Konzil von Nizäa

Konzil von Nizäa (325): Geburtsstunde der Dogmenkirche

Die Kirche feiert gerade ein Jubiläum: Vor 1.700 Jahren fand das sogenannte Konzil von Nizäa statt. Es gab zwei Konzile in Nizäa (mit Konzil bezeichnet die Kirche eine Versammlung der Bischöfe) – gemeint ist das erste Konzil aus dem Jahre 325.

Nur wenige Jahre zuvor, nämlich im Jahr 313, wurde mit der Mailänder Vereinbarung das Christentum quasi zur römischen Staatsreligion erhoben („konstantinische Wende“).

Das war sozusagen die politische Stunde Null für das moderne Christentum. Mit dem Konzil von Nizäa ging es 325 an die theologische Grundausrichtung. Aber es ging auch um Politik.

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Dreihundert Jahre lang haben die christlichen Gemeinden um die Frage gerungen, wie Jesus zu verstehen sei. Diese Forschungsarbeit geht der Frage nach. [Anzeige]

Was war das Konzil von Nizäa?

Das Konzil von Nizäa ist deswegen so bedeutsam, weil hier die christliche Doktrin festgeschrieben wurde, ob und wie es zu verstehen ist, dass Jesus Gott sei. Also eine „christologische“ Frage. 

Hier gab es zu klären, wie man mit dem sogenannten Arianismus umgehen wollte. Diese theologische Position war nach dem kirchlichen Denker Arius (ca. 260–327) benannt, welcher in dem Glauben an die Dreifaltigkeit eine Irrlehre sah. Dazu gleich mehr.

Daneben ging es auch um die eher praktische Frage, auf welches Datum Ostern festgelegt werden sollte. Das Problem hier war, dass verschiedene kirchliche Gruppen an verschiedenen Daten das Osterfest begingen. Das Osterdatum sollte also vereinheitlicht werden.

Ort, Zeit und politischer Kontext des Konzils von Nicäa

Das Konzil von Nizäa fand im Jahr 325 n. u. Z. in der Stadt Nizäa (heute İznik, Türkei) statt – im prachtvollen Palast des Kaisers, nicht etwa in einem demütigen Kirchenraum. 

Eingeladen waren rund 1.800 Bischöfe aus dem gesamten Römischen Reich, etwa 300 erschienen. Es war das erste große Treffen seiner Art – und weniger ein geistliches Symposium als eine politisch orchestrierte Machtkonferenz mit frommer Rhetorik.

Die Kirche war gerade dabei, sich aus der Verfolgung zu erheben und zur Staatsreligion zu werden. Doch innerkirchliche Streitigkeiten bedrohten die mühsam errungene Einheit. Um ein Auseinanderbrechen zu verhindern, sollte das Konzil Klarheit schaffen. 

Bereits ein halbes Jahr vorher (also 324) gab es eine Synode, die diese Probleme anging. Nun folgte mit dem ersten ökumenischen (also alle Christen der damaligen Welt umfassenden) Konzil die offizielle Festschreibung. 

Konzil von Nizäa
Hier eine Interpretation, wie es beim Konzil von Nizäa ausgesehen haben könnte

Kaiser Konstantins Rolle als Strippenzieher des Konzils

Kaiser Konstantin war der Regisseur des Ganzen. Erst im Herbst des Vorjahres 324 war Konstantin zum Alleinherrscher des Römischen Reiches aufgestiegen. Zuvor hatte er „nur“ über den weströmischen Teil geherrscht. 

Es ist ein wenig kompliziert. Auf dieser Seite befindet sich ein Podcast mit dem Kirchenhistoriker Notker Baumann, der die Hintergründe gut erklärt. Weitere Einzelheiten findest du zudem auf der Wiki-Seite zur Auflösung der Tetrarchie.

