Apokryphen

Hier findest du viele Apokryphen in einem Band vereint: 

Apokryphen zum Alten und Neuen Testament
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Theologische und moralische Lehren

Die Apokryphen enthalten eine Vielzahl von theologischen und moralischen Lehren. Sie bieten erweiterte Geschichten und Lehren, die nicht in den kanonischen Schriften zu finden sind. Beispielsweise enthält das Buch der Weisheit erweiterte Reflexionen über Tugend und Weisheit, während das Buch Judit eine Geschichte über Mut und Glauben in schwierigen Zeiten erzählt.

Historische und kulturelle Einblicke

Die Apokryphen bieten auch vielfältige historische und kulturelle Einblicke in die Zeit, in der sie geschrieben wurden. Sie reflektieren die Herausforderungen und Sorgen der Menschen in der Antike und bieten alternative Perspektiven auf bekannte biblische Geschichten. Diese Texte sind nicht nur religiös, sondern auch literarisch und historisch von Interesse.

Rolle der Apokryphen für die kritisch-historische Bibelwissenschaft

Die Apokryphen spielen zudem eine bedeutende Rolle in der kritisch-historischen Bibelwissenschaft, die sich darauf konzentriert, die historischen, kulturellen und literarischen Hintergründe biblischer Texte zu erforschen. 

  • Die Apokryphen ergänzen das Bild über die historische Periode zwischen dem Alten und Neuen Testament, das heißt, sie erweitern den historischen Kontext.
  • Diese Schriften reflektieren die religiösen, sozialen und kulturellen Veränderungen in der jüdischen Gesellschaft während der hellenistischen und römischen Perioden.
  • Sie zeigen die Unterschiedlichkeit in der Theologie des Judentums und des frühen Christentums. 
  • Sie zeigen literarische Gattungen und Stile und helfen bei der Verortung der stilistischen Merkmale der antiken Autoren (vergleichende Textanalysen).
  • Durch den Vergleich der apokryphen Schriften mit den kanonischen Texten können Bibelwissenschaftler Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Sprache, Stil und Inhalt analysieren. 
  • Die Apokryphen ermöglichen ein besseres Verständnis der redaktionellen Prozesse und der Entwicklung der biblischen Texte. Solche Studien können zeigen, wie bestimmte Themen und Motive über verschiedene Texte hinweg adaptiert und weiterentwickelt wurden.
  • Die Untersuchung der Apokryphen zeigt den Prozess der Kanonbildung und die Frage, warum bestimmte Texte in den biblischen Kanon aufgenommen wurden, während andere ausgeschlossen blieben. Dies hilft, die Kriterien und theologischen Überlegungen zu verstehen, die bei der Kanonisierung eine Rolle spielten.

Fazit: die Relevanz der Apokryphen heute

Apokryphen sind weit mehr als nur religiöse Texte, die es nicht in den offiziellen Kanon geschafft haben. Sie bieten unschätzbare Einblicke in die Geschichte, Kultur und Religion der Antike. Die Apokryphen umfassen eine Vielzahl von literarischen Gattungen, darunter historische Erzählungen, Weisheitsliteratur, Gebete und Apokalypsen. 

Ihre Existenz und unterschiedliche Aufnahme in verschiedene biblische Kanons verdeutlichen, dass die Sammlung der Schriften, die wir heute als die Bibel kennen, das Ergebnis eines langen und konfliktreichen Prozesses war. Die Apokryphen, die in der Septuaginta enthalten waren, aber nicht in den hebräischen Tanach aufgenommen wurden, zeigen, dass unterschiedliche jüdische und christliche Gemeinschaften unterschiedliche Kriterien für die Heiligkeit und Autorität von Schriften hatten.

Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Bibeltradition in der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche, obwohl sie in den protestantischen Kanon nicht aufgenommen wurden. Die Behandlung der Apokryphen im Laufe der Kirchengeschichte wirft dabei aber auch kritische Fragen zur Kanonisierung und Autorität heiliger Schriften auf. 

Das bringt uns zur letzten Frage:

Muss ich als Christ an die Apokryphen glauben?

Aus meiner Sicht „muss“ man an gar nichts glauben – glauben bedeutet, etwas für wahr zu halten, das nicht objektiv bewiesen wurde oder bewiesen werden kann. 

Man kann für mich deswegen nicht gezwungen werden, etwas zu glauben – auch wenn das in christlichen Dogmen meist anders klingen will. 

In der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen werden die Apokryphen als Teil des biblischen Kanons betrachtet. Diese Kirchen akzeptieren die Apokryphen als inspiriert und lehrreich, was bedeutet, dass Gläubige sie als heilige Schriften anerkennen sollten. Die meisten protestantischen Kirchen lehnen die Apokryphen als kanonische Schriften ab und betrachten sie als nützlich, aber nicht inspiriert.

Was jetzt?  

Die Tatsache, dass diese Texte in einigen Traditionen als kanonisch anerkannt wurden und in anderen nicht, untergräbt den Anspruch auf einen einheitlichen, unveränderlichen biblischen Kanon. 

Dies deutet darauf hin, dass die Kanonisierung kein heiliger, sondern ein zutiefst menschlicher Prozess war, geprägt von politischen, kulturellen und theologischen Einflüssen.

Die Diskussionen und Kontroversen über die Apokryphen zeigen, dass die Definition dessen, was als „heiliger Text“ einer abrahamitischen Religion gilt, keineswegs selbstverständlich war, sondern das Ergebnis historischer Entwicklungen und Machtkämpfe. Diese Erkenntnisse sollten uns zum Nachdenken bringen: und zwar über die Autorität und die „Unfehlbarkeit“ der Bibel.

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