Die Sehnsucht nach handfesten Beweisen für das Übernatürliche ist groß. Seit Jahrhunderten dient das Turiner Grabtuch – jenes mysteriöse Leinentuch, das angeblich den Leichnam Jesu von Nazaret umgab – als Projektionsfläche für religiöse Faszination und Wunderglauben.
Wenn es um die Echtheit geht, greift der gläubige Verstand gern nach jedem Strohhalm, den die Laborwelt bereitstellt.
Wasser auf die Mühlen christlicher Apologeten waren deshalb neue Untersuchungen des Grabtuchs auf Basis von Weitwinkel-Röntgenstreuung (WAXS) und FTIR-Spektroskopie, die angeblich die Radiokarbondatierung des Leichentuchs ins 14. Jahrhundert (1988) widerlegten. Wie betrachten das gleich, zuerst aber Grundsätzliches zu den Methoden dieser neuen Grabtuch-Untersuchungen.
Weitwinkel-Röntgenstreuung (WAXS)
Die Weitwinkel-Röntgenstreuung (Wide-Angle X-Ray Scattering, WAXS) ist ein zerstörungsfreies physikalisches Analyseverfahren, bei dem Röntgenstrahlung auf eine Faserprobe gerichtet wird, um deren Kristallinstruktur und mikroskopische Anordnung auf atomarer beziehungsweise molekularer Ebene zu untersuchen.
Bei der Anwendung auf Leinentücher misst WAXS das Ausmaß des strukturellen Grads des Zelluloseabbaus in den Mikrofibrillen, welcher durch die natürliche Alterung des Materials über lange Zeiträume hinweg fortschreitet.
Anhand von mathematischen Zerfallsmodellen und Vergleichen mit historischen Kontrollproben bekannter Herkunft wird versucht, von diesem Abbau auf das Alter der Textilie zurückzuschließen.
FTIR-Spektroskopie
Die Fourier-Transformations-Infrarotspektroskopie (FTIR) ist ein optisch-chemisches Messverfahren, bei dem infrarotes Licht durch ein Material geschickt oder an dessen Oberfläche reflektiert wird, um die Schwingungen molekularer Bindungen zu messen.
Im Fall des Turiner Grabtuchs wird die FTIR-Spektroskopie (oft als Attenuated Total Reflectance, ATR-FTIR) eingesetzt, um den chemischen Zersetzungsgrad der Zellulosemoleküle zu analysieren.
Da sich funktionelle Gruppen und molekulare Bindungen innerhalb der Leinenfaser durch langsame oxidative und hydrolytische Prozesse im Laufe der Jahrhunderte verändern, ergeben sich spezifische Infrarotspektren, aus denen ein Altersschätzwert abgeleitet werden soll.
Einordnung der neuen Grabtuch-Untersuchungen in den wissenschaftlichen Diskurs
In der wissenschaftlichen Debatte um das Turiner Grabtuch bilden WAXS (durch De Caro et al., 2022) und FTIR-Spektroskopie (durch Fanti et al., 2013) die Speerspitze der neueren, von Echtheitsbefürwortern genutzten Verfahren, die ein Alter von rund 2.000 Jahren (1. Jahrhundert n. Chr. bzw. ca. 300 v. Chr. bis 400 n. Chr.) nahelegen.
WAXS-Analyse von De Caro, 2022
De Caro veröffentlichte seine Studie in „Heritage“ (2022). Die Röntgendatierungsmethode wurde auf eine Probe angewendet, die in der Nähe der Radiokarbonprobe von 1988 entnommen wurde. Die Größe der Leinenprobe betrug etwa 0,5 mm × 1 mm.
Denn die Studie setzt voraus, dass für die Verlässlichkeit der Berechnungen konstante Temperaturen in einem exakten Wärmefenster zwischen 20,0–22,5 °C vorliegen mussten, bei einer ebenso konstanten Luftfeuchtigkeit von 55–75 %. Dazu de Caro selbst:
Die experimentellen Ergebnisse stehen im Einklang mit der Hypothese, dass das Grabtuch ein 2000 Jahre altes Relikt ist, wie es die christliche Tradition annimmt, unter der Voraussetzung, dass es während 13 Jahrhunderten unbekannter Geschichte – zusätzlich zu den sieben Jahrhunderten bekannter Geschichte in Europa – bei geeigneten durchschnittlichen Temperaturen von 20,0–22,5 °C und einer entsprechenden relativen Luftfeuchtigkeit von 75–55 % aufbewahrt wurde.