Römisches Reich Tetrarchie
Das Römische Reich zur Zeit des Konzils von Nizäa

In Kürze für historisch Interessierte: 

  • 303: Christenverfolgungen unter Diokletian und Galerius.
  • In Rom herrschte die von Diokletian eingesetzte „Tetrarchie“ – in diesem Vierkaisersystem teilten sich jeweils zwei Senior- („Augusti“) und Junior-Kaiser („Caesares“) die Macht. Das System war erst seit 293 in Kraft.
  • Als nun im Jahre 306 der Seniorkaiser Constantius Chlorus starb, ließ sich dessen Sohn Konstantin zum Kaiser ausrufen. An der Reihe zum Vorrücken wäre aber eigentlich der Caesar Severus gewesen. Konstantin usurpiert die vakante Stelle. 
  • Es beginnt ein Gerangel um Nachfolgerschaften und Legitimationen. Im Jahr 308 stritten gleich sechs verschiedene Kaiser um die Herrschaft: Galerius, Konstantin, Maxentius, Maximian, Maximinus Daia und Licinius. Es gab eine Konferenz in Carnuntum zur Schlichtung unter Diokletian. Konstantin regiert fortab als Caesar (also Junior) unter dem Augustus Licinius über das Weströmische Reich.
  • 310 kämpft Konstantin gegen den Maximian, welcher den Tod findet. Konstantin beruft sich fortab auf seine kaiserliche Abstammung.
  • 311 Galerius beendet mit dem Toleranzedikt von Nikomedia die Christenverfolgungen im Römischen Reich. Im Mai stirbt Galerius.
  • 312 führt Konstantin seine Truppen nach Italien gegen Maxentius. Dieser verliert in der Schlacht an der Milvischen Brücke sein Leben und ertrinkt im Tiber. 
  • 313 Mailänder Vereinbarung: Licinius für Ostrom und Konstantin für Westrom proklamieren die Religionsfreiheit.
  • 316 waren nur noch Licinius und Konstantin übrig, die sich fortan bekämpften. 
  • 324 in den Schlachten bei Adrianopel und Chrysopolis unterliegt Licinius; er wird hingerichtet. Konstantin I. ist nun Alleinherrscher des Römischen Reichs
Kaiser Konstantin beim Konzil von Nizäa
Kaiser Konstantin I. (KI-Interpretation seiner Statue)

Eusebius verbreitete schon kurz darauf die Nachricht, dass die Schlacht an der Milvischen Brücke nur mit der Unterstützung des Christengottes gewonnen worden sei. Zudem gibt es die Legende, Konstantin habe eine Vision von einem „Kreuz aus Licht in den Wolken“ gehabt.

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Konstantin war selbst noch kein getaufter Christ, hatte aber dennoch das Christentum zur offiziellen Reichsreligion erhoben – und erwartete dafür Loyalität und Einigkeit. 

Theologische Uneinigkeit war für ihn kein spirituelles Problem, sondern ein Risiko für die politische Stabilität des Reiches.

Christenverfolgung
Im Jahr 303 gab es die diokletianische Christenverfolgung. Viele wurden schon davor zu Märtyrern, darunter auch Chrysanthus und Daria im Jahr 283

Konstantin lud alle Bischöfe des Römischen Reichs zu dem Konzil ein. Das waren damals rund 1.800. Nicht alle folgten dem Ruf, aber etwa 200 bis 300 Bischöfe machten sich auf den teils beschwerlichen Weg. Die Entfernungen waren in der Antike kein Kinkerlitzchen, und die Bischöfe teils schon recht betagt. 

Konstantin stellte deswegen seine Sommerresidenz zur Verfügung: Sie war gut erreichbar. Zudem erstattete der Kaiser den Bischöfen die Reisekosten und sorgte für Unterbringung. Da die Bischöfe jeweils von einigen Presbytern (Priestern) und weiteren Gefolgsleuten begleitet wurden, kamen wohl um die 2.000 Personen im Mai 325 nach Nicäa.

Warum 318 Teilnehmer?

