Wie gläubig sind Wissenschaftler?

Wie religiös sind Wissenschaftler? Zur Gläubigkeit von Forschenden

Es vergeht kaum eine apologetische Debatte, in der nicht das rhetorische Ass aus dem Ärmel gezogen wird: „Aber selbst der berühmte Physiker X hat an Gott geglaubt!“ Oder: „Die moderne Wissenschaft beweist die Schöpfung!“ 

Die theistische Logik dahinter ist ebenso schlicht wie durchschaubar. Wenn die strahlenden Geister im Labor an ein höheres Wesen glauben, dann kann der Glaube doch kein hanebüchener Unsinn sein, oder?

Mit dieser Masche soll dem religiösen Dogma der Glanz empirischer Seriösität verliehen werden. Doch zwischen theokratischen Wunschträumen und der statistischen Realität in den Hörsälen klafft eine gewaltige Lücke.

Empirische Daten: Was internationale und regionale Studien offenbaren

Statt sich auf Anekdoten zu verlassen, lohnt sich ein Blick auf die empirische Soziologie. Wenn man Forschende anonym befragt, zeigt sich ein gänzlich anderes Bild als das von Theisten gezeichnete.

Schon 1914 untersuchte der US-Soziologe James H. Leuba die Religiosität von Forschenden und stellte fest: Je angesehener die Wissenschaftler, desto geringer ihr Glaube.

Rice-University-Studie (RASIC)

Die bisher umfassendste internationale Untersuchung wurde von der Soziologin Elaine Howard Ecklund geleitet und im Journal Socius veröffentlicht. Sie befragte über 9.000 Biologen und Physiker in acht verschiedenen Ländern und Regionen. 

Die RASIC-Studie zeigte enorme geografische Abweichungen. Sie lässt sich mit allen methodischen Tabellen und Ländervergleichen als PDF direkt auf ResearchGate unter Religion among Scientists in International Context (2016) abrufen.

  • In Frankreich und Großbritannien ist demnach die Mehrheit der Forscher atheistisch oder agnostisch geprägt.
  • In den USA bezeichneten sich 30 bis 35 Prozent der Wissenschaftler*innen als Atheisten (das ist das Siebenfache im Vergleich zu den nur circa 5 Prozent in der US-Gesamtbevölkerung).
  • In der Türkei, in Indien und Taiwan etwa ist die Mehrheit der Wissenschaftler (über 50 Prozent) gläubig.

Pew-Research-Center-Studie

Das renommierte Pew Research Center führte 2009 eine der am häufigsten zitierten Studien unter den Mitgliedern der American Association for the Advancement of Science (AAAS) durch. Sie bildet die Basis für den Vergleich zwischen verschiedenen naturwissenschaftlichen Fachbereichen (Chemie, Biologie, Physik) und Altersstufen. 

Die Primärquelle und die grafische Aufbereitung der Ergebnisse sind direkt im Bericht des Pew Research Center: Scientists and Belief einsehbar.

Während in der US-amerikanischen Allgemeinbevölkerung damals rund 95 Prozent an Gott oder eine höhere Macht glaubten, lag dieser Wert unter Forschenden nur bei 51 Prozent – wobei lediglich 33 Prozent an einen personalen Gott glaubten.

Deutschland

ALLBUS

Die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) erhebt am GESIS (Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften) seit 1980 regelmäßig repräsentative Daten zu Einstellungen, Werten und Verhaltensweisen in Deutschland. Sie gilt als sozialwissenschaftlicher Goldstandard und erfasst detailliert Variablen wie Gottesglauben, Kirchlichkeit und Vertrauen in die Wissenschaft, aufgeschlüsselt nach formalem Bildungsabschluss.

Die ALLBUS-Daten zeichnen über die Jahrzehnte ein kristallklares Bild: Es gibt eine starke negative Korrelation zwischen der Höhe des formalen Bildungsabschlusses und der individuellen Religiosität. 

Übersetzt bedeutet das: Je länger jemand die Schulbank gedrückt oder Vorlesungen besucht hat, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er theologische Dogmen für bare Münze nimmt. 

Es gibt eine starke negative Korrelation zwischen der Höhe des formalen Bildungsabschlusses und der individuellen Religiosität. 

Personen mit Hauptschulabschluss weisen in der Tendenz eine signifikant höhere Bindung an traditionelle religiöse Vorstellungen auf als Menschen mit Abitur oder einem abgeschlossenen Hochschulstudium. Die Flucht aus den Kirchen ist im akademischen Milieu demnach keine bloße Modeerscheinung, sondern eine konsequente intellektuelle Weiterentwicklung.

