Transsubstantiation – als Kind habe ich es geliebt, wenn es während des katholischen Gottesdienstes zur „Wandlung“ kam. Es war mein Lieblingsteil der ganzen Zeremonie.
Die Ministranten klingeln mit den Sanktusglöckchen und es herrscht ergriffene Stille.
Vor allem aber gefiel mir die Wandlung, weil man wusste, dass der ganze Hokuspokus nun bald zu seinem Ende kam und man wieder an die frische Luft durfte.
Was bedeutet Transsubstantiation?
„Hoc est corpus“: die Wesensverwandlung
Hokuspokus? Ja, das trifft den Kern der Transsubstantiation eigentlich recht genau. Eine Theorie nämlich lautet, dass dieser „Zauberspruch“ eine Verballhornung des lateinischen „Hoc est corpus meum“ (deutsch: „hier ist mein Leib“) ist.
So wurde die Wesensverwandlung während der Eucharistiefeier jahrhundertelang inkantiert (beschwört).
Wer das schon einmal gesehen hat, weiß, wie das aussieht: So ähnlich wie die Voodoo-Beschwörungsszene aus Indiana Jones. Vielleicht etwas weniger dramatisch – ohne Vulkan und anstelle von Pauken setzt man eben auf die sogenannten Altarglocken (Tintinnabulum).
Vorne steht der Hohepriester, die Arme ausgebreitet, eine dunkle mystische Kraft anrufend und beschwörend.
Während es in der Filmszene die hinduistische Göttin Kali ist, geht es bei den Katholiken aber natürlich um Jahwe und seinen „Sohn“ Jesus, die gemeinsam mit dem heiligen Geist die sogenannte Trinität (Dreifaltigkeit) bilden.

Im Kern ein Menschenopfer
Die gruselige Szene aus Indiana Jones ist natürlich deutlich dramatischer.
Wenn man sich die Transsubstantiation als eine Art kosmischen Partikelstrahl vorstellt, der den Leib Jesu in der Hostie instantiiert, während der Priester schreiend die Energie umleitet, wird man enttäuscht.

In Wirklichkeit sieht die Wandlung anders aus. Ein Mann mittleren oder höheren Alters kniffelt über seine Gleitsichtbrille auf eine Weizenmehlhostie und murmelt ein paar Wörter.
Dann kommen die Altarglocken – Blitze schlagen also gar nicht ein, Donner bleibt aus. Und obwohl dies quasi das älteste Theaterstück der Welt ist, das ohne Unterbrechung gegeben wird: Drama geht anders. Das konnte Indiana Jones besser.
Eine Gemeinsamkeit mit der katholischen Kirche hat die Kali-Anbetungsszene aber doch: Denn auch in ihrem Zentrum steht ein Menschenopfer, ja, sogar Kannibalismus.
Denn: Nach katholischer Lehre „wandeln“ sich Brot und Wein der Eucharistiefeier wirklich in den Körper eines vor rund 2.000 Jahren verstorbenen jüdischen Wanderpredigers namens Jesus von Nazareth.