Später wurde die Teilnehmerzahl mit 318 angegeben – wohl aus symbolischen Gründen. Die Zahl 318 erinnert an die Zahl der Gefolgsleute Abrahams, die in Genesis 14,14 erwähnt werden.

Was Konstantin beim Konzil von Nizäa tatsächlich im Einzelnen tat, ist unklar, denn es gibt keine Protokolle oder andere Niederschriften der Ereignisse. Es deutet einiges darauf hin, dass er eine Eröffnungsrede hielt. Er hat sich wohl an den weiteren Diskussionen auch beteiligt und Kompromissformeln eingebracht, um die streitenden theologischen Fraktionen zu vereinen.

Konzil von Nizäa
Konstantin der Erste spricht 325 vor dem Konzil von Nizäa (Symbolbild)

Konstantins Ziel: Ruhe im Karton.

Dazu wollte er ein einheitliches Glaubensbekenntnis, das fortan als Grundlage der kirchlichen Lehre und imperialen Ordnung diente. Der Kaiser wurde zum Dogmenmanager – ein frommer Strippenzieher mit weltlichem Kalkül.

Warum es beim Konzil nicht nur um „Glauben“ ging

Formal ging es um den rechten Glauben, in Wirklichkeit jedoch um Machtfragen: 

  • Wer bestimmt, was Christen glauben sollen? 
  • Wer darf sich Kirche nennen? 
  • Und wer wird ausgeschlossen? 

Das Konzil diente weniger der Wahrheitssuche als der Festlegung einer offiziellen Linie, die dann mit kaiserlicher Autorität durchgesetzt wurde. Der Glaube wurde politisiert. Glaubensfragen wurden damit zu Reichsfragen. Und plötzlich war Theologie nicht mehr Sache der Gemeinden, sondern der Bischöfe – und des Kaisers. 

Tatsächlich sollten theologische Streitfragen des Christentums das Römische Reich noch eine ganze Weile beschäftigen, darunter vor allem der Arianische Streit. Erst im Jahr 381 wurde dann durch Kaiser Theodosius I. das nicänische Bekenntnis endgültig als verbindlich festgelegt. 

Die Hauptthemen des nicäischen Konzils

Wie bereits erwähnt, ging es hauptsächlich um die christologische Frage der Trinität und der Wesensgleichheit Jesu mit Gott (Jahwe), die von den Arianisten bestritten wurde. Zudem galt es, die Ostertermine zu vereinheitlichen.

Der Streit um die Göttlichkeit Jesu (Arianismus vs. Trinität)

Im Zentrum stand die brisante Frage: Ist Jesus Gott? Der alexandrinische Priester Arius lehrte, dass Jesus zwar göttlich inspiriert, aber letztlich ein Geschöpf sei – geschaffen vom Vater, also ihm untergeordnet. 

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Das brachte die christliche Elite in Wallung. Die Gegenseite, besonders Athanasius, bestand auf der vollen Göttlichkeit Jesu.

Dieser Streit war mehr als Theologie – er war eine Machtfrage. Wer durfte bestimmen, wie Christus zu verstehen sei? Am Ende setzte sich die Trinitätspartei durch – auch weil sie den Rückhalt des Kaisers genoss. Jesus wurde offiziell als „wesensgleich“ mit dem Vater erklärt. Die Abweichler wurden zu Häretikern gestempelt.

Wesensgleichheit (Homousie und Homöusie): theologische Spitzfindigkeiten

Wie kann ein Gott aus drei Teilen bestehen, ist das überhaupt Monotheismus? Die entscheidende Frage ist dabei das Verhältnis von Gottvater zu Jesus. 

Hat Gott nämlich Jesus geschaffen, so steht er wesensmäßig über ihm – sie befinden sich nicht auf derselben Hierarchiestufe. Das nennt man Homöusie – Jesus und Jahwe sind nur wesensähnlich. Der heilige Geist und jesus „erfüllen den Willen“ des Gottvaters. Diese Unterordnung (Subordination) nennt man auch Subordinatianismus.