Fowid (Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland)

Da es in Deutschland keine Großbefragungen nur für Universitätsprofessoren gibt, behilft sich die empirische Forschung mit Erhebungen in extrem bildungsnahen und kognitiv selektierten Gruppen (Mindest-IQ von 130), die ein starkes Spiegelbild der Wissenschaftselite darstellen.

Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) analysiert in ihrem Datenreport, welche säkularen Strömungen die klassische Religion bei hochgebildeten Menschen ersetzen. Einsehbar direkt bei fowid: Religionsferne Hochbegabte (unter dem entsprechenden Themenschwerpunkt im Datenarchiv).

Die Untersuchung der weltanschaulichen Verteilung unter Hochbegabten in Deutschland zeigt eine überwältigende Säkularisierung, bei der sich rund 72 Prozent der Befragten als Konfessionslose, Agnostiker oder Atheisten identifizieren.

Statistik zur Gläubigkeit von Hochbegabten (MENSA-Studie)

Wie viele Wissenschaftler glauben laut Studien weltweit an Gott?

Die Ergebnisse zeigen eine klare Tendenz: Forschende sind im Schnitt deutlich säkularer als die Gesellschaften, in denen sie leben. 

In Großbritannien identifizierten sich fast die Hälfte der Forschenden als säkular, in Frankreich gaben über 50 Prozent an, niemals an Gott geglaubt zu haben. 

Selbst in traditionell religiösen Ländern wie Hongkong oder Taiwan war der Anteil säkularer Forschender messbar höher als in der Normalbevölkerung.

Aufteilung der Religionszugehörigkeiten nach Fachbereichen 

Ein detaillierter Blick auf die Daten offenbart zudem feine Unterschiede innerhalb der akademischen Disziplinen neben den geografische Eigenheiten.

Psychologie & Sozialwissenschaften (~50 % bis 60 % Atheisten)

Dies ist die atheistischste Gruppe an Universitäten.Psychologen und Soziologen sehen Religion oft als rein psychologischen Bewältigungsmechanismus oder soziales Kontrollinstrument.

Biologie & Lebenswissenschaften (~48 % Atheisten)

Biologen stehen der Idee eines „intelligenten Schöpfers“ statistisch am kritischsten gegenüber. Das Verständnis von Evolution und Genetik ersetzt hier rein materielle Schöpfungsmythen.

Physik & Astronomie (~41 % Atheisten)

Physiker sind messbar gläubiger (oder agnostischer) als Biologen.Die Entdeckung mathematischer Naturgesetze und der Feinabstimmung des Universums führt hier oft zu einer Offenheit für Metaphysik.

Chemie (~39 % Atheisten)

Chemiker bewegen sich im Mittelfeld der Naturwissenschaften. Sie sind tendenziell etwas traditioneller eingestellt als ihre Kollegen aus der Biologie

Informatik & Ingenieurwissenschaften (~33 % Atheisten)

Hier ist der Atheismus am schwächsten ausgeprägt.

Warum sind Sozialwissenschaftler atheistischer als Naturwissenschaftler?

Es gibt ein gängiges Vorurteil: „Wer viel über Atome und Zellen weiß, verliert den Glauben.“ 

Die Statistik zeigt jedoch das Gegenteil. Naturwissenschaftler (die „harten“ Wissenschaften) sind statistisch gesehen religiöser als Geistes- und Sozialwissenschaftler. Dafür gibt es drei Hauptgründe:

  1. Sozialwissenschaftler*innen untersuchen die Religion selbst und entzaubern sie dadurch als menschliches Produkt. Ein Physiker untersucht die Natur – die Religion bleibt für ihn ein privates Thema außerhalb des Labors.
  2. Quantenmechanik und Kosmologie stoßen an die Grenzen des menschlichen Verstandes. Viele Physiker*innen entwickeln dadurch eine philosophische Demut vor dem Unbekannten, die Raum für Spiritualität lässt.
  3. Menschen, die ohnehin skeptisch gegenüber Traditionen und gesellschaftlichen Normen (wie Religion) eingestellt sind, zieht es statistisch gesehen eher in die Soziologie oder Philosophie.

Besonderheiten in Deutschland

In Deutschland ist der Anteil atheistischer Wissenschaftler deutlich höher als im globalen Durchschnitt und liegt bei geschätzten 55 bis 65 Prozent.

