Ansicht der "Prophetenmoschee" die nach dem Tod Mohammeds an seiner Todesstätte errichtet wurde

Wie starb Mohammed? Der Tod des Propheten zwischen Fieber und Gift

Der Mann, der nach islamischem Glauben Botschaften des Allmächtigen empfing, starb an etwas ziemlich Profanem: einer Krankheit. Kein Feuerwagen, keine Himmelfahrt, kein Donnerhall. Ein Fieber, ein pochender Schädel, ein Kopf im Schoß der Lieblingsfrau.

Und doch wird bis heute darüber gestritten, ob es wirklich nur ein Fieber war. Wurde er vergiftet? Und was wissen wir überhaupt, jenseits der Erbauungsliteratur?

Wer sich für die Frage interessiert, findet hier die Quellen, die Krankheitstheorien und die Frage, warum ausgerechnet dieser Tod so umstritten ist.

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Wann und wie ist Mohammed gestorben? Die islamische Überlieferung

Beginnen wir mit dem, was die islamische Tradition selbst erzählt. Dem Selbstbild nach ist sie schließlich die Augenzeugin, die es besser weiß. Spoiler: Sie war nicht dabei.

Datum, Ort und Alter: Medina im Jahr 632

Nach der Überlieferung starb Mohammed am 8. Juni 632 (12. Rabiʿ al-awwal 11 nach der Hidschra) in Medina. Er dürfte rund 62 oder 63 Jahre alt gewesen sein.

Sein Geburtsjahr ist selbst nicht gesichert, um 570 ist eine gängige Schätzung. Gestorben sei er im Zimmer seiner Frau Aischa, begraben wurde er ebenfalls dort. Heute steht an dieser Stelle die Prophetenmoschee, eines der größten Pilgerziele der islamischen Welt.

Der Tod fand also mitten im Wohnzimmer statt, die Heiligsprechung des Grundstücks folgte prompt.

Begräbnisstätte Mohammeds

Krankheitsverlauf: Kopfschmerz, Fieber, Schwäche

Die frühen Biografen schildern den Verlauf ziemlich einheitlich. Nach der sogenannten Abschiedspilgerfahrt erkrankt Mohammed mit Kopfschmerzen und hohem Fieber. Er lässt sich kaltes Wasser über den Körper gießen, quält sich zur Moschee, ist irgendwann zu schwach, um selbst das Gebet zu leiten, und bittet Abu Bakr, ihn zu vertreten.

Die Krankheit habe mehrere Tage gedauert, die Angaben schwanken zwischen etwa einer und zwei Wochen. Zum Schluss habe er den Kopf an Aischas Brust gelegt und sei gestorben.

Bemerkenswert ist ein Detail, das fromme Erzähler gerne überlesen. Aischa berichtet, sie habe über ihm die Schutzsuren (Sure 113 und 114) gesprochen und ihm die Hände darüber gestrichen.

Der Gesandte Gottes, der Kranke, der Zauberformeln über sich sprechen lässt.

Hilfe von oben? Fehlanzeige.

Wurde Mohammed vergiftet? Die Legende vom Lamm von Chaibar

Jetzt wird es dramatisch. Denn die Überlieferung kennt auch eine zweite, viel spannendere Version. Wer sich für „Wurde Mohammed vergiftet?“ interessiert, landet unweigerlich hier.

Die Geschichte der Zaynab bint al-Harith

Nach der Eroberung der Oase Chaibar (um 628/629) soll eine jüdische Frau namens Zaynab bint al-Harith dem Propheten ein gebratenes Lamm serviert haben, das sie vorher vergiftet habe.

Mohammed habe den Bissen ausgespuckt, sein Begleiter Bischr ibn al-Bara‘ aber habe mitgegessen und sei gestorben. Über das Schicksal der Frau gehen die Berichte auseinander: Mal wird sie hingerichtet, mal begnadigt.

Man merkt, hier wurde erzählt, nicht protokolliert.

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Das Gift als Todesursache: der „Aorta-Hadith“

Die Brücke zum Tod schlägt eine Überlieferung, nach der Mohammed auf dem Sterbebett gesagt haben soll, er spüre noch den Schmerz vom Essen in Chaibar, nun reiße ihm die Schlagader (abhar) ab.

Die Stelle wird von Islamkritikern besonders gerne wiedergegeben, da es in Sure al-Haqqa (69:44–46) sinngemäß heißt, dass wenn Mohammed eigenmächtig Worte in Gottes Namen erfinden oder fälschen würde, Gott ihn bei der rechten Hand ergreifen und ihm die Aorta (arabisch al-Watin) durchtrennen würde. Da ihm dann angeblich die Aorta platzte, würde der Koran damit selber nachweisen, dass Mohammed ein falscher Prophet gewesen sei.

So oder so: Manche machen aus Mohammeds Tod ein Märtyrertum: Der Prophet starb nicht bloß, er wurde ermordet und nahm damit posthum den Status eines Blutzeugen ein. Praktisch für die Erbauung. Praktisch auch für Ressentiments gegen Juden, die an der Stelle gern mitschwingen, er wurde schließlich von einer Jüdin vergiftet. Das kennen wir auch vom Christentum; hier haben die Juden Jesus umbringen lassen.

Historisch und medizinisch trägt die Erzählung von der Vergiftung schlecht. Ein Gift, das ein Opfer erst drei bis vier Jahre nach der Einnahme tötet, wäre eine erstaunliche Substanz.

Wahrscheinlicher ist, dass die Verbindung im Nachhinein konstruiert wurde, weil sie eine Lücke füllte: Ein Mensch, der Gottes Werkzeug war, konnte nicht einfach so an einer Infektion sterben. Der Tod brauchte eine Bedeutung.

