Zölibat: Bild eines Priesters bei der Priesterweihe

Geschichte des Zölibats: Hingabe oder Humbug?

Treffen sich zwei katholische Priester. Sagt der eine: „Wir werden es wohl nicht mehr erleben, dass der Zölibat aufgehoben wird.“ „Wir nicht“, sagt da der andere, „aber vielleicht unsere Kinder.“

Es gibt unzählige Witze, die von Pfarrern und ihren Haushälterinnen handeln. Augenzwinkernd haben sie die Umgehung des Zölibats zum Thema, also der verpflichtenden Ehelosigkeit, die während der Geschichte des Zölibats so mancher Gottesdiener geschickt umgangen hat. 

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Keuschheit für den katholischen Klerus

Nicht nur zur Ehelosigkeit, sondern zur generellen sexuellen Enthaltsamkeit („Keuschheit“) verpflichten sich katholische Priester mit der Priesterweihe. Wie wir wissen, handelt es sich dabei ausschließlich um Männer. 

Aber tut das jungen Männern denn gut, sexuell enthaltsam zu leben? Warum ist es aus Sicht der katholischen Kirche so wichtig, enthaltsam zu leben? Und wie geht die Kirche mit dem kontinuierlichen Scheitern des Zölibats um, das sich nicht zuletzt in den zahllosen Missbrauchskanadalen der katholischen Kirche zeigt?

Definition Zölibat: Was genau bedeutet sexuelle Enthaltsamkeit für Priester?

Der Begriff Zölibat stammt vom lateinischen Wort „caelibatus“ (unverheirateter Stand) und beschreibt die dogmatische Verpflichtung zur Ehelosigkeit und vollkommenen sexuellen Enthaltsamkeit. 

„Der um des Himmelreiches willen übernommene evangelische Rat der Keuschheit, der ein Zeichen der künftigen Welt und eine Quelle reicherer Fruchtbarkeit eines ungeteilten Herzens ist, bringt die Verpflichtung zu vollkommener Enthaltsamkeit im Zölibat mit sich.“

can. 599 CIC 

Und weiter:

„Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet, der eine besondere Gabe Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhangen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen können.“

can. 1047 CIC

Heißt es „der Zölibat“ oder „das Zölibat“?

Es ist beides richtig, aber es gibt einen feinen Unterschied in der Verwendung. Das Adjektiv lautet übrigens „zölibatär“. 

Der Zölibat ist die bevorzugte Form in der Theologie, im Kirchenrecht und in der Fachsprache. Wenn sich Geistliche, Wissenschaftler oder Journalisten detailliert mit dem Thema beschäftigen, greifen sie fast immer zur männlichen Form (z. B. „Der Zölibat ist für katholische Priester verpflichtend“). 

Das Zölibat wird sehr häufig in der Allgemeinsprache und im Alltag verwendet. Die sächliche Form hat sich im normalen Sprachgebrauch etabliert.

Die blutige und machtpolitische Geschichte des Zölibats in Europa

Der Zölibat wird von der Kirche oft als heilige Hingabe verklärt. Ein nüchterner, wissenschaftlicher Blick offenbart jedoch ein aus meiner Sicht ungesundes, ja sogar menschenfeindliches Konstrukt. 

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Was in frommen Traktaten gern als vollkommene Hingabe an einen unsichtbaren Schöpfer idealisiert wird (was hat der eigentlich davon, dass sein Klerus enthaltsam lebt?), ist bei nüchterner Betrachtung schlichtweg die institutionelle Unterdrückung eines biologischen Grundbedürfnisses. 

Es ist das Fundament eines Klerus, der sich – losgelöst von irdischen Bindungen – allein der kirchlichen Hierarchie unterordnen soll.

Wann hat die katholische Kirche den Zölibat eingeführt?

Wer glaubt, der Zölibat sei ein göttliches Gebot der ersten Stunde, irrt gewaltig. In den ersten Jahrhunderten des Christentums waren verheiratete Priester und Bischöfe die absolute Norm. 

Synode von Elvira

Erst auf der Synode von Elvira (ca. 306 u. Z.) begannen erste Vorstöße, Geistlichen den sexuellen Umgang mit ihren Ehefrauen zu verbieten. Die Synode fasste 81 sogenannte Canones (Beschlüsse), deren Großteil sich mit sittlichem Betragen befasste, darunter eben auch Regeln für das Heiraten von Klerikern. 

Bischöfe, Priester und Diakone durften demnach keine Kinder mehr zeugen – und nur noch weibliche Verwandtschaft oder „geweihte Jungfrauen“ als Haushälterin fungieren.

