Ein Fohlen verbrennt tagelang qualvoll in einem Waldbrand, ausgelöst durch einen Blitz, den niemand verschuldet hat (wenn nicht Gott). Eine Schlupfwespenlarve frisst sich lebend durch den Körper einer Raupe, von innen nach außen, damit die Beute möglichst lange frisch bleibt. Ein Rudel Hyänen zerfleischt ein Gnukalb noch während des Geburtsvorgangs, als es noch halb im Geburtskanal steckt.
Seit über 500 Millionen Jahren läuft dieses grotesk grausame Programm auf der Erde – lange bevor es Menschen, Sünde oder freien Willen überhaupt gab.
Wer angesichts dessen noch von einem allmächtigen, allwissenden und vor allem gütigen Schöpfer sprechen will, hat einiges zu erklären. Genau darum geht es in diesem Artikel: um das Theodizee-Problem in seiner unbequemsten Form, dem Leid der Tiere.
Was bedeutet Theodizee beim Tierleid? Die Gretchenfrage an einen allmächtigen Gott
Der Begriff „Theodizee“ geht auf Gottfried Wilhelm Leibniz zurück und bezeichnet den Versuch, Gott angesichts des Leids in der Welt zu „rechtfertigen“ (griechisch theos = Gott, dike = Gerechtigkeit).
Die klassische Formel dahinter ist so alt wie brutal: Wenn Gott das Übel verhindern könnte, es aber nicht tut, ist er nicht gütig. Wenn er es verhindern wollte, es aber nicht kann, ist er nicht allmächtig. Beides zusammen – allmächtig und gütig – scheint mit der Existenz von sinnlosem Leid nicht vereinbar zu sein.
Beim menschlichen Leid haben sich Theologen jahrhundertelang mit Verweisen auf Sünde, freien Willen und ein „höheres Erziehungsziel“ beholfen. Beim Tierleid versagen diese Erklärungsmuster auf ganzer Linie – und genau das macht es zum philosophisch unbequemsten Teilbereich der Theodizee-Debatte.
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Warum ist Tierleid ein eigenständiges Theodizee-Problem?
Tierleid unterscheidet sich vom menschlichen Leid in einem entscheidenden Punkt: Tiere sind, soweit wir wissen, keine moralischen Akteure.
Sie sündigen nicht, sie treffen keine freien Entscheidungen für das Böse, und sie sammeln auch keine „charakterbildenden Erfahrungen“ für ein Leben nach dem Tod, an das die meisten Theologien für Tiere ohnehin nicht recht glauben wollen.
Ein Reh, das bei lebendigem Leib verbrennt, kann nicht büßen, wachsen oder geläutert werden. Es leidet einfach – und stirbt.
Der US-Philosoph William Rowe hat genau dieses Bild verwendet, um zu zeigen, dass es Fälle von intensivem Leid gibt, für die sich kein höherer Zweck erkennen lässt, den ein allwissendes und gütiges Wesen nicht auch ohne dieses Leid hätte erreichen können.

Weshalb der Sündenfall das Leiden der Tiere nicht erklären kann
Die traditionelle christliche Antwort auf das Leid in der Welt ist der Sündenfall: Adam und Eva haben gesündigt, seither ist die Schöpfung „gefallen“, und Leid ist die Konsequenz menschlicher Schuld. Das ist an sich schon problematisch, weil die Wissenschaft das Konzept eines Ur-Elternpaars vor ein paar tausend Jahren rückstandsfrei widerlegt.
Es gibt aber noch ein Problem: Fressen und Gefressenwerden, Parasitismus, Krankheit und Aussterben sind evolutionsbiologisch belegt Milliarden Jahre älter als der Mensch. Dinosaurier haben sich gegenseitig zerfleischt, lange bevor irgendjemand von einem Apfel abbeißen konnte.