Natürlich finden sich aber schnell Theologen, die einen passenden Spin finden. Aus islamischer Sicht ist der Tod Mohammeds durch Gift kein Beweis für eine Strafe Gottes, sondern im Gegenteil eine Besonderheit und Ehre.

Ibn Hajar al-Asqalani (1372-1449) erklärte etwa, dass Gott Mohammed den Rang eines Märtyrers (Schahid) verleihen wollte. Da Propheten von Gott vor der sofortigen Tötung durch Menschen geschützt sind, damit sie ihre Botschaft vollenden können (Sure 5:67), wirkte das Gift in Chaibar nicht sofort tödlich. Gott hielt die tödliche Wirkung so lange zurück, bis der Koran vollständig verkündet war. Erst als die Mission erfüllt war, durfte das Gift seine Wirkung entfalten, sodass Mohammed sowohl als Prophet als auch als Märtyrer starb.

Was sagt die Medizin? Krankheitstheorien zum Tod Mohammeds

Auch Mediziner und Historiker haben aus den überlieferten Symptomen Ferndiagnosen gebastelt. Ferndiagnosen an Toten aus einem 1400 Jahre alten Text sind aber ein Vergnügen mit Fußnote.

Malaria, Typhus, Rippenfellentzündung: die Kandidaten

Diskutiert werden unter anderem Malaria, Typhus, eine bakterielle Hirnhautentzündung, eine Rippenfellentzündung oder die Brucellose, die man sich durch rohe tierische Produkte einfängt.

Die Quellenlage reicht schlicht nicht für eine belastbare Diagnose. Hohes Fieber und Kopfschmerz passen zu sehr vielen Krankheiten, und im Arabien des 7. Jahrhunderts gab es keine Blutbilder und kein CT. Alles Spekulation im Arztkittel.

Warum die Symptombeschreibungen mit Vorsicht zu genießen sind

Die Krankheitsschilderungen stammen aus Texten, die nicht zeitgenössisch sind. Sie wurden erzählt, weitergegeben, ausgeschmückt und zum Teil erst Generationen später aufgeschrieben.

Jede Erzählung hat außerdem ihre Absicht: Wo Sunniten die Nähe zu Aischa und Abu Bakr betonen, betonen Schiiten Alis Rolle und werfen in manchen Traditionen Aischa und Hafsa sogar eine Vergiftung vor. Medizinisch nützlicher wird das nicht, politisch dafür umso mehr.

Wie zuverlässig sind die Quellen? Der Tod Mohammeds als historisches Problem

Und damit zur unbequemen Kernfrage: Woher wissen wir das alles eigentlich?

Späte Biografien: Ibn Ishaq, Tabari und Co.

Die älteste erhaltene Prophetenbiografie stammt von Ibn Ishaq (gest. um 767), überliefert in der Bearbeitung durch Ibn Hisham (gest. 833). Dazu kommen Ibn Saʿd und der Historiker al-Tabari (gest. 923), dazu die Hadith-Sammlungen wie die des al-Buchari.

Zwischen dem Tod Mohammeds und diesen Texten liegen mindestens 130 bis 300 Jahre. Das ist, als würden wir heute den Todesfall eines Ereignisses aus dem 18. Jahrhundert aus mündlichen Familienerzählungen rekonstruieren. Der Unterschied: Die Familien hatten damals massive politische und religiöse Interessen daran, wie diese Erzählung ausgeht.

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Alternative Lesarten: Lebte Mohammed länger?

Es wird noch heikler. Einige nichtislamische Quellen aus dem 7. Jahrhundert, etwa die griechisch-christliche „Doctrina Iacobi“ (um 634) und der armenische Chronist Sebeos, deuten an, dass ein Prophet der Araber noch an der Eroberung Palästinas beteiligt war.

Der Religionshistoriker Stephen Shoemaker hat daraus in „The Death of a Prophet“ die These entwickelt, Mohammed könnte gegebenenfalls 632 gar nicht gestorben sein, sondern die Eroberungszüge noch angeführt haben.

Die Fachwelt ist von dieser These überwiegend nicht überzeugt, und die Quellen sind dünn. Sie zeigt aber, wie wackelig das feste Datum ist, das in jedem Schulbuch steht.

Was bleibt als sicherer Kern? Ein Mann starb, vermutlich an einer Krankheit, um das Jahr 632. Alles Weitere, vom Gift bis zum Sterbesatz, ist Erzählung, und Erzählung ist keine Evidenz.

Fazit: So starb Mohammed wahrscheinlich

Wie starb Mohammed? Wahrscheinlich an einem Fieber, wie Millionen Menschen vor und nach ihm. Das ist unspektakulär. Aber es ist ehrlich.

Wer den Tod eines Propheten mit Märtyrer-Aura, Giftmord und Sterbedramen anreichert, will vor allem eines: den Tod eines gewöhnlichen Menschen in etwas Übernatürliches umdeuten. Die Wissenschaft muss dabei nicht mitspielen.


Quellen (Auswahl)

  • Ibn Ishaq / Ibn Hisham: Sīrat Rasūl Allāh (Prophetenbiografie)
  • Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr
  • al-Tabari: Taʾrīkh ar-rusul wa-l-mulūk
  • Sahih al-Buchari, Kapitel zu den Feldzügen (Maghazi), abrufbar u. a. auf sunnah.com
  • Stephen J. Shoemaker: The Death of a Prophet. The End of Muhammad’s Life and the Beginnings of Islam, University of Pennsylvania Press, 2012
  • Hartmut Bobzin: Mohammed, C.H. Beck Wissen
  • Wikipedia: Mohammed
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