Die Schöpfungsgeschichte der Bibel

Schöpfungsgeschichte

Die Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift

Als Schöpfungsgeschichte (auch “Schöpfungsbericht”) der Priesterschrift bezeichnet man den Text der Bibel, der sich im Buch Genesis mit der Entstehung der Welt befasst.

Grundlegend für den Text ist die Erschaffung von Himmel und Erde durch den israelitischen Gott “Jahwe” in sieben Tagen. Genauer gesagt, sind es nur sechs Tage, denn am siebten Tag ruht Gott. Entsprechend wird die Schöpfungsgeschichte er Text auch als “Sechstagewerk der Schöpfung” referenziert.

Es ist einer der berühmtesten Texte der Bibel, nicht nur, weil sich aus ihm die ganze Autorität von “Jahwe” als Schöpfergott und speist, sondern auch, weil es der erste Text der christlichen und der hebräischen Bibel ist.

Lassen wir an der Stelle zunächst den Text selbst sprechen. Danach wenden wir uns dem Text kritisch zu und prüfen ihn auf seine Standhaftigkeit. Gehe gleich zur Textkritik.

Zum Nachlesen:
Die Bibel nach Luther
(klicke auf das Buch)

Die Erschaffung der Welt

Erster Tag

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

Zweiter Tag

Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.

Dritter Tag

Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es. Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin. So geschah es. Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.

Vierter Tag

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es. Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne. Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

Fünfter Tag

Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen und Vögel sollen über dem Land am Himmelsgewölbe dahinfliegen. Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war. Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren. Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.

Sechster Tag

Dann sprach Gott: Das Land bringe alle Arten von lebendigen Wesen hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes. So geschah es. Gott machte alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden. Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

Siebter Tag

So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge. Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.

Die Schöpfungsgeschichte: Textkritik

Wie viele andere Schöpfungsmythen ist auch der jüdische Schöpfungsmythos von hohem literarischen Wert. Allzu wörtlich nehmen sollte man sie freilich nicht, wie ernst man sie letztendlich nimmt, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.

Widersprüche im Schöpfungsbericht

Selbst der vor seiner Kanonisierung sicherlich vielmals redigierte Schöpfungsbericht ist keinesfalls frei von Widersprüchen. Und zwar nicht nur Widersprüche in Bezug auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse – sondern Widersprüche mit sich selbst.

Entsprechend phantasievoll haben sich Exegeten mit der Auslegung des Textes befasst. Gängig ist zum Beispiel die Auffassung, es handele sich nicht um “Tage” im Sinne von Erdentagen, sondern um Zeitalter und Äonen. Dies führt allerdings nur in immer neue Probleme und Widersprüche.

Quellenscheidungstheorie

Die Lektüre der beiden Genesis-Texte, von denen der erste im Wortlaut weiter oben zu finden ist, legt nahe, dass es sich bei der Schöpfungsgeschichte grundlegend um zwei verschiedene Schöpfungstexte gehandelt hat. 

Der literarkritische Ansatz geht davon aus, das Gen 1 aus der Priesterschrift etwa im 5. Jh. vor Christus entstand, Gen 2 jedoch von den “Jahwisten” aus dem 9. vorchristlichen Jahrhundert. 

Diese wurden, so die Annahme, von einem unbekannten Redakteur aneinandergereiht. 

Schöpfungsgeschichte nach Genesis 1 und Genesis 2

Während Genesis 1 das „Sechstagewerk der Schöpfung“ schildert (s. o.), widmet sich Genesis 2 dann ausführlich der Schöpfung des Menschen. Gemeinhin behaupten christliche Exegeten gerne, Gen 2 wäre einfach nur eine “Entfaltung” des sechsten Tages. Hier tun sich allerdings einige Fragen auf, etwa, warum die strikte Chronologie der sechs Tage in Gen 2 mit keinem Wort mehr erwähnt wird.

Auch scheint es unklar, in welcher Reihenfolge die Schöpfungsgeschichte denn nun abläuft. So entstehen bei Gen 1 die Tiere vor den Menschen. In Gen 2 wird zunächst der Mann erschaffen, dann die Tiere und zuletzt die Frau als “Hilfe” des Mannes.

Adam und Eva: Die zweimalige Erschaffung des Menschen

Sowieso erklärungsbedürftig ist, dass die Schöpfung des Menschengeschlechts auf zweierlei Weise stattfindet. So wird der Mensch in Gen 1,26 ff geschöpft, und zwar Mann und Frau gleichzeitig: 

Gen 1,26Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.
Gen 1,27Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.
Gen 1,28Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.
Erst gleichzeitig, dann nacheinander: Ja wie denn nun?

In Gen 2,7 allerdings wird nur der Mann von Gott geschaffen, und zwar aus Erde:

Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. 

Es folgt die bekannte Eva-Schöpfungs aus der Rippe:
Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.

Schöpfungsgeschichte und Wissenschaft

Wenngleich auch die moderne Physik nicht alles versteht und erklären kann und letzten Endes in Singularitäten wie dem Urknall auf momentan noch unüberwindbare Barrieren trifft, lässt sich doch einiges mit Sicherheit sagen: Die Schöpfungsgeschichte der Bibel ist streng antiwissenschaftlich und mit den Erkenntnissen der aktuellen biologischen, physikalischen, astronomischen und kosmologischen Theorien nicht im Ansatz in Einklang zu bringen.

