Die letzten Worte Jesu am Kreuz zählen zu den bedeutendsten Momenten in der christlichen Theologie. Seit Jahrhunderten beschäftigen sich Gläubige und Gelehrte mit den letzten Worten, der letzten Botschaft des (angeblichen) Messias: Was hat der Nazarener am Karfreitag beim Sterben gesagt und wie war es gemeint?
Biblische Darstellung der letzten Worte Jesu
Die letzten Worte Jesu sind in den Evangelien des Neuen Testaments überliefert – zeitgenössische außerbiblische Zeugnisse gibt es wie insgesamt für die Passion Christi, die Auferstehung und die Himmelfahrt kein einziges.
Und hier gehen die Probleme schon los. Wie wir bereits mehrfach an anderer Stelle gesehen haben, sind die Berichte der Evangelien voll Widersprüche.
Widersprüche in der Bibel gibt es zuhauf.
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Unterschiede in den Evangelien – wie kommt das?
Der Bibelwissenschaftler Bart Ehrman erläutert in diesem Video, wie das zustande kam: Letztendlich wurden die Evangelien mehrere Jahrzehnte nach Jesu Tod verfasst und speisen sich deshalb aus dem Hörensagen mündlicher Überlieferungen.
Von der mündlichen Überlieferung zur Handschrift
Die wichtigsten Handschriften der Evangelien stammen aus verschiedenen Epochen der frühen christlichen Geschichte. Keine dieser Handschriften ist vollständig identisch mit den heutigen Versionen der Evangelien, da sie über die Jahrhunderte hinweg durch Abschriften und Übersetzungen Veränderungen erfahren haben.
Einige der bedeutendsten Handschriften sind:
Codex Sinaiticus (4. Jahrhundert): Eine der ältesten und vollständigsten Bibelhandschriften, die nahezu das gesamte Neue Testament enthält. Sie wurde im 19. Jahrhundert im Katharinenkloster auf dem Sinai entdeckt.
Codex Vaticanus (4. Jahrhundert): Eine nahezu vollständige Bibelhandschrift, die im Vatikan aufbewahrt wird. Sie gilt als eine der wichtigsten Quellen für den Text des Neuen Testaments.
Codex Alexandrinus (5. Jahrhundert): Eine weitere bedeutende frühe Handschrift der Bibel, die große Teile des Alten und Neuen Testaments enthält. Sie befindet sich heute in der British Library in London.
Codex Bezae (5.-6. Jahrhundert): Eine Handschrift, die sowohl in griechischer als auch in lateinischer Sprache verfasst ist und Teile der Evangelien und der Apostelgeschichte enthält. Sie ist bekannt für ihre einzigartigen Lesarten und Abweichungen vom üblichen Text des Neuen Testaments.
Papyri-Fragmente: Eine Vielzahl von Papyrusfragmenten des Neuen Testaments, die bis ins 2. und 3. Jahrhundert zurückreichen, bieten Einblicke in die frühe Form des Textes. Die bekanntesten sind die Papyri „P52“ (Rylands Library Papyrus P52, das älteste bekannte Fragment des Neuen Testaments) und „P66“ (Bodmer-Papyrus).

Vollständige Evangelien liegen der Wissenschaft aus den ersten zwei Jahrhunderten aber gar nicht vor – Textfragmente aus dem ersten und zweiten Jahrhundert von mittelalterlichen Kopisten zusammengetragen und übersetzt, wobei sich Fehler, Interpolationen und Beifügungen zuhauf eingeschlichen haben.
Das erste vollständige Evangelium liegt erst aus dem vierten Jahrhundert vor.
Vorher existierten die Texte in fragmentierter Form oder in Handschriften, die nur Teile der Evangelien enthielten. Einem größeren Publikum waren diese Schriften allerdings gar nicht erst bekannt. Erst in den letzten zweihundert Jahren wurden diese einer Öffentlichkeit zugänglich. In den Jahrhunderten zuvor wurde jedenfalls fleißig kopiert und voneinander abgeschrieben.
Kopisten und Übertragungsfehler
Laut Ehrman finden sich deswegen in den Evangelien „mehr Widersprüche, als es Wörter im Neuen Testament gibt“. Er beziffert sie auf „mehrere hunderttausend Abweichungen“. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es nach einigen Jahrhunderten biblischen Schaffens insgesamt über 5.000 Handschriften sind, die übersetzt, kopiert, editiert und kompiliert wurden.
