Gof of the Gaps

„God of the Gaps“ – göttlicher Job für ungelöste Rätsel

Das Konzept des „God of the Gaps“ (Gott der Lücken) entstand in Zeiten, in denen die wissenschaftliche Erforschung der Welt noch in den Kinderschuhen steckte. 

Wenn die Menschen in der Vergangenheit auf ein Phänomen stießen, das sie nicht erklären konnten – ob Blitz, Pest oder die Entstehung des Lebens – wurde einfach Gott als Ursache herangezogen. 

God of the Gaps
Die Mutter aller Non-sequitur-Fehlschlüsse

Was heißt „God of the Gaps“?

Alles dreht sich also um die Idee, dass Lücken im wissenschaftlichen Verständnis als Hinweise auf die Existenz Gottes angesehen werden. In der Antike bis ins Mittelalter war dies eine gängige Methode: 

  • Keine Ahnung, warum der Blitz einschlägt?
    Na, das ist wohl der Zorn des Thor.
  • Warum sterben Menschen plötzlich an seltsamen Krankheiten?
    Der Gott Jahwe hat seine Finger im Spiel.
  • Warum bricht der Vulkan plötzlich aus?
    Irgendein Gott ist sauer.
  • Warum verfault die Ernte?
    Allah will uns für unsere Sünden bestrafen.
  • Warum gibt es eine Sturmflut oder Sintflut?
    Jahwe hat mal wieder einen Tobsuchtsanfall.

Der „Gott der Lücken“: die Entwicklung des Arguments

Mit der Zeit und dem Fortschritt in den Naturwissenschaften begannen diese göttlichen Erklärungen jedoch mehr und mehr zu bröckeln. 

Anstelle göttlicher Wunder entdeckte man Naturgesetze, Kausalitäten und Zusammenhänge, die auch ohne übernatürliche Eingriffe erklärbar waren.

Denn wenn man verstanden hat, dass die Pocken von Kleinstlebewesen hervorgerufen werden, ergibt es keinen Sinn mehr, darin eine Strafe Gottes oder sonst einen „Eingriff“ des „Schöpfers“ zu sehen. 

Wenn man verstanden hat, wie Evolution funktioniert, muss man keine Märchen erfinden, die den Menschen wahlweise… 

  • aus Staub (Genesis 1), 
  • als Klon (Genesis 2), 
  • als einen Auszug aus Lehm (Koran, Sure 23), 
  • aus dem Blut eines getöteten anderen Gottes (Enūma Eliš/Mesopotamien), 
  • aus Ton (ägyptische Mythologie) oder 
  • aus Holz (nordische Mythologie)

… entstehen lassen. Dann erklärt sich nämlich die Entstehung komplexer Organismen schrittweise wie „von Zauberhand“, nur dass eben ein belegbares und nachvollziehbares funktionales System dahintersteht.

Intelligent Design Auge
Das Bild fasst die Evolutionsschritte des Auges zusammen. Alle Zwischenschritte können in der Natur gefunden werden und stellen eine graduelle Verbesserung des vorherigen dar:
a) Nervenschicht unterscheidet hell-dunkel
b) Einbuchtung erlaubt Richtungsbestimmung des Lichteinfalls
c) Lochkamera-Prinzip
d) Einfache Linse
e) Komplexe Linse

Dasselbe gilt für die Schöpfungsgeschichte selbst: 

Wenn man verstanden hat, wie Sterne und Planetensysteme entstehen, muss man nicht auf einen Mythos zurückgreifen, um sie zu erklären.

Mit jedem bisschen Fortschritt in Geologie, Biologie, Mathematik, Medizin und Physik konnte man also mehr erklären: Die „göttliche Einflusssphäre“ schrumpfte. 

Beispiel Laplace: „Ich habe dieser Hypothese nicht bedurft.“

Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist Pierre-Simon Laplace (1749–1827), ein französischer Mathematiker und Astronom. Er lieferte das Paradebeispiel für das „God of the Gaps“-Argument

Berühmt ist vor allem sein „Traité de Mécanique Céleste“ (Abhandlung über die Himmelsmechanik). Er enthält mathematische Methoden, mit denen Laplace das Verhalten von Planetenbahnen erklärte. Laplace verfeinerte das Gravitationsgesetz von Isaac Newton und entwickelte die sogenannte „Laplace-Gleichung“, die heute noch in vielen Bereichen der Physik Anwendung findet.

God of the Gaps: Laplace_Traité
Laplace‘ Erstausgabe von 1799 umfasste fünf Bände.

