Tempelgewand Mormonen

Das Tempelgewand der Mormonen: magische Shorts

Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ – besser bekannt als die Mormonen – hat zweifellos ihren Anteil an Kuriositäten, die selbst die schillernde Welt religiöser Exzentrik um einige Pointen bereichern. 

Neben goldenen Platten, mystischen „Cumoms“ und einem als Betrüger verurteilten Propheten, der im Hut orakelt, ist es besonders das mormonische Tempelgewand, das immer wieder für ungläubiges Schmunzeln sorgt. 

Aber was hat es wirklich mit dieser „heiligen Unterwäsche“ auf sich?

Tempelgewand: Glaube im Wäschekorb

Die Ursprünge der Mormonen sind so amerikanisch wie Apfelkuchen – und dabei mindestens so gesüßt mit märchenhaften Elementen. Die Handlung klingt, als ob sie aus der Feder von William S. Burroughs zu Zeiten seines intensivsten Rauschdrogenkonsums stammte. 

Der mormonische Glaube ist wie ein epischer Fantasy-Film mit einer verworrenen Handlung und einem Regisseur, der Joseph Smith heißt: ein Landbursche aus New York, der behauptete, ein Engel namens Moroni habe ihn zu vergrabenen Goldplatten geführt, die die Geschichte eines uralten, biblischen Volkes in Amerika erzählen. Die „Nephiten“, so die hanebüchene Story, seien nach dem Turmbau zu Babel aus dem antiken Mesopotamien nach Amerika gesegelt. Ein Hut übersetzt. In einem überraschenden Plot-Twist, der jeden normalen Menschen zum Schenkelklopfen reizt, bekommt der Hauptprotagonist, Jesus Christus, seine Fortsetzungsgeschichte in Amerika, komplett mit Elefanten und „Cureloms“, die niemand je gesehen hat. Die Nebenrollen? Strikte Verhaltensregeln, geheime Rituale und heilige Unterwäsche, die angeblich alles kann – von geistigem Schutz bis zur Kugelabwehr. Und obwohl die Inszenierung manchmal bizarr und überladen wirkt, ziehen die Mormonen Millionen von Fans an, die fest an die Botschaft glauben, auch wenn sie dabei eine etwas fade Ästhetik präsentieren. Eine Mischung aus surrealem Blockbuster und spirituellem Indie-Drama, mit einer Fanbase, die sich nichts davon ausreden lässt.

Mormonen
Der Engel Moroni vergräbt den „Nephitischen Bericht“ in Amerika

Klingt absurd

Ja, aber absurd war erst der Anfang.

Denn neben den Texten der Goldplatten – die wie eine misslungene Parodie auf die „King-James“-Bibel klingen – hat der mormonische Glaube eine Reihe von Ritualen hervorgebracht, die selbst in der kuriositätenreichen Welt religiöser Bräuche exotisch, wenn nicht sogar lachhaft erscheinen.

„Das Mormonentum, so scheint es mir, ist objektiv betrachtet noch ein bisschen idiotischer, als es das Christentum ist. Es muss so sein – es ist Christentum zuzüglich einiger wirklich dummer Ideen.“

Sam Harris

Beispielhaft sei die „Totentaufe“ genannt, bei der sich Mormonen gegenseitig dabei übertrumpfen, verstorbene Nicht-Mormonen quasi rückwirkend zu taufen – eine Art posthume Missionierung also, für welche die Mormonen eine gigantische Datensammlung auf Mikrofilm in den Rocky Mountains eingebunkert haben. 

Diese sicherlich gut gemeinte Heilsmaßnahme stößt dabei aber nicht immer auf Gegenliebe bei den Hinterbliebenen: Kontroversen gab es beispielsweise bei der Totentaufe von Holocaust-Opfern oder auch bei der von Mahatma Gandhi.

Die Tempelunterwäsche der Mormonen

Nun aber zum Tempelgewand: Das Tempelgewand (engl.: „Temple Garment“) ist eine weiße Baumwollunterwäsche, die von getreuen Mormonen als heilig betrachtet wird. 

Das zweiteilige Garment geht bis zum Knie. Das Oberteil für Frauen hat einen dezenten Ausschnitt. Das Obergewand für Männer ist kurzärmelig.