Und der wurde ja geopfert, um die Erbsünde, die Adam und Eva auf die Menschheit luden, zu „sühnen“.
Nur durch die Passion Christi und dieses Sühneopfer wird der Mensch erlöst – so zumindest die theologische Grundannahme der Katholiken.
Was wird transubstantiiert?
Transsubstantiation ist also ein theologisches Konzept innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Die Eucharistie (Abendmahl) kann kaum überschätzt werden, denn durch sie wird Jesus während des Gottesdienstes „anwesend“.
Dabei, so eben die Transsubstantiations-Lehre, bleiben die äußeren Erscheinungen von Brot und Wein unverändert, während ihre Substanz vollständig in den Leib und das Blut Christi umgewandelt wird.
Du hast richtig gehört: Bei der Transsubstantiation geht es um die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi während der Eucharistiefeier.
Diese werden dann als „Hostie“ und „Messwein“ von den Anwesenden verspeist. Ketzerisch gesprochen: Es verwandelt sich ein Gebäck in Jesus.
Da ist man dann auch ziemlich pingelig: Konsekrierte, also gewandelte, Hostien müssen mit dem allergrößten Respekt behandelt werden, und seien es nur Krümel. Es gab nicht wenige antijudaisch motivierte Fälle sogenannten Hostienfrevels. Juden oder andere missliebigen Personen wurde vorgeworfen, Hostien geschändet zu haben, was für die Betreffenden oft tödlich endete.
Wandlungsworte bei der Konsekration
Diese „Wandlung“ geschieht durch die sogenannte Konsekration, die „Heiligmachung“ der Hostie. Dazu spricht der Priester die Konsekrationsworte, die denjenigen entsprechen, die Jesus beim letzten Abendmahl (angeblich) gesagt hat.
Die Wirkung setzt allerdings nur ein, wenn dies ein geweihter Priester in durchgängiger Weihelinie vollzieht. Sonst klappt es natürlich nicht.
Einsetzungsworte: Brotwort und Kelchwort
Die sogenannten Einsetzungsworte finden sich in den Evangelien Markus, Matthäus und Lukas sowie im 1, Korintherbrief des Paulus. Wie wir das bereits von anderen Stellen kennen, sind sich die synoptischen Evangelisten aber nicht ganz einig, was genau bei „Brotwort“ und „Kelchwort“ Jesu gesagt wurde.
So lauten die entsprechenden Textstellen beim Brotwort etwa:
- Nehmt und esst; das ist mein Leib. (Matthäus)
- Nehmt, das ist mein Leib. (Markus)
- Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! (Lukas)
- Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! (Paulus, Korintherbrief)
Johannes erwähnt den Einsetzungsbericht erst gar nicht. Hier gibt es nach dem Abendmahl die Fußwaschung.
Geschieht die Transsubstantiation „wirklich“?
Was passiert jetzt nochmal genau bei der Transubstantiation?
Dazu die von findigen katholischen PR-Strategen wohlwollend aufgepäppelte Wikipedia:
„Nach römisch-katholischer Lehre geschieht dabei eine geheimnisvolle Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, die traditionell mit dem theologischen Begriff der Transsubstantiation (Wesensverwandlung) beschrieben wird (festgeschrieben 1215 beim IV. Laterankonzil). Dogmatisiert wurde die Transsubstantiationslehre jedoch nie, wenngleich auf dem Konzil von Trient festgestellt wurde, dass diese Lehre das Geschehen gut erkläre. Danach ist nach der Wandlung nicht mehr die Substanz, sondern nur noch die Gestalt (Akzidentien) von Brot und Wein gegeben. Unter diesen Gestalten ist nun der Substanz nach Jesus Christus gegenwärtig, und zwar nach römisch-katholischer Lehre sowohl in der Hostie bis in ihre kleinsten Teile wie in der Gestalt des Weines und jedes Tropfens. Jesus Christus ist ganz gegenwärtig: mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele, als wahrer Gott und Mensch, als Gekreuzigter und Auferstandener. Daher ist entsprechend den Vorschriften der Liturgie dafür zu sorgen, dass auch einzelne Partikel der Hostien nicht achtlos weggeworfen, sondern nach Möglichkeit aufgesammelt und verzehrt werden. Die sakramentale Gegenwart Christi (Realpräsenz) bleibt nach katholischem Verständnis auch nach der heiligen Messe in den eucharistischen Gestalten erhalten, weshalb konsekrierte Hostien in römisch-katholischen Kirchen im Tabernakel aufbewahrt werden. Nach urkirchlichem Brauch kann so die Kommunion jederzeit Kranken oder, als Wegzehrung, Sterbenden gereicht werden. Bei bestimmten Anlässen wird die konsekrierte Hostie in einer Monstranz zur Anbetung gezeigt (Aussetzung des Allerheiligsten, sakramentaler Segen, Fronleichnamsprozession).“ (Quelle)
Aus wissenschaftlicher Perspektive kann die Transsubstantiation und die Realpräsenz Christi in der Eucharistie nicht nachgewiesen werden.
Die Transsubstantiation, die besagt, dass die Substanz von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt wird, während ihre äußeren Eigenschaften unverändert bleiben, basiert auf theologischen und philosophischen Konzepten, die sich wissenschaftlicher Überprüfung entziehen. Es sind Glaubensgrundsätze und Dogmen.
Wissenschaftlich betrachtet bleiben die chemischen und physikalischen Eigenschaften von Brot und Wein unverändert.
Die Realpräsenz Christi ist ebenfalls ein Glaubenskonzept, das nicht empirisch gemessen oder bestätigt werden kann. Solche religiösen Überzeugungen beruhen auf dem Glauben und der theologischen Interpretation, nicht auf naturwissenschaftlichen Beweisen.
Transubstantiation und Konsubstantiation
An die Transubstantiation glauben vor allem Katholiken. Protestanten hängen der sogenannten „Konsubstantiation“ an, hier sind Wesen von Brot und Leib gleichzeitig vorhanden, beziehungsweise ist der Erlöser „in und unter Wein und Brot“ anwesend.
Historischer Hintergrund der Transsubstantiation
Das Konzept der Transubstantiation wurde im 13. Jahrhundert auf dem Vierten Laterankonzil (1215) festgelegt und ist seither ein zentraler Bestandteil der katholischen Eucharistielehre. Es ist kein Dogma, wird aber als beste Erklärung für die Handlungen bei der Wandlung angesehen.

Die Kirche wollte eine klare und einheitliche Lehre über die Eucharistie formulieren. Zu dieser Zeit gab es verschiedene Ansichten und Interpretationen über die Natur der Eucharistie. Durch die Definition der Transsubstantiation als dogmatische Lehre stellte die Kirche sicher, dass alle Gläubigen eine einheitliche Auffassung der Eucharistie hatten.
Frühchristliche und mittelalterliche Entwicklung
Die Idee der „realen Präsenz Christi“ in der Eucharistie hat ihre Wurzeln in den frühchristlichen Schriften und den Kirchenvätern.
Bereits im 2. Jahrhundert n. u. Z. sprachen Theologen wie Justin der Märtyrer von der Eucharistie als wahrem Fleisch und Blut Christi.
Im Mittelalter entwickelte sich die Lehre weiter, wobei Theologen wie Thomas von Aquin eine philosophische Grundlage schufen, die auf der aristotelischen Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidenz basierte.