In dieser berühmten Arbeit über das Sonnensystem lieferte Laplace eine hinreichende und vollständige natürliche Erklärung für die Abweichungen der Umlaufbahnen. 

Vor Laplace hatten viele Gelehrte geglaubt, dass Gott von Zeit zu Zeit eingreifen müsse, um das Universum zu stabilisieren – ein klassischer „God of the Gaps“-Moment. 

Gott greift ein, wenn’s „nötig“ ist

Warum? Man konnte sich die Unregelmäßigkeiten in den Planetenbahnen nicht erklären und sah göttliches Handeln als notwendige Erklärung an.

Laplace jedoch zeigte mathematisch, dass diese Unregelmäßigkeiten in den Bahnen der Planeten nichts weiter als natürliche und periodische Schwankungen waren, die sich langfristig ausgleichen. 

Auf diese Weise schloss er eine große Lücke im Wissen seiner Zeit – und entfernte damit den Bedarf für einen „göttlichen Mechaniker“, der das Sonnensystem immer wieder justieren müsse.

Lücken-Gott (God of the Gaps)
Benötigt die Himmelsmechanik jemanden, der nachsteuert? Früher dachte man das

Die Anekdote dazu ist fast schon Legende: Als Laplace Napoleon seine Arbeit präsentierte, fragte ihn der Kaiser, warum er in seinem Buch nie Gott erwähne. 

Laplace antwortete trocken: „Ich habe dieser Hypothese nicht bedurft.“

„Ich habe dieser Hypothese nicht bedurft.“

Pierre-Simon Laplace zu Napoléon Bonaparte auf die Frage, wo Gott sich in der Himmelsmechanik befände

Damit verkörpert Laplace den Triumph der Wissenschaft über das „God of the Gaps“-Denken: Sobald eine Wissenslücke mit wissenschaftlichen Erklärungen gefüllt ist, verliert das göttliche Eingreifen seine Erklärungskraft.

Laplaces Arbeit zeigt, dass das „God of the Gaps“-Argument stets Gefahr läuft, durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse verdrängt zu werden.

Sobald wir mehr über die Funktionsweise der Natur verstehen, zieht sich der „Lücken-Gott“ weiter zurück – bis er am Ende nur noch in den kleinsten, unerforschten Ecken des Universums übrigbleibt.

Laplace Napoleon Himmelsmechanik
Der berühmte Ausspruch wurde von Laplace im Jahr 1799 getätigt

Henry Drummond und „The God of the Gaps“

Aber immer wenn eine neue, schwer erklärbare Lücke in unserem Wissen auftauchte, kam Gott wieder ins Spiel – zumindest für die Gläubigen. 

So entstand der Begriff „God of the Gaps“, den der evangelikale Schriftsteller Henry Drummond (1851–1897) im 19. Jahrhundert populär machte, um diese Tendenz zu kritisieren. 

Seine Botschaft: Wir sollten Gott nicht auf die unerklärlichen Dinge reduzieren.

Henry Drummond (God of the Gaps)
Drummond gilt als Urheber des Begriffs „God of the Gaps“ (dt. „Gott der Lücken“)

Gott als Lückenfüller

Das „God of the Gaps“-Argument besagt, dass Gott überall dort ins Spiel gebracht wird, wo die Wissenschaft keine Erklärung parat hat. 

Je größer die Wissenslücke, desto wahrscheinlicher ist es, dass Gläubige in ihr einen göttlichen Eingriff sehen. Wenn also die Wissenschaft den Ursprung des Universums, den Grund für das Leben oder die Feinabstimmung der Naturkonstanten nicht vollständig erklären kann, ist Gott die einfachste Antwort – zumindest für die Theologen.

Dieses Argument ist jedoch ein doppeltes Schwert: Es basiert auf der Annahme, dass Gott lediglich da eingreifen muss, wo die Wissenschaft versagt. 

Doch sobald die Wissenschaft diese Lücken schließt, wird Gott – um es mal lapidar zu sagen – arbeitslos. Jeder wissenschaftliche Fortschritt schubst Gott ein Stückchen weiter aus dem Universum heraus.

Jeder wissenschaftliche Fortschritt schubst Gott ein Stückchen weiter aus dem Universum heraus.

Der Physiker Neil deGrasse Tyson führt dies in diesem kurzen Video gut aus (das Video ist auf Englisch, aber du kannst automatische Untertitel-Übersetzungen aktivieren).