Den endgültigen juristischen Sargnagel lieferte das Zweite Laterankonzil im Jahr 1139, das Priesterehen rigoros für ungültig erklärte.

Warum hat die katholische Kirche den Zölibat überhaupt eingeführt?

Die Antwort auf diese häufige Suchanfrage ist profan: Geld und Macht. 

Meme Kirche Gold

Im frühen Mittelalter drohte der immense Landbesitz der Kirche durch Vererbung an Priesterkinder zu zersplittern. 

Um zu verhindern, dass kirchliche Ländereien in private Hände übergingen, wurde die Ehelosigkeit gesetzlich zementiert. Es ging also nie um göttliche Reinheit, sondern um den knallharten Schutz des kirchlichen Immobilienportfolios.

Was bedeutet Zölibat in der katholischen Kirche von heute?

Heute ist der Zölibat das unumstößliche Eintrittsticket in das Priesteramt der römisch-katholischen Kirche und es werden immer noch Verteidigungsschriften dafür veröffentlicht.

Die Reform-Debatten, die in der katholische Kirche in den letzten Jahren immer vehementer geführt werden, haben den Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Kardinal Robert Sarah, mehrfach bewegt, sich zu Wort zu melden. Mit diesem neuen Buch wirft Sarah seinen wohl wichtigsten Beitrag zur aktuellen Debatte in den Ring. Er verteidigt das Priestertum und den Zölibat mit großer Kraft und Weisheit, ohne Angst vor der öffentlichen Debatte.

Klappentext zu: Aus der Tiefe des Herzens: Priestertum, Zölibat und die Krise der katholischen Kirche

Priester schwören ewige Treue zu einer Institution, die im Gegenzug völlige emotionale und sexuelle Isolation verlangt. Die evidenzbasierte Realität zeigt jedoch, dass sich Naturgesetze nicht durch päpstliche Bullen außer Kraft setzen lassen.

Was ist trotz Zölibat erlaubt und wo liegen die „Grauzonen“?

Offiziell ist jede sexuelle Handlung untersagt. Doch die Praxis trieft vor Heuchelei. Die Figur der „Pfarrhaushälterin“ war über Jahrhunderte ein offenes Geheimnis für klerikale Doppel-Leben. 

Freundschaften und „geistliche Partnerschaften“ sind erlaubt, solange der Schein gewahrt bleibt. Erst wenn Skandale öffentlich werden, greift die kirchliche Maschinerie ein – ob mehr aus Sorge um den eigenen Ruf oder aus moralischer Überzeugung, überlasse ich deinem Urteilsvermögen.

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Zölibat in anderen Religionen und Kulturen weltweit

Der Hang, sich durch sexuelle Askese angeblich spirituell zu erhöhen, ist keine exklusive Erfindung Roms. Buddhistische Mönche und hinduistische Sadhus praktizieren ebenfalls Formen der Enthaltsamkeit. 

Der fundamentale Unterschied liegt jedoch im Zwang: Während Askese im fernöstlichen Raum oft als temporärer oder individueller Weg zur Erleuchtung gewählt wird, hat die katholische Kirche daraus ein totalitäres, lebenslanges Berufsausübungsverbot für Normalsterbliche gemacht.

Prostratio
Als Zeichen der Demut bzw. Unterwerfung müssen sich Diakone bei ihrer Priesterweihe auf den Boden legen

Psychologische Auswirkungen des Zölibats auf Geistliche

Die moderne Psychologie ist sich einig: Die permanente Unterdrückung zentraler menschlicher Bedürfnisse ist ein toxischer Cocktail. Geistliche leiden überdurchschnittlich oft unter Einsamkeit, Depressionen und Burnout. 

Quellen hierzu: 

  • Die Greifswalder Pfarrerstudie (2020) der Universität Greifswald (geleitet von Prof. Michael Herbst) im Auftrag der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Diese repräsentative Umfrage zeigte, dass jeder achte Pfarrer (ca. 12,5 %) in Mitteldeutschland unter einem messbaren Burnout leidet. Als Hauptgründe wurden chronischer Pfarrermangel, die Betreuung von teils mehr als 20 Dörfern/Kirchen pro Person sowie die ständige Erreichbarkeit genannt. 
  • Clergy Health Initiative der Duke University (Langzeitstudie). Diese umfassende US-Langzeitstudie verglich die psychische Verfassung von Geistlichen mit der Allgemeinbevölkerung. Sie stellte fest, dass die Depressionsrate unter Geistlichen mit 8,7 % bis 11,1 % fast doppelt so hoch ist wie der landesweite Durchschnitt. Als psychisch stark belastend wurden die emotionale Erschöpfung durch ständige Trauerbegleitung sowie die soziale Isolation identifiziert.
  • Psychosomatische Belastungsstudie bei katholischen Seelsorgern (2015), herausgegeben vom Forschungsprojekt der Deutschen Bischofskonferenz, durchgeführt von Psychologen und Theologen. Rund ein Viertel aller Seelsorger zeigt eine deutlich erhöhte Stressbelastung und 14 Prozent eine starke akute Gefährdung für ein Burnout. Die Studie wies explizit nach, dass die psychosomatische Belastung (Angst, Depressionen und das Gefühl der Isolation) bei Priestern im Vergleich zu anderen Berufsgruppen überdurchschnittlich hoch ausfällt.