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Homousie hingegen behauptet, Jesus und Gott (und Heiliger Geist) wären wesensgleich und Jesus wäre gezeugt, aber nicht geschaffen. Trotzdem hätten die drei Bestandteile der Trinität ihre eigenen „Personen“, die auch Hypostasen genannt werden.

Die Debatte darüber wurde so erhitzt geführt, dass der Legende nach der von der Trinität überzeugte Bischof Nikolaus von Myra vor allen Anwesenden dem abweichlerischen Arius eine Ohrfeige versetzte. 

Konzil von Nizäa
Der Heilige Nikolaus ohrfeigt Arius beim Konzil von Nizäa

Der Beschluss des „nicäischen“ Glaubensbekenntnisses

Das Ergebnis war das berühmte Glaubensbekenntnis von Nicäa: Jesus Christus sei „geboren, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Eine kleine Formulierung mit gewaltiger Tragweite. Sie wurde zur Glaubensnorm, die alles andere ausschloss – nicht nur Arius, sondern auch ganze Gemeinden.

Wer widersprach, wurde verurteilt. Das Bekenntnis wurde nicht als Vorschlag, sondern als Grenzstein verstanden. Es war der erste Versuch, einen einheitlichen christlichen Glauben verbindlich festzuschreiben – und damit das Ende innerkirchlicher Vielfalt.

Konzil von Nizäa
Bild der Bischöfe mit dem Glaubensbekenntnis

Am Ende entstand mit dem Bekenntnis von Nizäa ein Text, der ein für alle Christen weltweit verbindliches Glaubensbekenntnis abbildete.

Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.

Und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt: aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich mit dem Vater; durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist; der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist,

Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, aufgestiegen ist zum Himmel, kommen wird um die Lebenden und die Toten zu richten; Und an den Heiligen Geist.

Diejenigen aber, die da sagen „es gab eine Zeit, da er nicht war“ und „er war nicht, bevor er gezeugt wurde“,und er sei aus dem Nichtseienden geworden, oder die sagen, der Sohn Gottes stamme aus einer anderen Hypostase oder Wesenheit, oder er sei geschaffen oder wandelbar oder veränderbar, die belegt die katholische Kirche mit dem Anathema.

Nicäisches Glaubensbekenntnis

Im späteren Konzil von Ephesus (431) wurde dieser Text nochmals bestätigt und seine „Unabänderlichkeit“ erklärt.

Kirchliche Einheit als imperiales Ziel

Das Konzil war auch ein diplomatisches Projekt. Kaiser Konstantin wollte keine Spaltung, sondern Harmonie – notfalls durch Unterdrückung. Die Einheit der Kirche sollte die Einheit des Reiches widerspiegeln. Dafür war jedes Mittel recht: von Bestechung über Einschüchterung bis hin zur Exilierung abweichender Bischöfe. Denn Arius und einige seiner Anhänger wurden im Laufe des Konzils verbannt – wenn auch nur für zwei Jahre.

Was als geistlicher Diskurs begann, endete als politische Einheitsveranstaltung. Die Kirche wurde zur verlängerten Verwaltung des Kaisers, Dogmen zu Verordnungen, Häresie zur Staatsfeindlichkeit. Nizäa war nicht das Ende eines Streits, sondern der Beginn einer neuen Form kirchlicher Machtausübung.

1.700 Jahre Konzil von Nicäa: was es wirklich bewirkte

Das Konzil war der erste Schritt zur Versteinerung des Glaubens in Dogmen. Das zeigt sich an der Trinitätsfrage. 

Schließlich ist es kein Zufall, dass das Konzept der Dreifaltigkeit umstritten war: Es ist wenig intuitiv und verstrickt sich in logische Widersprüche

Dreieinheit Christologie
Die Trinität ist ein „bemerkenswertes“ Konzept

Beginn der Dogmenbildung in der Kirche

Vor Nizäa war Theologie ein lebendiger, oft widersprüchlicher Diskurs. Danach wurde Glauben zunehmend zu einem System aus Normen, an dem sich jede Abweichung messen lassen musste – meist mit Ausschluss zur Folge.