Tempelunterwäsche Mormonen
Die Tempelunterwäsche ist zweiteilig; hier eine Illustration von Unterteilen, die über dem Knie enden

Zudem gibt es einige aufgestickte Buchstaben und andere Zeichen an neuralgischen Stellen (Nabel, Brust).

Tempelunterwäsche Mormonen
Auf der linken Brustseite ist ein „V“ eingestickt

Symbolisch soll sie Reinheit, Schutz und die Verbundenheit zu Gott verkörpern. Praktisch sorgt sie vor allem für jede Menge verwirrte Blicke – und eine Menge Witze.

Selbst die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ schreibt auf ihrer deutschen Webpräsenz:

„Für Außenstehende wirken die Rituale und Gewänder einer bestimmten Glaubensrichtung vielleicht befremdlich. Aber den Gläubigen, der sie ausführt oder trägt, können sie in tiefster Seele berühren, sie können ihn motivieren, Gutes zu tun, oder ihn sogar zu einem Leben im Dienste Gottes anregen.“

Quelle

Kleidung, Kontrolle und Symbolik des Tempelgewands

Während die meisten Religionen zumindest eine Ahnung von festlicher Pracht in ihren Riten und Gewändern erkennen lassen, halten sich die Mormonen auffällig bedeckt – im wahrsten Sinne des Wortes. 

Das Tempelgewand ist nicht prunkvoll. Äußerlich ist es in der Regel gar nicht sichtbar, auch wenn es Aufnahmen des ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten und bekennenden Mormonen Mitt Romney gibt, auf denen ein merkwürdig geschnittenes Unterhemd unter seinem normalen Hemd zu sehen ist. 

Das mormonische Tempelgewand wird unter der normalen Kleidung getragen, bleibt also eine streng persönliche Angelegenheit. Dennoch ist seine symbolische Bedeutung für die strenggläubigen Anhänger*innen des Mormonentums enorm. Die Gewänder werden Tag und Nacht getragen.

@alyssadgrenfell

A claustrophobic reminder of the most secretive parts of Mormonism 😒 #mormon #lds #exmormon #ldstemple #utahcheck #exmo

♬ original sound – Alyssa Grenfell

Einmal eingeweiht, verpflichtet sich der Träger, die Kleidung stets zu tragen – außer beim Sport, Baden oder, nun ja, in intimen Momenten. Doch hinter dieser Praxis verbirgt sich mehr als bloß ein Ausdruck des Glaubens: Sie wird auch als Mittel der Selbstkontrolle und Disziplin verstanden. Die Kleidung erinnert jeden Tag daran, wer man ist – oder besser, wer man sein soll.

Magischer Schutz dank sakraler Schlüpfer 

Besonderes Schmunzeln ringt interessierten Nicht-Mormonen wohl die Tatsache ab, dass die Tempelgewänder nicht nur als Schutz vor den „Versuchungen“ der übrigen Welt verstanden werden wollen: die ganze mondäne und sündhafte Schlechtigkeit in Form von Alkohol, Drogen, außerehelichem Sex und Borussia Dortmund wird abgeschirmt. 

In der mormonischen Folklore kursieren zudem Geschichten, die der heiligen Tempelkleidung einen beinahe übernatürlichen Schutz zuschreiben. Solche Berichte sind nicht offiziell von der Kirche bestätigt, aber sie sind Teil des mündlichen Überlieferungsschatzes und werden in mormonischen Gemeinschaften gelegentlich erzählt.

Die ganze mondäne und sündhafte Schlechtigkeit in Form von Alkohol, Drogen, außerehelichem Sex und Borussia Dortmund wird abgeschirmt. 

Hier sind einige Beispiele:

Das unversehrte Hemd im Brand

Ein beliebtes Beispiel berichtet von einem Mann, der in einen schweren Hausbrand verwickelt war. Während große Teile seines Körpers Verbrennungen erlitten, blieb die Haut, die von der Tempelkleidung bedeckt war, unversehrt. Dieser Vorfall wurde als Beweis dafür interpretiert, dass das Gewand physischen Schutz bietet.

