Volkszählung Publius Sulpicius Quirinius

Die Volkszählung des Quirinius zu Jesu Geburt: Faktencheck 

Zur Volkszählung nach Bethlehem: Was ist da dran? Christen stellen die Bibel – insbesondere das Neue Testament – gerne als unumstößliches historisches Dokument dar.

Schließlich enthält sie zahlreiche Referenzen historischer Ereignisse wie etwa die israelitische Landnahme, die Eroberung Jerusalems oder die Herrschaft der Römer in Judäa unter Herodes. Dies alles dient dazu, Jesus von Nazaret als historische Person zu stützen. Auf diesen gäbe 22.000 historische Hinweise und so weiter.  

Das wirft zwei Probleme auf: Erstens beweist dies natürlich in keiner Weise die metaphysischen Behauptungen der Bibel (Jahwe, Jesus, Auferstehung, Himmelfahrt und dergleichen).

Meme Atheismus
Non sequitur:
Das Eine folgt nicht aus dem Anderen

Und zweitens müssten diese Referenzen nachweisbar und überprüfbar sein. Im Folgenden sehen wir uns die Referenz an, die auf die Volkszählung unter Publius Sulpicius Quirinius abstellt.

„So begab es sich …“ – das Lukasevangelium zu Jesu Geburt

Wer kennt sie nicht, die rührselige Geschichte von der geistgeschwängerten Maria, die auf einem Esel durch Palästina juckelt? Der angebliche Grund: Ein römischer Kaiser hatte gerade Lust, seine Untertanen zu zählen und einen reichsweiten Zensus einberufen. 

Wir reden natürlich von der Weihnachtsgeschichte bei Lukas. Ihr wisst schon:

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.“ 

Lukas 2, 1–3
Augustus, römischer Kaiser
Augustus, römischer Kaiser (63 v.–14 n. u. Z.) zu Jesu Geburt (KI-Interpretation)

Dazu müssen sich alle in ihren Geburtsort begeben (really?). Bei Josef ist das Bethlehem. Da geht’s dann weiter: Niederkunft Marias, Auftritt Hirten, Engel, „die Menge der himmlischen Heerscharen“ und dergleichen. 

Aber dazu muss es dann ja auch Aufzeichnungen der Römer geben – die waren zumindest bei Volkszählungen penibel und bürokratisch.

Was sagen also die römischen Archive zur Volkszählung des Qurinius?

Der Chronologie-Clash: Wenn die Zeitrechnung nicht mitspielt

Auch wenn uns das Lukasevangelium die Reise nach Bethlehem als bürokratische Notwendigkeit verkauft – wer einen nüchternen Blick in die Geschichtsbücher wirft, merkt schnell: Hier wurde nicht Geschichte geschrieben, sondern ein Mythos passend gebogen.

Das erste Problem ist so banal wie vernichtend: Die Zahlen passen hinten und vorne nicht zusammen. 

Herodes und Quirinus herrschten nicht gleichzeitig

Zuerst etwas Geschichte. Das Schicksal Judäas unter den Römern vollzog sich in zwei entscheidenden Schritten: der militärischen Eroberung und der späteren offiziellen Umwandlung in eine Provinz.

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Hintergrund: die Eroberung Judäas

Erobert wurde Judäa vom römischen Feldherrn Gnaeus Pompeius Magnus (63 v. Chr.). In Judäa herrschte ein Bürgerkrieg zwischen zwei Brüdern der Hasmonäer-Dynastie (Hyrkanos II. und Aristobulos II.) um den Thron. Beide baten Pompeius, der gerade Syrien unterworfen hatte, um Unterstützung.

Gnaeus Pompeius Magnus
Gnaeus Pompeius Magnus (106–48 v. u. Z.) (KI-Interpretation)

Pompeius entschied sich für Hyrkanos, marschierte in Jerusalem ein und belagerte den Tempelberg, wo sich die Anhänger von Aristobulos verschanzt hatten. Nach drei Monaten fiel die Festung. Judäa verlor seine Unabhängigkeit und wurde ein römischer Klientelstaat. Die Juden durften ihre Religion behalten, mussten aber Tribut an Rom zahlen.

Hintergrund: die Erhebung zur Provinz (6 n. Chr.)

Obwohl die Römer seit 63 v. Chr. die eigentliche Macht im Hintergrund waren, wurde Judäa erst viel später eine formelle römische Provinz. Nach dem Tod Herodes des Großen (4 v. Chr.) regierte sein Sohn Archelaus so grausam und unfähig, dass die jüdische Aristokratie Kaiser Augustus bat, ihn abzusetzen. Augustus setzte Archelaus im Jahr 6 n. Chr. ab und schickte ihn ins Exil.

