Der metaphysische Naturalismus geht von einer ebenso einfachen wie radikalen Annahme aus: Die Natur ist alles, was existiert.
Keine Götter hinter den Wolken, keine Geister zwischen den Atomen, keine unsichtbaren Welten mit kosmischer Verwaltungsabteilung. Alles, was real ist, gehört zur natürlichen Welt und folgt prinzipiell nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeiten.
Für viele Gläubige klingt das kalt oder „materialistisch“. Tatsächlich ist es vor allem ein Versuch, die Wirklichkeit ohne übernatürliche Zusatzbehauptungen zu erklären. Man könnte auch sagen: dieselbe Welt, nur ohne magische Fußnoten.

Die Illusion verborgener Mächte
Menschen haben jahrtausendelang hinter Blitz, Krankheit und Tod verborgene Mächte vermutet. Vielleicht liegt das an der Tendenz unserer Gehirne, Muster zu erkennen und überall hineinzudeuten.
In der afrikanischen Savanne ist diese „Agent Detection Bias“ gut fürs Überleben. Bei der Suche nach dem Grundaufbau der Welt steht sie uns allerdings im Weg.
Die unbegründete Zusatzannahme übernatürlicher Wesenheiten hilft uns hier überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil: Sie führt dazu, dass zahllose Menschen bei der Suche nach den Antworten auf die großen Fragen des Lebens in der Sackgasse der Esoterik oder beim Dogmatismus und den Zirkelschlüssen der Religionen landen.

Der metaphysische Naturalismus widerspricht deswegen genau der übernatürlichen Denkweise.
Er sagt, dass es keine übernatürliche Ebene braucht, um die Welt zu verstehen. Keine Engel schieben die Planeten an, keine Dämonen verursachen Seuchen, Nahtoderlebnisse sind keine „Astralreisen“ und Naturgesetze werden nicht gelegentlich ausgesetzt, weil jemand intensiv genug gebetet hat.
Nochmal zusammengefasst: Der metaphysische Naturalismus räumt radikal mit dem Glauben an das Übernatürliche auf und postuliert, dass alles, was existiert, auf natürlichen Prozessen beruht.
Die Realität besteht demnach aus Materie, Energie, Naturgesetzen und den Strukturen, die daraus entstehen. Das klingt zunächst unspektakulär.
Allerdings erklärt dieses unspektakuläre Weltbild inzwischen mehr über das Universum als sämtliche heiligen Schriften zusammen.
Was ist Metaphysik einfach erklärt?
Um den Naturalismus zu verstehen, müssen wir zuerst das Fundament betrachten, auf dem er steht – oder das er vielmehr einreißen möchte.
Die Metaphysik ist traditionell das Kerngebiet der Philosophie, das sich mit Fragen beschäftigt, die hinter der sichtbaren, physischen Welt liegen.
Ist Metaphysik das gleiche wie Ontologie?
Die Lehre vom Sein und den allgemeinen Strukturen der Wirklichkeit heißt Ontologie. Ontologie fragt: Was gibt es?
Metaphysik ist der umfassendere Überbegriff und schließt neben der Ontologie auch Fragen zu Themen wie Kosmologie, Seele und Gott ein.
Der Begriff der Metaphysik geht auf Aristoteles zurück. Er selbst nannte das Gebiet „Erste Philosophie“. Der Name „Metaphysik“ entstand vermutlich erst später in der Antike (durch Andronikos von Rhodos), als seine Schriften in der Bibliothek nach (griechisch meta) den Abhandlungen über die Natur (der Physik) eingeordnet wurden.
Es geht um das Wesen des Seins, den Ursprung des Universums und die Frage, ob es eine finale Absicht hinter allem gibt.
Wie definieren Philosophen die Metaphysik traditionell?
Jahrhundertelang war die Metaphysik der Spielplatz für Theologen und Gläubige. Sie blickten in den Himmel und behaupteten, dass hinter den Sternen ein Schöpfergott sitzt, der die Fäden zieht.

In der westlichen Wissenschaft ist mit dem Schöpfergott stets „Jahwe“ gemeint.
Ihr wisst schon. Einst Wettergott, dann Hauptgott („Henotheismus“), dann „einziger“ Gott.