Diese Widersprüche blieben nicht verborgen: So brachte der britische Theologe John Mill (1645–1707) im Jahr seines Todes das Werk „Novum testamentum græcum, cum lectionibus variantibus MSS. exemplarium, versionun, editionum SS. patrum et scriptorum ecclesiasticorum, et in easdem nolis“ heraus – eine kommentierte griechische Ausgabe des neuen Testaments, das die Abweichungen mit anführte.

Obwohl Mill nur „gewichtige“ Abweichungen notiert hatte, kam er auf über 30.000 Widersprüche.
Mill kommt auch im folgenden Video vor. Das Video ist auf Englisch, du kannst aber deutsche Untertitel aktivieren.
Die letzten Worte Jesus in den verschiedenen Evangelien
Entsprechend variieren auch die Darstellungen der letzten Worte Jesu in den verschiedenen Evangelien, was zu nachvollziehbaren Diskussionen über ihre historische Genauigkeit geführt hat.

Also was genau sind die Unterschiede bei den letzten Worten Jesu in den vier Evangelien? Betrachten wir zunächst die drei synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas. Dann wenden wir uns dem Johannes-Evangelium zu.
Die letzten Worte Jesu bei Matthäus und Markus
In Matthäus und Markus ruft Jesus in Aramäisch aus: „Eli, Eli, lema sabachthani?“, was bedeutet „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Wir betrachten nachfolgend den Kontext der Aussage in der Lutherübersetzung.
44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. 45 Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. 48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! 50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.
Matthäus 27
Es ist bei der Lutherübersetzung zu erwähnen, dass die Handschriften den aramäischen Wortlaut des Psalms „Eloï, Eloï, lema sabachtani?“ wiedergeben, Luther hingegen den hebräischen.
Danach zerreißt bei Matthäus der Tempel, es kommt ein Erdbeben und „viele Leiber der entschlafenen Heiligen“ erheben sich und laufen als Untote durch Jerusalem herum.

Bei der Kreuzigung war laut Lukas einiges los
Bei Markus liest sich das so:
33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum[4] hast du mich verlassen? 35 Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. 36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme! 37 Aber Jesus schrie laut und verschied. 38 Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 39 Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen! 40 Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria Magdalena und Maria, die Mutter Jakobus des Kleinen und des Joses, und Salome, 41 die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.
Markus 15
Die beiden Texte stimmen recht gut überein, wobei es auch Übersetzungen gibt, bei denen es nicht heißt „warum hast du mich verlassen“, sondern „wozu“.
Die letzten Worte Jesu bei Lukas
Lukas hingegen überliefert die Worte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Gerne wird argumentiert, dass Matthäus und Markus die menschliche Seite Jesu betonen, sein Leiden und seine Angst. Lukas’ Darstellung hingegen zeigt Jesus in einem Akt des Vertrauens und der Hingabe an den Vater. Er hat sogar noch die Kraft, einen der ebenfalls gekreuzigten Räuber zu trösten, der sich an ihn wendet. Bei Matthäus und Markus hingegen verspotten die Räuber Jesus.
Hier die Stelle nach Luther.
38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Lukas 23
Die letzten Worte Jesu bei Johannes
Das Johannesevangelium berichtet, dass Jesus sagte: „Es ist vollbracht.“
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. 30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.
Johannes 19
„Es ist vollbracht“ – die letzten Worte Jesu in theologischer Deutung
Wie deutet man dies nun theologisch? Es gibt Erklärungen, dass die Abweichungen verschiedene Aspekte Jesu Persönlichkeit und seines Werkes widerspiegeln: Die menschliche Seite bei Markus, das Vertrauen bei Lukas und im Johannesevangelium die Vollendung seiner Mission und die Erfüllung der Schrift. (In der Kreuzigungsszene bei Johannes wird auch stärker betont, dass sich hiermit die Prophezeiungen des Alten Testaments erfüllten).
Damit reflektieren die Texte nicht nur den je unterschiedlichen historischen Kontext, in dem die Evangelien jeweils geschrieben wurden, sondern auch die unterschiedlichen theologischen Absichten der Evangelisten.
Denn: Jedes der Evangelien – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – wurde von einem anderen Autor geschrieben, der sich an eine spezifische Gemeinschaft (heute würde man sagen: Zielgruppe) wandte. Die verschiedenen Autoren hatten unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Darstellung der Lehre und des Lebens Jesu, was zu den gesehenen Variationen in ihren Berichten führte.
