Mit seinen kirchenkritischen Karikaturen arbeitet sich Rolf Heinrich seit 35 Jahren an den politischen Missverhältnissen in Deutschland ab. Seine Zeichnungen thematisieren die unselige Verquickung von Kirche und Staat: die Kirchenfinanzierung, die Missbrauchsskandale, die Wohlfahrtsschwindelei, den konfessionellen Religionsunterricht.
2023 erschien sein Buch „Kreuzschmerzen adieu!“ im Alibri-Verlag, welchen ich euch grundsätzlich wärmstens empfehle.
Es zeigt auf 128 Seiten aber nicht nur zahlreiche Karikaturen, sondern bettet diese mit ausführlichen Begleittexten prominenter Kirchenkritiker*innen in einen größeren Zusammenhang ein. Ich habe Rolf zu dem Band und seinem Schaffen befragt.

Robert: Rolf Heinrich, danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst! Deine kirchen- und religionskritischen Karikaturen haben über die Jahre hinweg für viel Gesprächsstoff gesorgt – mal mit einem Schmunzeln, mal mit hochgezogenen Augenbrauen.
Ich würde gerne mit dir über dein Buch „Kreuzschmerzen adieu!“, deine Motivation zur Religionskritik mittels Karikaturen und deine Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungen sprechen.
Rolf Heinrich: Ja, gerne! Ich freue mich immer, wenn ich über meine Motivation zum Buch und den Erfahrungen mit religiösen Betrachtern berichten darf.
Mit einem Schmunzeln reagieren in der Regel Nichtgläubige oder Menschen, die sich innerlich schon von ihrer Kirche verabschiedet haben. Das bestätigt mir, dass ich mit meinen Karikaturen richtig liege.
Aber die mit den hochgezogenen Augenbrauen finde ich manchmal noch interessanter, denn da ist oft Potenzial für interessante Gespräche. Und Streitgespräche.
Robert: Siehst du dich als Karikaturist wie andere auch, oder beanspruchst du für dich ein „Alleinstellungsmerkmal“?
Rolf Heinrich: Ja, ich denke schon, dass ich mich von anderen Karikaturisten unterscheide. Erst durch mein Engagement für die Trennung von Staat und Kirche ist mir die Idee gekommen, bestimmte Eindrücke als Karikatur festzuhalten.
Die Karikaturen sind quasi Nebenprodukte meiner politischen Arbeit. Weil meine Zeichnungen gut angekommen sind, habe ich das von 1988 bis heute fortgeführt – aber nie beruflich. Geschätzte 99 Prozent meiner Karikaturen sind kirchen- oder religionskritisch.

Wie entsteht eine religionskritische Karikatur?
Robert: Wie muss ich mir den Schaffensprozess bei einer Rolf-Heinrich-Karikatur vorstellen? Wie findest du deine Themen – oder finden die Themen dich?
Rolf Heinrich: Als ich noch Chefredakteur der MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit. Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistINNEN) war, haben die Themen mich gefunden und während der Bearbeitung der eingegangenen Artikel kamen mir schon Ideen für Karikaturen.
Heute ist es etwas anders. Meist fällt mir unterwegs beim Nachdenken ein Begriff ein, oder ich höre im Auto die Nachrichten und daraus ergibt sich eine – noch unausgereifte – Idee.
Ich habe immer einen kleinen Notizblock und einen Stift dabei und kann den Gedanken gleich als Skizze festhalten. Zu Hause skizziere ich das etwas ausführlicher auf DIN A4 und hefte es in einem Ordner ab.
Da „schlummern“ immer rund 50 Zeichnungen. Sollte sich tagesaktuell etwas ergeben, nehme ich mir die passende Skizze vor und bearbeite sie. Nicht selten ergibt sich dabei, dass das Ergebnis völlig anders aussieht als der ursprünglich festgehaltene Gedanke.
Robert: Zeichnest du deine Karikaturen per Hand oder entstehen sie digital?
Rolf Heinrich: Da ich im Vor-digitalen-Zeitalter anfing zu zeichnen, wirkt sich das auch heute noch aus. Ich zeichne die Karikatur mit Bleistift von Hand vor, weil ich einfach auf einen Blick immer das Gefühl für das Ganze haben will und das Blatt auch zum Zeichnen entsprechend drehe. Das kann man im Prinzip auch mit Zeichenprogrammen und der entsprechenden Hardware, aber für mich ist das nicht das Gleiche.
Anschließend scanne ich die Bleistiftzeichnung ein und zeichne sie im Zeichenprogramm mit digitaler Tusche nach und lege sie in Farbe an.