Das Territorium (Judäa, Samaria und Idumäa) wurde nun direkt unter römische Verwaltung gestellt. Um das neue Steuerpotenzial der Provinz zu erfassen, ordnete der Kaiser die berühmte Volkszählung an, die vom Statthalter von Syrien, Quirinius, durchgeführt wurde.

Hier ist ein tabellarischer Überblick: 

ZeitraumHerrscherStatusWichtige Ereignisse
103 – 76 v. Chr.Alexander JannäusHasmonäer-KönigGrößte Ausdehnung des jüdischen Reiches; interne Konflikte mit den Pharisäern.
76 – 67 v. Chr.Salome AlexandraHasmonäer-KöniginWitwe von Jannäus; Phase relativer Stabilität und Stärkung der religiösen Gelehrten.
67 – 63 v. Chr.Hyrkanos II. / Aristobulos II.Hasmonäer (Bruderkrieg)Bürgerkrieg um die Thronfolge, der zum Hilferuf an Rom und zur Eroberung durch Pompeius führte.
bis 40 v. Chr.Hyrkanos II.Hasmonäer (Hohepriester/Ethnarch)Unter römischem Schutz (Pompeius/Caesar).
40 – 37 v. Chr.AntigonosLetzter Hasmonäer-KönigGelangte mit Hilfe der Parther kurz an die Macht.
37 – 4 v. Chr.Herodes der GroßeRömischer KlientelkönigUmbau des Tempels; Herrschaft zur Zeit der Geburt Jesu (laut Matthäus).
4 v. Chr. – 6 n. Chr.Herodes ArchelausEthnarch über Judäa & SamariaSohn des Herodes; wurde wegen Unfähigkeit von Rom abgesetzt.
6 – 41 n. Chr.Römische Präfekten (u.a. Pontius Pilatus)Direkte römische ProvinzverwaltungVolkszählung des Quirinius (6 n. Chr.); angebliches Wirken und Kreuzigung Jesu.
41 – 44 n. Chr.Herodes Agrippa I.KlientelkönigEnkel von Herodes d. Gr.; kurzzeitige Wiedervereinigung des Reiches.
44 – 50 n. Chr. (+)Römische ProkuratorenDirekte römische ProvinzverwaltungJudäa wird nach Agrippas Tod endgültig feste römische Provinz.

Laut Lukas fand die Geburt Jesu während der Herrschaft des Herodes des Großen statt (der 4 v. u. Z. verstarb) und während der Amtszeit des Quirinius in Syrien. 

Herodes der Große
Herodes der Große (73–4 v. u. Z.), KI-Interpretation

Hier liegt der Hund begraben: Publius Sulpicius Quirinius trat sein Amt als Statthalter erst im Jahr 6 n. u. Z. an. Das ist eine Lücke von gut zehn Jahren. Entweder lügt also die Geschichte bei Herodes, oder bei Quirinius. Die beiden Daten jedenfalls schließen sich aus; sie sind historisch unmöglich.

„Die Angaben des Lukas – Endphase der Herodesregentschaft, also spätestens vor dem Frühjahr 4 v. Chr., und der Zensus unter dem syrischen Statthalter Quirinius – bedeuten die unmögliche Gleichzeitigkeit zweier um zehn Jahre auseinanderliegender markanter Daten.“

Henrike Maria Zilling: Überlegungen zum Zensus des Quirinius

Römische Bürokratie vs. biblische Fantasie

Lukas behauptet, dass „alle Welt“ geschätzt wurde und jeder in „seine Stadt“ ziehen musste. Stellen wir uns das logistisch vor: Das gesamte Römische Reich befindet sich auf Wanderschaft, weil man sich dort registrieren lassen muss, wo die Vorfahren vor 1.000 Jahren gelebt haben?

Die Römer waren effiziente Verwalter, keine Sadisten. Eine Volkszählung diente der Besteuerung. Den Römern war es völlig egal, wo König David mal gehaust hat; sie wollten wissen, wo du heute arbeitest und wie viel Getreide du produzierst. 

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Volkszählung: regional oder reichsweit?

Eine reichsweite Volkszählung für alle Einwohner gab es unter Augustus nicht. Die von Augustus in den Res gestae erwähnten Zählungen waren reine Bürgerzählungen, die lediglich römische Bürger erfassten (v. a. zur Feststellung der Wehrfähigkeit und des Besitzes).