Zudem wurde jedes Evangelium mit einer eigenen theologischen Absicht und Perspektive verfasst. Zum Beispiel betont das Matthäusevangelium Jesu Rolle als Erfüller der jüdischen Prophezeiungen, während das Johannesevangelium eine hohe Christologie und die göttliche Natur Jesu hervorhebt.
Diese unterschiedlichen theologischen Schwerpunkte spiegeln sich in der Art und Weise wider, wie die letzten Worte Jesu dargestellt werden. Einige der Unterschiede in den letzten Worten Jesu können auf die Absicht der Evangelisten zurückgeführt werden, bestimmte theologische oder symbolische Botschaften zu vermitteln. Beispielsweise könnten Worte, die auf die Erfüllung der Schrift hinweisen, eingefügt worden sein, um eine Verbindung zwischen Jesu Tod und alttestamentlichen Prophezeiungen herzustellen.
Nicht nur die letzten Worte Jesus weichen in den Evangelien ab
Die Kreuzigungsszene in den vier Evangelien des Neuen Testaments zeigt Abweichungen nicht nur bei den letzten Äußerungen Jesu. Es gibt weitere Unterschiede in den Details und Darstellungen. Einige der bemerkenswerten Abweichungen sind:
Die Inschrift am Kreuz
Alle vier Evangelien erwähnen eine Inschrift am Kreuz, aber die genaue Formulierung variiert. Bei Matthäus lautet sie: „Dies ist Jesus, der König der Juden“ (Matthäus 27:37), bei Markus: „Der König der Juden“ (Markus 15:26). Bei Lukas heißt es: „Dies ist der König der Juden“ (Lukas 23:38) und bei Johannes: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache (Johannes 19:19). Laut Johannes diskutiert Pilatus noch mit den Hohepriestern über den genauen Wortlaut, der dann in den drei Sprachen angebracht wird.
Anwesenheit bei der Kreuzigung
Die Evangelien unterscheiden sich auch darin, wer bei der Kreuzigung anwesend war. Bei Matthäus und Markus wird erwähnt, dass Frauen, darunter Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, aus der Ferne zuschauen. Lukas erwähnt ebenfalls Frauen, die Jesus aus Galiläa gefolgt waren und „alle seine Bekannten von ferne“. Johannes hingegen beschreibt, dass neben Frauen auch der Jünger, den Jesus liebte (traditionell als Johannes identifiziert), nahe am Kreuz stand.
Reaktion der Umstehenden
Die Reaktionen der Menschen, die die Kreuzigung beobachteten, variieren ebenfalls. Während bei Lukas ein römischer Hauptmann sagt: „Wahrlich, dieser Mensch war gerecht“, berichten Matthäus und Markus, dass der Hauptmann sagte: „Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn“.
Die Verteilung von Jesu Kleidern
Alle vier Evangelien erwähnen, dass die Soldaten Jesu Kleider unter sich aufteilen, aber die genaue Darstellung unterscheidet sich. Bei Johannes wird speziell erwähnt, dass sie Jesu Gewand nicht zerteilten, sondern darüber losten, um die Schrift zu erfüllen.
Sind die Evangelien und die Überlieferung der letzten Worte Jesu glaubwürdig?
In der Bewertung der Glaubwürdigkeit der Evangelien ist es wichtig, ihre Entstehungsgeschichte, ihren Zweck und ihre Natur als religiöse, teilweise metaphorische Texte zu berücksichtigen. Die Autoren der Evangelien griffen auf unterschiedliche Quellen und mündliche Traditionen zurück, was zu Variationen in den Berichten führte. Jedes der Evangelien wurde mit einer bestimmten theologischen Perspektive und einem spezifischen Adressatenkreis verfasst.
Die Frage nach der Glaubwürdigkeit hängt somit stark von der Perspektive ab, aus der man die Texte betrachtet – ob als historisches Dokument, theologische Schrift oder als Kombination beider Aspekte. Die Evangelien sind keine historischen Berichte im modernen Sinne, sondern religiöse Texte, die sowohl historische Ereignisse als auch theologische Lehren vermitteln.
Während sie historische Informationen enthalten, ist ihr Hauptzweck, den Glauben und die Botschaft Jesu zu vermitteln. Als historische Quellen oder gar „Augenzeugenberichte“, wie dies von vielen Gläubigen naiv vermutet wird, sind sie damit in ihrer Gesamtheit wenig glaubwürdig.
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