Der Begriff „Bibelkanon“ bezeichnet die Sammlung von Schriften, die als verbindlich und inspiriert gelten. Doch wer entschied eigentlich, welche Texte dazugehören – und warum?
Die Entstehung des Bibelkanons
Der Kanon der Bibel ist nicht nur eine religiöse, sondern auch eine kulturelle und historische Konstruktion. Während er für viele als Fundament des Glaubens dient, wirft er bei genauer Betrachtung zahlreiche Fragen auf.
Da die Bibel ja aus zwei Teilen besteht, dem Alten und dem Neuen Testament, erscheint es sinnvoll, auch die Kanonisierung getrennt zu betrachten.
Kanonisierung des Tanachs (Alten Testaments)
Die Kanonisierung des Tanachs war ein mehrstufiger Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte. Der Tanach besteht aus drei Teilen:
- Tora (Weisung),
- Nevi’im (Propheten) und
- Ketuvim (Schriften).
Er erreichte seine endgültige Form vermutlich zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. Lies hierzu auch:
Die Tora, als Kernschrift des Judentums, wurde schon früh kanonisiert, wahrscheinlich bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. unter der Führung von Esra und Nehemia nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Diese Schriften wurden als göttlich inspiriert und normativ für die Gemeinschaft betrachtet.

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Die Prophetenbücher (Nevi’im) wurden später in der hellenistischen Epoche anerkannt, während die Schriften (Ketuvim) die letzte Sammlung bildeten, die in den Kanon aufgenommen wurde.
Der Abschluss des Tanach-Kanons wird oft mit dem Konzil von Jamnia (ca. 90 n. Chr.) in Verbindung gebracht, obwohl moderne Forscher dies kritisch sehen und eher einen schrittweisen Prozess bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. annehmen.
Die Kriterien für die Kanonisierung beinhalteten unter anderem die Sprachtradition (hebräische Texte), die religiöse Autorität und die Nutzung in der Liturgie. Dabei gab es Diskussionen über einige Schriften, wie das Hohelied oder Prediger, die dennoch letztlich ihren Platz im Kanon fanden.

Autoren des Alten Testaments
Die Autoren des Alten Testaments (Tanach) sind weitgehend anonym, und viele der Texte wurden über Jahrhunderte hinweg von verschiedenen Schreibern und Redaktoren zusammengetragen. Hier eine kurze Übersicht:
Pentateuch (Tora)
Traditionell wird die Tora Mose zugeschrieben, doch die moderne Bibelwissenschaft identifiziert mehrere Quellen:
- Jahwist (J): Wahrscheinlich aus dem südlichen Königreich Juda, ca. 10. Jahrhundert v. Chr.
- Elohist (E): Vermutlich aus dem nördlichen Königreich Israel, ca. 9.–8. Jahrhundert v. Chr.
- Deuteronomist (D): Verfasser oder Redaktionsgruppe des Deuteronomiums, ca. 7.–6. Jahrhundert v. Chr.
- Priesterschrift (P): Priesterliche Redakteure, ca. 6.–5. Jahrhundert v. Chr.
Diese Quellen wurden später zusammengeführt.
Historische Bücher (Josua bis Ester)
Die Autoren sind unbekannt, die Texte basieren oft auf mündlichen Überlieferungen oder offiziellen Chroniken.
Das Deuteronomistische Geschichtswerk (Josua bis 2. Könige) wird einer Redaktionsgruppe zugeschrieben, die im babylonischen Exil (6. Jahrhundert v. Chr.) tätig war.
Prophetische Bücher (Nevi’im)
Viele der Propheten wie Jesaja, Jeremia, Hesekiel und die Zwölf Kleinen Propheten werden als Autoren ihrer Bücher genannt. Jedoch enthalten diese Texte oft spätere Ergänzungen und Redaktionen.
Beispiel: Jesaja ist wahrscheinlich das Werk mehrerer Autoren aus unterschiedlichen Zeiten (1. Jesaja, 2. Jesaja, 3. Jesaja).
Schriften (Ketuvim)
- Psalmen: Traditionell König David zugeschrieben, aber von verschiedenen Autoren und Zeiträumen.
- Sprichwörter und Prediger: Häufig Salomo zugeschrieben, jedoch von späteren Sammlern ergänzt.
- Daniel: Wahrscheinlich im 2. Jahrhundert v. Chr. während der Seleukidenzeit verfasst.
- Hiob: Autor unbekannt, möglicherweise ein weisheitlicher Schriftsteller.

