Neurotheologie

Was ist Neurotheologie?

Neurotheologie, auch als „theologische Neurowissenschaft“ bekannt, ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das die Verbindung zwischen neurobiologischen Prozessen und religiösen oder spirituellen Erfahrungen untersucht. 

Ziel ist es, zu verstehen, wie das Gehirn religiöse und spirituelle Empfindungen erzeugt und welche (neuro-)biologischen Grundlagen diesen zugrunde liegen. 

Forscher*innen in diesem Bereich nutzen Methoden der Neurowissenschaften, wie Gehirnscans und neuropsychologische Tests, um die neuronalen Korrelate von Glauben, Gebet und Meditation zu identifizieren.

Historischer Hintergrund der Neurotheologie: Hyperreligiosität

Die Neurotheologie entstand in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren als Reaktion auf das wachsende Interesse an der biologischen bzw. neurologischen Basis religiöser Erfahrungen.

Entstehung des neurotheologischen Forschungsfeldes

Auslöser war ein 1975 von den Forschern Stephen Waxman und Norman Geschwind publizierter Artikel, der intensive religiöse Erfahrungen bei Patienten mit Schläfenlappenepilepsie befundete. Die Erscheinung wurde als „Hyperreligiosität“ bezeichnet. Den Artikel findest du hier: The interictal behavior syndrome of temporal lobe epilepsy.

Wissenschaftler wie Michael Persinger (1945–2018) und Andrew Newberg waren weitere Pioniere in diesem Bereich.

Michael Persinger und der „Religionshelm“

Persinger entwickelte das Konzept des „Gotteshelms“ oder „Religionshelms“, eines Geräts, das magnetische Felder erzeugt und (angeblich) spirituelle Erfahrungen hervorrufen kann.

Neurotheologie: Michael Persinger
Michael Persinger
(Bild für Scientific American, CC BY-SA 3.0)

Persinger wiederholte das Experiment an rund 1.000 Versuchspersonen. Bei der Mehrzahl (rund 80 Prozent) war er der Ansicht, eine „spirituelle“ Erfahrung erzeugt zu haben. Viele beschrieben einen Zustand des Schwebens oder spürten einen Schutzengel.

Gotteshelm (Neurotheologie)
Findet Gott nur im Gehirn statt? Die Neurotheologie schlägt Korrelate zwischen bestimmten Gehirnarealen und religiösen Erfahrungen vor.

Andere waren überzeugt, Gott persönlich begegnet zu sein. Aber auch atheistische Testpersonen hatten durch die Stimulationen transzendente Erlebnisse und fühlten etwa eine Verbundenheit mit dem Universum.

The God Helmet Experiments: The Science that Found God in the Human Brain
Das Buch über Persingers Experimente liegt leider nur auf Englisch vor
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Andrew Newberg und Eugene d’Aquili

Andrew Newberg (geb. 1966) und sein Kollege Eugene d’Aquili (1940–1998) führten Gehirnscans von meditierenden buddhistischen Mönchen und betenden Nonnen durch, um die neurologischen Grundlagen dieser Zustände zu erforschen.

1999 veröffentlichte Newberg sein Buch „The Mystical Mind“, das er ebenfalls gemeinsam mit Eugene D’Aquili verfasste. D’Aquili war Neurobiologe und hielt die Professur für Psychiatrie in Pennsylvania. Das Buch betrachtet religiöse Erfahrungen aus neurologischer Perspektive.

Aus weiterer Forschung im Gebiet der Neurotheologie entstand das Buch „Why God Won’t Go Away“ (deutsch: „Der gedachte Gott“). Auch dieses Buch schrieben Newberg und D’Aquili gemeinsam, obwohl D’Aquili die Veröffentlichung im Jahr 2001 nicht mehr erlebte. 

Das Buch geht den Fragen nach, ob Religion naturwissenschaftlich erklärt werden kann und ob etwa Gott durch Strommessungen am Gehirn nachweisbar ist. Es beschreibt zudem Experimente zur Wirkung religiöser Gefühle im menschlichen Gehirn und ihrer Auslösung.


Neurotheologie: Der gedachte Gott: Wie Glaube im Gehirn entsteht

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Neurotheologische Entwicklung und Fortschritte

Seit den frühen Studien hat die Neurotheologie erhebliche Fortschritte gemacht. Mit der Verfeinerung bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) und der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) konnten Forscher detailliertere Einblicke in die Gehirnaktivität während religiöser Erfahrungen gewinnen. 

Methoden und Ergebnisse der Neurotheologie

Studien haben gezeigt, dass bestimmte Gehirnregionen, wie der präfrontale Kortex und der temporale Kortex, bei religiösen Praktiken besonders aktiv sind.

Neurobiologische Untersuchungen

Neurotheologische Studien verwenden eine Vielzahl von Methoden, um die Gehirnaktivität zu messen. Dazu gehören EEG (Elektroenzephalographie), fMRT und PET-Scans. 

Diese Techniken ermöglichen es den Forschern, die Gehirnaktivität in Echtzeit zu beobachten und spezifische Muster zu identifizieren, die mit religiösen und spirituellen Erfahrungen korrelieren.