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Was Lukas beschreibt, war in Wahrheit ein Provinzialzensus im Jahr 6 n. Chr. Dieser wurde notwendig, als Judäa nach der Absetzung von Archelaus direkt in die Provinz Syrien eingegliedert wurde.

Es handelte sich also um einen lokalen Verwaltungsakt zur Steuererfassung in einem neu annektierten Gebiet. Es gibt Mutmaßungen, dass Lukas dies missverstanden hat: Da Judäa und Syrien gleichzeitig taxiert wurden, entstand der Eindruck einer großflächigen Maßnahme.

Die Vorstellung, dass ein Zimmermann aus Nazareth seine schwangere Frau nach Bethlehem schleppt, um dort in einer Liste zu erscheinen, ist aus verwaltungstechnischer Sicht absoluter Humbug. Zu erwarten wäre eine solche Anweisung nur, wenn im Geburtsort Grundbesitz liegen würde. 

Es ist ein literarisches Konstrukt, um Jesus irgendwie mit der Stadt Davids in Verbindung zu bringen – koste es an historischer Glaubwürdigkeit, was es wolle. Wir kennen dieses Vorgehen schon von den angeblich erfüllten 1.800 Prophezeiungen und auch von der Genealogie Jesu.

Zur Quellenlage der quirinischen Volkszählung

Es gab eine Volkszählung unter Quirinus, nur eben nicht zur richtigen Zeit und nicht in der angegebenen Größe. Die Quellenlage zur angeblichen Volkszählung unter Publius Sulpicius Quirinius zur Zeit der Geburt Jesu ist, nüchtern betrachtet, dünn bis unerquicklich. 

Sicher belegt ist Quirinius als Statthalter von Syrien erst ab 6 n. u. Z., und ebenso gut belegt ist die von ihm durchgeführte Volkszählung genau in diesem Jahr, nach der Absetzung des Herodes-Sohnes Archelaos. 

Diese Zählung löste laut Flavius Josephus (beschrieben ist sie in den „Jüdischen Altertümern“) erheblichen Widerstand aus und gilt als Auslöser der Zelotenbewegung. Flavius dürfte einigen bekannt sein: Er ist der Urheber einer der wichtigsten außerbiblischen Erwähnungen Jesu – wobei ihm diese erst im vierten Jahrhundert untergeschoben wurde.

Flavius Josephus: Jüdische ALtertümer
Flavius Josephus: Der jüdische Krieg

Den historischen Kontext kennen wir von Flavius Josephus (37/38–100), der allerdings erst nach Jesus Tod geboren wurde [Klicke auf die Cover | Anzeige]

Niemand kennt einen früheren Zensus in Judäa

Das Problem ist offensichtlich: Herodes der Große, unter dessen Herrschaft Jesus laut Matthäus geboren worden sein soll, starb bereits 4 v. u. Z. Zwischen beiden Ereignissen klafft also eine chronologische Lücke von rund zehn Jahren. 

Außer dem Lukasevangelium existiert keine zeitgenössische Quelle, die eine frühere, angeblich „erste“ Volkszählung unter Quirinius erwähnt, weder bei Josephus noch in römischen Verwaltungsakten, Inschriften oder Papyri. 

Alle späteren apologetischen Rettungsversuche – etwa die Annahme einer unbekannten Doppelstatthalterschaft, einer rein lokalen Erhebung oder einer missverstandenen Amtsbezeichnung – sind spekulativ und quellenlos. 

Historisch greifbar ist nur eine Volkszählung unter Quirinius, und die passt zeitlich schlicht nicht zur Geburt Jesu. Der naheliegende Schluss ist unerfreulich für fromme Gemüter, aber banal für Historiker: Lukas konstruiert die Zählung, um Jesus erzählerisch nach Bethlehem zu bekommen und ihn mit der messianischen David-Tradition zu verknüpfen.

Volkszählung Publius Sulpicius Quirinius
Publius Sulpicius Quirinius (KI-Interpretation)

Warum die „Wahrheit“ erdichtet werden musste: messianische Prophezeiungen

Warum betreibt ein Evangelist diesen Aufwand? Ganz einfach: Wer als Messias gelten will, muss die Checkliste der Propheten abarbeiten. Die „Micha-Prophetie“ verlangte nun mal Bethlehem als Geburtsort. Da Jesus aber offensichtlich als „der Nazarener“ bekannt war, brauchte Lukas eine plausible Entschuldigung, um die Familie dorthin zu verfrachten.

atheistisches Meme

Die Evangelisten Markus und Johannes verlieren übrigens kein Wort über Jesu Geburt. Bei Matthäus hingegen gibt es eine ganz andere Story: Hier will Josef die Maria zunächst heimlich verlassen (Thema „Jungfrauengeburt“). 