Diese Unterscheidung half, die Idee zu erklären, dass die Substanz von Brot und Wein sich in den Leib und das Blut Christi verwandelt, während ihre äußeren Eigenschaften gleich bleiben.
Zugleich gab es im Mittelalter verschiedene häretische Bewegungen, die die traditionelle Lehre der Kirche in Frage stellten:
- die gnostischen Katharer (12. und 13. Jahrhundert)
- die Waldensianer (nach Peter Waldo, 12. Jahrhundert),
- Berengar von Tours (ca. 1000-1088),
- Arnold von Brescia (ca. 1090-1155) oder
- John Wyclif (1320-1384).
Eine klare Definition der Transsubstantiation half der Kirche, sich von diesen Bewegungen abzugrenzen und die orthodoxe Lehre zu verteidigen.
Durch die dogmatische Festlegung der Transsubstantiation stärkte die Kirche ihre Autorität und Kontrolle über die Sakramente. Die Eucharistie ist eines der zentralen Sakramente des Christentums, und eine klare Definition der Transsubstantiation unterstrich die Rolle der Kirche als Hüterin und Vermittlerin dieser heiligen Geheimnisse.
Dogmatische Festlegung der Transsubstantiation
Auf dem Vierten Laterankonzil 1215 und später auf dem Konzil von Trient (1545-1563) wurde die Lehre der Transsubstantiation offiziell definiert und dogmatisch festgelegt.
Das Konzil von Trient bekräftigte die Lehre als Reaktion auf die Reformation und die Kritik der Reformatoren wie Martin Luther und Ulrich Zwingli, die unterschiedliche Auffassungen über die Eucharistie entwickelten.
Theologische und philosophische Aspekte der Transsubstantiation
Substanz und Akzidenz
Die Lehre der Transsubstantiation basiert auf der aristotelischen Philosophie, die zwischen Substanz und Akzidenz unterscheidet.
Substanz ist das Wesen einer Sache, das, was sie wirklich ist, während Akzidenz die äußeren, wahrnehmbaren Eigenschaften sind.
In der Eucharistiefeier, so die katholische Lehre, wird die Substanz von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt, während die Akzidenzien, wie Geschmack, Farbe und Form, unverändert bleiben.
Theologische Bedeutung
Für Katholiken ist die Transsubstantiation von zentraler Bedeutung, da sie die reale Präsenz Christi in der Eucharistie „gewährleistet“.
Diese Präsenz ermöglicht eine tiefere Verbindung der Gläubigen mit Christus und ist ein zentrales Element der katholischen Anbetung und des spirituellen Lebens.
Die Eucharistie wird als Sakrament verstanden, das die Gnade Gottes vermittelt und die Gemeinschaft der Kirche stärkt.
Kontroversen und Kritik an der Transsubstantiation
Reformatorische Kritik
Die erwähnten Häretiker des Mittelalters und auch die Reformatoren des 16. Jahrhunderts lehnten die Lehre der Transsubstantiation ab und entwickelten alternative Ansichten zur Eucharistie.
Martin Luther vertrat die Lehre der „Realpräsenz“, die besagt, dass Christus in, mit und unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig ist, ohne dass eine Veränderung der Substanz stattfindet.
Ulrich Zwingli hingegen sah die Eucharistie mehr als symbolische Handlung, die an das letzte Abendmahl erinnert.

Moderne Debatten um die Transsubstantiation
Auch in der modernen Theologie gibt es Debatten über die Transsubstantiation. Nicht wenige Theologen und Gläubige sehen die traditionelle Lehre als schwer verständlich und schlagen vor, sie durch andere Konzepte wie „Transsignifikation“ oder „Transfinalisation“ zu ersetzen. Diese bestehen in der Eucharistie nicht auf die „substanzielle Veränderung“.
Transsubstantiation aus nicht-christlicher Sicht
Als Nicht-Christ wirkt die Transsubstantiation für mich einigermaßen abstrus. Sehr sogar.
Ihr Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Prinzipien, der Mangel an empirischen Beweisen (die theologisch motivierte Behauptung der Wandlung entzieht sich jeder empirischen Überprüfung) und die veraltet wirkende aristotelische Unterscheidung von Substanz und Akzidenz, auf der das Ganze beruht: Der Glaube an die Transsubstantiation wirkt nicht nur wenig überzeugend, sondern irrational.
Sam Harris prägte einst einen berühmt gewordenen Elvis-Vergleich:
„Wenn du morgen früh aufwachst und denkst, ein paar lateinische Wörter würden deine Pfannkuchen in den Körper von Elvis Presley verwandeln, hast du deinen Verstand verloren. Wenn du aber mehr oder weniger dasselbe von einem Keks und dem Körper von Jesus denkst, bist du einfach ein Katholik.“
Und was meinst du – erscheint dir das plausibel?

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