Die Räder der pharaonischen Streitwagen im Roten Meer gefunden? Die Geschichte des Exodus (Flucht der Israeliten aus Ägypten) endgültig belegt?
Immer wieder tauchen Behauptungen auf, dass im Roten Meer Überreste von ägyptischen Streitwagen gefunden wurden. Hier ein Beispiel aus Facebook („we have chariot wheels on the bottom of the Red Sea“ …)
Die Geschichte klingt zu schön, um wahr zu sein – und genau das ist sie auch. Es handelt sich schlicht um ein Täuschungsmanöver.
Die Streitwagen beim „Exodus“
Die Geschichte vom Untergang der ägyptischen Streitwagen im Roten Meer findet sich in 2. Mose (Exodus) 14,21–31.
Hier wird beschrieben, wie Moses das Meer mit seinem Stab teilt, die Israeliten hindurchziehen und anschließend das Wasser zurückflutet, wodurch die verfolgenden ägyptischen Soldaten mit ihren Streitwagen ertrinken.
21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich.
22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
23 Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer.
24 Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer
25 und hemmte die Räder ihrer Wagen und machte, dass sie nur schwer vorwärtskamen. Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der HERR streitet für sie wider Ägypten.
26 Aber der HERR sprach zu Mose: Recke deine Hand aus über das Meer, dass das Wasser wiederkomme und herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und Reiter.
27 Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer.
28 Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb.
29 Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.
31 So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte. Und das Volk fürchtete den HERRN, und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.
Die Legende von den versunkenen Streitwagen
Die „gefundenen“ Räder der Streitwagen sollen den biblischen Bericht vom Exodus bestätigen, insbesondere die spektakuläre Szene, in der Moses das Meer teilt, eine Flammensäule auftaucht, die Israeliten entkommen und die ägyptischen Verfolger in den Fluten untergehen.

Doch wie so oft bei angeblich „bahnbrechenden Beweisen“ für biblische Wunder stellt sich schnell heraus: Das Ganze hält keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand.
Wer verbreitet diese „Entdeckungen“? Zu Ron Wyatt
Die angeblichen Funde gehen vor allem auf Ron Wyatt (1933–1999) zurück, einen selbsternannten Archäologen und bibeltreuen Abenteurer, der in christlich-fundamentalistischen Kreisen als „Entdecker“ gefeiert wird.
Wyatt behauptete nicht nur, im Roten Meer Wagenräder gefunden zu haben, sondern auch zahlreiche weitere biblische Relikte – von der Arche Noah bis zur Bundeslade.
Wissenschaftliche Fachwelt? Peer-Review? Belege? Ach, wozu denn!
Für Gläubige reicht es völlig, dass jemand mit Bibel in der Hand und glänzenden Augen verkündet, er habe einen Beweis für Gottes Wunder gefunden.
Und das ist quasi Wyatts Markenzeichen: So behauptete Wyatt ebenfalls vogelwild, er habe die Bundeslade gefunden sowie die Stätten von Sodom und Gomorrha. Und natürlich die Arche Noah aus der Sintflut. Noah hielt er für einen Riesen.
Ein echter Tausendsassa eben! Im richtigen Leben war er Fachpflegekraft.
Joe Zias, Kurator für Anthropologie/Archäologie der Israelische Altertumsbehörde, schreibt über Wyatt:
„Ron Wyatt ist weder Archäologe noch hat er jemals eine legal genehmigte Ausgrabung in Israel oder Jerusalem durchgeführt.
Um Ausgrabungen durchführen zu können, muss man mindestens einen Bachelor in Archäologie haben, den er trotz seiner gegenteiligen Behauptungen nicht besitzt.
Wir kennen seine Behauptungen, die an Absurdität grenzen, da sie weder eine wissenschaftliche Grundlage haben noch jemals in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. Sie fallen in die Kategorie von Schund, den man in Boulevardzeitungen wie dem National Enquirer, der Sun usw. findet.
Es ist erstaunlich, dass jemand ihnen Glauben schenkt.“
(Quelle)
Zur Verlässlichkeit der Wagenrad-Funde
Mit den Wagenrädern und ihrem „Entdecker“ gibt es also doch einige Probleme.
Im Telegrammstil:
- Wyatt war kein ausgebildeter Archäologe, sondern ein Amateurforscher, dessen Funde nie unabhängig bestätigt wurden.
- Seine angeblichen Entdeckungen wurden nie von anerkannten Experten begutachtet oder dokumentiert.
- Wyatt präsentierte nur verschwommene Unterwasserbilder, keine geborgenen Artefakte. Diese seien „zu fragil, um sie zu bergen“. Gleichzeitig wird per Inaugenscheinnahme aber felsenfest festgestellt, es handele sich um Holz aus der 18. Ägyptischen Dynastie.