Kanonisierung des Neuen Testaments
Das Christentum übernahm das Alte Testament als Teil seiner schriftlichen Überlieferung und ergänzte es durch die Evangelien und weiteren Schriften als „Neues Testament“.
Die Kanonisierung des NT ist eine komplizierte Materie; das neue Testament beginnt zwar mit den sogenannten vier kanonischen Evangelien, dies sind aber nicht die ältesten Schriften des Neuen Testaments. Als diese gelten nämlich die Paulusbriefe.
Überlieferungsgeschichte der kanonischen Evangelien
Die vier Evangelien – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – wurden zwischen 70 und 100 n. Chr. verfasst, in griechischer Sprache. Ihre frühesten erhaltenen Manuskripte stammen aus dem 2. Jahrhundert.
Der Papyrus P52, ein kleines Fragment des Johannesevangeliums, wird auf etwa 125 n. Chr. datiert und ist das älteste bekannte Fragment.

Man fragt sich sogleich: Warum dauerte es eigentlich fast hundert Jahre, bis die Frühchristen begannen, die Lehren ihres Messias schriftlich zu fixieren?
Die Antwort ist frappierend: Weil die Frühchristen den unmittelbaren Weltuntergang erwarteten.
Jesus äußerte sich in mehreren Evangelien zur nahen Erwartung eines Endes der Welt oder des Reiches Gottes. Dabei betonte er, dass dies noch zu Lebzeiten seiner Generation geschehen würde. Die zentralen Aussagen finden sich bei Markus 13:30, Matthäus 16:28 und 24:34 sowie Lukas 21:32.
„Wahrlich, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.“
Matthäus 16:28
Die Tatsache, dass die erwartete Endzeit samt Entrückung nicht eintrat, stellt ein zentrales Problem für die frühe christliche Theologie dar.
Im Neuen Testament wird später versucht, diese verzögerte Parusie (Wiederkunft) zu erklären, z. B. in 2. Petrus 3:8-9, wo es heißt, dass für Gott „ein Tag wie tausend Jahre“ sei.
Die konkreten Aussagen Jesu zeigen jedoch, dass er selbst offenbar mit einem baldigen Ende gerechnet hat, was die frühe christliche Gemeinschaft stark prägte.
Und wenn die Welt untergeht, braucht man keine Aufzeichnungen.
Deswegen dauerte es eine Weile, bis die ersten Manuskripte auftauchen.
Komplettere Sammlungen finden sich erst im 4. Jahrhundert im Codex Sinaiticus und Codex Vaticanus, die fast den gesamten Text des Neuen Testaments enthalten. Diese Manuskripte spiegeln den Standardtext wider, der sich im frühen Christentum durchsetzte.
Zwischen diesen frühen Fragmenten und den späteren vollständigen Texten liegen mehrere Papyri wie P66 und P75, die bedeutende Teile der Evangelien enthalten und aus dem 2. und 3. Jahrhundert stammen.

Frühchristliche Kanonisierung: Chaos statt Einheit
In den ersten Jahrhunderten nach Christus war der Begriff „Kanon“ noch in weiter Ferne. Frühe christliche Gemeinschaften verwendeten eine Vielzahl von Schriften, von den Evangelien bis hin zu apokryphen Texten wie dem Thomas-Evangelium.
Das Thomas-Evangelium zählt zu den rätselhaftesten Texten der frühchristlichen Literatur. Entdeckt wurde es in der Mitte des 20. Jahrhunderts nahe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi.

Einheit? Fehlanzeige! Es war viel eher ein literarisches Durcheinander, das sich je nach Region und theologischer Richtung unterschied.
Das Konzil von Nicäa und der Kanonisierungsprozess
Die oft beschworene Idee, dass der Bibelkanon auf dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) festgelegt wurde, ist historisch auch nicht korrekt – wenn auch ein spannender Mythos.
Tatsächlich entwickelte sich der Kanon über Jahrhunderte hinweg. Erst im Jahr 367 n. Chr. listete Kirchenvater Athanasius von Alexandria in einem Brief die 27 Bücher des Neuen Testaments auf, die wir heute kennen.