„Kreuzschmerzen adieu!“ – gesammelte kirchenkritische Karikaturen
Robert: 2023 veröffentlichte der säkular geprägte Verlag Alibri eine Sammlung deiner Karikaturen unter dem Titel „Kreuzschmerzen adieu!“. Wie kam es zu der Idee – gab es einen bestimmten Anlass oder war das einfach längst überfällig?
Rolf Heinrich: Das Projekt trug ich schon einige Jahre mit mir herum. Es gab dann keinen besonderen Anlass, außer dass ich mir sagte, dass ich das jetzt machen muss, sonst wird nie mehr was daraus.

Robert: Im Buch werden deine Bilder flankiert von den Texten profilierter Kirchenkritiker*innen, wie zum Beispiel Karlheinz Deschner, Michael Schmidt-Salomon, Assunta Tammelleo oder dem als „Bruder Spaghettus“ auftretenden Rüdiger Weida.
Damit geht das Buch über einen Sammelband für deine kirchenkritischen Karikaturen deutlich hinaus. Leser*innen finden thematische Blöcke vor, etwa zur kirchlichen Wohlfahrt, zum sexuellen Missbrauch oder zur Evolution.
Rolf Heinrich: Ich wollte nicht einfach nur ein Bilderbuch machen, sondern ein Buch, das es so noch nicht gab. Es sollte den Menschen, die sich schon ein bisschen mit Religions- und Kirchenkritik beschäftigt haben und auch kritischen Kirchenmitgliedern, einen leichten Einstieg bieten, sich häppchenweise in die verschiedenen Themen des deutschen Staat-Kirche-Verhältnisses einzulesen.
Zudem sollten die Texte helfen zu verstehen, was mit den einzelnen Karikaturen gemeint ist.
Robert: Standest du mit den Autor*innen persönlich im Austausch für das Buch?
Rolf Heinrich: Von Anfang an war mir klar, dass ich die Texte nicht selbst verfassen, sondern ausgewiesene Fachleute der säkularen Szene um ihre Mitarbeit bitten wollte.
Deshalb fragte ich langjährige Freund*innen, Weggefährt*innen und Personen an, deren Engagement ich besonders schätze und bat sie, mir einen oder mehrere Artikel ihrer Fachgebiete zu schreiben. Die Zusagen freuten mich sehr.
Robert: Wie lief die redaktionelle Zusammenarbeit konkret ab?
Rolf Heinrich: Ich gab den Autor*innen vor, wie viele Zeichen sie etwa schreiben sollten und das Ganze lief wirklich sehr problemlos ab.
Karlheinz Deschner, den ich auch persönlich kannte, war leider schon verstorben.