De Caro, in: X-ray Dating of a Turin Shroud’s Linen Sample, Übers. des Verf.
Obwohl die Studie einem Peer-Review-Verfahren unterzogen wurde, wurde die Methodik kritisch hinterfragt, da ihre Schlussfolgerungen eben auf spekulativen Annahmen über 1.300 Jahre unbestätigter, idealer Klimabedingungen beruhen.
Zudem wurde eine frühere Arbeit aus dem Jahr 2018, an der De Caro als Mitautor beteiligt war und die sich mit dem Turiner Grabtuch befasste, von PLOS One zurückgezogen, da Kontrollgruppen fehlten und die Herkunft der Proben fragwürdig war.
FITR-Spektroskopie von Fanti, 2013
Ein Team von Giulio Fanti und Kollegen führte die Untersuchung an der Universität Padua durch und nahm eine Analyse des organischen Molekülabbaus und der chemischen Bindungen in Leinenfasern mittels Fourier-Transform-Infrarot-Spektroskopie (FT-IR) mit abgeschwächter Totalreflexion und Raman-Spektroskopie vor.
Veröffentlicht uunter dem Titel „Non-destructive dating of ancient flax textiles by means of vibrational spectroscopy“, unter anderem in der Fachzeitschrift „Vibrational Spectroscopy“ (2013).

Diese Studien werden innerhalb der spektrochemischen Disziplinen einem Peer-Review unterzogen, doch führende Archäologen und Physiker warnen davor, dass spektrochemischen Zerfallsmodellen kalibrierte globale Referenzwerte fehlen und sie sekundäre Faktoren wie die Hitzeeinwirkung durch dokumentierte mittelalterliche Brände nicht berücksichtigen.
Ein anderes Problem: Fantis Messungen ordnen das Entstehungsdatum des Grabtuchs in den Zeitraum zwischen 300 v. Chr. und 400 n. Chr. ein. Es kann also gar nicht das Tuch des Nazareners gewesen sein, selbst wenn die Ergebnisse zutreffend wären.
Im breiten wissenschaftlichen Konsens der Archäometrie und Textilarchäologie werden beide Publikationen daher weitgehend skeptisch bis ablehnend beurteilt.
Der Hauptkritikpunkt liegt darin, dass im Gegensatz zur direkten Radiokarbondatierung (C14-Methode) von 1988 – die den physikalisch verlässlichen Isotopenzerfall misst und das Tuch ins Mittelalter (1260–1390 n. Chr.) datiert – WAXS und FTIR lediglich sekundäre, umweltabhängige Alterungssymptome erfassen.
Der Abbau von Zellulose verläuft nicht wie eine gleichmäßige Uhr, sondern wird massiv von externen Faktoren wie Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit, Lichteinstrahlung und thermischen Belastungen (wie dem historisch belegten Kirchenbrand von 1532) beeinflusst.
Da die errechneten Datierungen dieser alternativen Methoden auf spekulativen und unüberprüfbaren Grundannahmen über konstant ideale Lagerungsbedingungen über zwei Jahrtausende hinweg basieren, gelten sie in der Fachwelt als experimentell, unzureichend kalibriert und nicht wissenschaftlich belastbar genug, um das etablierte C14-Ergebnis zu widerlegen.
Faktencheck: Was sagt die Wissenschaft zu den neuen Grabtuch-Untersuchungen?
Um die kontinuierliche Debatte um die sogenannte „Sindonologie“ zu verstehen, muss man die Spreu vom Weizen trennen. Was sagen Peer-Review-Studien tatsächlich über das Alter und die Struktur des Tuches?
C14-Radiokarbondatierung: Der unerschütterte Standard
Die umfassende Radiokarbondatierung von 1988, durchgeführt von drei voneinander unabhängigen Spitzenlaboratorien in Oxford, Zürich und Tucson, bleibt der methodische Ankerpunkt der Forschung. Das Messergebnis wies mit einer statistischen Sicherheit von 95 Prozent darauf hin, dass das Leinen aus dem Zeitraum zwischen 1260 und 1390 n. Chr. stammt.
