Alle paar Jahre grüßt das kreationistische Murmeltier. Schlagzeilen wie „Forscher wollen Bibel-Geheimnis gelüftet haben“ fluten das Netz und versprechen Sensationen.
Ein Klassiker dabei ist die Arche Noah: Immer wieder ploppt die angebliche Freilegung des hölzernen Rettungsbootes der Menschheit an die Oberfläche. Medien kauen dabei die immer gleichen Pressemitteilungen von pseudowissenschaftlichen Vereinen und motivierten Fundis unkritisch wieder.
Wer hinter die reißerischen Überschriften blickt, stößt rasch auf ein Trauerspiel aus Wunschdenken, geologischer Ahnungslosigkeit und Bibel-Fundamentalismus. Es ist an der Zeit, den Mythos gründlich zu zerlegen.
Wie entstand der Mythos um die Arche Noah in der Türkei?
Ort des Geschehens ist die sogenannte Durupınar-Formation nahe Doğubayazıt in der Osttürkei, nicht weit (ca. 30 km) vom Berg Ararat entfernt.
Durupınar ist eine ganz natürlich entstandene Gesteinsformation, die aufgrund von Erdrutschen und Bodenerosion (dazu gleich mehr) aus der Vogelperspektive vage an einen Schiffsrumpf erinnert.
Hier kannst du sie bei Google Maps betrachten – natürlich gibt es mittlerweile auch ein Museum und ein Besucherzentrum …
Kartierung im Auftrag der NATO
1959 kartierte die Türkei die Region aus der Luft genauer, sie liegt im Grenzgebiet zum Iran und ist daher aus NATO-Sicht bedeutsam. Der Namensgeber Ilhan Durupınar entdeckte die Formation schließlich 1960 auf einer Luftaufnahme der türkischen Luftwaffe.
Ein kurdischer Bauer hatte die Formation allerdings bereits einige Jahre zuvor entdeckt, wie ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1948 belegt. Seinen Hinweisen folgend bestätigten weitere Ortsansässige, ein „Schiff“ auf dem Berg Ararat gesichtet zu haben.
Vereinnahmung durch Kreationisten
Schon in den 1980er-Jahren tingelten Pseudo-Archäologen wie Ron Wyatt medienwirksam durch die Talkshows und behaupteten, versteinertes Holz und Beschläge gefunden zu haben.
Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen von Kreationisten und anderen Apologeten, die die Bibel für einen wörtlich zu nehmenden Tatsachenbericht halten.

Bei seriösen geologischen Untersuchungen (unter anderem bereits in den 1980er- und 90er-Jahren durch den Geologen Anton Escher und den Skeptiker Lorence Collins) wurden keinerlei fossile Hölzer, Schiffsrippen oder künstliche Legierungen gefunden.
Was man fand: Vulkanit, Basalt und Ton. Es handelt sich um gewöhnliches, verwittertes Vulkan- und Sedimentgestein (einen sogenannten synklinalen Faltenbau).
Kein Holz.
Keine Beschläge.
Kein Schiff.
Warum behaupten Forscher, die Arche Noah auf GPR-Scans und Satellitenbildern zu sehen?
Um Aufsehen zu erregen, greifen Pseudo-Archäologen regelmäßig zu modernen Schlagwörtern wie Bodenradar (GPR) oder 3D-Scans. „Auffällige Winkel“ und „Symmetrien“ im Untergrund sollen angeblich Decks und Räume beweisen.
Wer Bodenradar-Daten interpretieren kann, weiß: Menschliche Erwartungshaltung erzeugt bei Rauschen schnell Phantombilder (Pareidolie).
Bisher konnte keine dieser Gruppen auch nur ein einziges Stück bearbeitetes Holz oder antikes Werkzeug aus der Formation fördern.
Es gibt dort nur Gestein. Wissenschaft funktioniert über Ausgrabung und Peer-Review, nicht über Pressemitteilungen gläubiger Stiftungen.
Wissenschaftliche Analysen des Gesteins
Die wissenschaftliche Studie des Geologen Lorence Gene Collins von der California State University Northridge kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass es sich bei der Formation nahe Doğubeyazıt in der Türkei nicht um die Arche Noah, sondern um eine rein natürliche geologische Struktur handelt.
Die geologischen Untersuchungen entkräften alle vermeintlichen Beweise für ein menschengemachtes Schiff. Hier sind die wichtigsten Ergebnisse:
- Die bootsförmige Struktur ist eine natürliche, erodierte Gesteinsfalte (Synklinale).
- Die vermeintlichen Metallteile bestehen aus verwitterten, vulkanischen Mineralien.
- Die Linienstrukturen entstanden durch Mineralkonzentrationen in Gesteinsrissen.
- Das angebliche Gopherholz ist deformiertes Peridotit-Gestein.
Für die Untersuchung der vermeintlichen Arche Noah wurden verschiedene geologische und chemische Labormethoden sowie geophysikalische Feldmessungen eingesetzt.
Die Forscher nutzten Dünnschliff-Mikroskopie, Rasterelektronenmikroskopie (SEM) und chemische Verfahren, um die Struktur und die Materialzusammensetzung der Funde exakt zu bestimmen. Zudem kamen ein Bodenradar, Metalldetektoren sowie Luftbildanalysen zum Einsatz.
„Ergebnisse mikroskopischer Untersuchungen und Fotoanalysen belegen, dass es sich bei der vermeintlichen Arche in der Nähe von Doğubayazıt um eine rein natürliche Felsformation handelt. Es kann sich weder um die Arche Noah noch um ein von Menschenhand geschaffenes Modell handeln.