Die Kugel, die abprallte

Eine weitere Geschichte erzählt von einem Missionar, der während eines Überfalls angeschossen wurde. Die Kugel soll von seiner Tempelkleidung abgelenkt worden sein, sodass er ohne Verletzungen davonkam.

Das Auto, das anhielt

In einer anderen Geschichte wird berichtet, dass ein Mormone bei einem Autounfall auf wundersame Weise unverletzt blieb. Zeugen sollen angeblich behauptet haben, das Auto habe plötzlich gestoppt, als es mit dem Bereich der Tempelkleidung in Berührung kam.

Die Machete im Dschungel

Ein Missionar, der in einem gefährlichen Gebiet tätig war (vielleicht Berlin-Ostkreuz, da stehen die gerne), soll laut der Legende von einem Angreifer mit einer Machete attackiert worden sein. Der Schlag der Waffe traf ihn an der Schulter, doch die Tempelkleidung habe den Hieb abgefangen, sodass er nur einen Kratzer davontrug.

Ich denke, das Muster ist offenkundig. Ähnliche Wundergeschichten kennen wir auch aus dem Katholizismus und anderen christlichen Konfessionen, zum Beispiel die Legende der unversehrten Bibel beim Hausbrand etc.

Tempelunterwäsche zwischen Banalität und göttlichem Bund

Man kann dies alles getrost als kreative Übertreibungen abtun. Die Mormonen selbst aber verteidigen das Tempelgewand vehement. Es sei ein Ausdruck des Bundes mit Gott, sagen sie, und keineswegs ein „magisches“ Kleidungsstück, wie Spötter behaupteten (obwohl Spötter gerade die Wirksamkeit dieser Magie wohl ebenfalls bestreiten dürften).

Humor als Überlebensstrategie

Es ist kaum verwunderlich, dass das Tempelgewand zum Dauerbrenner für Satiriker und Komiker wurde. Vom Broadway-Musical The Book of Mormon bis zu unzähligen Late-Night-Jokes – die heilige Unterwäsche ist in der amerikanischen Popkultur inzwischen fest verankert. 

Und tatsächlich scheinen selbst viele Mormonen dem Thema mit einem Augenzwinkern zu begegnen – so kommt es zumindest auf den Kanälen der zahlreichen Mormonen-Influencer auf Instagram und TikTok rüber.

Mit dem Tempelgewand zwischen Stoff und Segen

Doch der Humor birgt eine ernste Frage: Wie viel Kontrolle übt eine Religion über ihre Mitglieder aus, wenn sie sogar ihre Unterwäsche reglementiert? Ist es wirklich ein Ausdruck von Glauben – oder doch nicht auch ein willkommenes und wirksames Mittel, um persönliche Freiheiten einzuschränken?

Aussteiger*innen berichten von sektenähnlichen Praktiken, hochnotpeinlichen Verhören nach dem Intimleben und Druck von den „Bischöfen“ und von Homophobie. Auch sexuelle Gewalt, Misshandlungen und Kindesmissbrauch kommen vor. Da hört der Spaß dann endgültig auf.

Losing my Religion: Die Mormonen und ich
„Bemerkenswert … Hansens Text schildert eindrucksvoll den Existenzkampf einer lebensverändernden Reise. Wer sich für das Zusammenspiel von Religion und persönlicher Entscheidungsfreiheit interessiert, wird diese Memoiren so freimütig wie aufschlussreich finden.“ – BlueInk Review
Gefangene im Namen Gottes: Meine Flucht aus den Fängen einer Polygamistensekte
„Carolyn Blackmore wird in eine Polygamistensekte hineingeboren, in der Frauen keine Rechte haben. Da diese Gesellschaft mit ihren frauenverachtenden Strukturen von klein auf das Einzige ist, was sie kennt, stellt Carolyn sie niemals in Frage. Bis sie mit 18 dazu gezwungen wird, den 50-jährigen Merril Jessop zu heiraten.“

Der Leidensdruck in der sektenartigen Mormonenkirche kann enorm sein

Du möchtest ab und zu eine Verkündigung? Abonniere hier den Newsletter. 

Entdecke mehr von konfessionen.org

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

×