- Es gibt keine erhaltenen physischen Streitwagenräder oder Skelette ägyptischer Soldaten, die seine Behauptungen stützen.
- Holz wird im Wasser von Bakterien, Pilzen und Meeresorganismen wie Schiffswürmern (Teredo navalis) zersetzt. In warmen Meeren geschieht dieser Verfall besonders schnell. In günstigen Bedingungen (z. B. tief unter Sediment begraben) könnte Holz einige Jahrzehnte bis wenige Jahrhunderte überstehen. Nach über 3.000 Jahren, wie beim angeblichen Exodus, wäre von Holz nichts mehr übrig.
- Es gibt keine belastbaren Beweise für einen historischen Exodus, wie er in der Bibel beschrieben wird. Nicht einmal in Israel.
- Seriöse Archäologen, einschließlich jüdischer Forscher, halten die biblische Erzählung für eine spätere Konstruktion ohne historischen Kern.

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Die Realität: kein einziger wissenschaftlicher Beleg
Die Ägyptologie und Unterwasserarchäologie haben bis heute keinen einzigen glaubwürdigen Beweis für ägyptische Wagenräder oder andere Reste eines ertrunkenen Heeres im Roten Meer erbracht.
Keine Knochenspuren, keine Waffenreste, keine zerbrochenen Streitwagenachsen – nichts.
Und das ist bemerkenswert, denn die Ägypter waren nicht gerade dafür bekannt, Dinge spurlos verschwinden zu lassen. Selbst winzige Überbleibsel ihrer Kultur sind bis heute auffindbar, von Gräbern über Papyrusrollen bis hin zu Alltagsgegenständen.
Die angeblichen Wagenräder-Fotos sind entweder so unscharf, dass man alles Mögliche hineininterpretieren kann, oder es handelt sich schlicht um Korallenformationen, die mit viel Fantasie wie ein Rad aussehen könnten.
Tatsächlich sind metallene oder hölzerne Wagenräder in salzigem Wasser alles andere als stabil – sie würden längst zerfallen sein.
Das selektive Verhältnis von Gläubigen zur Wissenschaft
Interessanterweise sind es oft die gleichen Kreise, die evolutionäre Biologie, Radiokarbondatierung und geologische Zeitskalen als „teuflische Irrlehren“ ablehnen, aber plötzlich Archäologie für ein legitimes Wissenschaftsfeld halten – allerdings nur dann, wenn es ihre religiösen Überzeugungen stützt.

Heraus kommen selektiv gelesene Datenbestände („Rosinenpicken“), jede Menge Spekulation und natürlich die Mutter aller religiösen Argumentationen: der Zirkelschluss.
Pseudowissenschaftliche „Abhandlungen“ werden von fanatisch glaubenden Menschen im Überzeugungsbrustton der „Offenbarung“ in den Äther gepustet.
Dort fallen sie bei Kindern, Jugendlichen und Leichtgläubigen auf fruchtbaren Boden.
Das ist moralisch äußerst fragwürdig. Inhaltlich ist es schlicht falsch – denn der Aberglaube, und zu diesem muss man die abrahamitischen Religionen in diesem Zusammenhang auch zählen, geht von falschen Prämissen aus und zieht entsprechend falsche Schlüsse.
Das hat manchmal schon was Komisches: Dieselben Menschen, die behaupten, dass Dinosaurier mit Menschen zusammenlebten oder die Erde nur 6000 Jahre alt sei, klammern sich verzweifelt an die vage Möglichkeit, dass ein paar Steine am Meeresboden ein göttliches Wunder beweisen.

Archäologische Beweislage zum Exodus: es gibt keine Wagenräder
Das größte Problem an der ganzen Geschichte: Der biblische Exodus selbst ist archäologisch nicht belegt.
Kein einziges ägyptisches Dokument erwähnt einen Massenauszug von Hunderttausenden Sklaven.
Weder in den Reliefs der Tempel noch in Verwaltungsdokumenten findet sich auch nur der kleinste Hinweis auf eine Katastrophe wie die zehn Plagen oder den Untergang einer ganzen Armee im Meer. Und das, obwohl die Ägypter sonst alles akribisch dokumentierten – von Feldzügen über Handelsrouten bis hin zu den Launen ihrer Pharaonen.
Archäologen haben zudem nie Spuren eines nomadischen Volkes gefunden, das 40 Jahre durch die Wüste zog. Keine Lagerstätten, keine Hinterlassenschaften, keine Artefakte. Die große Flucht aus Ägypten, wie sie in der Bibel erzählt wird, ist historisch gesehen nicht mehr als eine Legende.

Wagenräder: Wunschdenken statt Wissenschaft
Die Geschichte von den Wagenrädern im Roten Meer ist ein klassisches Beispiel für religiös motivierte Pseudowissenschaft.
Sie zeigt, wie verzweifelt manche versuchen, ihre Glaubensvorstellungen mit angeblichen „Beweisen“ zu untermauern – selbst wenn diese keinerlei wissenschaftlicher Überprüfung standhalten.
Solange die Gläubigen jedoch bereit sind, mit selektiver Wahrnehmung und einem großzügigen Mangel an Skepsis durch die Welt zu gehen, werden solche Mythen wohl nie ganz verschwinden.
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