Ein Argument aus persönlichem Unglauben (engl.: Argument from Incredulity, auch Argument from personal Incredulity) ist eine Sonderform des „Argumentum ad ignorantiam“ (Argument aus Unwissen).
Argument aus Unwissenheit: Definition
Bei Argumentum ad ignorantiam handelt es sich um einen logischen Fehlschluss, bei dem entweder …
- eine These für falsch erklärt wird, nur weil sie bislang nicht bewiesen werden konnte oder
- eine These für richtig erklärt wird, nur weil sie bislang nicht widerlegt werden konnte.
Kennzeichnend ist, dass der Schluss – genauer gesagt, der Fehlschluss – aus Unwissenheit ohne sachliche Argumente vollzogen wird. Das Argument basiert letztendlich auf der Ignoranz (Unwissenheit) oder der unzureichenden Vorstellungskraft des Proponenten.

Argumente aus Unwissenheit in theologischen Debatten
In Glaubensfragen und in der Religionsphilosophie begegnet das Argument aus Unwissenheit besonders oft, und zwar sowohl auf Seiten atheistischer, als auch theistischer Argumente.
In der oben skizzierten ersten Spielart wird mit dem Argument aus Unwissenheit gerne die Existenz Gottes angezweifelt. Denn: Die ontologische These, es gäbe eine wie auch immer geartete metaphysische Welt und Gottheiten, wurde bislang nicht schlüssig belegt (trotz aller versuchten Gottesbeweise wie dem ontologischen und dem kosmologischen). Das Argument findet sich entsprechend gelegentlich bei atheistischen Betrachtungen.
In der zweiten Spielart begegnet das „Argument, das an das Nichtwissen appelliert“ sehr viel häufiger. Es wird gerne von Menschen vorgebracht, die für einen Deismus oder Theismus argumentieren wollen.
Letztendlich liegt dem „theistischen“ Argumentum ad ignorantiam eine Beweislastumkehr zugrunde. Sie folgt dem Muster:
„Man kann nicht beweisen, dass es Gott nicht gibt. Also gibt es ihn.“
Damit wird die Beweislast flugs zu den Skeptikern und Atheisten verschoben: Sie sind jetzt vermeintlich in der Pflicht zu beweisen, dass es Gott nicht gibt. Praktisch, nicht wahr? Und vor allem so schwer durchzuführen.
Auf diese Art der – vermeintlichen – Widerlegungspflicht ging Bertrand Russell mit seiner berühmten hypothetischen Teekanne ein: Man könne von niemandem erwarten, an die Existenz einer Teekanne im Orbit um die Sonne zu glauben, nur weil es unmöglich sein, das Gegenteil zu beweisen.
Analog gilt: Diejenigen, die die Existenz eines Gottes behaupten, sind in der Beweispflicht. Die Position muss erwiesen werden, nicht die Negation.

Argumentum ad ignorantiam: Probleme
Außerdem wird jetzt ein weiteres, riesiges Problem offensichtlich: Von der Gültigkeit des Schlusses bei einem Argument aus Unwissenheit abgesehen, die in diesem Blogbeitrag von Hans Otto ausführlich diskutiert wird, ließe sich seine Struktur auf eine beliebige, ja unendliche, Anzahl weiterer Geistwesen analog anwenden: die Zahnfee, den Mann im Mond, den Geist von Klaus Störtebeker, den Osterhasen, Zauberer, Elfen, Trolle, Kobolde und so weiter.
Von denen kann man schließlich auch nicht beweisen, dass es sie nicht gibt.
Argument aus persönlichem Unglauben
Eine Abwandlung des Argumentum ad ignorantiam ist das „Argument aus persönlichem Unglauben“ (englisch: Argument of Incredulity).
Hier wird es als hinreichend angesehen, dass eine These subjektiv als unwahrscheinlich erscheint, um sie zu verwerfen. Ersetzt wird die These dann durch eine andere, die vom Argumentierenden subjektiv bevorzugt wird.
Das Argument ist auch als Argument des persönlichen Unglaubens und Appell an den gesunden Menschenverstand bekannt. Seltener wird es (vor allem im Englischen) als göttlicher Fehlschluss bezeichnet (divine fallacy), wir sehen gleich, warum. Es gilt als Fehlschluss in der informellen Logik.
Das Argument aus persönlichem Unglauben in kosmologischen Debatten
In Debatten um die Existenz Gottes erscheinen Argumente aus persönlichem Unglauben häufig im Zusammenhang mit kosmologischen Argumenten wie zum Beispiel dem kosmologischen Kalam-Argument.
The divine fallacy, or the argument from incredulity, is a species of non sequitur reasoning which goes something like this: I can’t figure this out, so a god must have done it. Or, This is amazing; therefore, a god did it. Or, I can’t think of any other explanation; therefore, a god did it. Or, this is just too weird; so, a god is behind it.
Der göttliche Fehlschluss oder das Argument des persönlichen Unglaubens ist eine Non-Sequitur-Argumentation, die in etwa so funktioniert: Ich kann mir das nicht erklären, also muss es ein Gott getan haben. Oder: Das ist erstaunlich, also hat es ein Gott getan. Oder: Ich kann mir keine andere Erklärung vorstellen, also war es ein Gott. Oder: Das ist einfach zu seltsam, also steckt ein Gott dahinter.
Skeptic’s Dictionary: Divine Fallacy
In der theistischen Fraktion besonders beliebt sind zwei Varianten.
Argument aus persönlichem Unglauben: Variante 1 – „Aus dem Nichts kann nichts entstehen“
Die erste Variante betrifft die Entstehung des Universums, die aus Sicht der Gläubigen in atheistischen Weltbildern „ex nihilo“, also vollkommen spontan und zufällig aus dem Nichts entstanden sei.
Hier wird natürlich gerne unterschlagen, dass das aktuelle physikalische Modell dies gar nicht behauptet, sondern die Frage unbeantwortet lässt. Menschen fühlen sich allerdings mit offenen Fragen unwohl, weswegen sie lieber zu einer Scheinantwort greifen, als die Frage gänzlich unbeantwortet zu lassen.

