Cargo-Kult: Wenn eine Gruppe Männer auf einer Südseeinsel einen symbolischen Flugplatz baut … Der Begriff Cargo-Kult bezeichnet Glaubenssysteme, in denen materielle Güter („Cargo“) als heilige oder göttliche Geschenke betrachtet werden.
Diese Bewegungen entstanden vor allem in indigenen Gesellschaften in Melanesien. Besondere Bekanntheit erlangten sie aufgrund des Pazifikkriegs (die kriegerische Auseinandersetzung von USA und Japan im Pazifikraum während des 2. Weltkriegs).

Was ist ein Cargo-Kult?
Der Begriff Cargo-Kult bezeichnet Glaubenssysteme, in denen materielle Güter („Cargo“) als heilige oder göttliche Geschenke betrachtet werden.
Diese Bewegungen entstanden vor allem in indigenen Gesellschaften Melanesiens, die plötzlich mit der US-amerikanischen Zivilisation konfrontiert wurden, ohne deren wirtschaftliche und technologische Strukturen zu verstehen.
Das lag daran, dass etwa die US-Armee und -Marine massenweise Kriegsmaterial und Nachschubgüter auf den Inseln abwarfen. Mitunter erschien die „Cargo“ auch als Treibgut.
In der Vorstellung der Indigenen hatten die US-Amerikaner einen besonderen Draht zu den Ahnen – denn nur diese wären mächtig genug, um solche Reichtümer zu verteilen.
Nach dem Abreißen des Nachschubs bei Kriegsende versuchte man durch kultische Handlungen entsprechend, den begehrten Warennachschub wieder in Gang zu setzen.
Die Menschen begannen, Rituale nachzuahmen, von denen sie annahmen, dass sie die begehrten Güter herbeiführen würden – etwa den Bau von Landebahnen, Funkmasten oder Holzflugzeugen.

Ursprung und historische Hintergründe der Cargo-Cults
Cargo-Kulte entstanden aber schon zuvor – hauptsächlich in Regionen, in denen isolierte indigene Gesellschaften durch Kolonialismus, Handel oder Militärinterventionen mit moderner Technologie konfrontiert wurden.
Ohne den industriellen Hintergrund dieser Waren zu kennen, entwickelten sie religiöse Erklärungen für deren Existenz.
Vergleichbar ist dies durchaus mit anderen Religionen, in denen zum Beispiel wegen mangelnder Erklärungen von Naturphänomenen wie Blitz, Donner, Erdbeben oder Sintfluten ein „Gott“ für diese Geschehnisse verantwortlich gemacht wurde.
Cargo-Kulte im Pazifikraum
Besonders bekannt sind Cargo-Kulte in Melanesien, einer Region im Pazifik, die während des Zweiten Weltkriegs eine zentrale Rolle spielte.
Soldaten der USA und Japans errichteten dort Stützpunkte und versorgten ihre Truppen mit Lebensmitteln, Kleidung und Werkzeugen – für die Einheimischen scheinbar aus dem Nichts.
Nach dem Krieg verschwanden die Soldaten, und mit ihnen die Lieferungen. In dem Glauben, dass bestimmte Rituale die Rückkehr der „Cargo-Geber“ bewirken könnten, begannen einige Gruppen, militärische Abläufe zu imitieren: Sie marschierten in Formationen mit Gewehren aus Bambus, errichteten symbolische Start- und Landebahnen und funktelegrafenähnliche Konstruktionen aus Holz und Stroh.
Der erste Cargo-Kult war die Mansren-Koreri-Bewegung. Erwähnenswert sind zudem …
- der Vailala-Wahn, der die Ankunft eines mit wertvoller Fracht beladenen Geisterschiffs vorhersah (erfahre hier mehr darüber),
- die Yali-Bewegung (ab 1939 in Papa-Neuguinea), die umfangreiche Warenlieferungen der „Weißen“ prophezeite sowie
- die John-Frum-Bewegung (ab 1940) auf Tanna, die vermutlich auf eine Begegnung der Inselbewohner mit einem US-Amerikaner zurückgeht („John from America“ …). Es gibt einen Feiertag (15. Februar) und die Erwartung, dass John als Heilsbringer dem Vulkan Yasur entsteigen werde.
- Ausgehend von John Frum gab es auch einen Kult um den englischen Prinzgemahl Philip, welcher als dessen Bruder angesehen wurde. Einige Stammesmänner besuchten sogar die englische Hauptstadt.

(Bild: Christopher Hogue Thompson, CC BY-SA 3.0)
Begegnung mit westlicher Technologie
Als Kolonialmächte und Militärstützpunkte in entlegene Regionen vordrangen, erlebten indigene Gruppen eine plötzliche Konfrontation mit moderner Technik – von Waffen über Kleidung bis hin zu Flugzeugen.
Da sie keinen kulturellen Rahmen hatten, um die Herkunft und Funktionsweise dieser Dinge zu verstehen, sahen sie darin nicht das Ergebnis industrieller Produktion, sondern göttliche oder magische Artefakte.