Deschner sollte dabei aber auf keinen Fall fehlen und der Verlag hat mir die Genehmigung zum Abdruck eines Artikels zu Christentum und Sexualität gegeben.
Wer sich eingehender damit beschäftigen will, findet in meinem Buch weitere Infos über die Fachautor*innen. Damit eignet es sich auch sehr gut als Geschenk zur Jugendweihe (Ironie an), Konfirmation oder Kommunion (Ironie aus).
Robert: Oder zur Taufe … Die Auswahl der Bilder war sicher nicht einfach für dich.
Rolf Heinrich: Ich hatte das Layout des Buches so gestaltet, dass Sachtext und Karikatur immer gleichberechtigt neben einander stehen – Text links, Karikatur rechts.
Die einzelnen Kapitelüberschriften wie zum Beispiel Religionsunterricht, Trennung von Staat und Kirche oder der unsägliche „Gotteslästerungsparagraph“ 166 StGB sind Themen, mit denen ich mich in meiner 37-jährigen Tätigkeit am meisten auseinandergesetzt habe.
Die Auswahl der Bilder war zwingend an den jeweiligen Artikel gebunden, genauso wie deren Anzahl. Lief der Artikel über fünf Seiten, mussten auch fünf Karikaturen dem gegenüberstehen – nicht mehr und nicht weniger. Das sorgte dafür, dass mir manchmal die Auswahl der Bilder sehr schwerfiel.
„ (…) Religionsunterricht, Trennung von Staat und Kirche oder der unsägliche „Gotteslästerungsparagraph“ 166 StGB sind Themen, mit denen ich mich in meiner 37-jährigen Tätigkeit am meisten auseinandergesetzt habe.“
Rolf Heinrich
Robert: Gab es Karikaturen, die du erst ins Buch nehmen wolltest, dann aber doch rausgelassen hast? Falls ja, warum?
Rolf Heinrich: Da ich ja immer nur eine gewisse Anzahl Karikaturen zu den einzelnen Themen ins Buch übernehmen konnte, musste ich mich irgendwann entscheiden, welche.
Es war nicht leicht, aber andere Gründe gab es nicht, warum gerade diese oder jene Zeichnung reinkam. Heute würde ich vielleicht andere auswählen und morgen wieder andere …
Robert: Im Oktober 2023 kamen die „Kreuzschmerzen“ dann endlich heraus. Wie waren die Reaktionen auf dein Buch?
Rolf Heinrich: Ausschließlich positiv – angefangen beim näheren Bekanntenkreis, bis zur Tageszeitung.
Es ist sogar in den hessischen Bildungsserver aufgenommen worden. Der Hessische Bildungsserver ist die zentrale Einstiegsseite für pädagogische Akteure im hessischen Schulwesen. Das Buch wird für den Philosophie- und Ethikunterricht etwa ab Klasse 10 empfohlen.
„Der Einsatz von Karikaturen in vielen Zusammenhängen der Bildungsarbeit mit den Zielen Globalen Lernens gehört zum festen Methodenrepertoire.
Karikaturen sind Gesprächsanlässe, wollen selbst kritische Betrachtung und zeigen oft genug auch hoffnungsvolle Perspektiven (ab ca. Klasse 10). Dieses Buch bietet viele lohnende Zugänge.“
Hessischer Bildungsserver, Philosophie
Robert: Arbeitest du aktuell an einem neuen Projekt? Wird es noch ein Buch geben?
Rolf Heinrich: Ein weiteres Buch ist praktisch vom Material schon komplett, aber es ist halt trotzdem noch einige Arbeit daran. Deshalb kann ich auch noch nicht sagen, wann es erscheinen wird.
Mehr möchte ich jetzt noch nicht verraten – außer, dass es in den Augen mancher Menschen „sehr böse“ sein wird.
Karikaturen als Zugang zu Religionskritik und Kirchenkritik
Robert: Was war eigentlich der Auslöser für deine kritische Auseinandersetzung mit Kirche und Religion?
Rolf Heinrich: Ich war Kirchenmitglied seit Geburt, weil das damals halt so üblich war, aber Religion kam in meinem Elternhaus so gut wie nicht vor.
Ich dachte immer, ich sei zu dumm, um meine Religion zu verstehen – ich konnte einfach nichts damit anfangen. Anfang 30 wollte ich endlich Nägel mit Köpfen machen und verabschiedete mich in meiner Funktion als Karteileiche von der Kirche.
Robert: Du bist also aus der Kirche ausgetreten?
Rolf Heinrich: Ja, allerdings nur, um festzustellen, dass ich auch als Nichtmitglied nicht aus dem Einflussbereich der Kirche kam.
Robert: Was meinst du?
Rolf Heinrich: Etwa die sogenannten stillen Feiertage wie Karfreitag, an denen auch Nicht- oder Andersgläubige per Tanzverbot die Füße stillhalten müssen und sogar bestimmte Filme nicht öffentlich gezeigt werden dürfen.
Oder eine Kirchensteuer, die auch Nichtmitglieder entrichten müssen, zum Beispiel bei einer Direkt-Lebensversicherung oder geringfügiger Beschäftigung.
Ganz zu schweigen vom Arbeitsrecht in kirchlichen sozialen Einrichtungen. Und so weiter.
Robert: Dieser Einfluss hat dich verständlicherweise gestört.
Rolf Heinrich: So war es. Ich kam dann in Kontakt mit Kirchenkritikern und mein erstes Buch, das ich geradezu verschlang, war Karlheinz Deschners „Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums“.