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Warum die klassische Metaphysik oft in den Irrgarten des Glaubens führt
Das Problem an dieser traditionellen Herangehensweise? Metaphysik suchte nach dem „großen Ganzen“, nach einer absoluten Wahrheit, die sich der empirischen Messung entzieht.
Wer aber die physische Welt verlässt, um Wahrheiten zu finden, landet unweigerlich im Reich der Märchen und Mythen.
Ohne die Leitplanken der Evidenz wird die Metaphysik schnell zum Freifahrtschein für Dogmen, Geisterglauben und religiöse Wunschvorstellungen. Sie deklariert das Unwissen einfach zum „göttlichen Geheimnis“. Das führt zu einigen logischen Problemen.
Und es führt zudem in die Beliebigkeit – denn behaupten kann man schließlich von allen Göttern, sie seien die Schöpfer der Welt und die „Ursache“ von allem.
Die Dogmen der Gläubigen erklären alles und nichts: Weil die Behauptungen und Setzungen der Theologen nicht falsifizierbar sind, sind sie eben auch austauschbar: Wie entscheidet man, welche Religion wahr ist?
Kein Wunder also, dass einige gewitzte Religionskritiker genau das tun: Sie behaupten einfach metaphysische Wesen wie das Fliegende Spaghettimonster oder das Unsichtbare rosa Einhorn.
Widerlegen lassen sich diese nämlich genauso wenig wie Jesus, die Auferstehung, der Heilige Geist und der „liebe“ Gott Jahwe.
Ist Naturalismus eine Metaphysik?
Hier wird es philosophisch pikant. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Widerspruch in sich: Wie kann eine Philosophie, die sich rein auf die Natur beruft, eine Metaphysik sein?
Die Antwort ist simpel: Der Naturalismus formuliert eine fundamentale Aussage über die gesamte Struktur der Realität.

Warum auch die Ablehnung des Übernatürlichen eine metaphysische Aussage ist
Wenn der Naturalismus behauptet, dass es keine Geister, keine Götter, keine Nephilim, keinen Himmel und keine Hölle und kein Jenseits gibt, dann ist das eine fundamentale These über das Sein an sich.
Es ist gewissermaßen die endgültige Entzauberung der Metaphysik mit ihren eigenen Waffen – eine Metaphysik, die sich selbst und alle anderen Metaphysiken überflüssig macht.
Der Unterschied zwischen methodischem und metaphysischem Naturalismus
Die Wissenschaft nutzt den methodischen Naturalismus: Sie arbeitet im Labor so, als gäbe es keine Wunder – weil man mit Wundern nun mal keine Medikamente entwickeln kann.
Der metaphysische Naturalismus geht einen Schritt weiter. Er zieht das Fazit aus Jahrhunderten der Forschung und erklärt die Abwesenheit des Übernatürlichen zum universellen Fakt.

Was ist die naturalistische Position in der Philosophie?
Die naturalistische Position lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Die Natur ist alles, was existiert, und die Naturwissenschaften sind das einzige verlässliche Werkzeug, um diese Realität zu entschlüsseln.
Für Götterzirkus, Schöpfungsmythos und Offenbarung ist in diesem Weltbild schlicht kein Platz.
Ist Naturalismus falsifizierbar?
Wenn wir der Theologie vorwerfen, ihre Behauptungen seien nicht falsifizierbar, müssen wir diese Frage auch an den Naturalismus stellen. Hier wird wieder die Unterscheidung wichtig, ob wir ihn metaphysisch oder methodisch verstehen.
Als metaphysische Doktrin, dass das Übernatürliche prinzipiell unmöglich ist, ist der Naturalismus nicht falsifizierbar.
Der methodische Naturalismus ist hingegen falsifizierbar: Wenn nämlich Phänomene beobachtet würden, die sich eindeutig, wiederholbar und zweifelsfrei nicht durch Naturgesetze, Raum-Zeit-Beziehungen oder Materie/Energie erklären lassen (z. B. Engel oder Dämonen, die physikalische Naturgesetze systematisch und dauerhaft außer Kraft setzen).
Solche eindeutigen Beweise für das Übernatürliche konnten jedoch bisher nicht erbracht werden.
Warum die Wissenschaft die einzige Quelle echter Erkenntnis ist
Für einen Naturalisten entspringt Wissen nicht dem Gebet oder der Meditation, sondern der der Forschung. Ob Gehirnströme, Quantenphysik oder Evolution – alles folgt Naturgesetzen.
Wer etwa behauptet, durch „Erleuchtung“ oder „Offenbarung“ fundamentale Wahrheiten über das Universum erfahren zu haben, leidet vielleicht nicht nur an einer Überdosis selektiver Wahrnehmung, sondern hat noch ein ganz anderes Problem: Weil diese subjektiven Phänomene für andere Personen nicht intersubjektiv nachvollziehbar sind, können sie auch nicht plausibel gemacht werden.
Das Gegenüber hat keinen Grund, sie für wahr zu halten (außer „Trust me, Bro“). Es könnten anstelle des brennenden Dornbuschs ja auch schlichte Wahnvorstellungen oder Halluzinationen gewesen sein.

Die Naturwissenschaften hingegen liefern uns extrem präzise Erklärungen für empirische Phänomene. Ihre Stärke beruht auf vier Prinzipien:
- Empirische Überprüfbarkeit
Hypothesen müssen sich an der messbaren Realität überprüfen lassen können. - Falsifizierbarkeit
Wissenschaftliche Theorien sind so formuliert, dass sie widerlegt werden können, wenn neue Daten auftauchen. - Reproduzierbarkeit
Experimente müssen unter gleichen Bedingungen von anderen Forschern wiederholt werden können. - Selbstkorrektur
Die Wissenschaft entwickelt sich weiter und verwirft alte Irrtümer zugunsten besserer Erklärungen
Wie der Naturalismus den menschlichen Geist ohne Seele erklärt
Besonders schmerzhaft für Gläubige: Auch der menschliche Geist verliert im Naturalismus seinen mystischen Status.
Das, was Religionen gern als unsterbliche „Seele“ verkaufen, ist nach biologischen Erkenntnissen nichts weiter als das komplexe Produkt unseres zentralen Nervensystems.
Das Bewusstsein ist ein Strom mentaler Repräsentationen, eine Art Bühne der aktiven Informationsverarbeitung des Gehirns, der es uns erlaubt, Reize aus der Umwelt und dem eigenen Körper gezielt wahrzunehmen und flexibel darauf zu reagieren.
Stirbt das Gehirn, stirbt das Bewusstsein.