Cargo-Kulte in der modernen Welt
Wer glaubt, Cargo-Kulte seien eine skurrile Randerscheinung, die nur in abgeschiedenen Inselgemeinschaften existieren, sollte einen genaueren Blick auf die großen Weltreligionen oder bekannter Sekten werfen.
Auch dort beruhen Glaubenssysteme auf der Erwartung übernatürlicher Geschenke:
- Christentum: Ein jüdischer Zimmermann stirbt, steht von den Toten auf und verspricht ewiges Leben, wenn man symbolisch sein Blut trinkt und seinen Körper isst.

- Islam: Ein Händler aus Arabien erhält durch einen Engel die ultimative Wahrheit, die für alle Zeiten gültig ist – inklusive detaillierter Vorschriften zur Bartlänge und zum Verhalten von Frauen.
- Hinduismus: Millionen von Göttern mit Elefantenköpfen oder mit multiplen Armen bestimmen über das Schicksal der Menschen – je nachdem, was diese in einem früheren Leben getan haben.
- Scientology: Aliens haben unsere Seelen mit negativen Energien verseucht, aber gegen eine „kleine“ Spende kann man sich davon befreien.
- Mormonen: Ein Engel erscheint und übergibt einem überführten Betrüger eine Reihe goldener Platten, die er aber niemandem zeigen darf.
Verglichen damit wirkt der Glaube an unsichtbare Flugzeuge und heilige Funkgeräte nicht wesentlich absurder.
Wissenschaft, Esoterik und Pseudoreligionen
Cargo-Kulte sind keineswegs auf indigene Gesellschaften beschränkt – moderne Esoterik und Pseudoreligionen funktionieren oft nach ähnlichen Mustern.
Statt Flugzeugen erwartet man heute außerirdische Rettungsschiffe, statt Funkmasten bauen Menschen „Energiepyramiden“, um kosmische Kräfte anzuzapfen. Kennen wir aus esoterischen Kreisen zur Genüge – nur dass hier meist noch irgendein Manfred abkassiert.

Der Glaube, dass bestimmte Rituale oder Glaubensakte materiellen oder spirituellen Wohlstand bringen, ist tief in der menschlichen Psyche verankert.
So versprechen manche Sekten, dass finanzielle Spenden zu himmlischen Segnungen führen – ein Prinzip, das sich kaum von der Vorstellung unterscheidet, dass das Nachahmen militärischer Zeremonien göttliche Güter herbeiführt.
Parallelen zu anderen Glaubenssystemen
Betrachtet man die großen Weltreligionen, zeigt sich, dass Cargo-Kulte im Kern nichts anderes tun als etablierte Glaubenssysteme: Sie ordnen unerklärliche Phänomene einer höheren Macht zu und erwarten für ihre Hingabe Belohnungen.
In gewisser Weise sind Cargo-Kulte eine Art „Religion im Zeitraffer“, da sie innerhalb weniger Jahrzehnte entstehen, während klassische Religionen über Jahrhunderte gewachsen sind.
Die Absurdität ist jedoch überall dieselbe: Menschen tun Dinge, die nachweislich keinen direkten Effekt haben, in der Hoffnung, dass eine höhere Macht sie mit Wohlstand oder Heil belohnt. Ob es nun um das Paradies im Islam, das ewige Leben im Christentum oder spirituelle Erleuchtung im Hinduismus geht – der grundlegende Mechanismus ist derselbe.
Fazit: Cargo-Kulte als Spiegel menschlicher Religiosität
Cargo-Kulte sind kein bizarrer Sonderfall entlegener Inselgesellschaften – sie offenbaren vielmehr Grundmechanismen religiösen Denkens. Die Muster sind immer gleich: Eine übergeordnete Macht wird für unerklärliche oder begehrenswerte Phänomene verantwortlich gemacht, und durch bestimmte Rituale soll ihr Wohlwollen gesichert werden.
Ob es sich dabei um Inselbewohner handelt, die Landebahnen für göttliche Flugzeuge errichten, oder um Gläubige, die Brot und Wein für den Leib und das Blut eines uralten jüdischen Zimmermanns halten, ist letztlich nur eine Frage der kulturellen Prägung.
Cargo-Kulte zeigen in überspitzter Form, wie tief verwurzelt der menschliche Wunsch ist, eine Ordnung hinter dem Chaos zu erkennen – selbst wenn diese Ordnung in Wirklichkeit nur eine Projektion ist. Wer über die angebliche Absurdität von Cargo-Kulten lacht, sollte sich fragen, wie logisch seine eigene Religion eigentlich ist.

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