Einsetzungsworte (letztes Abendmahl)

Einsetzungsworte – Worte Jesu des Herrn oder „Hokuspokus“?

Die Einsetzungsworte gelten als entscheidender Moment im Neuen Testament: Mit ihnen soll Jesus das Sakrament der Eucharistie gestiftet („eingesetzt“) haben. 

Doch sind diese Worte tatsächlich historisch oder eine spätere kirchliche Konstruktion? Ihre Überlieferung ist nicht einheitlich, und theologische Interpretationen gehen weit auseinander. Ein kritischer Blick auf Ursprung, Bedeutung und Widersprüche lohnt sich.

Hokuspokus statt Transsubstantiation

Fun Fact: Die Redewendung „Hokuspokus“ geht auf die Einsetzungsworte bei der Wandlung in der Eucharistie zurück. 

Im lateinischen Ritus spricht der Priester die Worte „Hoc est enim corpus meum“ („Dies ist mein Leib“), um die Transsubstantiation – also die Verwandlung von Brot in den Leib Christi – zu vollziehen.

Für Laien, die kein Latein verstanden, klang dies oft unverständlich und mystisch. Im Mittelalter entstand daraus eine spöttische oder abergläubische Fehlinterpretation, die sich zu „Hokus pokus“ entwickelte und schließlich als Synonym für Zauberei, Täuschung oder Blendwerk gebraucht wurde. 

Die Reformatoren griffen diese Redewendung ebenfalls auf, um die katholische Lehre der realen Wandlung ins Lächerliche zu ziehen und als bloße Priestertricks zu entlarven. 

Einsetzungsworte_Meme
Auch dieses Meme macht sich über die Einsetzungsworte lustig.

Bis heute hat sich der Ausdruck gehalten, allerdings ohne dass den meisten Menschen die religiöse Herkunft bewusst ist.

Was sind die Einsetzungsworte?

Die Einsetzungsworte („Dies ist mein Leib… Dies ist mein Blut…“) sind eine zentrale Passage im Neuen Testament. 

Sie beschreiben die Wandlung von Brot und Wein während des Abendmahls und bilden die Grundlage für das christliche Verständnis der Eucharistie. 

Doch bereits die Evangelien und Paulus liefern unterschiedliche Versionen dieser Worte, was die Frage aufwirft, ob sie wirklich von Jesus selbst stammen oder später formuliert wurden. Unterschiede in den Evangelien kennen wir ja bereits zur Genüge.

Warum sind die Einsetzungsworte für das christliche Verständnis der Eucharistie zentral?

In der christlichen Theologie sind die Einsetzungsworte die Basis für das Verständnis der Eucharistie als Sakrament. 

Insbesondere in der katholischen und orthodoxen Tradition werden sie als Worte göttlicher Vollmacht gesehen, die die Wandlung von Brot und Wein bewirken. 

Ohne diese Worte hätte die Eucharistie keine direkte biblische Legitimation – ein Grund, warum die Kirche sie dogmatisch fest verankert hat.

Kritische Fragestellung: Sind die Einsetzungsworte historisch belegbar oder späterer theologisch motivierter Zusatz?

Da die Evangelien erst Jahrzehnte nach Jesu Tod entstanden, ist fraglich, ob die Einsetzungsworte tatsächlich authentisch sind oder erst später formuliert wurden. 

Historiker vermuten, dass sie eine theologische Rückprojektion darstellen – ein nachträglicher Versuch, die Eucharistie als von Jesus selbst eingesetzt darzustellen. 

Zudem gibt es jüdische Parallelen, die darauf hindeuten, dass die Formulierungen aus der frühchristlichen Liturgie stammen könnten, nicht aus dem Mund Jesu.

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Biblische Überlieferung der Einsetzungsworte

Die Einsetzungsworte tauchen in den synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) und bei Paulus auf, allerdings mit textlichen Abweichungen.

Interessanterweise fehlen sie völlig im Johannesevangelium, das stattdessen eine Fußwaschung als zentrales Ritual des letzten Mahls schildert.

Dies wirft die Frage auf, ob die Einsetzungsworte tatsächlich eine ursprüngliche Jesus-Tradition oder eine spätere liturgische Ergänzung sind.

Wie erwähnt gibt es in de Evangelien zahlreiche Abweichungen voneinander, selbst bei zentralen Geschehnissen wie der angeblichen Auferstehung und der Himmelfahrt.

Die Einsetzungsworte in den Evangelien: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Während Markus und Matthäus eine fast identische Version der Einsetzungsworte überliefern, weicht Lukas in entscheidenden Details ab. 

Besonders auffällig: Lukas ergänzt die Worte „Für euch gegeben“ und deutet damit die Eucharistie noch stärker soteriologisch. Diese Unterschiede lassen vermuten, dass die Autoren ihre theologischen Vorstellungen bewusst in die Texte eingearbeitet haben.

Paulus als früheste Quelle: 1. Korinther 11,23-26

Die älteste überlieferte Version der Einsetzungsworte stammt nicht aus den Evangelien, sondern aus dem ersten Korintherbrief des Paulus. Interessanterweise behauptet Paulus, die Worte „vom Herrn empfangen“ zu haben – eine merkwürdige Formulierung, da Paulus Jesus nie persönlich getroffen hat. 

