Stern von Bethlehem, gab es ihn wirklich?

Stern von Bethlehem – belegt NASA himmlisches Zeichen?

Vielleicht habt ihr es ja auch gelesen – ein amerikanischer Astronom hat eine neue Theorie zum Stern von Bethlehem veröffentlicht. Und schon drehen einige wieder durch: Der Stern beweise die Richtigkeit der Evangelien, sei historischer Nachweis der Historizität der Schrift und so weiter. 

Allen voran natürlich in den USA. Dort gibt es im Vergleich ja unfassbar viele „Literalisten“, also Menschen, die die Schilderungen der Bibel als wortwörtliche Wahrheit interpretieren. Es sind dieselben, die auch dem Kreationismus anhängen und die immer gleichen absurden Märchen verbreiten – es gäbe zum Beispiel Engel, Dämonen, Nephilim oder Wagenräder im Roten Meer von der Armee des Pharaos beim Exodus.

Die gute Mär vom Stern

Jedes Weihnachten wird er entsprechend wieder hervorgekramt: der „Stern von Bethlehem“, der laut dem Matthäus-Evangelium geheimnisvoll über dem Geburtsort Jesu „gestanden“ und mit den „Heiligen Drei Königen“ Sterndeuter aus dem Osten bis dorthin geführt haben soll. 

Für Gläubige ist er ein himmlisches Zeichen göttlicher Führung; für Skeptiker ist er eher ein literarischer Effekt mit kosmischer Folklore. 

Die große Frage lautet seit Jahrhunderten: War dieser Stern ein reales astronomisches Ereignis – oder nur ein nachträglich konstruiertes Symbol? 

Die Wissenschaft hatte dazu schon viele Ideen, aber keine eindeutige Antwort. Jetzt kommt ein neuer astronomischer Befund zum Stern von Bethlehem hinzu. Diesmal von echten Wissenschaftlern. Und das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Hardcore-Christen. 

Stern von Bethlehem
Fundamentalistische Christen sehen sich bestätigt

Der Stern von Bethlehem: Biblische Quelle und ihre Probleme

Doch der Reihe nach. Die einzige „urkundliche“ Quelle für den „Stern“ ist das Matthäus-Evangelium. Dort heißt es, dass die „Weisen aus dem Morgenland“ einen Stern gesehen hätten, der sie nach Jerusalem und weiter nach Bethlehem geführt und schließlich über dem „Ort, wo das Kind war“, stillgestanden habe. 

Rein astronomisch ist diese Beschreibung problematisch: Sterne bewegen sich nicht so, wie es im Bibeltext suggeriert wird, und die Idee, dass ein Himmelskörper punktgenau über einem kleinen Ort „steht“, hat keinen physikalischen Sinn. 

Zudem sind die antiken Autoren der Bibel – das gilt wohl im Übrigen auch für die Figuren der Sterndeuter – grundsätzlich alles andere als sattelfest, was kosmische Verhältnisse angeht. Das zeigt sich bei dem ganzen Unfug, den sie beispielsweise in Genesis verzapfen. Die wissen nicht, dass sie auf einem Planeten leben, oder was der Unterschied zwischen Mond und Sonne ist. Sie wissen auch überhaupt nicht, was ein Stern ist.

Klassische astronomische Erklärungen – Konjunktion statt Wunder

Schon im 17. Jahrhundert versuchte Johannes Kepler, dem Stern von Bethlehem eine astronomische Grundlage zu geben, indem er zurückrechnete, dass vor der Zeit Jesu ungewöhnliche Planetenkonstellationen stattgefunden haben könnten – etwa eine Große Konjunktion von Jupiter und Saturn um 7 v. Chr. 

Solche Konjunktionen sind Himmelsereignisse, bei denen Planeten scheinbar nahe beieinander stehen und für Sterndeuter als Zeichen gedeutet werden könnten. Sie sind nicht so selten wie man denkt und treten periodisch auf: die Große Konjunktion etwaas alle 20 Jahre.

Sterne an Weihnachten/Jesu Geburt?
Die Große Konjunktion (Saturn und Jupiter) im Jahr 7 v. u. Z. am Himmel Jerusalems
(südliche Blickrichtung)

Andere Wissenschaftler haben darüber hinaus Planetenkombinationen mit Mars oder Venus ins Spiel gebracht oder die Idee vertreten, dass ein noväres Objekt oder eine Supernova Sichtungen ausgelöst haben könnte, die später in Erzählungen zu einem Stern stilisiert wurden. Ich habe das hier schonmal ausgeführt:

Die neue Kometenhypothese: Ein kosmischer Wanderer als „Weihnachtsstern“?

Nun zu den News. In alten chinesischen Chroniken gibt es Aufzeichnungen über helle Objekte am Himmel um 5 v. Chr. und 4 v. Chr., die als Nova interpretiert werden könnten – oder als Komet.