Schöpfungsbericht und Physik

Konkret wird beispielsweise das Licht am ersten Tag “geschaffen” – die dazugehörigen Lichtquellen aber erst am vierten. Was soll das bedeuten – schuf Gott am ersten Tag nur den Welle-Teilchen-Dualismus und legte die Lichtgeschwindigkeit fest?

Dass Religion und insbesondere die katholische Kirche sich im Lauf der Jahrhunderte als stete Kämpferin gegen wissenschaftliche Forschung und Empirik hervorgetan hat, muss nicht weiter beleuchtet werden: Die Schicksale von Giordano Bruno und Galielo Galilei als Pioniere des heliozentrischen Weltbilds sprechen hier Bände. Beide Astronomen wurden im Namen der Kirche als Ketzer verbrannt.

Giordano Bruno – Märtyrer der Gedankenfreiheit
Galileo Galilei:
Glaube oder Wissenschaft

Weltall aus Wasser?

Kurz, nachdem Jahwe das Licht geschaffen hat, baut er nun ein “Gewölbe”, dass das “Wasser von Wasser scheide”. Welches Wasser? Wie dies entstanden ist, bleibt unklar. Es muss aber bei der Schöpfung der Erde wohl mitgedacht werden, denn in Gen 1,2 schwebt der “Gottes Geist (…) über dem Wasser”. Nachfolgend stellt sich heraus, dass das Gewölbe der Himmel ist. Da nun das “Wasser oberhalb des Gewölbes” nun offenbar das Weltall meint, würde dies bedeuten, dass es aus Wasser bestünde. Nun ja.

Mond als Lichtquelle

In Gen 1,16 wird nun über die Entstehung von Sonne und Mond gesprochen. Bemerkenswerterweise entsteht die Sonne erst nach der Erschaffung des Lichts, wie bereits bemerkt. Dass der Mond dabei “leuchtet” und das “Licht von der Finsternis scheidet”, kann nur mit großem Wohlwollen als etwas anderes angesehen werden als als “alternatives Faktum”.

Schöpfung und Biologie

Auch die Schilderung der Tiere im Schöpfungsbericht ruft Stirnrunzeln hervor. Der Text spricht ja davon, dass Pflanzen den Tieren als Nahrung dienen. Von Raubtieren oder sonstigen carnivoren Lebewesen wie etwa fleischfressenden Pflanzen ist nicht die Rede. Wie die Rolle von parasitären Lebewesen zu beurteilen ist, geht aus dem Schöpfungsbericht nicht hervor. Kleinstlebewesen (Viren, Bakterien, Algen, …) finden ebenfalls keine Erwähnung.

Schöpfungsgeschichte und Evolution

Spätestens mit Blick auf die Evolution hat sich die Frage um die Faktizität der Schöpfungsgeschichte erledigt. Erinnern wir uns: Die Evolutionstheorie ist eine millionenfach bestätigte Hypothese, die auf der Entwicklung der Lebewesen in einem Zusammenspiel aus natürlicher Auslese und genetischer Mutation besteht.

Trotz zahlloser Versuche (es würde ja genügen, nur ein einziges Fossil in der falschen Gesteinsschicht zu finden …) wurde Evolution nie falsifiziert. Die Reihenfolge, mit der die Tiere laut Schöpfungsgeschichte entstehen, stimmt allerdings nicht mit den Erkenntnissen der Evolution überein. So können beispielsweise Vögel und Fische nicht gleichzeitig entstanden sein, wie Gen 1,21 dies suggeriert. Fossilberichte von Vögeln reichen etwa 150 Mio. Jahre zurück. Fossilien von Fischen gibt es hingegen seit über 400 Millionen Jahren. Ebenso unzutreffend ist es , dass die “Kriechtiere des Landes” nach den Vögeln entstanden sein können: Reptilien gibt es seit mindestens 315 Millionen Jahren. 

Wenn es jemanden gibt, der mit der notwendigen Klarheit und Eloquenz die absolut erdrückenden Beweise für die Stichhaltigkeit der Evolutionslehre darlegt, so ist dies Richard Dawkins. Klicke auf eines seiner Bücher für eine Vorschau.

Die Schöpfungslüge
Rätsel der Natur
Geschichten vom Ursprung des Lebens

Kreationismus

Eine besonders streng kontrafaktische und geradezu lächerliche Übersteigerung der buchstäblichen Genesis-Auslegung stellt der Kreationismus dar. Kreationisten glauben an die wortwörtliche Wahrheit der Genesis-Schöpfungsgeschichte und extrapolieren aus anderen Bibelstellen sogar einen Zeitpunkt. Demnach ist die Welt nicht älter als 6.000 Jahre (“Young Earth Creationism”). Dazu gehören Auffassungen wie “Intelligent Design”. Glücklicherweise ist Kreationismus hierzulande eine Randerscheinung. In den USA allerdings kämpfen christliche Fundamentalisten jedoch für die Aufnahme kreationistischer Positionen in den Lehrplan – als “Alternative” zur Evolutionslehre.

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3 Kommentare zu „Die Schöpfungsgeschichte der Bibel

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