Wer den Sündenfall bemühen will, muss entweder die Evolutionsbiologie leugnen – was spätestens seit Darwin intellektuell redlich nicht mehr geht – oder erklären, warum ein gerechter Gott Milliarden Tiere für eine Tat büßen lässt, die noch gar nicht begangen wurde. Beides ist, freundlich formuliert, eine argumentative Bankrotterklärung.
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Von Darwins Wespen bis zum brennenden Reh: Die berühmtesten Tierleid-Argumente gegen Gott
Das Theodizee-Problem beim Tierleid ist keine Erfindung militanter Atheisten des 21. Jahrhunderts. Es hat prominente, teils zutiefst gläubige Vordenker – und wurde durch die Evolutionsbiologie erst richtig scharf gestellt.
Darwins Ichneumoniden-Brief: Warum selbst gläubige Naturforscher zweifelten
Charles Darwin war kein Kämpfer gegen die Religion, aber ein nüchterner Beobachter der Natur. In einem Brief an den Botaniker Asa Gray schrieb er 1860, er könne nicht recht die von anderen behauptete Evidenz für Design und Güte in der Natur erkennen, es scheine ihm schlicht zu viel Elend in der Welt zu geben.
Er könne sich nicht davon überzeugen, dass ein gütiger und allmächtiger Gott die Schlupfwespenfamilie absichtlich so geschaffen habe, dass ihre Larven sich von lebenden Raupen ernähren, oder dass eine Katze mit Mäusen spielen solle.
Bemerkenswert daran: Diese Beobachtung stammt nicht von einem Kulturkämpfer, sondern von einem Naturforscher, der schlicht genau hinschaute – und dem das, was er sah, die Gottesvorstellung seiner Zeit zerlegte.
Die Ichneumoniden – eine Familie mit über 60.000 bekannten Wespenarten – sind bis heute ein Paradebeispiel dafür, wie schwer sich das Konzept von „Design und Güte“ mit der beobachtbaren Natur verträgt. Wer möchte, kann das gern als Designfehler eines nachlässigen Ingenieurs deuten. An einen liebenden, allmächtigen Schöpfer glaubt man danach jedenfalls nicht leichter.
William Rowes Reh im Waldbrand: Das Argument vom „sinnlosen Leid“
Der Religionsphilosoph William Rowe formulierte 1979 eines der einflussreichsten Argumente der modernen Religionskritik, bekannt als das „evidenzielle Argument aus dem Übel“.

Sein Beispiel: Ein Reh wird bei einem durch Blitzschlag verursachten Waldbrand eingeschlossen, erleidet schwerste Verbrennungen und liegt tagelang qualvoll leidend, bis der Tod es erlöst.
Rowes Punkt ist nicht, dass Leid grundsätzlich unerklärlich sei, sondern dass es in diesem konkreten Fall keinerlei erkennbaren höheren Zweck gibt, den ein allwissendes, allmächtiges und vollkommen gutes Wesen nicht auch ohne dieses spezielle Leid hätte erreichen können.
Und wenn ein solcher Fall existiert – und es gibt vermutlich Millionen davon, täglich, überall auf der Welt –, dann spricht das gegen die Existenz eines solchen Wesens.
Die üblichen Gegenargumente berufen sich meist auf den „skeptischen Theismus“: Wir Menschen könnten die Gründe Gottes schlicht nicht erkennen, unser Nichtwissen sei kein Beweis für Sinnlosigkeit. Das mag logisch nicht zu widerlegen sein – es ist aber auch keine Erklärung, sondern eine Kapitulation vor der eigenen Theologie, verpackt als Demutsgeste.
Wie versucht die Theologie, Tierleid zu erklären – und warum die Erklärungen scheitern
Die Theologie hat das Tierleid nicht ignoriert, sondern eine ganze Reihe von Antwortversuchen entwickelt.
Redlicherweise muss man sagen: Manche sind intellektuell durchaus ambitioniert. Überzeugend sind sie trotzdem nicht.