So kam dann eins zum anderen und ich fing an, mich in Organisationen für die Trennung von Staat und Kirche zu engagieren.
Robert: In meinem Gespräch mit Wolfgang Klosterhalfen hat er geschildert, wie er das Gedicht als Vehikel für Kirchenkritik entdeckt hat und daraufhin eine „Reimbibel“ verfasst.

Inwiefern würdest du sagen, dass Karikaturen sich als Träger deiner kritischen Ideen besonders eignen?
Rolf Heinrich: Die Karikatur erscheint mir als geeignetes Mittel, einen seriös daher kommenden Sachverhalt seines pompösen Kleides zu entledigen und somit lächerlich zu machen.
Etwas lächerlich zu machen, verhindert nebenbei auch, dass einem von kirchlicher Seite als Motivation Hass auf die Kirche unterstellt wird.

Robert: Drei Zutaten, die im Rezept für eine gelungene Karikatur nicht fehlen dürfen:
Rolf Heinrich:
- Wenig oder gar kein Text. Daran arbeite ich noch …
- Sie soll auch in ihrer Absurdität logisch sein.
- Sie soll zum Denken und Nachdenken anregen.
Robert: Wie würdest du die folgenden zwei Dinge gewichten: Kritik der institutionellen Machtstrukturen oder Kritik der Glaubensinhalte an sich?
Rolf Heinrich: Beides halte ich für „gleich wichtig“.
Robert: Hat sich dein Blick auf das Thema im Laufe der Jahre verändert? Würdest du heute manche Dinge anders zeichnen als noch vor 20 oder 30 Jahren?
Rolf Heinrich: Ich habe leider festgestellt, dass sich in Bezug auf die Trennung von Staat und Kirche – trotz der für Konfessionsfreie erfreulich hohen Kirchenaustrittszahlen – in den letzten 35 Jahren kaum etwas bewegt hat. So sind meine alten Karikaturen heute noch aktuell.
Einzig, wenn in einer Karikatur Namen von Politikern oder Klerikern genannt werden, sollte ich diese aktualisieren. So wie ich die Karikaturen damals gezeichnet habe, stehe ich heute noch dazu. Heute lege ich die Thematik lediglich etwas anders.
Robert: Du zeichnest und karikierst Päpste, Bischöfe, Pfarrer und Gläubige seit mehr als drei Jahrzehnten. Die Art und Weise, wie wir Medien konsumieren, hat sich in dieser Zeit fundamental geändert.
Wie siehst du zum Beispiel das Phänomen der Internet-Memes?
Hier gibt es ja auch viele kirchen- und religionskritische Bilder, atheistische Memes, Share-Pics, GIFs und dergleichen. Hier einige Beispiele.



