Die heilige Veronika reicht Jesus das berühmte Schweißtuch (Sidarium)

Das Schweißtuch der Veronika: die Legende vom „Sudarium Christi“ 

Ein Stück Stoff als Glaubensverstärker: Das Schweißtuch der Veronika (lat.: Sudarium Christi) ist als sechste Station des sogenannten Kreuzwegs heute aus der katholischen Ikonographie nicht mehr wegzudenken. 

Doch wie kam es zu diesem Tuch, das angeblich das Abbild Jesu mit einer Mischung aus Staub, Schweiß und Stoff zeigt, und wo ist es heute? 

Wenn der Mensch nach Gewissheit sucht, greift er gerne zu Handfestem. Das Verlangen, einem Mythos ein konkretes Gesicht zu verleihen, hat in der Kirchengeschichte eine beeindruckende Sammlerleidenschaft hervorgebracht.

Psychologisch als Übergangsobjekte erklärbar – dennoch irgendwie skurril und morbid. 

atheistisches Meme Reliquienverehrung

Ein paradeartiges Beispiel für diesen Hang zum Materiellen ist das Schweißtuch der Veronika – das „Volto Santo“ (heiliges Tuch), ein angeblich nicht von Menschenhand gemaltes Porträt Jesu Christi. 

Die Kirche bezeichnet es als Sudarium Christi und als Acheiropoíeton – als ein von Gott mittels Wunder geschaffenes Bildnis. Davon gibt es nur eine Handvoll. Also Bilder, von denen dies behauptet wird.

Mittelalterliches Gemälde mit der heiligen Veronika und dem "Sudarium" (Schweißtuch)
Hl. Veronika mit dem Schweißtuch Christi, Gemälde (um 1420) des nach ihm benannten „Meisters der heiligen Veronika“

Doch bei genauerer Betrachtung entlarvt sich das heilige Textil nicht als göttliches Wunder, sondern als ein faszinierendes Zusammenspiel aus nachträglicher Mythenbildung, klerikaler Geschichtsklitterung und handwerklicher Volkskunst.

Wir kennen das schon von einem anderen Tuch aus Turin.

Die Veronika-Legende: Wie entstand das Schweißtuch Jesu?

Alles geht von den „Acta Pilati“, dem sogenannten Nikodemusevangelium, aus. Eine Frau namens Berenike (lat. Veronika) sagt vor Gericht über die Wundertätigkeit Jesu aus: Dieser habe sie vom „Blutfluss“ geheilt. Die Stelle mit der Heilung findet sich auch bei Markus 5,29:

Und ein Weib mit Namen Veronika schrie von weitem und sagte: Ich litt am Blutfluß und berührte den Saum seines Gewandes, und der Blutfluß, der zwölf Jahre angedauert hatte, hörte auf.

Quelle: http://12koerbe.de/euangeleion/symbol/nikodem.htm, Kap. 7

In nachfolgenden Texten wie der „Cura Sanitatis Tiberii“ (ca. 5.–7. Jahrhundert) besitzt Veronika ein Tuch mit dem Antlitz Christi, das Kaiser Tiberius heilen soll, wobei Jesus sein Gesicht jedoch noch im Alltag und vor seiner Passion in den Stoff gedrückt hatte.

Der kranke Kaiser Tiberius schickt seinen Gesandten Volusianus nach Jerusalem, um Jesus zu finden, damit dieser ihn heilt. Jesus ist jedoch bereits gekreuzigt.

Veronika erklärt, dass sie das Bild selbst in Auftrag geben wollte. Da sie Jesus auf dem Weg zum Maler traf, nahm er ihr das Leinentuch ab und drückte sein Gesicht hinein, um es ihr als Andenken zu schenken. Vom Kreuzweg keine Rede.

Woher stammt die Erzählung vom Schweißtuch auf dem Kreuzweg?

Erst im Spätmittelalter (14./15. Jahrhundert) verlegte die westeuropäische Mystik diese Szene aus dramaturgischen Gründen auf den Kreuzweg nach Golgatha, da die Entstehung des Abdrucks aus Blut und Schweiß theologisch perfekt zum Mitleiden der Gläubigen passte, was schließlich durch die Franziskaner dauerhaft als feste Station des Kreuzwegs etabliert wurde.