Neuere wissenschaftliche Übersichtsarbeiten – wie die des Textilarchäologen Ioannis Karapanagiotis aus dem Jahr 2025 – unterstreichen erneut, dass die Einwände gegen dieses Resultat methodisch standhalten müssen.
Die C14-Methode misst den direkten physikalischen Isotopenzerfall. Um ein zweitausend Jahre altes Tuch auf das 14. Jahrhundert „verjüngen“ zu lassen, hätte das Gewebe zur Hälfte aus reinem mittelalterlichen Kohlenstoff verunreinigt sein müssen – ein chemisch völlig unhaltbares Szenario.
Karapanagiotis empfiehlt eine neue C14-Testreihe mit frischen, an verschiedenen Stellen des Tuches entnommenen Proben unter Einsatz moderner, interdisziplinärer Methoden.

WAXS und Spektroskopie: Experimentelle Strohhalme für Apologeten
Verfechter der Echtheit berufen sich in den letzten Jahren bevorzugt auf die oben erwähnten alternativen Verfahren.
Weitwinkel-Röntgenstreuung (WAXS) oder FTIR-Spektroskopie messen allerdings, wie schon ausführlich erläutert, den Abnutzungs- und Alterungsgrad der Zellulosefasern, nicht jedoch den Isotopenzerfall selbst. Sie zeigen nur den Grad der Materialalterung, nicht das absolute Alter.
Dieser Prozess hängt drastisch von Umweltfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und vergangenen Bränden ab. Ohne exakt dokumentierte Lagerungsbedingungen über zwei Jahrtausende hinweg liefern diese experimentellen Verfahren keine verlässliche absolute Datierung, sondern lediglich hypothetische Modelle.
Die Magie der Methodik: Warum der Wunderglaube am Grabtuch von Turin scheitert
Es ist ein bekanntes Muster der Apologetik: Wenn die moderne Wissenschaft irgendeine Behauptung der Bibel, des Korans oder sonstiger mythologischen Bücher zu bestätigen scheint, macht man ein riesiges PR-Fass auf und schreit, die Archäologie hätte wahlweise den Landeplatz der Arche Noah, Wagenräder des ägyptischen Heers aus dem Exodus im Roten Meer oder das Grab Jesu „endgültig bestätigt“.

Sobald wissenschaftliche Befunde aber den dogmatischen Setzungen widersprechen, wird die Methodik angezweifelt oder durch spekulative Zusatzannahmen ergänzt. So auch hier.
Es gibt indes keinen vernünftigen Grund, die Radiokarbondatierung anzuzweifeln.
Eine Radiokarbondatierung ließe sich zudem jederzeit wiederholen. Für eine präzise Altersbestimmung organischer Materialien wird damals wie heute bevorzugt die Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS-Verfahren) genutzt. Heutige, hochempfindliche AMS-Anlagen benötigen extrem wenig Material – es reichen bereits wenige Milligramm oder einzelne Fäden (ca. 10 bis 50 mg), um verlässliche Messwerte zu erzielen.
Die katholische Kirche selbst behauptet übrigens gar nicht, dass das Tuch eine Reliquie sei, sondern wertet es als „Ikone“. Das schiebt sie auch als Erklärung dafür vor, warum die Frage nach dem exakten wissenschaftlichen Alter gar nicht entscheidend sei und verhindert die weitere Probenentnahme.
Es käme schließlich nur auf den „Glauben“ an und nicht darauf, ob er auch zutrifft. Eine aus meiner Sicht geradezu zynische Haltung, aber Ehrlichkeit war noch die Stärke der katholischen Kirche.
Welches Alter ist am wahrscheinlichsten?
Es gibt zudem noch andere Hinweise als die Ergebnisse der Radiokarbondatierung. Betrachtet man die Gesamtheit der Indizien historisch-kritisch, fügt sich das Puzzleteil nahtlos in das westeuropäische Spätmittelalter ein:
- Auftauchen aus dem Nichts
Das Tuch taucht historisch gesichert erstmals um 1354 im französischen Lirey auf.
- Historische Bischofsmemoranden
Bereits 1389 dokumentierte der zuständige Bischof Pierre d’Arcis, dass es sich bei dem Tuch um ein von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk handle und der ausführende Künstler dies gestanden habe.
