Die Frage, ob Jesus sich selbst als Gott verstand, ist eines der zentralen Themen der christlichen Theologie – und gleichzeitig eine der umstrittensten Debatten der Bibelforschung.
Denn während spätere Kirchenlehren Jesus eindeutig als „wahren Gott und wahren Menschen“ definieren, sind die biblischen Quellen deutlich widersprüchlicher. Mal erscheint Jesus als charismatischer Wanderprediger, mal als göttlicher Heilsbringer, mal als Menschensohn, der sich erst am Ende der Zeiten offenbart.
Warum die Frage wichtig ist, ob Jesus sich als Gott sah
Die Bedeutung dieser Frage reicht über theologische Spitzfindigkeiten hinaus. Wenn Jesus selbst nie den Anspruch erhoben hat, göttlich zu sein, dann ist ein Großteil der christlichen Dogmen – von der Trinität bis zur Erlösungslehre – nachträgliche Konstruktion. Das würde das Fundament der gesamten christlichen Theologie ins Wanken bringen.

Bedeutung für die christliche Theologie
Die Annahme, Jesus sei Gott, war entscheidend für die Ausbildung der Trinitätslehre. Nur wenn Jesus göttlich war, kann sein Tod als stellvertretendes Opfer verstanden werden.
Ansonsten wäre er halt eben nur ein Mensch gewesen, ein Wanderprediger, von denen es damals viele gab und die in großer Regelmäßigkeit im antiken Judäa „tätig“ waren.

Ein Wanderprediger, der mit seiner Sektiererei in der römischen Provinz für Unruhe sorgte. So viel Unruhe, dass sich die römischen Machthalter gezwungen sahen, dem Zorn der beleidigten Hohepriester nachzugeben.
Schließlich wollte man keinen Aufstand in der Region wegen ein paar innerjüdischen Spitzfindigkeiten zur theologischen Auslegung des Messianismus.
Es ist deshalb wichtig zu entschlüsseln, was Jesus selbst dachte. Was er (angeblich) tat, wurde nämlich vielen Propheten und Predigern nachgesagt – wundersame Heilungen von Kranken, Blinden und Besessenen waren an der Tagesordnung. Schließlich war die biblische Welt eine magische, voller Dämonen, Engel, Zauberer, Exorzismen und anderem Aberglauben.
„Unerklärbare Heilungen, besonders Dämonenbannungen, Wandel auf dem Wasser, Stillung von Stürmen, wunderbare Speise- und Brotvermehrung, all dies war der Antik wohlvertraut und zählte zu den typischen Mirakeln der Zeit.“
Karlheinz Deschner: Der gefälschte Glaube

Für Theologen ist also klar: Wenn Jesus nur ein Mensch war, unterscheidet er sich nicht von der Armee der anderen Prediger. Ohne Gottheit Jesu aber kein „Heilsplan“. Ohne Heilsplan ergibt die ganze Christologie keinen Sinn.
Konsequenzen für Glauben und Kirchengeschichte
Die Vergöttlichung Jesu veränderte nicht nur die Lehre, sondern auch die Kirchengeschichte. Sie führte zu heftigen Auseinandersetzungen – vom Konzil von Nicäa bis zu den Reformationen.
Ohne diese dogmatische Aufladung wäre das Christentum vermutlich nur eine kleine jüdische Reformbewegung geblieben, eine Fußnote in der Religionsgeschichte.

Spricht Jesus von sich selbst als Gott?
Die Quellenlage ist problematisch. Was wir über Jesus wissen, stammt fast ausschließlich aus den Evangelien – Texte, die Jahrzehnte nach seinem Tod verfasst wurden. Hinzu kommen Paulusbriefe, die zwar älter sind, aber den Fokus weniger auf Jesu Worte als auf seine Bedeutung als Christus („Gesalbter“) legen.