In den kanonischen Evangelien des Neuen Testaments sucht man also eine Frau namens Veronika auf dem Kreuzweg vergebens. Die Episode ist ein reines Produkt apokrypher Phantasie des Nikodemusevangeliums und entwickelte sich erst im Laufe der Jahrhunderte. 

Was bedeutet der Name Veronika etymologisch?

Die Wissenschaft offenbart hier eine charmante Ironie: Der Name „Veronika“ ist sehr wahrscheinlich kein historischer Personenname, sondern ein Wortspiel aus dem Lateinischen (vera) und dem Griechischen (eikon) – was übersetzt schlicht „wahres Bild“ (vera ikon) bedeutet. 

Aus einer begrifflichen Bezeichnung für ein authentisches Christusbild formte die Glaubensphantasie also nachträglich eine historische Person nebst passender Biografie.

Der katholische Reliquienwahn

Die katholische Kirche hatte schon immer eine Vorliebe für Reliquien, zahlen diese doch quasi direkt auf die (angeblichen) Märtyrertode von Jesus, den Aposteln und einem ganzen Heer von Heiligen ein. 

Die Reformation brach mit dieser Vorliebe, wohl auch, weil es viele Fälschungen und einen richtiggehenden Reliquienwahn gab. 

Geld, Macht und Reliquien: Wirtschaftliche Auswirkungen des Reliquienkultes im Mittelalter (Geschichte und Ökonomie)
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Geld, Macht & Show: der katholische Reliquienwahnsinn
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Der katholische Reliquienwahnsinn
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Luther sah in den Reliquien nichts weiter als „tote Dinge“, kritisierte ihre Anbetung heftig und setzte sie als „nutzlose Hunds- und Rossknochen“ herab. Die Begeisterung – auch manches Protestanten – für ein betastbares Stückchen heiliger Geschichte blieb aber ungebrochen.

Absolut oberstes Regal im katholischen Gruselkabinett bilden dabei natürlich die sogenannten Herrenreliquien – also Objekte, von denen behauptet wird, sie hätten eine direkte Verbindung zu den Ereignissen des Neuen Testaments. 

Die Herrenreliquien teilt man in drei Klassen: 

  • 1. Klasse: physische Überreste Jesu (Milchzähne, Blut, Haare, Haut, …)
  • 2. Klasse: Dinge, die Jesus gehörten oder ihn berührten (Kleidung, Objekte der Passion, Kreuzsplitter, Dornenkrone, …)
  • 3. Klasse: Dinge, die Reliquien der Klasse 1 oder 2 berührt haben. 

Das Schweißtuch der Veronika gehört also zu den Herrenreliquien zweiter Klasse. 

Reliquie in Rom und Manoppello: Wo befindet sich das echte Schweißtuch?

Nicht selten existieren von einer Reliquie gleich mehrere Ausgaben – von der bei Jesu Beschneidung abgetrennten Vorhaut („Präputium“) gab es im Lauf der Jahrhunderte sogar ein rundes Dutzend. 

Jesus-Reliquien Präputium
Orte des angelichen „Präputiums“ in Europa

Auch von ihm gibt es angeblich mehrere Exemplare – das führte im Laufe der Geschichte zu handfesten vatikanischen Kontroversen und Krisen.

Welches Geheimnis umgibt das Veronikatuch im Petersdom?

Seit dem Mittelalter galt Rom als Zentrum des Veronikakults. Das Tuch wurde der Legende nach seit dem Jahr 708 im Petersdom aufbewahrt und zog Unmengen an Pilgern an. 

Doch im Zuge von Umbauten oder spätestens während des „Sacco di Roma“ (1527), als ein führerloses Heer aus deutschen Landsknechten die Stadt rücksichtslos plünderte, verlor sich die gesicherte Spur. 

Blutiger Karneval: Der Sacco di Roma 1527 – eine politische Katastrophe
Bestseller-Autor Volker Reinhardt macht aus diesem Stoff ein Meisterstück der historischen Rekonstruktion.​ [Anzeige]

Was heute als „Sudarium Christi“ im Veronikapfeiler des Petersdoms verwahrt und nur aus der Entfernung gezeigt wird, ist nicht genau klar.