Die Kirche begann, sich durch Definition und Abgrenzung zu organisieren. Das Bekenntnis wurde zur Messlatte, nicht zur Einladung. Der Gedanke, dass Glaube auch Vielfalt bedeuten könnte, wurde verdrängt. Einheit ersetzte Wahrheit.

Verfolgung von Häretikern – im Namen der Eintracht

Nach dem Konzil begann eine neue Welle der Verfolgung – diesmal nicht durch Heiden, sondern durch Christen gegen Christen. Wer an der „falschen“ Christologie festhielt, wurde exkommuniziert, verbannt oder verachtet. Ironischerweise hatte die Kirche, kaum legalisiert, bereits begonnen, selbst zur verfolgenden Instanz zu werden.

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Der Glaube wurde zur Norm, das Abweichen zur Schuld. Wer nicht „rechtgläubig“ war, galt als Gefahr für das Heil – und für den Staat. Das Bündnis von Kirche und Macht entfaltete seine destruktive Dynamik – unter dem Vorwand der Einigkeit.

Trennung von „richtiger“ und „falscher“ Theologie

Mit Nizäa begann die Spaltung zwischen „orthodox“ und „häretisch“. Was vorher vielleicht als Meinungsvielfalt galt, wurde nun klassifiziert – und sanktioniert. Die Kirche erfand die Kategorien, mit denen sie sich über Jahrhunderte definieren sollte: „wahr“ gegen „falsch“, „gerecht“ gegen „verloren“.

Diese Unterscheidung wurde zum Fundament kirchlicher Machtansprüche. Nur wer „richtig“ glaubte, hatte Zugang zu Sakramenten, Gemeinschaft, Erlösung. Die Kirche schuf sich selbst – durch Abgrenzung. Die Wahrheit wurde kodifiziert – und die Differenz kriminalisiert.

Trotzdem konnten größere Schismen auch danach nicht verhindert werden; die bedeutendsten waren sicherlich das Abendländisches Schisma 1054 mit der Abspaltung der Ostkirchen sowie die Reformation im 16. Jahrhundert.

Christentum Schismen
Schismen: Abspaltungen des Christentums in der Übersicht.
Der Arianismus ist die fünfte Linie von oben

Das Jubiläumsjahr 2025

Das 1700-jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa wird in kirchlichen Kreisen bereits vorbereitet – als großes Ereignis der Ökumene. Doch was genau wird da gefeiert? Ein Dogmenbeschluss unter politischem Druck? Die Ausschaltung einer theologischen Minderheit? Die Entstehung der klerikalen Bürokratie?

Man feiert mit Weihrauch, was einst mit Exil begann. Und die Frage bleibt: Ist das ein Fest des Glaubens – oder ein Jubiläum der Machtgeschichte? Wer es ernst meint mit der Erinnerung, muss auch die Schatten betrachten, nicht nur die liturgischen Lichter.

Fun Fact: Es war übrigens Konstantins findige Mutter Helena, die persönlich nach Jersualem zog und dort zum Erstaunen aller das heilige Kreuz zutage förderte, dessen Splitter seitdem als Herrenreliquie ersten Ranges verehrt werden.

Konstantin_&_Helena
Kaiser Konstantin, seine Mutter Helena und das heilige Kreuz

Kritischer Rückblick auf das Verhältnis von Kirche und Staat

Nizäa ist ein Lehrstück für die frühe Verquickung von Theologie und Politik. Der Kaiser rief, die Kirche folgte. Es war der Beginn einer Jahrhunderte währenden Symbiose zwischen Thron und Altar, in der Glaube zur Staatsangelegenheit wurde und Macht als Gottes Wille verkauft wurde.