Grausam? Vielleicht für Romantiker.
Aber es ist die biologische Realität.
Was sind die Merkmale des Naturalismus?
Um den metaphysischen Naturalismus klar von religiösen oder idealistischen Strömungen abzugrenzen, lassen sich einige feste Kernmerkmale definieren. Diese Kriterien zeigen deutlich, warum diese Denkschule so unbarmherzig mit religiösen Illusionen aufräumt.
Das Prinzip der kausalen Geschlossenheit der Welt
Dieses Merkmal besagt, dass jedes physische Ereignis auch eine physische Ursache hat.
Wenn ein Blitz einschlägt, ist das keine Strafe Gottes, sondern das Resultat elektrostatischer Aufladung.

Es gibt keine „Löcher“ im Gewebe der Realität, durch die ein Schöpfergott hindurchgreifen und durch Wunder die Naturgesetze aushebeln könnte.
Der strikte Materialismus und der Verzicht auf finale Teleologie
Alles besteht aus Materie und Energie – das ist das Credo. Zudem erteilt der Naturalismus der Teleologie, also der Lehre von einem von Gott vorgegebenen Lebenssinn oder Weltzweck, eine Absage.
Das Universum hat keinen Plan für uns.
Die Evolution steuert auf kein „höheres Ziel“ zu; sie adaptiert lediglich. Sinn ist kein kosmisches Gut, sondern etwas, das wir Menschen uns selbst erschaffen müssen.

Was ist die Gegenposition zum Naturalismus?
Wer den Naturalismus ablehnt, landet meist im Lager des Supranaturalismus oder des Dualismus.
Diese Positionen klammern sich mehr oder weniger verzweifelt an die Vorstellung, dass die materielle Welt nicht alles sein kann – meist aus der tiefen psychologischen Angst heraus, mit dem Tod endgültig zu verschwinden.
Der Supranaturalismus und die Flucht in die Welt der Geister
Die klassische Gegenposition ist der Supranaturalismus, der das Fundament aller theistischen Religionen bildet.
Hier wird behauptet, dass es eine Dimension oberhalb der Natur gibt, die von Göttern, Dämonen oder Engeln bevölkert wird.
Beweise dafür? Seit Jahrtausenden Fehlanzeige.
Stattdessen verweist man auf jahrhundertealte Schriften, die von Hirten in der Bronzezeit verfasst wurden.
Warum der Substanzdualismus an der modernen Neurobiologie scheitert
Eine weitere Gegenposition ist der kartesische Dualismus, der Körper und Geist strikt trennt (Wiki). Doch diese Idee ist ein philosophisches Überbleibsel des 17. Jahrhunderts.
Die moderne Neurobiologie zeigt jeden Tag auf Operationstischen und in MRT-Scannern, dass eine Veränderung der physischen Gehirnmaterie das gesamte Wesen eines Menschen verändert. Eine immaterielle Seele, die unabhängig vom Körper existiert, ist empirisch nicht haltbar.
Was spricht für und gegen Naturalismus?
Wie schlägt sich der metaphysische Naturalismus nun im direkten Argumentations-Check? Wenn wir die Waagschale der Logik und der Evidenz heranziehen, wird schnell klar, welche Position triumphiert.
Praxis: Die unschlagbaren Erfolge der Wissenschaft als stärkstes Argument
Das mächtigste Argument für den Naturalismus ist seine immense Praktikabilität. Die Annahme, dass die Welt rein natürlich funktioniert, hat uns Penicillin, die Raumfahrt und das Internet beschert.
Religionen und metaphysische Spekulationen haben uns hingegen Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und die systematische Unterdrückung des freien Denkens gebracht.
/meme ritter
Die Erklärungskraft des Naturalismus wächst täglich, während der Raum für Gott immer kleiner wird („Lückenbüßergott“).
Welche Scheinargumente Kritiker gegen das naturalistische Weltbild anführen
Kritiker werfen dem Naturalismus gern vor, er sei „kalt“, „nihilistisch“ oder könne das Phänomen des Bewusstseins (das sogenannte „Hard Problem of Consciousness“) nicht erklären.
Doch das ist ein klassischer Fehlschluss: Nur weil die Wissenschaft ein Rätsel jetzt noch nicht vollständig (!) gelöst hat, bedeutet das nicht, dass die Antwort „Gott“ lautet.
Es bedeutet lediglich, dass wir weiter forschen müssen, anstatt vor dem Unbekannten auf die Knie zu fallen.

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