Jungfrauengeburt
Rätselhaft: der Vorgang der Empfängnis durch Geister und der Jungfrauengeburt

Dann erscheinen diverse Engel; Jesus soll Immanuel heißen, wird aber Jesus genannt, schließlich kommen die „heiligen drei Könige“, Herodes dreht durch und lässt judäische Kinder abschlachten, die heilige Familie flieht nach Ägypten und kehrt nach Herodes’ Tod zurück. 

Kein Wort von einer Volkszählung bei Matthäus. Die Volkszählung ist der „Deus ex Machina“ der neutestamentlichen Literatur. Ein politisches Ereignis wird schlicht instrumentalisiert, um eine unplausibel wirkende theologische Behauptung zu stützen. „Wahrheit“ ist in der Theologie eben oft nur ein Synonym für „gute Geschichte“.

Reiste Josef nach Bethlehem? Richard Carrier 

Richard Carrier (streitbarer Vertreter des Jesus-Mythos-These) erarbeitet in seinem ausführlichen Essay über die quirinische Volkszählung alle Argumente für Annahmen, die die Ereignisse bei Lukas stützen könnten – und verwirft die meisten. 

Er kommt zu dem Schluss, dass die Erzählung des Lukas historisch höchst zweifelhaft ist. Besonders in Bezug auf die Notwendigkeit für Josef, nach Bethlehem zu reisen, führt Carrier folgende Argumente an:

Widerspruch zur römischen Verwaltungspraxis

Carrier argumentiert, dass das römische Steuersystem auf dem aktuellen Wohnsitz und dem Ort der produktiven Vermögenswerte (wie Land oder Vieh) basierte. Der Zweck einer Volkszählung war die Erfassung von Steuerpflichtigen dort, wo sie lebten und arbeiteten. Es gab für die Römer keinen administrativen Grund, Menschen zu zwingen, in ihre „Ahnenstädte“ zurückzukehren, zu denen sie oft seit Generationen keine Verbindung mehr hatten. Eine solche Massenwanderung hätte die Wirtschaft und die öffentliche Ordnung völlig unnötig destabilisiert.

Die praktische Unmöglichkeit der Forderung

Eine Reise in die Stadt der Vorfahren wäre völlig unpraktikabel gewesen. König David hat tausend Jahre vor Josef gelebt. Wie sollten denn die judäischen Steuerzahler ganz praktisch überhaupt wissen, in welche Stadt sie ziehen müssen? Bis zu welchem Vorfahren zählt man zurück? Gab es die Stadt dann überhaupt noch? Wer zählt als Nachkomme von wem? 

Fragen über Fragen. Wenn jeder römische Bürger zu seinem Herkunftsort von vor tausend Jahren hätte reisen müssen, wäre das gesamte Reich im Chaos versunken. Die Römer waren für ihre effiziente Bürokratie bekannt und hätten ein solches System niemals implementiert.

Römisches Reich
Römisches Reich zu Zeiten Claudius‘ (41-54 n. u. Z.): logistischer Alptraum

Literarisches Motiv statt historischer Fakt

Laut Carrier dient die Reise nach Bethlehem bei Lukas eben nicht der historischen Genauigkeit, sondern als literarisches Mittel (literary device). Lukas musste einen Weg finden, Jesus – der allgemein als „Jesus von Nazaret“ bekannt war – in Bethlehem geboren werden zu lassen, um die alttestamentliche Prophezeiung (Micha 5,1) zu erfüllen, wonach der Messias aus der Stadt Davids stammen müsse. Die Volkszählung dient Lukas somit lediglich als Vorwand, um die Familie dorthin zu bewegen.

Fazit zur Volkszählung: unauflösbarer Widerspruch

Was die Geschichte der Volkszählung bei Lukas vor allem zeigt, ist: Sie ist nicht belastbar. Und sie steht im Widerspruch zu Matthäus. Es können nicht beide Versionen stimmen 

Die einzigen beiden biblischen Schilderung der Geburtsumstände Jesu schließen sich also gegenseitig aus – ein schon seit der Antike bekanntes Problem für Bibel-Exegeten. 

Damit erreicht Lukas genau das Gegenteil seiner Absicht: Statt die Messianität des Nazareners mit der Volkszählung des Quirinius zu plausibilisieren, manövriert er Jesus in einen unauflösbaren historischen Widerspruch.

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