Wurde Jesus an Weihnachten geboren?

Jesus an Weihnachten geboren

Christen weltweit feiern am „Heiligen Abend“ die bevorstehende Geburt ihres Erlösers, Jesus Christus. Am 25. Dezember soll der Legende nach der Messias dann im Stall von Bethlehem zur Welt gekommen sein. Die Geburt Jesu markiert als „Jahr Null“ den Beginn der westlichen Zeitrechnung. Doch ist das plausibel und wurde Jesus wirklich am 25. Dezember geboren?

An welchem Tag hat Jesus laut Bibel Geburtstag?

Die Legenden – genauer gesagt lediglich das Lukas- und das Matthäus-Evangelium – geben in der Bibel Auskunft über die Geburt von Jesus. Ein konkretes Geburtsdatum wird aber nicht genannt. Zudem unterscheiden sich die Bibelstellen bei Lukas und Matthäus, das sind wir ja mittlerweile gewohnt.

Klicke auf die Bibel

Jesu Geburt bei Lukas 

Lukas spricht in Kapitel 1 und 2 von der Geburt Jesu. Man kennt den Inhalt aus zahlreichen Krippenspielen: Zuerst erfolgen jede Menge Träume, Prophezeiungen und Verheißungen, schließlich gehen Maria und Josef nach Bethlehem und dort kommt ein Knabe in einem Stall zur Welt. Engel erscheinen, Hirten besuchen den Stall, Gott wird gerühmt und so weiter. Nach acht Tagen wird das Kind beschnitten, schließlich war Jesus ja Jude. 

Das Problem mit den Hirten auf der Weide

Die Geschichte mit den Hirten wird dabei sogleich zum Problem: Laut Lukas lagerten diese nämlich nachts beim Vieh auf der Weide. Die Schwierigkeit dabei: Im Winter ist das Vieh nicht auf der Weide – auch nicht im damaligen Judäa. Die Vegetation ist zu der Zeit so kärglich, dass ein Weiden der Tiere Ende Dezember nicht möglich ist. Dass die Hirten nachts bei den Tieren lagerten, wäre also eher ein Indiz dafür, dass die angebliche Geburt nicht im Dezember stattgefunden haben kann.

Feiertage im Überblick
Kirchenjahr im Überblick

Falls ihr euch mit den christlichen Feiertagen schwertut, empfehle ich euch diese beiden Bücher. Sie bieten einen guten Überblick.

Jesu Geburt bei Matthäus

Im Matthäus-Evangelium kommen keine Hirten vor. Hier klingt das alles sowieso etwas anders – nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich. 

Josef ist von der „unbefleckten Empfängnis“ der Maria zunächst gar nicht angetan und „gedachte (…), sie heimlich zu verlassen“ (Mt 1,18). Zum Glück erscheint auch ihm ein Engel im Schlaf und wirkt beruhigend auf ihn ein. Laut Engel soll das geweissagte Kind zwar Immanuel heißen, Josef gibt ihm dann aber ohne weitere Erklärung den Namen Jesus.

Nun tauchen die legendären Weisen aus dem Morgenland aus. Diese leiten aus einer astronomischen Beobachtung die Ankunft eines „neugeborenen Königs der Juden“ (Mt. 2,2) ab. Herodes wittert einen Usurpator. Engel warnen Josef vor der Verfolgung des Kindes. Josef, Maria und Jesus fliehen nach Ägypten. 

Der „Stern“ bei Jesus Geburt

Bei den Weisen aus dem Morgenland spielt ein „Stern“ eine wesentliche Rolle. Dieser wird nämlich als Zeichen für die bevorstehende Geburt des neuen Königs gedeutet. Astronomisch gibt es keinerlei Hinweise auf etwa eine mit bloßem Auge sichtbare Supernova-Explosion zur fraglichen Zeit. Kometen sind ebenfalls nicht bekannt, Meteore und andere Einschlagskörper fallen aus, weil der „Stern“ laut Story mehrere Tage lang sichtbar ist.

Was ist also dieser Stern? Wir wissen es nicht. Findige Astronomen wie der Astrophysiker Thomas Boller verweisen auf eine seltene Planetenkonstellation zur Zeit von Jesu Geburt.

Bei der Konjunktion von Jupiter und Saturn kamen sich die Planeten in der fraglichen Zeit so nahe, dass sie von bestimmten Beobachtungspunkten – zum Beispiel Jerusalem – quasi übereinander lagen und zu einem vergleichsweise großen Objekt verschmolzen.

Die Große Konjunktion (Saturn und Jupiter) im Jahr 7 v. Ch. am Himmel Jerusalems
(südliche Blickrichtung)

Diese sogenannte Große Konjunktion ereignet sich etwa alle 20 Jahre. Dass zeitgenössische bronzezeitliche Beobachter von Beschaffenheit und Bewegung der Himmelskörper keine Ahnung hatten, sei hier bloß der Form halber erwähnt. Boller datiert das Ereignis auf den 15. März – also ebenfalls nicht auf den Dezember.