Der Hauptgrund dafür ist, dass Deutschland insgesamt eine sehr säkulare Gesellschaft ist. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gilt als nicht-religiös oder konfessionslos, und dieser Trend verstärkt sich im akademischen Milieu zusätzlich.

Das Ost-West-Gefälle in Deutschland

In Deutschland beeinflusst die Geografie die Statistik massiv: Ostdeutschland (Neue Bundesländer) gilt weltweit als eine der Regionen mit dem höchsten Atheisten-Anteil überhaupt (teils über 70 Prozent in der Gesamtbevölkerung). 

Wissenschaftler, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind oder dort forschen, sind statistisch gesehen fast ausnahmslos konfessionslos oder atheistisch.

Westdeutschland ist traditionell religiöser geprägt, was sich auch leicht in den dortigen Universitäten widerspiegelt, obwohl das akademische Umfeld auch im Westen stark säkularisiert ist.

Kultur- und Geisteswissenschaften

An deutschen Universitäten haben die Geistes- und Kulturwissenschaften eine lange Tradition der Religionskritik (geprägt durch Denker wie Karl Marx, Friedrich Nietzsche oder Sigmund Freud).

In der Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Deutschland tendiert die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler zum Atheismus oder Agnostizismus.

Geschichte des Atheismus - Von den Anfängen bis zur Gegenwart
Geschichte des Atheismus
Argumente kontra Religion: Werkzeugkasten für Religionskritik
Methodik des Atheismus
Atheismus: Fünf Einwände und eine Frage (Blaue Reihe)
Einwände gegen Atheismus

Naturwissenschaften und die Kirchensteuer

In Deutschland gibt es ein Phänomen, das es in den USA oder Großbritannien so nicht gibt: Viele deutsche Wissenschaftler sind zwar formell Kirchenmitglieder (oft aus familiärer Tradition oder wegen sozialer Arbeitgeber wie Caritas und Diakonie), bezeichnen sich in anonymen Umfragen inhaltlich aber dennoch als Atheisten oder Agnostiker.

Biologen und Mediziner an deutschen Instituten trennen Beruf und Glauben strikt. Die Evolutionstheorie und die moderne Genetik werden im deutschen Lehrplan völlig unbestritten vorausgesetzt.

Die Ausnahme: Theologische Fakultäten

Eine deutsche Besonderheit im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist, dass evangelische und katholische Theologie als ordentliche, staatlich finanzierte Fachbereiche an staatlichen Universitäten existieren. 

Die dortigen Professoren sind staatliche Lehrkräfte, aber naturgemäß gläubig. Rechnet man diese heraus, sinkt die Gläubigenquote an deutschen Universitäten noch einmal drastisch.

FAQ: Glaube unter Wissenschaftler*innen

Wie ist der Anteil religiöser Wissenschaftler zur Gesamtbevölkerung?

Wissenschaftler sind in fast allen Ländern erheblich weniger religiös als die Allgemeinbevölkerung, in der sie leben. Am extremsten klafft diese Schere in den USA auseinander: Laut Daten des Pew Research Center bezeichnen sich dort nur 30 bis 33 Prozent der Wissenschaftler als religiös, während in der US-Gesamtbevölkerung über 80 bis 95 Prozent an Gott oder eine höhere Macht glauben.

Ändert sich die Einstellung zu Religion, wenn Wissenschaftler älter werden?

Nein, ältere Wissenschaftler sind statistisch gesehen nicht religiöser als ihre jüngeren Kollegen. Daten des Pew Research Center zeigen sogar das Gegenteil: Unter den Nachwuchswissenschaftlern (unter 34 Jahren) liegt der Anteil derer, die an Gott glauben, mit 42 Prozent etwas höher als bei den über 65-jährigen Forschern (32 Prozent).

Glauben Menschen mit Abitur oder Studium seltener an Gott?

Ja. Die ALLBUS-Erhebungen zeigen, dass der Anteil derer, die sich selbst als Atheisten oder Konfessionsfreie bezeichnen, unter Abiturienten und Akademikern am höchsten ist. Wer in seiner Ausbildung gelernt hat, historische Quellen kritisch zu hinterfragen, Logikfehler zu identifizieren und Hypothesen an der Realität zu testen, tut sich naturgemäß schwer damit, eine unsichtbare Vaterfigur im Himmel als Welterklärungsmodell zu akzeptieren.

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