Präzise Untersuchungen vor Ort werden vom Vatikan konsequent abgelehnt und wenn einmal im Jahr (am zweiten Sonntag vor Ostern) das Tuch hervorgeholt und von einem Balkon im Inneren des Petersdoms gezeigt wird, dann nur mit gehörigem Abstand und für wenige Sekunden. 

Das Tuch wird einmal im Jahr der staunenden Menge gezeigt. Von Weitem.

Was man dort sieht, ist halt irgendwie ein schwarzes Tuch. Kaum zu glauben, dass dieses Artefakt als das „wahre Bild“ des angeblichen Gottessohnes einer der wichtigsten Gegenstände der ganzen Christenheit war.

Inaugenscheinnahme durch Paul Badde

Der katholische Sachbuchautor Paul Badde (1948–2025) durfte das Tuch im Jahr 2005 aus der Nähe betrachten. Er berichtet: 

„Danach schlägt [der Sakristan] die schwere Eisentür lautlos nach links herum auf, nimmt den schweren Silberrahmen mit dem Schleierbild aus dem Tresor und stellt ihn nebenan in eine Nische vor meine Augen.

Die echte Veronika! Ich gehe nach links, nach rechts und muß mich fast zwingen hinzusehen. Da ist ganz und gar nichts zu erkennen. Es ist ein Objekt in Auflösung: ein fleckiger dunkler Stoff ohne jede Kontur. Ohne jede Zeichnung oder Farbe oder andere Bildspuren. Von einem Gesicht, oder auch nur der Idee eines Gesichts kann keine Rede sein. Nur der Ausschnitt einer Goldverkleidung verleiht ihm von ferne die Ahnung eines Gesichtsschnitts. Ich tastet mit dem Strahl meiner Stablampe das Gewebe ab: doch es ist kaum auszumachen, daß es überhaupt Gewebe ist. Das Bild ist eine Ruine. Es ist ein Rätsel, was es jemals war oder gewesen sein mochte.

Ich holte ein Metermaß aus meiner Manteltasche. Das „Bild“ mißt mit der Goldabdeckung 32 x 20 Zentimeter; die Aussparung für das „Gesicht“ vom oberen „Scheitelpunkt“ bis zur „Bartspitze“ 28,3 Zentimeter und von links nach rechts 12,7 Zentimeter. Es paßt überhaupt nicht in den alten Rahmen. Es kann nicht die wahre Veronika, es muß eine uralte ererbte Fälschung sein.“

Quelle: Paul Badde, Abbild Gottes

Badde forschte weiter und stieß schließlich im italienischen Bergdorf Manoppello auf ein weiteres Tuch, welches er schlussendlich für das richtige hielt.

Das Göttliche Gesicht: im Muschelseidentuch von Manoppello
Paul Badde geht dem Veronika-Rätsel kriminalistisch nach. [Anzeige]

Ist der Schleier von Manoppello das wahre „Volto Santo“?

Seit einigen Jahrzehnten gibt es Schweißtuch-Konkurrenz: Vertreter der Parawissenschaft und katholische Journalisten behaupten, das „echte“ Tuch sei im 17. Jahrhundert in die Abruzzen gerettet worden. 

In dem Bergdorf Manoppello wird ein hauchfeines Tuch als Volto Santo verehrt. Das Gewebe zeigt ein zartes Gesicht, das im Gegenlicht beinahe transparent wirkt. Esoterisch angehauchte Autoren feierten auch dies schnell als ein Bildnis „nicht von Menschenhand“ (Acheiropoieton).

MerkmalVeronikatuch (Petersdom, Rom)Schleier von Manoppello
(Volto Santo)
Erster Nachweisca. 8. / 12. Jahrhundertca. 1608–1618
(Abruzzen)
Zustandstark nachgedunkelt, unleserlichhauchfeines, lichtdurchlässiges Tuch
Material behauptetLeinenangeblich Muschelseide (Byssus)
Wissenschaftliche Einordnungunzugängliches KultobjektSpätrenaissance-/
Barockmalerei

Historische und wissenschaftliche Kritik: Warum das Schweißtuch nicht echt ist

Für die Annahme, es handle sich beim Schleier von Manopello um einen authentischen Abbdruck eines Wanderpredigers aus dem 1. Jahrhundert, fehlen sämtliche wissenschaftlichen Grundlagen. 