Da die Urknall-These als unwahrscheinlich verworfen wird, tritt an ihre Stelle ein kosmologischer Mythos eigener Wahl, zum Beispiel die biblische Schöpfungsgeschichte oder generell Kreationismus und Intelligent Design.

Inwiefern ein bronzezeitlicher Schöpfungsmythos Menschen als wahrscheinlicher und plausibler vorkommt, müssen sie mit sich selbst klären, zumal der Physiker Lawrence Krauss dafür argumentiert, dass – sehr vereinfacht ausgedrückt – in Quantenfeldern durchaus „Etwas“ aus „Nichts“ entsteht.

Argument aus persönlichem Unglauben: Variante 2 – Kritik an der Evolutionslehre
Die zweite Variante wird in einem ähnlichen Kontext benutzt, um die Evolutionslehre zu diskreditieren. Die Unfähigkeit, sich evolutionäre Vorgänge und ihre Zeitrahmen einigermaßen zutreffend vorzustellen, wird analog als Argument für die Existenz eines Schöpfers oder Planers ins Feld geführt.
Es wird also behauptet, die Evolutionslehre sei falsch bzw. könne nicht richtig sein, weil sie den eigenen Erwartungen oder Überzeugungen widerspricht oder für den Kritiker schwer vorstellbar ist.

Aufbau eines Arguments aus persönlichen Unglauben
Im Grunde ist das Argument sehr einfach aufgebaut. Es gibt zwei Varianten.
- „Ich kann mir nicht vorstellen, dass P wahr ist. Also muss P falsch sein.“
- „Ich kann mir nicht vorstellen, dass P falsch ist. Also muss P wahr sein.“
Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Grundlage einer derartigen Argumentation Wunschdenken ist und sich oft aus unangemessener emotionaler Beteiligung, der Vermischung von Fantasie und Realität oder schlicht mangelnder Sachkenntnis bzw. Desinformation speist.
Mangelndes Verständnis wird oft mit einer instinktiven „Bauch“-Reaktion nivelliert, man „weiß es einfach“ oder „hat so ein Bauchgefühl“. Das Argument findet sich häufig, wenn Menschen bereits als Kinder mit dem Glauben an Wesen übernatürlichen Ursprungs indoktriniert wurden. Es „fühlt“ sich dann einfach richtig an, daran zu glauben.
Trotzdem ist die Argumentation trügerisch. Weil: Die Unfähigkeit, sich vorzustellen, wie eine Aussage wahr oder falsch sein kann, kann selbstverständlich keinerlei Auskunft darüber geben, ob die Aussage tatsächlich wahr oder falsch ist.
Was antwortet man auf ein Argument aus persönlichem Unglauben?
Zunächst kannst du darauf hinweisen, dass es sich hier um einen Fehler handelt, weil sich Wahrheitsgehalt nicht aus dem persönlichen Gefühl ableiten lässt.

Wenn du dazu in der Lage bist (ist ja manchmal nicht ganz trivial), kannst du aufzeigen, wo etwa häufige Missverständnisse wissenschaftlicher Theorien vorliegen.
Ein bekanntes Beispiel ist das Pseudoargument, dass „es keine Affen mehr geben dürfte, wenn sich die Menschen aus diesen entwickelt haben“. Diese Argumentation verkennt die Tatsache, dass Schimpansen und Menschen einen gemeinsamen Vorfahren hatten.
Weitere Argumente aus der Evolutionsbiologie, die die Evolutionslehre gegen evangelikale Angriffe verteidigt, findest du in folgendem Buch (klicke auf das Cover für weitere Infos.)

Du möchtest ab und zu eine Verkündigung? Abonniere hier den Newsletter.

Kommentar verfassen