Die endgültige Kanonisierung? Ein langwieriger Prozess, geprägt von Machtkämpfen, theologischen Streitigkeiten und politischen Interessen.
Kanonisierte Texte des neuen Testaments
Hier ist die Liste der 27 Bücher des Neuen Testaments, geordnet nach der traditionellen Reihenfolge:
Evangelien
- Matthäus
- Markus
- Lukas
- Johannes
Apostelgeschichte
- Apostelgeschichte
Paulusbriefe
- Römer
- 1. Korinther
- 2. Korinther
- Galater
- Epheser
- Philipper
- Kolosser
- 1. Thessalonicher
- 2. Thessalonicher
- 1. Timotheus
- 2. Timotheus
- Titus
- Philemon
Katholische Briefe
- Hebräer
- Jakobus
- Petrus
- Petrus
- 1. Johannes
- 2. Johannes
- 3. Johannes
- Judas
Offenbarung des Johannes
Unterschiede zwischen den Konfessionen
In den verschiedenen christlichen Traditionen ist der Bestand kanonisierter Schriften unterschiedlich definiert.
Katholischer vs. protestantischer Kanon
Der Bibelkanon ist alles andere als einheitlich. Katholiken akzeptieren die sogenannten deuterokanonischen Bücher, die Protestanten als „Apokryphen“ ablehnen.
Die Reformation hatte einen erheblichen Einfluss auf die Umgestaltung des Bibelkanons, insbesondere durch die Unterscheidung zwischen den protestantischen und katholischen Kanontraditionen.
Martin Luther und andere Reformatoren legten besonderen Wert auf die alleinige Autorität der Heiligen Schrift (sola scriptura) und nahmen Änderungen vor, die ihrer theologischen Ausrichtung entsprachen.
Luther stellte die sogenannten deuterokanonischen Schriften, die in der katholischen Kirche als Teil des Alten Testaments gelten (z. B. Tobit, Judit, Weisheit Salomos, Makkabäerbücher), zwar in seine Übersetzung der Bibel auf und platzierte sie zwischen dem Alten und Neuen Testament, bezeichnete sie jedoch als „nützliche, aber nicht heilige Schriften“.
Er stellte also klar, dass diese Bücher nicht dieselbe Autorität wie die übrigen Teile der Bibel besitzen. In der Praxis wurden sie damit im protestantischen Kanon faktisch ausgeschlossen, obwohl sie weiterhin gedruckt wurden – jedoch oft in einem eigenen Abschnitt. Dies markierte eine bewusste Abgrenzung von der katholischen Tradition, die diese Bücher als integralen Bestandteil des Alten Testaments ansieht.
Diese Entscheidung wurde zur Grundlage des protestantischen Kanons, der nur die Bücher des jüdischen Tanachs für das Alte Testament umfasst.
Gleichzeitig unterzog Luther auch das Neue Testament einer kritischen Bewertung, wobei er z. B. dem Jakobusbrief weniger Gewicht beimaß, weil dieser seiner Rechtfertigungslehre widersprach. So wurde die Reformation zu einem zentralen Wendepunkt, der die Wahrnehmung und Zusammensetzung des biblischen Kanons in der westlichen Welt bis heute prägt.

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Orthodoxe Kirchen: Noch mehr Bücher!
Die orthodoxen Kirchen (z. B. die griechisch-orthodoxe oder russisch-orthodoxe Kirche) haben in ihrem Kanon Schriften, die in der westlichen Tradition nicht als Teil der Bibel anerkannt werden.
Dazu zählen unter anderem zusätzliche Bücher wie 1. und 2. Esra, das Gebet Manasses oder 3. Makkabäer.
Die orthodoxe Kirche hat zudem eine generell weniger strikte Kanondefinition, was bedeutet, dass es regionale Unterschiede in der Überlieferung und der Akzeptanz bestimmter Bücher gibt.
Zu den Autoren des Neuen Testaments
Die Autorenschaft der meisten Bücher des Neuen Testaments ist umstritten oder fehlerhaft angegeben. Nur bei sieben Briefen, darunter Römer, Korinther und Galater, gilt Paulus von Tarsus als gesicherter Verfasser.