Ist das für dich auch eine Art religionskritische Karikatur, oder ist das doch etwas grundsätzlich Verschiedenes?
Rolf Heinrich: Viele finde ich sehr gut. Allerdings sehe ich die meisten Zeichnungen oder Videos nicht als Motivation, sich kritisch mit Kirche und/oder Religion auseinanderzusetzen.
Gesellschaft und Religion – was sich ändern sollte
Robert: Du hast in einem Interview mit dem Humanistischen Pressedienst selbst erzählt, dass du wegen deiner Arbeiten Anfeindungen erlebt hast, bis hin zu nächtlichem Telefonterror. Wie bist du damals damit umgegangen? Gab es auch mal Momente, in denen du dachtest: „Jetzt reicht’s, ich hör auf damit“?
Rolf Heinrich: Nein, das habe ich nie gedacht, sondern „Jetzt erst recht!“ Ich war nur erschrocken darüber, persönlich zu erleben, wie Menschen auf Kritik an ihrer Religion oder Kirche reagieren.
Robert: Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit Kirchenkritik nicht mehr als Tabu oder Blasphemie gesehen wird, sondern als normaler Teil der öffentlichen Debatte?
Rolf Heinrich: Laizismus, das heißt, die völlige Trennung von Staat und Kirche, wie in Frankreich. Abschaffung des Religionsunterrichts, kein staatlicher Einzug des kirchlichen Mitgliedsbeitrages, genannt Kirchensteuer.
Verbot, unmündige Kinder per Säuglingstaufe als Mitglieder zu akquirieren. Keine weltanschaulichen Träger von öffentlichen sozialen Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Krankenhäuser und Altenheime.
Keine staatlich finanzierte Krankenhaus-, Polizei-, Schul-, Militär- und Gefängnis-Seelsorge.
Abschaffung des sogenannten „Gotteslästerungsparagraphen“ 166 StGB.
Und nicht zu vergessen, weil es in letzter Zeit vermehrt zu beobachten ist: keine staatlichen Gedenkgottesdienste. Damit werden Andersdenkende ausgegrenzt und die beiden Großkirchen quasi als Staatskirchen präsentiert.
Was passiert eigentlich mit dem ganzen Geld?
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Robert: In welchen Bereichen siehst du den größten Reformbedarf – sei es innerhalb der Kirche oder in ihrem Einfluss auf Politik und Gesellschaft?
Rolf Heinrich: Was innerhalb der Kirchen passiert, hat mich nicht zu interessieren. Wer mit undemokratischen und diskriminierenden Praktiken seiner Kirche nicht einverstanden ist, kann austreten.
Was strafbar ist, muss durch den Staat genauso geahndet werden wie im normalen Leben.
„Wer mit undemokratischen und diskriminierenden Praktiken seiner Kirche nicht einverstanden ist, kann austreten.“
Rolf Heinrich
Was nicht hinnehmbar ist, ist die unsägliche Verquickung von Staat und Kirche und der moralische Führungsanspruch der Großkirchen, den sie auch auf Anders- und Nichtgläubige ausweiten – und dass der Staat dabei hilft.

Dein künstlerischer Weg von Religion zur Karikatur
Robert: Du hast ja schon als Kind gerne gezeichnet, bist dann aber erst mal ins technische Zeichnen gegangen. Wie bist du schließlich bei der Karikatur gelandet? Gab es da eine Art Schlüsselmoment?
Rolf Heinrich: Der Schlüsselmoment war, als ich 1988 in einem Gespräch mit dem Berliner Frank L. Schütte, dem Gründer des IBKA e.V. und der Zeitschrift MIZ, beiläufig erwähnte, dass ich eine Idee hätte, wie man das Verhältnis der katholischen Kirche zu Aids zeichnerisch darstellen könne.
Er war sofort begeistert und sagte: „Mach das – das wird die nächste MIZ-Titelseite!“ Und das wurde sie auch.

Robert: Gibt es bestimmte Künstler oder Karikaturisten, die dich inspiriert haben?
Rolf Heinrich: Als ich mit antiklerikalen Karikaturen anfing, gab es kaum Zeichner, an denen ich mich orientieren konnte.
Da war Walter Moers mit seinem Büchlein „Die Klerikalen“ und nicht zu vergessen, Erich Rauschenbach mit seiner Karikatur „Priester mit Göttchen“, die ich bis heute für die genialste Karikatur halte, die die Kirche demaskiert.

Künstler, die mich später inspiriert haben, gibt es neben den beiden Genannten viele, aber ganz wichtig sind mir auch ein paar, die nichts mit meiner Thematik zu tun haben, aber mich indirekt immer wieder inspirieren: Stan Laurel, Jacques Tati, Louis de Funès und Rowan Atkinson.
Robert: Gibt es von dir auch eine Karikatur, von der du sagst, die enthält – vergleichbar mit der Karikatur von Erich Rauschenbach – deine Grundaussage über die Kirche?
Rolf Heinrich: Ja, das ist meine Karikatur „Eingang/Ausgang“. Sie steht dafür, wie die beiden Großkirchen in Deutschland riesige Summen von der Allgemeinheit erhalten, aber so gut wie nichts davon wieder für die Allgemeinheit verwenden.