Was aber noch viel problematischer ist, zumindest aus Sicht der christlichen Theologie: Jesus bezeichnet sich nicht als Gott, zumindest nicht direkt. In keinem der Evangelien sagt Jesus wörtlich: „Ich bin Gott.“
Die synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas) zeigen ihn eher als von Gott bevollmächtigten Propheten oder Messias, nicht als Gott selbst. Er spricht von Gott fast durchgehend in der dritten Person („mein Vater im Himmel“) und grenzt sich ab („Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein“ – Markus 10,18).
Nur das Johannesevangelium, das am spätesten (ca. 90–100 n. u. Z.) entstand, legt ihm stark theologisch gefärbte Aussagen in den Mund wie „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30).
Inwiefern ist es plausibel, dass die ältesten neutestamentlichen Quellen (also die synoptischen Evangelien Markus, Lukas und Matthäus, die sogenannte Q-Quelle und L-Quelle) dies nicht erwähnen? Hier eine Einschätzung des Bibelforschers Bart Ehrman (auf Englisch):
Die Verse bei Johannes sind literarische Konstruktionen, die Jesu Selbstverständnis in ein dogmatisches Licht rücken sollen – nicht historische Zitate.
Wir kommen gleich noch auf die zunehmende „Vergottung“ Jesu im Laufe der vier Evangelien zu sprechen.
Spricht Jesus von sich selbst als „Sohn Gottes“?
Den Titel „Sohn Gottes“ findet man in den Evangelien, neben der Bezeichnung „Menschensohn“. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen der Zuschreibung „Sohn Gottes“ durch andere und der Selbstbezeichnung durch Jesus.
In Johannes 10 kommt Jesus der Selbstbezeichnung als Sohn Gottes nahe: Jesus ist in einer hitzigen Auseinandersetzung mit jüdischen Gegnern, die ihn der Gotteslästerung beschuldigen, weil er „sich selbst zu Gott macht“ (Joh 10,33). Er verweist darauf, dass schon im Psalm 82,6 Menschen „Götter“ genannt werden („Ihr seid Götter, Söhne des Höchsten alle“). Er stellt seine Redeweise also in eine jüdische Tradition, nicht als absolute Wesensgleichheit mit Gott, wie Johannes uns gerne weismachen möchte.
Im Klartext: Jesus sagt zwar die Worte „Ich bin Gottes Sohn“ tatsächlich, aber nicht im johanneischen Sinn von „wesensgleich mit dem Vater“, sondern in einer argumentativen Abwehrsituation. Johannes schildert diese Szene aber so, dass sie trotzdem als „Bekenntnis“ gelesen werden kann – eine der üblichen Überhöhungen.
„Der Satz: ,Ich bin der Sohn Gottes’ ist von Jesus selbst nicht in sein Evangelium eingerückt worden, und wer ihn als einen Satz neben den anderen dort einstellt, fügt dem Evangelium etwas hinzu.“
Adolf von Harnack
Historisch-kritische Forschung
Die Evangelien sind keine neutralen Biografien, sondern Glaubenstexte. Sie deuten das Leben Jesu aus der Perspektive der Auferstehung. Das macht sie zu theologischen Programmschriften, die oft mehr über die Gemeinden verraten, die sie verfassten, als über den historischen Jesus selbst.
Die historisch-kritische Forschung hingegen macht plausibel, dass der historische Jesus kein Gott, sondern ein jüdischer Prediger war.
Seine Botschaft vom Reich Gottes stand im Zentrum, nicht seine eigene Person. Dies geschah auch im Kontext gnostischer Strömungen.
Jesu Botschaft wurde – ebenso wie das Gedankengebäude der Gnostik – im Frühchristentum zugunsten der paulinischen Lehre in den Hintergrund gerückt. Seine spätere Überhöhung zum Gottessohn sei das Produkt innergemeindlicher Dynamik und religiöser Konkurrenz im römischen Reich.

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Vom Prediger zum Gottessohn: Entwicklung in den Evangelien
Sehen wir uns mal an, welche Symptome diese Entwicklung in den Evangelien zeigt, die ja zeitlich versetzt entstanden und zu großen Teilen aufeinander aufbauen.

Die Evangelien zeigen eine ganz klare Tendenz: Während Markus (also das älteste Evangelium) in der Hauptsache von einem Menschen berichtet, der als Prophet und Lehrer auftritt, schleicht sich über Matthäus und Lukas eine zunehmende „Vergottung“ (Deschner) ein.
Die Wundertaten werden immer größer und unerklärlicher. Die Aussagen Jesu werden immer prophetischer und absoluter – bis hin zu einem Wesen, das sich selbst mit Gott gleichsetzt.
„Und anders als bei der vorhergehenden mündlichen Überlieferung können wir nun die systematische Deifizierung Jesu, von Markus über die jüngeren Matthäus, Lukas bis zum jüngsten (…) Schritt für Schritt verfolgen und damit die Entstehung des zentralen christlichen Dogmas überhaupt.“
Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube (S.60)
Markus: Jesus als Mensch mit besonderer Sendung
Im ältesten Evangelium ist Jesus vor allem ein Wundertäter und Lehrer, meist wird er als Lehrer oder Rabbi bezeichnet. Er spricht vom Reich Gottes, bezeichnet sich als Menschensohn, aber vermeidet direkte Ansprüche auf Göttlichkeit.
Jesus empfängt zudem den Heiligen Geist als Taube – eine Anspielung auf antike Sagen, bei denen Könige ebenfalls durch Vogelflug legitimiert wurden. Wozu wäre dies notwendig, wäre er „schon“ Gott?
Jesus erscheint bei Markus als Mensch. Erst, als er (von Johannes dem Täufer) getauft wird, wandelt er sich und erhält die Zuschreibung als „Sohn Gottes“.
Matthäus und Lukas: Geburtserzählungen und Erhöhung
Hier tauchen erstmals die Geschichten von der Jungfrauengeburt auf (fehlt bei Markus), ein sicheres Anzeichen göttlicher Abstammung. Dieses Motiv kennen wir aber auch aus zahlreichen anderen antiken Mythen und Kulten, zum Beispiel von Dionysos. Es treten nun zunehmend solche Vereinnahmungen vorchristlicher Mythen zutage.
Jesus wird damit schon in seiner Herkunft als göttlich ausgezeichnet. Während bei Markus noch ausdrücklich seine Fehlbarkeit und sein Nichtwissen erwähnt wird, wird dies in allen späteren Evangelien relativiert.
Bei Markus ist auch die Wundertätigkeit Jesu noch mau – nun wird immer mehr dazugedichtet: Aus einem Blinden werden zwei Blinde, aus der Speisung der „Viertausend“ werden „viertausend Männer“ zuzüglich der Frauen und Kinder. Aus „einigen“ werden „viele“, aus „vielen“ werden „alle“ und so weiter.
Gleichzeitig verstärken beide Evangelien seine Rolle als Erfüller alttestamentlicher Prophezeiungen.
Johannes: „Ich und der Vater sind eins“
Das Johannesevangelium treibt die Vergöttlichung Jesu auf die Spitze. Hier erklärt Jesus ausdrücklich seine Einheit mit Gott. Diese Aussagen sind vermutlich spätere theologische Reflexionen, nicht wörtliche Zitate eines historischen Predigers.