Und genau dieser Hypothese folgt nun eine neue Studie, die im Journal of the British Astronomical Association veröffentlicht wurde: Der US-Planetologe Mark Matney schlägt vor, dass ein Komet, der um 5 v. Chr. in chinesischen Beobachtungen verzeichnet wurde, der „Stern von Bethlehem“ gewesen sein könnte. (Quelle

Matney arbeitet bei der NASA. Er ist Planetenforscher und Leiter der Modellierung für das Orbital Debris Program Office innerhalb der Abteilung Astromaterials Research and Exploration Science (ARES) im Johnson Space Center. Matneys Arbeit umfasst alle Aspekte der Forschung zu Weltraummüll, einschließlich Messungen, Modellierung und Risikominderung. Er kennt sich also aus, was Astronomie angeht. 

Komet statt Stern

Ein Komet ist natürlich kein Stern im astronomischen Sinn, aber bei sehr naher Passage kann er ungewöhnliche Bewegungen am Himmel zeigen und – je nach Perspektive – auch etwa ein „Stehenbleiben“ vortäuschen. 

Stern von Bethlehem
Dies ist ein vereinfachtes Diagramm eines hypothetischen interplanetaren Objekts („C“), das sich in der Nähe der Erde bewegt. Die Indizes beziehen sich auf seine Position zu den Zeitpunkten t1 bis t7. Für einen festen Standort („P“) auf der sich drehenden Erde würde das Objekt mehrere Stunden lang (t3 bis t5) als „temporäres geosynchrones Objekt“ direkt über diesem Standort stationär erscheinen. (Screenshot; Quelle: S. 391)

Anhand komplexer Bahnberechnungen kommt Matney zu dem Ergebnis, dass ein solcher Komet im Juni 5 v. Chr. scheinbar „stehen blieb“, indem die Kombination aus Erddrehung und Bahnbewegung visuelle Effekte erzeugte, die man mit der biblischen Beschreibung in Einklang bringen kann.

Der Clou dieser Hypothese: Ein Komet, der für mehr als zwei Monate mit bloßem Auge sichtbar war und ungewöhnliche Bewegungsmuster zeigt, wäre für zeitgenössische Sterndeuter mit astrologischem Hintergrund durchaus auffällig gewesen. 

Diese Vorstellung passt besser zur biblischen Erzählung als einfache Sterne oder Konjunktionen, die sich regulär über den Himmel bewegen. 

Warum andere Erklärungsversuche des Weihnachtssterns ins Leere laufen

Andere prominente Hypothesen wie Supernovae oder Planetenkonjunktionen haben ebenfalls ihre Schwächen. 

  • Supernovae hinterlassen Überreste, die wir heute als Nebel beobachteten, doch für die Zeit um Jesu Geburt gibt es keine eindeutigen Funde. 
  • Konjunktionen sind zwar physikalisch real, aber visuell oft unspektakulär – und sie „leiten“ niemanden über Hunderte Kilometer, wie es in der Bibel beschrieben wird.
  • Sternschnuppen fallen aus, weil sie viel zu kurz sind. 

Wenn man’s also überlegt, ist ein Komet schon die beste Erklärung für die angeblichen Sichtungen. 

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass eine der wegweisendsten Darstellungen des „Dreikönigssterns“ aus der Hand des italienischen Malers Giotto di Bondone stammte: Er malte den Stern von Bethlehem im Jahr 1301 mit Kometenschweif – kurz zuvor hatte er den alle 75 Jahre wiederkehrenden Halleyschen Kometen gesehen und entschied sich bei seinem Fresko (in Padua) für eine ebensolche Erscheinung des Sterns von Bethlehem.

Giotto-di-Bondone_Stern-von-Bethlehem_Anbetung der Könige_1301
Der Stern mit Kometenschweif befindet sich bei Giottos Fresko über dem Stalldach

Stern der Weisen: Astrologie vs. Astronomie

Einige Forscher wie Michael Molnar argumentieren, dass der biblische Text eher astrologisch als astronomisch zu verstehen sei: Die Sterndeuter könnten eine besondere Planetenstellung interpretiert haben, die politische Bedeutung signalisierte – nicht aber unbedingt eine sichtbare Himmelserscheinung, die wir heute rekonstruieren könnten.

Stern von Bethlehem: Mythos trifft Himmel

Zusammengefasst lässt sich sagen: Es gibt keine wissenschaftlich gesicherte Erklärung dafür, was der „Stern von Bethlehem“ war, wenn man nach einem realen astronomischen Objekt sucht. 

Mehrere Kandidaten – Planetenkonjunktionen, Kometen, Supernovae – stehen im Raum, doch keiner passt perfekt zur biblischen Erzählung oder zu historisch belegten Beobachtungen.

Die neueste Hypothese eines erdnahen Kometen von 5 v. Chr. ist faszinierend und kommt den Beschreibungen bei Matthäus am Nächsten. 

Als Beleg für die weiteren übernatürlichen Geschehnisse lässt sich diese astronomische Hypothese natürlich nicht heranziehen – sollte sie zutreffen, wird damit punktuell einer der zahllosen Widersprüche der Bibel mit den Erkenntnissen moderner Forschung in Einklang gebracht. Mehr aber auch nicht.

Jesus im Zerrspiegel: Die verborgenen Widersprüche in der Bibel und warum es sie gibt
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