Dazu werden Probanden zum Beispiel während spiritueller Praktiken (zum Beispiel Meditation) untersucht oder gefragt, wie sich Gott anfühlt, wie Gott aussieht oder welche Assoziationen sie mit Gott haben.

Erkenntnisse und Implikationen

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Neurotheologie ist, dass religiöse und spirituelle Erfahrungen spezifische neurobiologische Korrelate haben. 

Beispielsweise zeigen Studien, dass Meditation und Gebet die Aktivität im präfrontalen Kortex erhöhen, was mit Gefühlen von Frieden und Verbundenheit in Zusammenhang gebracht wird. 

Darüber hinaus haben Untersuchungen gezeigt, dass bestimmte Gehirnchemikalien, wie Serotonin und Dopamin, eine Rolle bei spirituellen Erlebnissen spielen können.

Kritische Perspektiven auf die Neurotheologie

Obwohl die Neurotheologie faszinierende Einblicke bietet, ist sie nicht frei von Kritik. 

Wissenschaftliche Kritik

Wie genau sind die Zusammenhänge zwischen religiöser Erfahrung und ihrer biologischen Basis? Das bleibt auch mit dem neurotheologischen Ansatz nicht zweifelsfrei geklärt, welcher sich – leider? – öfter vorwerfen lassen muss, sich nicht scharf gegen andere Forschungsfelder abzugrenzen.

Ist religiöse Erfahrung biologisch veranlagt, wird sie vererbt? Oder ist sie eine Fehlfunktion des Gehirns? In Irland wurde beispielsweise das Krankheitsbild der Epilepsie mit „St. Paul’s Disease“ bezeichnet – könnte Paulus von Tarsus also Epileptiker gewesen sein? Das berühmte „Damaskuserlebnis“ eine Übererregung bestimmter Gehirnareale des „Volksapostels“?

Paulus von Tarsus
Das „Damaskuserlebnis“ des Paulus

Das lässt sich natürlich so nicht sagen. Einige Wissenschaftler (und Theologen) argumentieren entsprechend, dass die Schlussfolgerungen der Neurotheologie oft überinterpretiert werden und dass Korrelation nicht gleich Kausalität ist. 

Nur weil bestimmte Gehirnregionen während einer religiösen Erfahrung aktiv sind, bedeutet dies nicht unbedingt, dass diese Regionen die Ursache der Erfahrung sind.

Auch droht man, schnell in eine Kategorienfalle zu tappen: Denn natürlich lässt sich aus der Beobachtung, dass religiöse Erfahrungen im Gehirn repräsentiert sind, nicht auf die Existenz Gottes schließen. Auch nicht auf die Nichtexistenz.

Zudem ließen sich die aufsehenerregenden Versuche nicht immer replizieren, insbesondere die magnetisch induzierte „Gotteserfahrung“ durch Persingers Helm nicht – ein schwerwiegendes Manko. Persinger sah sich unter anderem durch eine Studie von Granqvist et al. dem Vorwurf ausgesetzt, er habe die Probanden (unbewusst) beeinflusst. Granqvist hatte vergeblich versucht, die Ergebnisse Persingers zu wiederholen und durch transkranielle Magnetstimulationen des Temporallappens religiöse oder paranormale Empfindungen auszulösen. Siehe dazu dieses Paper von 2006.

Ethische und philosophische Bedenken

Darüber hinaus werfen neurotheologische Studien ethische und philosophische Fragen auf. 

Kritiker fragen sich, ob die Reduktion religiöser Erfahrungen auf neuronale Prozesse den spirituellen und kulturellen Bedeutungen gerecht wird, die diese Erfahrungen für viele Menschen haben. 

Es bestehe die Gefahr, dass komplexe und subjektive Erfahrungen auf einfache biologische Mechanismen reduziert werden, was zu einem Verlust des Sinns und der Tiefe führen könnte. Dies ähnelt der Argumentation, dass Atheisten an „nichts“ glauben und deshalb spirituell leer sein müssen.

Mir scheint dies wenig stichhaltig zu sein – ich glaube an die Fähigkeit des Menschen, Sinn und Erfüllung auch außerhalb von Glaubenssystemen und Kulten zu finden.

Ausblick auf die Neurotheologie der Zukunft

Ob Gott „nur“ ein Produkt der Hirnaktivität, lässt sich bislang nicht sagen. Die Neurotheologie versucht das auch gar nicht – ihr Forschungsgegenstand sind die neurobiologischen Grundlagen religiöser Erfahrung.

Die Neurotheologie ist ein faszinierendes und wachsendes Forschungsfeld, das Einblicke in die Verbindung zwischen Gehirn und Religion bietet. Trotz der bestehenden Kritik hat sie das Potenzial, unser Verständnis von spirituellen Erfahrungen zu vertiefen und neue Wege für die Erforschung des menschlichen Bewusstseins zu eröffnen. 

Zukünftige Forschungen könnten helfen, die biologischen Grundlagen des Glaubens weiter zu entschlüsseln und einen Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Religion zu ermöglichen.

Neurotheologie - Hirnforscher erkunden den Glauben
Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume führt in die Beobachtungen und Thesen der „Neurotheologen“ ein und zeigt, was sich jetzt schon gesichert aussagen lässt. [Anzeige]

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