Robert: Wie würdest du selbst deinen Stil beschreiben – und hat er sich über die Jahre verändert?
Rolf Heinrich: Außer, dass meine Akteure – ganz besonders die Klerikalen – nicht würdevoll, sondern als kleine Knubbelfiguren dargestellt werden, habe ich keinen speziellen Zeichenstil. Das wechselt auch je nach Laune zwischen Freihand- und exakt mit dem Lineal gezogenen Linien.
Reaktionen auf deine Karikaturen zu Religion und Kirche
Robert: Wie reagieren unterschiedliche Leute auf deine „knubbeligen“ Werke?
Rolf Heinrich: Ich kriege ja nicht alles mit, aber in Ausstellungen oder Vorträgen bekomme ich nur positive Reaktionen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sich Kritiker zurückhalten, wenn sie merken, dass die Mehrheit meinen Zeichnungen zustimmt. Ist aber nur eine Theorie …
Robert: Kannst du aus dem Feedback schon vorhersagen, welche Motive besonders polarisieren werden?
Rolf Heinrich: Ja, das kann ich und ich muss mich manchmal sehr zusammenreißen, nicht dem Volk nach dem Maul zu zeichnen, denn mittlerweile weiß ich, was gut ankommt und was nicht.

Robert: Hat sich die Art, wie Menschen auf Religionssatire reagieren, über die Jahre verändert? Gibt es heute mehr Offenheit oder immer noch die gleichen Reflexe wie früher?
Rolf Heinrich: Heute gibt es aus meiner Erfahrung mehr Offenheit und weniger Konflikte um meine Zeichnungen, aber ich habe auch das Gefühl, dass man manchmal statt „Offenheit“ eher „Gleichgültigkeit“ sagen sollte.
Robert: Du bist Baujahr 1950. Wie siehst du die Einstellung junger Menschen zu Religion und Kirche und was würdest du ihnen für den Weg in eine säkulare Gesellschaft mit auf den Weg geben?
Rolf Heinrich: Ich sehe leider im Vergleich zu den 80er- und 90er-Jahren heute unter jungen Menschen eine, wie ich es ausdrücken würde, sanfte Akzeptanz der Kirchen und des Religiösen allgemein – ohne, dass sie sich näher damit beschäftigen würden – eher so, wie Folklore.
Als wir 1991 in der Bischofsstadt Fulda den „Ersten Atheisten-Kongress“ organisierten, konnten wir mit der tatkräftigen Unterstützung des AStA der Fachhochschule Fulda rechnen und auch die Veranstaltungen in der Aula der Fachhochschule durchführen. Auch gab es in dieser Zeit noch viele kleine, lokale, kritische Monatszeitschriften, in denen Kirchenkritik eine wesentliche Rolle spielte. Sogar die Grünen gaben in Fulda eine solche Zeitschrift heraus.
Heute ist davon nichts mehr geblieben. Seit einigen Jahren werden in meiner Heimatstadt die Abiturzeugnisse in der evangelischen Kirche vor dem Altar übergeben – und zwar ohne Not, denn neutrale Räumlichkeiten gibt es genug. Widerstand und Kritik gibt es nicht.
Mein Appell an die Jugend: Beschäftigt euch kritisch mit der herrschenden Religion – durch Literatur oder auch Mitgliedschaft in einer entsprechenden Organisation. Das fängt schon frühzeitig mit dem Religionsunterricht in den Schulen an. Geht nicht davon aus, dass ihr vom Lehrpersonal über eure Rechte aufgeklärt werdet. Ihr habt wesentlich mehr Rechte, als ihr glaubt.
„Mein Appell an die Jugend: Beschäftigt euch kritisch mit der herrschenden Religion – durch Literatur oder auch Mitgliedschaft in einer entsprechenden Organisation.“
Rolf Heinrich
Ich habe das durch die Schulzeit meiner Tochter miterlebt. Man wird unbewusst und oft auch ganz bewusst zu seinen Rechten, von Religion verschont zu bleiben, belogen. Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern!
In meinem Buch habe ich deshalb ein wesentliches Kapitel dem Religionsunterricht gewidmet. Auch wenn ihr später mal Kinder haben solltet, kann euch dieses Wissen helfen, religiöse Indoktrination in Kitas und Schulen nach Möglichkeit zu unterbinden.

Robert: Rolf, danke dir für deine Zeit.

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