Überschreibung älterer Mythen
Die Figur Jesu und die um ihn gestrickte Theologie sind nicht „vom Himmel gefallen“, sondern eingebettet in einen dichten Teppich antiker Mythen und religiöser Vorstellungen.
Göttliche Söhne, jungfräuliche Geburten, wundersame Heilungen, Märtyrertode und Auferstehungen waren in der antiken Welt keineswegs exotisch, sondern Teil eines breiten kulturellen Repertoires.

Beispiele gibt es viele.
- Herakles
Vom griechischen Obergott Zeus durch eine Liaison mit Alkmene gezeugt, halb Mensch, halb Gott. Er gilt als Retter und Überwinder des Bösen, leidet Qualen, stirbt und wird in den Olymp aufgenommen. Das Motiv des leidenden, schließlich vergöttlichten Helden ist also uralt. - Dionysos
Griechischer Gott des Weines, der Ekstase und des Lebens; er verwandelte Wasser in Wein, wurde als göttlich geboren und verband Leben, Tod und Wiederkehr – erstaunliche Parallelen zu christlichen Wundern.Seine Anhänger feierten rituelle Mahlzeiten mit Brot und Wein, die an seine göttliche Kraft erinnern sollten.

- Osiris
Getötet und zerstückelt, von seiner Frau Isis wieder zusammengesetzt und auferweckt. Osiris wurde zum Herrscher über die ägyptische Totenwelt – das erinnert stark an die christliche Auferstehungsvorstellung und die Hoffnung auf ewiges Leben. - Mithras
Der persisch-römische Mithraskult war im römischen Reich eine der stärksten religiösen Konkurrenzen des frühen Christentums. Mithras wurde als „unbesiegte Sonne“ verehrt, sein Geburtstag wurde am 25. Dezember gefeiert. Hier gab es eine Mahlgemeinschaft, die Parallelen zum christlichen Abendmahl aufweist. - Sol Invictus (Römische Religion)
Auch der römische Sonnengott Sol Invictus beeinflusste die christliche Bildsprache. Begriffe wie „Licht der Welt“ oder die Feier von Weihnachten am 25. Dezember spiegeln diesen kulturellen Einfluss. Der „unbesiegte Sonnengott“ wurde vom Kaiser Aurelian zum Reichsgott erhoben. Symbole von Licht und Leben, die später in die Christusmetaphorik („Licht der Welt“) übergingen, sind hier eindeutig vorgeprägt. - Attis (Phrygisch-kleinasiatische Religion)
Ein sterbender und auferstehender Gott, dessen Tod und Wiedergeburt im Jahreszyklus gefeiert wurden. Dieses Motiv der göttlichen Erneuerung hat eine auffallende Nähe zur christlichen Ostertradition.
Christentum als religiöse Konkurrenz im römischen Reich
Die Entwicklung des Christentums zur Staatsreligion ist auch eine Geschichte der Konkurrenz. Die Vergöttlichung Jesu verschaffte der jungen Bewegung ein Alleinstellungsmerkmal im polytheistischen Umfeld, griff bekannte Motive und Narrationen auf und stärkte so ihre Attraktivität gegenüber rivalisierenden Kulten.
Viele zentrale Motive – Geburt durch göttliche Kraft, Opfer, Leiden, Tod, Auferstehung, Mahlrituale, Lichtsymbolik – kursierten in der antiken Welt aber schon längst, bevor die Evangelisten sie auf Jesus projizierten. Das Christentum ist aus dieser Perspektive weniger eine „ganz neue Offenbarung“ als vielmehr ein geschickter Remix alter religiöser Muster.
Fazit: Sah Jesus sich als Gott?
Ob Jesus selbst behauptete, Gott zu sein, bleibt historisch unbelegbar. Wahrscheinlicher ist, dass seine Anhänger ihn nachträglich vergöttlichten, um ihre Botschaft zu stützen. Dazu nutzten sie auch Motive aus anderen Religionen.
Damit ist die Gottheit Jesu weniger ein historisches Faktum als ein theologisches Konstrukt – und eines, das bis heute über Milliarden Gläubige bestimmt.
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