Der Begriff „Sekte“ wird oft für religiöse Gruppen verwendet, die sich von einer etablierten Religion abgespalten haben. Doch eine klare, allgemein gültige Definition einer „Sekte“ gibt es nicht.
Zum Begriff „Sekte“
Ursprünglich stammt das Wort aus dem Lateinischen („secta“), was so viel wie „Richtung“ oder „Lehre“ bedeutet.
Heute hat es einen stark negativen Beigeschmack und wird meist für autoritäre, kontrollierende oder gefährliche religiöse Bewegungen verwendet.

Während eine Religion gesellschaftlich anerkannt und oft staatlich privilegiert ist, gilt eine Sekte als abweichend, klein und häufig problematisch. Doch wer entscheidet, was eine „echte Religion“ ist, was eine Spaßreligion und was eine Sekte?
Die juristische Definition von Sekten
Rein rechtlich gibt es in Deutschland keine offizielle Definition des Begriffs „Sekte“.
Stattdessen wird zwischen Religionsgemeinschaften, Weltanschauungsgemeinschaften und nicht-religiösen Organisationen unterschieden.
Wenn eine Gruppe als extremistisch, wirtschaftlich betrügerisch oder gesundheitsschädlich agiert, kann der Staat einschreiten – aber nicht, weil sie eine „Sekte“ ist, sondern wegen konkreter Rechtsverstöße.
Beispiele für staatliche Maßnahmen gegen problematische Gruppen:
- Scientology gilt als wirtschaftliches Unternehmen und wird vom Verfassungsschutz beobachtet.
- Die Zeugen Jehovas standen lange in der Kritik wegen ihrer Haltung zu Bluttransfusionen und sozialer Abschottung, wurden aber 2006 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.
- Streng religiöse Gruppierungen wie die Zwölf Stämme wurden wegen Kindesmisshandlungen behördlich verfolgt.

Sektenmerkmale – woran erkennt man problematische Gruppen?
Nicht jede kleine Glaubensgemeinschaft ist gefährlich, aber bestimmte charakteristische Merkmale treten bei Sekten besonders häufig auf:
1. Autoritäre Führung
Eine zentrale, unfehlbare Führungsperson gibt vor, was „wahr“ ist. Kritik oder Widerspruch sind nicht erlaubt. Dogmen haben die Anhänger gefälligst unwidersprochen zu schlucken – das kennt man ja auch von mancher etablierter Konfession.
2. Absolutheitsanspruch
Die Sekte betrachtet sich als alleinige Hüterin der Wahrheit und warnt davor, sich mit anderen Lehren zu beschäftigen. Kennt man ebenfalls aus den zehn Geboten und auch vom Islam – eigentlich von allen monotheistischen Religionen, da diese ja einen universellen Wahrheitsanspruch ausüben.
3. Soziale Kontrolle und Abschottung
Sekten fordern oft die Trennung von „Ungläubigen“, einschließlich Familie und Freunden. Kontrolle erfolgt durch Gruppenzwang und Denunziation.

4. Finanzielle Ausbeutung
Mitglieder werden dazu gedrängt, hohe Spenden zu leisten oder ihre gesamte Existenz der Gruppe zu widmen. Dies geschieht manchmal auch entlang gewisser Prophezeiungen, wie zum Beispiel der sogenannten Entrückung, wie sie etwa von evangelikalen Christen erwartet wird.
5. Psychische Manipulation und Angst
Sekten nutzen Schuldgefühle, Weltuntergangsängste oder Drohungen mit Verdammnis, um ihre Mitglieder gefügig zu halten. Lies dazu auch:
Religion vs. Sekte – eine Frage der Macht?
Die Grenze zwischen „anerkannten Religionen“ und Sekten ist fließend. Historisch gesehen begann jede große Religion als Sekte.
Das frühe Christentum war eine jüdische Splittergruppe, der Protestantismus eine abgespaltene Strömung des Katholizismus. Der Unterschied ist oft nur eine Frage der Macht und gesellschaftlichen Akzeptanz.

Während der Staat etwa die katholische Kirche mit Steuermitteln finanziert, gelten kleinere Gruppen mit ähnlichen Dogmen als sektenhaft.
Ist es wirklich weniger problematisch, wenn eine große Kirche mit Angst vor der Hölle arbeitet, als wenn eine kleine Sekte dasselbe tut?
Sektenbeauftragte und Sekten-Hilfetelefone in Deutschland
Falls du dich in einer Sekte befindest oder in einer Glaubensgemeinschaft, die dich wirtschaftlich oder anderweitig ausbeutet und unterdrückt, kannst du dir Hilfe holen.
Ironischerweise werden viele Sektenbeauftragte von den christlichen Diözesen und Bistümern gestellt. Diese liste ich hier nicht auf, weil das wäre, als ob man den Teufel mit dem Beelzebub verjagt.
Säkulare Sektenberatung
In Deutschland gibt es aber zum Glück auch verschiedene säkulare Sekten-Beratungsstellen, die Unterstützung im Umgang mit sogenannten Sekten und konfliktträchtigen Gruppierungen bieten. Hier sind einige dieser Einrichtungen aufgelistet:
- SektenInfo (Berlin)
Staatliche Beratungs- und Informationsstelle zu sogenannten Sekten und konflikthaften Angeboten. Sie bietet individuelle Beratung für Betroffene, Angehörige und Institutionen. - Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. (Essen)
Verein, der Information und Beratung zu neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften sowie Psychogruppen anbietet. Die Beratung ist freiwillig und kostenlos. - Ausstieg e.V.
Anlaufstelle für Menschen, die eine Sekte oder einen Kult verlassen möchten oder verlassen haben, sowie für betroffene Angehörige. - Atheist Refugee Relief – Säkulare Flüchtlingshilfe
Organisation, die säkulare Flüchtlinge unterstützt und ihnen bei der Integration hilft. - Scientology-Krisenberatungsstelle beim Bayerischen Landesjugendamt
Beratungsstelle für Betroffene und Aussteiger der Scientology-Organisation sowie für Angehörige von Mitgliedern.
Sekten: Kampfbegriff ohne klare Definition
„Sekte“ ist weniger eine neutrale Definition als ein Kampfbegriff, der vor allem von etablierten Religionen und politischen Institutionen benutzt wird, um Abweichler zu stigmatisieren.
Mit einiger Berechtigung könnte man aus atheistischer Sicht demnach behaupten, jede Religion sei eine Sekte. Problematisch wird es spätestens, wenn Gruppen Menschen manipulieren, isolieren oder finanziell ausbeuten – und das kann bei kleinen Sekten genauso passieren wie bei großen Weltreligionen.

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