Flucht nach Ägypten

Zurück zum Matthäus-Evangelium und der Flucht nach Ägypten. Die Jesus-Familie flieht also. Herodes lässt in der Zwischenzeit in und um Bethlehem alle zweijährigen Kinder töten. Warum auch die Mädchen und Zweijährige sterben müssen, obwohl es sich ja bei dem bedrohlichen Thronfolger um einen wenige Tage alten männlichen Säugling handelt, wird nicht weiter erörtert. Die Familie jedenfalls kehrt erst nach dem Tod des Herodes im Jahre 4 vor Christus zurück.

Wurde Jesus im Jahr 0 geboren?

Tod des Herodes im Jahre 4 vor Christus? Wie kann das stimmen?

Herodes kann ja logischerweise nicht vor der Geburt des Jesus gestorben sein, wenn er bei der Weihnachtsgeschichte eine Rolle spielt. 

Eben. Hier stimmt was nicht. 

Herodes als Zeitangabe

Die beiden Bibelstellen des Neuen Testaments geben uns einige historische Hinweise an die Hand: Der bereits genannte Machthaber im römischen Einflussgebiet Judäa ist sowohl bei Lukas als auch bei Matthäus Herodes.

Gemeint ist Herodes der Große, ein Stellvertreterkönig (Klientelkönig) des römischen Reiches. Seine Lebensdaten sind in der Geschichtswissenschaft unstrittig: 74 v. Chr. bis 4 v. Chr.

Das „Jahr Null“ kann also, sofern wir die Weihnachtsgeschichte überhaupt als Tatsachenbericht auffassen wollen, nicht das Geburtsjahr des Jesus von Nazareth sein. 

Quirinius als Zeitangabe

Lukas erwähnt zudem einen Quirinius als Statthalter von Syrien (Lk 2,2) und eine Volkszählung, genauer: eine Erstellung von Steuerlisten. Gemeint ist Publius Sulpicius Quirinius. Dieser römische Politiker lebte von etwa 45 v. Chr. bis 21 n. Chr. 

Quirinus war römischer Senator und nur zeitweise Statthalter in Syrien – letzteres ist ab 6 n. Chr. belegt. Ab demselben Zeitpunkt gehörte Judäa zur Provinz Syrien. Wir erinnern uns, dass zu dem Zeitpunkt jedenfalls Herodes schon tot war – gleichzeitig waren Herodes und Quirinius also nie an der Macht. Das Evangelium widerspricht sich damit selbst.

Den historischen Kontext kennen wir von Flavius Josephus, der allerdings erst nach Jesus Tod geboren wurde (37/38 n.Chr. – 100 n.Chr.) [Klicke auf die Cover]

Warum der 25. Dezember?

Im Ergebnis müssen wir feststellen, dass weder das Geburtsjahr von Jesus noch der Geburtstag von Jesus historisch verlässlich belegt werden können. Wenn man es genau nimmt, kann ja nicht einmal zweifelsfrei belegt werden, dass es Jesus wirklich gab.

Warum dann der 25. Dezember? Auch hier sind sich die Forscher*innen nicht ganz sicher. Es gibt zwei Erklärungsansätze, die nicht ganz voneinander getrennt werden können.

  1. Man entschied sich kirchlich bewusst für dieses Datum, um die bedeutsame, aus christlicher Sicht aber heidnische Wintersonnenwende in Beschlag zu nehmen.
  2. Man entschied sich für das Datum, um den Geburtstag des römischen Sonnengottes „Sol invictus“ in derselben Weise zu nutzen.

Haben die Christen die Wintersonnenwende für sich belegt?

Die Wintersonnenwende ist in zahlreichen Kulturen ein zentrales Ereignis im Kalenderjahr und wurde entsprechend oft mit Mythen und Göttersagen hinterlegt. Nach dem Julianischen Kalender (45 v. Chr. von Julius Caesar eingeführt) fällt sie auf den 25. Dezember. Beim auch heute noch gültigen gregorianischen Kalender liegt die Sonnenwende auf dem 21. Dezember.

Dass die Christen an diesem Tag Weihnachten feiern, ist erst ab dem 4. Jahrhundert (genauer: im Jahre 354)  belegt (die Adventszeit übrigens ab dem 7. Jahrhundert). Der Fakt steht in engem Zusammenhang mit der sogenannten konstantinischen Wende des Jahres 313, mit der durch Kaiser Konstantin die Verfolgung des Christentums beendet wurde. In den folgenden Jahrzehnten gewann die christliche Religion immer weiter an Bedeutung, bis sie 393 zur römischen Staatsreligion erhoben wurde.

Ist Jesus eigentlich „Sol invictus“?

Es ist naheliegend, dass der im antiken Rom äußerst beliebte Sonnengott Sol (auch Sol invictus = unbesiegter Sonnengott) am Tag der Wintersonnenwende seinen Feiertag hat. 

Ob die christliche Kirche den Tag bewusst übernahm, kann nicht zweifelsfrei geklärt werden – ganz abwegig erscheint die Annahme aber nicht. 

Ketzer behaupten sogar, Jesus Christus sei ganz und gar erfunden worden und ursprünglich identisch mit Sol invictus. In der altertümlichen Bildersprache jedenfalls findet sich eine frappierende Ähnlichkeit bei den Darstellungen.

Eine antike Darstellung des „Sol invictus“

Die folgenden Bücher befassen sich näher mit Sol invictus und seiner Rolle in der römischen Mythologie:

Der Kult des Sol
Ausbreitung des Sol
Aufstieg des Sol

Social

Kommentar verfassen