Es ist nachvollziehbar, warum frühe Forscher sie fälschlicherweise als solche identifiziert haben: Die ungewöhnliche, bootsförmige Struktur dürfte ihre Aufmerksamkeit so sehr auf sich gezogen haben, dass der Eifer, entweder die Arche Noah entdeckt oder deren Existenz bestätigt zu haben, die Vorsicht in den Hintergrund gedrängt haben dürfte.
Ein Beispiel dafür, in welchem Maße die Befürworter der Noah-Arche-Hypothese jegliche Vorsicht außer Acht ließen, ist die fälschliche Identifizierung eines metamorphosierten Peridotits mit Falten als Gopherholzrinde oder als Abdrücke versteinerter Schilfhalme, die angeblich einst die Arche bedeckten (Wyatt, 1994).
Wäre zudem die kreationistische Sintflut-Hypothese gültig (Baumgardner, 1985, 1990), müssten die durch Fossilien in diesem Kalkstein repräsentierten „toten Tiere“ in der vermeintlichen Sintflut umgekommen sein, und diese versteinerten Überreste würden in Rinnen gefunden werden, die die vermeintliche Arche durchschneiden.
Daher ist die vermeintliche Arche älter als die Ablagerungen der vermeintlichen Sintflut zu Noahs Zeiten, und diese Beziehung allein widerlegt bereits schlüssig die Hypothese, dass es sich bei der Struktur um die erhaltenen Überreste der Arche handelt.“
aus: Collins & Fasold, „Bogus Noah’s ark from Turkey exposed as a common geological structure“ (Übers. vom Verfasser)
Was wirklich auf dem Ararat geschah: die geologische Entstehung einer bootsförmigen Struktur
Wissenschaftlich lässt sich die bootsförmige Struktur sehr gut erklären. Es handelt sich dabei um eine Kombination aus Sedimentation, Faltung, Erosion und einem Erdrutsch.
Die Entstehungsgeschichte lässt sich in vier wesentliche Phasen unterteilen:
- Ablagerung (Sedimentation)
Flüsse transportierten Verwitterungsprodukte von vulkanischen Bergen in ein tiefgelegenes Becken. Es lagerten sich Schichten aus Ton, Quarz, Kalk und vulkanischen Geröllen (Andesit und Basalt) ab. Auch winzige Magnetit-Körner sammelten sich dort an. Diese lockeren Ablagerungen wurden im Laufe der Zeit tief vergraben und zu festem Sedimentgestein zusammengepresst. - Faltung zur „Mulde“
Durch tektonische Kräfte (Verschiebungen der Erdkruste) wurden die ursprünglich flachen Gesteinsschichten von den Seiten gestaucht.Das Gestein bog sich zu einer U-förmigen Falte – einer sogenannten doppelt eintauchenden Synklinale (Faltenmulde). Diese Geometrie bildet die physikalische Basis für die spätere Schiffsform. - Erosion und Freilegung
Hebung: Das Gebiet hob sich an, und das Meer zog sich zurück. Wind, Wetter und Wasser trugen die oberen Gesteinsschichten ungleichmäßig ab. Da die äußeren Schichten der Mulde aus härterem, widerstandsfähigerem Vulkangestein bestanden, blieben sie als erhöhter „Schiffsrumpf“ stehen, während das weichere Material im Inneren weggespült wurde. - Der umschließende Erdrutsch
In den umliegenden Bergen befinden sich quellfähige Tone (Bentonit), die bei starkem Regen oder Schneeschmelze extrem instabil werden. Ein gewaltiger Schlamm- und Erdrutsch ging nieder. Diese zähflüssige Masse floss jedoch nicht über die harte, erhöhte Synklinale hinweg, sondern wurde von ihr gespalten und strömte links und rechts an ihr vorbei.
Das Resultat: Die harte Gesteinsfalte blieb wie eine Insel perfekt geformt inmitten des erstarrten Schlammstroms zurück, was den optischen Eindruck eines im Schlamm steckenden Schiffes perfekt machte.
Gab es die globale Sintflut wirklich oder ist sie ein theologisches Hirngespinst?
Ist ein Hirngespinst. Man muss auch gar nicht erst in die Türkei reisen, um den Mythos einer globalen Flut zu zerlegen. Der Bericht in der Genesis scheitert bereits an elementarsten Naturgesetzen. Ich habe das hier schon mal beschrieben:
Warum suchen Gläubige bis heute nach der Arche Noah?
Der Drang, pseudowissenschaftliche Beweise für Mythen zu finden, entspringt dem Wunsch nach Verifizierung des eigenen Glaubenssystems.
Wenn die Arche echt ist, so die naive Logik, dann stimmt auch der Rest der Bibel.

Das führt zu einem Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) in Reinkultur: Man sucht so lange nach Rumpfformen in der Landschaft, bis das Wunschbild entsteht – geologische Realität interessiert dabei nicht. Das kennen wir auch aus anderen Beispielen, wie etwa den sogenannten Herrenreliquien und dem Turiner Grabtuch.
Quellen:
- Collins, L. G., & Fasold, D. (1996): „Bogus ‚Noah’s Ark‘ from Turkey Exposed as a Common Geologic Structure“, Journal of Scientific Exploration.
- Finkel, I. (2014): „The Ark Before Noah: Decoding the Story of the Flood“, Hodder & Stoughton.
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