Diese Stelle wird oft als Beleg dafür gesehen, dass die Einsetzungsworte eine liturgische Tradition waren, die Paulus übernahm, aber nicht aus erster Hand kannte.

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Widersprüche und Abweichungen zwischen den Texten

Die Unterschiede zwischen den Einsetzungsworten bei Markus, Matthäus, Lukas und Paulus zeigen, dass es keine einheitliche Tradition gab. 

Während Markus und Matthäus eine eher schlichte Form überliefern, betont Lukas stärker das Opfermotiv. Paulus wiederum schreibt, dass Jesus sagte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, eine Formulierung, die in den Evangelien fehlt. Diese Abweichungen deuten darauf hin, dass die Einsetzungsworte nachträglich theologisch angepasst wurden.

Theologische Bedeutung und Funktion

Die Einsetzungsworte sind nicht nur zentrale Bibelstellen, sondern auch kirchlich-dogmatische Ankerpunkte. 

Sie legitimieren die Eucharistie als Sakrament und dienen als Grundlage für das Priesteramt. Die Frage, ob sie wirklich von Jesus stammen, wird in der Theologie jedoch oft ausgeklammert – zu groß wäre die Gefahr, dass ein historischer Zweifel das gesamte Sakramentsverständnis infrage stellt.

Die katholische Sicht: Transsubstantiation – echte Verwandlung oder Symbolik?

Die katholische Kirche lehrt, dass durch die Einsetzungsworte Brot und Wein substantiell in Leib und Blut Christi verwandelt werden. Diese „Transsubstantiation“ basiert auf einer wortwörtlichen Interpretation der Worte „Dies ist mein Leib“. 

Kritiker argumentieren jedoch, dass eine metaphorische Deutung naheliegender wäre und die katholische Lehre mehr auf philosophischer Spekulation als auf biblischer Evidenz beruht.

Lutherische und reformierte Deutungen: Realpräsenz vs. Gedächtnismahl

Während Luther die Realpräsenz Christi in Brot und Wein annahm („in, mit und unter“ den Elementen), lehnten reformierte Theologen wie Zwingli dies ab. Für sie sind die Einsetzungsworte symbolisch zu verstehen, die Eucharistie ist ein Erinnerungsmahl. 

Diese unterschiedlichen Interpretationen zeigen, wie stark theologische Systeme die Bibelauslegung beeinflussen.

Welche Funktion erfüllen die Einsetzungsworte in der Liturgie?

In den meisten christlichen Gottesdiensten sind die Einsetzungsworte der zentrale Moment der Eucharistiefeier. Sie werden in jeder Messe wiederholt und gelten als heiliger Akt. 

In der katholischen Tradition sind sie sogar Voraussetzung für die Wandlung, ohne sie gäbe es keine Eucharistie. Doch wenn sie historisch nicht gesichert sind – was bedeutet das für die Gültigkeit des Sakraments?

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Historische und kritische Analyse

Aus historischer Perspektive sind die Einsetzungsworte problematisch. Es gibt keine außerbiblischen Belege dafür, dass Jesus sie tatsächlich so gesagt hat. Vielmehr könnte die frühe Kirche diese Worte formuliert haben, um die Eucharistie theologisch zu legitimieren.

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Gab es bei Jesus tatsächlich ein letztes Abendmahl mit diesen Worten?

Historiker bezweifeln, dass das letzte Abendmahl in der überlieferten Form stattgefunden hat. Jesus war Jude, und ein Pessachmahl folgte festen Regeln – eine rituelle Umdeutung durch Jesus wäre untypisch gewesen. 

Zudem fehlen die Einsetzungsworte im Johannesevangelium, was dafür spricht, dass sie keine ursprüngliche Jesus-Tradition sind.

Vergleich mit jüdischen Segenssprüchen – Inspiration aus dem jüdischen Ritual?

Einige Forscher sehen in den Einsetzungsworten Parallelen zu jüdischen Segenssprüchen über Brot und Wein. Möglich ist, dass die frühen Christen diese Tradition übernahmen und mit einer christologischen Bedeutung versahen. Dies würde erklären, warum die Worte variieren und warum sie so stark liturgisch geprägt sind.

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Wurde der Text später verändert oder ergänzt?

Die Unterschiede in den biblischen Überlieferungen und spätere dogmatische Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Einsetzungsworte im Laufe der Zeit theologisch überarbeitet wurden. Besonders die paulinische Version könnte eine nachträgliche Ergänzung sein, um die Eucharistie als göttlich eingesetztes Sakrament zu legitimieren.

Die Einsetzungsworte in der Praxis

Trotz aller historischen Unklarheiten sind die Einsetzungsworte bis heute der Kern der christlichen Liturgie. Ihre Rezitation gehört zu jeder Messe und verleiht ihr Autorität – selbst wenn der Ursprung fraglich ist.

Die Einsetzungsworte sind nicht nur theologisch bedeutsam, sondern auch ein machtpolitisches Instrument. Wer ihre Deutung bestimmt, kontrolliert die Eucharistie – und damit ein zentrales Element des Christentums.

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Kommentare

Ein Kommentar zu „Einsetzungsworte – Worte Jesu des Herrn oder „Hokuspokus“?“

  1. Oblatenwandler, Weihrauchschwenker
    sind kein Ersatz für kluge Denker.

    Zu diesem Oblatenzauber gibt es in der Reimbibel ein kleines Gedicht:
    https://christlicher-kannibalismus .

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