Der Zölibat ist hier natürlich nicht alleinige Ursache – gilt aber in der Psychologie und Soziologie als einer der zentralen Verschärfungsfaktoren für psychische Belastungen bei katholischen Priestern. [Quelle]

Während die strukturelle Überlastung (viele Gemeinden, ständige Erreichbarkeit) evangelische und katholische Geistliche gleichermaßen trifft, fügt das Zölibat der katholischen Seelsorge eine spezifische, tiefgreifende Dimension der Isolation hinzu.

Welche Folgen hat sexuelle Unterdrückung für die menschliche Psyche?

Katholische Priester leiden überdurchschnittlich stark unter emotionaler Einsamkeit. Auch im direkten Vergleich zu evangelischen Priestern., 

Der Grund: Ein Priester kann zwar sozial stark in seiner Gemeinde eingebunden sein, es fehlt ihm jedoch die primäre Paarbeziehung. Es gibt niemanden, bei dem die „Rolle“ des Priesters abgelegt werden kann.

Nach einem emotional zehrenden Tag (z. B. nach Beerdigungen oder Krisengesprächen) kehrt der Priester in ein leeres Pfarrhaus zurück, was die Entstehung von Depressionen massiv begünstigt.

Enthaltsam und sozial isoliert

Ein System, das Intimität verteufelt, zieht nicht selten Männer an, die bereits Probleme mit ihrer eigenen Sexualität haben – und bietet ihnen im schlimmsten Fall eine fatale, hermetisch abgeriegelte Stelle, die sie von anderen isoliert.

Ebenfalls höchst kritisch ist anzusehen, dass es diese Männer dann unter anderem zur Aufgabe haben, seelsorgerisch auch als Ratgeber bei Ehefragen für andere tätig zu sein. Auf Grundlage welcher Kompetenz sie diese Funktion ausführen sollen, bleibt ein Rätsel. 

Psychologische Studien zeigen deutlich: Wer seine Sexualität konsequent abspaltet, neigt zu neurotischen Störungen und emotionaler Verkümmerung. Die tragischen, systemischen Folgen dieser widernatürlichen Repression hat die Weltöffentlichkeit in den unzähligen Missbrauchsskandalen der letzten Jahrzehnte leidvoll miterlebt.

Was denken die Priester selbst vom Zölibat? 

Wie immer halten wir uns an die Wissenschaft. Eine weitreichende Studie der Deutschen Bischofskonferenz offenbarte, wie stark Priester mit dieser Lebensform ringen: 

  • 54 Prozent der befragten Priester gaben an, den Zölibat für sich persönlich als nicht erfüllend zu empfinden.
  • 59 Prozent vermissen eine feste partnerschaftliche Bindung.
  • 54 Prozent gaben explizit an, dass ihnen körperliche Intimität fehlt.
  • Rund ein Drittel der Befragten betonte, dass sich das Zölibat direkt belastend auf ihren täglichen Dienst auswirkt. 
  • Nur noch die Hälfte der Befragten würde sich im Rückblick wieder bedingungslos für den Priesterberuf entscheiden. 

Ist der Zölibat noch zeitgemäß?

Falls nach dieser Studie noch Fragen offen bleiben: Dieses Konstrukt war zu keinem Zeitpunkt zeitgemäß. Es ist ein archaisches Kontrollinstrument aus dem Mittelalter, das jeder wissenschaftlichen, psychologischen und biologischen Erkenntnis widerspricht. 

Anstatt eine spirituelle Elite zu formen, hat der Zölibat eine dysfunktionale Kaste erschaffen, die dringend entzaubert gehört. Ein Dogma, das Menschen systematisch in die Isolation und psychische Schieflage zwingt, ist kein Weg zu Gott, sondern ein gefährlicher Irrweg der Menschheitsgeschichte.

Vielleicht ist es aus zynischer Sicht deshalb ganz gut, dass sich die Priester nicht vermehren? Was denkst du darüber? Lass es mich in einem Kommentar wissen.

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