Die Empirie zeichnet ein nüchternes Bild, selbst wenn keine Proben des Schleiers entnommen werden dürfen. (Das liegt vielleicht daran, dass sich die Kirche mit der C14-Datierung des Turiner Grabtuchs ordentlich die Finger verbrannt hat, denn es stellte sich als Fälschung aus dem 14. Jahrhundert heraus.)

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Es gibt aber auch die Legende, das Gesicht auf dem Bild sei „verschwunden“ und nur durch göttliche Intervention wieder erschienen. 

„Bisher gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung des Stoffes. Die Kapuzinermönche weigern sich, das Tuch aus der Monstranz herauszunehmen, aus Angst, es könnte sich in Luft auflösen. »Schon einmal«, sagt Bruder Carmine, »ist das Gesicht verschwunden, als man 1703 den Holzrahmen austauschen wollte.« Erst als man das Tuch wieder in den alten Rahmen gespannt und lange genug gebetet habe, sei es wieder erschienen.“

Quelle: Die doppelte Veronika

So oder so: Praktisch, denn damit lässt sich nicht zweifelsfrei das Alter des Gewebes bestimmen und damit etwa die Unechtheit nachweisen.  

Ist das Tuch von Manoppello wirklich aus „unbemalbarer“ Muschelseide?

Ein populärer Mythos lautet, das Tuch bestehe aus Byssus (Muschelseide), auf der man gar nicht malen könne. Untersuchungen von Kunsthistorikern wie Erwin Pokorny zeigten jedoch rasch die Lücken dieser Argumentation:

  • Die Behauptung, es handle sich um unbemalbare Muschelseide, hält einer mikroskopischen Begutachtung standesgemäßer Gewebestrukturen nicht stand; es handelt sich schlicht um feine Leinwand oder Flachs.
  • Auf dem Schleier sind Farbpigmente (unter anderem Nussbraun für die Haare) nachweisbar, was klar auf Malerei hindeutet.
  • Der Effekt des „Verschwindens“ im Licht ist kein Wunder, sondern eine einfache optische Eigenschaft dünner, lasierend bemalter Stoffe im Gegenlicht.

Wie bewertet die Kunstgeschichte die Entstehung der Reliquie?

Aus kunsthistorischer Sicht verweist die verunglückte Proportionslehre der Gesichtszüge – etwa die unsymmetrische Stellung der Augen und der leicht verzogene Mund – keineswegs auf ein göttliches Wunder, sondern auf die mäßige Begabung eines menschlichen Malers. Das Bild zeigt alle Merkmale einer religiösen Volkskunst der Spätrenaissance oder des Frühbarocks.

Foto des „Schleiers von Manoppello“
Foto des „Schleiers von Manoppello“

Reliquien wie das Schweißtuch der Veronika erfüllen seit jeher psychologische Zwecke: Sie bedienen das menschliche Bedürfnis nach Berührbarkeit des Transzendenten. Eine Beweiskraft für das Übernatürliche und das Göttliche mögen sie jedoch nicht zu erbringen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Smoltczyk, Alexander: Die doppelte Veronika (Der Spiegel, 2005)
  • Pokorny, Erwin: Der Schleier von Manoppello – Muschelseide oder Malerei? In: Kunsthistorische Studien.
  • Pokorny, Erwin. „Die Tüchleinmalerei und der Schleier von Manoppello. Das Christusbild. Zu Herkunft und Entwicklung in Ost und West. Akten der Kongresse in Würzburg, 16-18. Oktober 2014, und Wien, 17.-18. März 2015.“ Hrsg. Von Karlheinz Dietz U.a., 2016, pp. 760–786.
  • Badde, Paul: Das Muschelseidentuch: Das echte Gesicht Christi. (Kritisch zu lesen als devotionale Rekonstruktion).
  • Pfeiffer, Heinrich: Die römische Veronika. In: Boll. Monumenti, Musei e Gallerie Pontificie.
Lexikon der kuriosesten Reliquien
Vom Atem Jesu bis zum Kot des Palmesels: Lexikon der kuriosesten Reliquien [Anzeige]

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