- Webart
Das komplexe 3:1-Fischgräten-Gewebe des Tuchs ist typisch für das Mittelalter, nicht aber für das antike Judäa, aus dem Vergleichsproben vorliegen. - Ikonografie
Die Darstellung der Genitalabdeckung entsprechen der westeuropäischen Ikonografie des 14. Jahrhunderts und nicht den Bestattungssitten Judäas im 1. Jahrhundert.
Grabtuch-Esoterik: Wenn Neutronenstrahlen herhalten müssen
Um die Diskrepanz zwischen Glaube und Physik zu überbrücken, flüchten sich manche Echtheitsbefürworter in bizarre Erklärungsmodelle.
Von „unsichtbar neugewobenen“ Tuchabschnitten über Strahlenbelastungen durch die Auferstehung bis hin zur Annahme, dass mystische Prozesse die Isotopenverteilung exakt so verändert hätten, dass punktgenau das Ausstellungsdatum im Mittelalter herauskam – die Ausflüchte wirken wie eine Parade logischer Fehlschlüsse.
Der Klassiker der Ausflüchte ist, bei der Probenentnahme des C14-Samples hätten die Wissenschaftler versehentlich ein Stück Stoff erwischt, dass im Mittelalter geflickt worden sei und damit nur den mittelalterlichen Flicken datiert anstelle des echten Tuchs.
Im Anschluss findest du dazu einen Auszug aus dem Nature-Artikel. Urteile selbst.
Die Probenentnahme vom Leichentuch fand am Vormittag des 21. April 1988 in der Sakristei des Turiner Doms statt. Zu den Anwesenden gehörten Kardinal Anastasio Ballestrero (Erzbischof von Turin), Professor L. Gonella (Fachbereich Physik, Polytechnikum Turin und wissenschaftlicher Berater des Erzbischofs), zwei Textilexperten (Professor F. Testore vom Fachbereich Materialwissenschaften, Polytechnikum Turin, sowie G. Vial vom Musée des Tissues und dem Centre International d’Étude des Textiles Anciens in Lyon), Dr. M. S. Tite vom British Museum, Vertreter der drei Laboratorien für Radiokarbondatierung (Professor P. E. Damon, Professor D. J. Donahue, Professor E. T. Hall, Dr. R. E. M. Hedges und Professor W. Woelfli) sowie G. Riggi, der die Probe aus dem Leichentuch entnahm.
Das Leichentuch wurde entlang seines unteren linken Randes vom Untertuch getrennt, und ein Streifen (~10 mm x 70 mm) wurde knapp oberhalb der Stelle abgeschnitten, an der bereits 1973 eine Probe zur Untersuchung entnommen worden war.
Der Streifen stammte von einer einzigen Stelle am Hauptteil des Leichentuchs, fernab von Flicken oder verkohlten Bereichen. Aus diesem Streifen wurden drei Proben mit einem Gewicht von jeweils ~50 mg vorbereitet.
Die Proben wurden anschließend in die benachbarte Sala Capitolare gebracht, wo sie vom Erzbischof von Turin und Dr. Tite in Aluminiumfolie eingewickelt und anschließend in nummerierten Edelstahlbehältern versiegelt wurden.
Quelle des Ausgangstextes (Hervorhebung vom Autor)
Fazit: Ein Meisterwerk mittelalterlicher Reliquienkunst
Das Turiner Grabtuch ist ohne Frage ein faszinierendes Artefakt der Menschheitsgeschichte. Es zeugt von der erstaunlichen Handwerkskunst und der tiefen Reliquienverehrung des Mittelalters. Die Naturwissenschaft benötigt keine übernatürlichen Hypothesen, um das Tuch zu erklären.
Für eine evidenzbasierte Weltsicht bleibt das Fazit klar: Das Tuch ist kein Zeuge einer göttlichen Auferstehung, sondern ein eindrucksvolles Denkmal dafür, wie weit Menschen gehen, um Glaube in Materie zu gießen.
Grabtuch-Quellen und weiterführende Literatur
- Karapanagiotis, I. (2025): The Shroud of Turin: An Overview of the Archaeological Scientific Studies. In: Textiles, MDPI, Vol. 5, Issue 1, Art. 8.
- Damon, P. E. et al. (1989): Radiocarbon dating of the Shroud of Turin. In: Nature, Vol. 337, S. 611–615.
- McCrone, W. C. (1999): Judgment Day for the Shroud of Turin. Microscope Publications.

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