„Wenn das Ihre Art ist, Ihre Beweise für Gott anzuführen, dann ist Gott eine stetig schrumpfende Aussparung wissenschaftlicher Ignoranz, die mit der Zeit immer kleiner und kleiner wird.“

Neil deGrasse Tyson

Beispiele für den Gott der Lücken

Es gibt zahllose historische Beispiele für das „God of the Gaps“-Argument, die im Laufe der Zeit von wissenschaftlichen Entdeckungen widerlegt wurden. Hier einige der gewichtigsten:

Blitze und Donner

In der Antike galten Blitze und Donner oft als Zeichen von Göttern, wie Zeus im antiken Griechenland oder Thor in der nordischen Mythologie. Mit der Zeit erklärte die Wissenschaft diese Phänomene durch elektrische Entladungen und Wetterprozesse.

Theismus Thor
Der nordische Gott Thor wurde für Blitze verantwortlich gemacht. Der „Donners“-Tag ist nach ihm benannt

Sonnen- und Mondfinsternisse

Früher wurden Finsternisse oft als göttliche Vorzeichen oder Strafen interpretiert. Heute verstehen wir sie als natürliche, vorhersehbare Himmelsereignisse aufgrund der Bewegungen von Erde, Mond und Sonne.

Krankheiten

Viele Krankheiten wurden einst als göttliche Bestrafung oder Dämonenbesessenheit angesehen. Mit der Entwicklung der Mikrobiologie und der Entdeckung von Bakterien und Viren wurden diese Vorstellungen durch wissenschaftliche Erklärungen ersetzt.

Ursprung des Lebens

Lange Zeit wurde die Entstehung des Lebens auf der Erde als übernatürliches Wunder betrachtet. Während die Entstehung des Lebens noch nicht vollständig erklärt ist, haben wissenschaftliche Theorien wie die biochemische Evolution (Ursuppen-Hypothese) und Experimente wie das Miller-Urey-Experiment die Lücke deutlich verkleinert.

Die Bewegung der Himmelskörper

Vor der Arbeit von Kopernikus, Kepler, Newton und Laplace wurde die Bewegung der Planeten oft als direktes göttliches Eingreifen verstanden. Heute erklären wir die Planetenbewegungen mit den Gravitationsgesetzen.

Erdbewegungen und Erdbeben

In vielen Kulturen galten Erdbeben als göttlicher Zorn oder die Bewegung unterirdischer Götter. Mit der Plattentektonik und dem Verständnis von geologischen Prozessen wurde klar, dass Erdbeben durch die Bewegung von Erdplatten verursacht werden.

Die Schwachstellen des Arguments: bröckelndes Fundament

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das „God of the Gaps“-Argument so löchrig wie Schweizer Käse. 

Es setzt voraus, dass unsere gegenwärtige Unwissenheit irgendwie ein Beweis für die Existenz eines übernatürlichen Wesens ist. Das ist schon äußerst fraglich.

Doch je mehr wir lernen, desto kleiner werden diese Lücken, und die Notwendigkeit für einen göttlichen Eingriff wird immer geringer.

Der Käse hat also nicht nur löcher, sondern wird auch ständig kleiner: Denn wenn ein Phänomen erst einmal naturalistisch erklärt werden konnte, gibt es kein Zurück mehr. Jede naturalistische Erklärung ist ein irreversibles Knock-out-Argument.

Meme_God-of-the-Gaps
Lass dir ruhig Zeit, wir warten schon länger.

Die Versuche, Gott im Nachhinein noch „hineinzuerklären“ (zum Beispiel mit dem Argument, an der DNS könne man sehen, wie genial der Schöpfer gewesen sei …) sind ebenso durchsichtig wie kraftlos. Christopher Hitchens nannte diese Taktik „retrospektiven Evidentialisums“. Mit anderen Worten, alles kann zu gegebener Zeit passend gemacht werden.

Ein weiteres Problem ist, dass das Argument keinerlei positive Beweise für Gott liefert,  auch wenn es immer wieder im Zusammenhang mit Kreationismus, Intelligent Design oder Fine-Tuning auftaucht.

Es beruht lediglich darauf, was wir nicht wissen, anstatt darauf, was wir wissen. 

Und genau hier liegt das Dilemma: Sobald die Wissenschaft eine Erklärung für ein bisher unerklärtes Phänomen findet, verliert das Argument seine Grundlage.

Fast so, wie der Rest der ganzen angeblichen Gottesbeweise.

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