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Andere NT-Bücher, wie Kolosser und Epheser, sind umstritten, und der Hebräerbrief blieb anonym, wurde aber Paulus zugeschrieben.
Die restlichen Bücher sind oft pseudepigraphisch: Evangelien und Apostelgeschichte waren zunächst anonym, Briefe wie Jakobus und Judas wurden möglicherweise durch Namensverwechslung Jüngern zugeordnet, und einige Texte, etwa die Pastoralbriefe, entstanden wohl bewusst unter falschem Namen.
Selbst die in der Regel äußerst prochristliche Wikipedia schreibt in diesem Zusammenhang:
„Die pseudepigraphischen Texte im Kanon des Neuen Testaments werfen theologisch dornige Probleme auf, da sie Fälschungen sind und zum Teil erhebliche Anstrengungen unternehmen, die falsche Autorenschaft glaubhaft zu machen. Dadurch tun sie genau das, was sie selbst, wie zum Beispiel Eph 4,25 EU oder 2 Thess 2,2-3 EU, verbieten.
Diese Probleme werden umgangen, indem man sie gegen den Stand der bibelwissenschaftlichen Forschung doch für authentisch erklärt; oder man leugnet bzw. minimiert das Moment der Täuschung, die mit der falschen Verfasserangabe einhergeht.
Eine dritte Strategie besteht darin, den autoritativen Status der überlieferten Texte auf bestimmte Schriften oder Passagen zu beschränken, das heißt, einen ‚Kanon innerhalb des Kanons‘ zu definieren.“
Quelle
Die Apokryphen: Warum wurden sie ausgeschlossen?
Die sogenannten „apokryphen“ Schriften – von den Evangelien der Gnosis bis hin zu Briefen wie dem Barnabasbrief fanden keinen Platz im offiziellen Kanon. Warum? Meist lag es weniger an theologischen Kriterien als an politischen Machtspielen.
Texte, die von Minderheitsgruppen genutzt wurden oder unorthodoxe Ansichten vertraten, wurden schlicht aussortiert, ihre Anhänger von der wachsenden kirchlichen Mehrheit als Häretiker betrachtet.

Die apokryphen Texte vertraten unorthodoxe Ansichten über Jesus, die Erlösung oder die Natur Gottes – Themen, die der zentralen Lehre der Kirche widersprachen oder sie herausforderten. Solche abweichenden Perspektiven hätten die Einheit und die Kontrolle der Kirche gefährden können, weshalb sie gezielt ausgeschlossen wurden.
Die Entscheidungen über den Kanon wurden zudem von politischen und sozialen Faktoren beeinflusst. Während das Römische Reich sich zunehmend mit dem Christentum identifizierte, bestand ein Interesse an einer einheitlichen Lehre, die Ordnung und Stabilität fördern konnte. Texte, die dieser Einheit im Wege standen, wurden marginalisiert.
Der Kanon spiegelt somit weniger eine objektive „Wahrheit“ als vielmehr die Interessen jener wider, die im 4. und 5. Jahrhundert die Macht über die kirchliche Ausrichtung innehatten.

Eine moderne Perspektive auf den Bibelkanon
Der Bibelkanon ist weniger eine göttliche Offenbarung als vielmehr das Ergebnis jahrhundertelanger menschlicher Aushandlungen und Kompromisse.
Die Bibel ist menschengemacht – auch, wenn die Kirche ihre Fans gerne in dem Glauben lässt, sie sei „vom Heiligen Geist inspiriert“, „Wort des lebendigen Gottes“ und dergleichen.
In einer Zeit, in der sich die Menschheit von Dogmen befreit und sich wissenschaftlicher Erkenntnis zuwendet, stellt sich die Frage: Warum hält man überhaupt an einem Sammelwerk fest, das von antiken Machtinteressen geprägt ist?
Die Antwort: Weil die meisten Menschen diesen kulturellen Ballast als Kinder in die Wiege gelegt bekommen und ihn selten hinterfragen. Machen die anderen auch so – wird schon stimmen!
Die Idee eines abgeschlossenen Kanons wirkt auf mich heute komplett überholt – gerade, wenn man bedenkt, wie viele relevante Texte aus der gleichen Epoche bewusst ausgeschlossen wurden.
Vielleicht ist es an der Zeit, den Bibelkanon nicht mehr als heiliges Dogma, sondern als historisches Artefakt zu betrachten – und ihn kritisch zu hinterfragen. Schließlich gibt es genug Widersprüche in der Bibel, die mithilfe der historisch-kritischen Methode auch für jede(n) klar erkennbar sind.
„Denn viele sind berufen, doch nur wenige auserwählt.“ Das gilt offenbar nicht nur für Gläubige, sondern auch für Bücher. Ein vermeintlich „klar definierter“ Bibelkanon ist eine Illusion.

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