Freier Wille, Prüfung, „einziger Weg“: Die klassischen Theodizee-Modelle
Das Argument vom freien Willen scheidet beim Tierleid von vornherein aus – Tiere treffen keine moralisch relevanten Entscheidungen, gegen die Gott aus Respekt vor der Freiheit nicht eingreifen dürfte.
Auch die „Seelenbildungstheodizee“, wonach Leid den Charakter formt und uns näher zu Gott bringt, greift bei einem Reh im Waldbrand offensichtlich ins Leere.

Bleibt das sogenannte „Nur-ein-Weg“-Argument: Evolution durch natürliche Selektion sei der einzig mögliche Mechanismus, um die Vielfalt und Komplexität des Lebens hervorzubringen – Leid also ein notwendiger, weil alternativloser Preis der Schöpfung.
Das Problem hier: Diese Behauptung ist eine reine Setzung. Sie unterstellt einem angeblich allmächtigen Wesen ausgerechnet an dieser Stelle eine Grenze seiner Macht, die an keiner anderen Stelle der Theologie ernsthaft postuliert wird. Ein Gott, der Wunder wirken, Meere teilen und Tote auferwecken kann, aber angeblich keine schmerzfreie oder vegetarische Evolution hinbekommt – das ist eine Theologie der Verlegenheit.
Southgates evolutionäre Theodizee: Eleganter letzter Rettungsanker?
Der britische Theologe Christopher Southgate hat mit seiner „compound evolutionary Theodicy“ einen der differenziertesten neueren Versuche vorgelegt.
Sein Kerngedanke: Evolution durch Selektion sei tatsächlich der einzige Weg zu der Fülle an Werten, die die Schöpfung hervorbringt, Gott leide dabei selbst mit jedem Geschöpf mit („Co-suffering“), und am Ende stehe eine eschatologische Erlösung, in der auch das Leid der Tiere aufgehoben und vergolten werde.
Das ist philosophisch kunstvoll konstruiert – und läuft am Ende doch auf einen vertrauten Trick hinaus: Man verschiebt die Rechnung einfach in eine unüberprüfbare Zukunft.
Ob ein verbranntes Reh vor 200.000 Jahren dereinst im Jenseits entschädigt wird, lässt sich weder belegen noch widerlegen, was solche Modelle argumentativ bequem, aber empirisch wertlos macht.
Für evidenzbasiertes Denken bleibt am Ende dasselbe Fazit wie bei Darwin: Die beobachtbare Natur liefert keinerlei Hinweis auf einen liebenden, eingreifenden Schöpfer – dafür jede Menge Hinweise auf einen blinden, ungerichteten Prozess namens Evolution, in dem Leid einfach ein Nebenprodukt ist, kein Sinn.
Fazit: Tierleid ist ein Argument, das bleibt
Das Theodizee-Problem beim Tierleid lässt sich nicht wegdiskutieren, indem man es dem Menschen und seiner Sünde zuschiebt – dafür ist es viel zu alt, viel zu allgegenwärtig und viel zu offensichtlich sinnlos.
Wer an einen allmächtigen und zugleich gütigen Gott glauben will, muss mit Millionen Jahren Fressen, Parasitieren und Verhungern klarkommen, ganz ohne moralische Schuldfrage.
Die ehrlichste Antwort darauf liefert nicht die Theologie, sondern die Evolutionsbiologie: Es gibt keinen Plan, es gibt nur Selektion – und das erklärt das Leid der Tiere weitaus besser als jede Theodizee.
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Quellen
- Charles Darwin: Brief an Asa Gray, 22. Mai 1860, Darwin Correspondence Project, University of Cambridge: darwinproject.ac.uk
- William L. Rowe: „The Problem of Evil and Some Varieties of Atheism“, in: American Philosophical Quarterly 16 (1979); Übersicht bei Internet Encyclopedia of Philosophy: iep.utm.edu
- Christopher Southgate: The Groaning of Creation: God, Evolution, and the Problem of Evil, Westminster John Knox Press, 2008; Übersicht: Wikipedia
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