Diese Geschichte darf nicht verklärt werden. Das Konzil war kein Modell für friedlichen Dialog, sondern für Durchsetzung durch Autorität. Es lehrt uns nicht Einheit, sondern den Preis der Uniformierung – einen Preis, den abweichende Stimmen bis heute zahlen.

Warum ein Konzil keine göttliche Eingebung war

Was in Nizäa geschah, war kein göttlicher Moment – es war ein politisch motivierter Machtakt, bei dem theologischer Streit kanalisiert und vereinheitlicht wurde. Das Resultat war nicht spirituelle Erkenntnis, sondern eine neue Form kirchlicher Kontrolle.

Ein Konzil ist nicht die Stimme Gottes, sondern die Summe menschlicher Interessen im Gewand der Heiligkeit. Wer Nizäa heute feiert, sollte sich fragen: Glauben wir an einen Gott, der per Abstimmung definiert wird? Oder an die Freiheit des Denkens?

Warum das Konzil von Nizäa bis heute nachwirkt

Trinitätslehre, Kirchenrecht und Glaubenszwang

Die Trinitätslehre, die auf Nizäa zurückgeht, ist bis heute zentraler Bestandteil christlicher Bekenntnisse. Ebenso die Vorstellung, dass Glaubenswahrheiten verbindlich formuliert und abweichende Meinungen ausgeschlossen werden dürfen – ein Konzept, das jahrhundertelangen Glaubenszwang legitimierte.

Kirchenrecht, Sakramentslehre, Liturgie – vieles davon hat hier seinen Ursprung. Nizäa war kein Einzelfall, sondern der Beginn eines Systems, das Wahrheit definierte – und Abweichung pathologisierte.

Die Basis für Jahrhunderte kirchlicher Intoleranz

Von der Verfolgung der Arianer über die Ketzerverfolgungen im Mittelalter bis hin zur Inquisition: Der Keim all dessen liegt in der Logik von Nicäa. Die Trennung von „richtig“ und „falsch“ wurde zur DNA der Kirche – mit oft katastrophalen Folgen für die Freiheit des Denkens.

Was dort begann, endete in Scheiterhaufen, Kreuzzügen, Exkommunikationen und dogmatischer Erstarrung. Das Konzil war nicht der Beginn einer blühenden Theologie, sondern der Startpunkt für jahrhundertelange geistige Monokultur.

Meme Atheismus
Schönen Gruß von 325.

Und doch: Der Beginn institutionalisierter Theologie

Trotz aller Kritik war Nizäa auch der Moment, in dem Theologie professionell und strukturiert wurde. Statt wilder Spekulation gab es Diskussion – und einen ersten Versuch, christliche Lehre systematisch zu formulieren. Das war nicht nur Repression, sondern auch Struktur.

Theologie wurde akademisch, organisierbar – und damit auch reproduzierbar. Nizäa war die Geburtsstunde der dogmatischen Theologie. Ob das ein Segen war oder ein Fluch, bleibt Ansichtssache.

Das Konzil als Wendepunkt – nicht nur für die Kirche

Das Konzil von Nizäa war kein himmlischer Geniestreich, sondern ein politischer Kulminationspunkt, an dem Theologie, Macht und Kontrolle eine unheilige Allianz eingingen. Der Kaiser sicherte die Einheit des Reiches, die Kirche den Alleinanspruch auf Wahrheit – ein Geschäft auf dem Rücken der Vielfalt.

Wer heute an Dogmen glaubt, glaubt oft an das Ergebnis eines Kompromisses unter Bischöfen, nicht an die Stimme Gottes. Nizäa war der Moment, in dem das Christentum seine Seele an den Staat verkaufte – für Einheit, Macht und Einfluss. Ein Dogma wurde geboren – aber die Wahrheit starb in der Fußnote.

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Das Buch geht in die Tiefen der christlichen Geschichte und beleuchtet die dramatischen Ereignisse und die entscheidenden Figuren der arianischen Kontroverse. [Anzeige]

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