Fluchpsalmen, oft auch Verwünschungspsalmen, Feindpsalmen oder Vergeltungspsalmen genannt, stellen einen besonderen Teil der biblischen Psalmenliteratur dar. Sie finden sich im Alten Testament.
Von der Frage, ob beten hilft, abgesehen: Diese Psalmen, die Flüche und Verwünschungen gegen Feinde aussprechen, haben Leser und Theologen gleichermaßen herausgefordert und fasziniert.
Denn: Die Psalmen sind eine Anrufung an Jahwe, Gegner oder Feinde zu strafen und mit jüdisch-christlichen Werten wie Nächstenliebe, Feindesliebe oder Fremdenliebe kaum in Einklang zu bringen.
Schadenzauber aus dem Mittelalter
Im Mittelalter bildeten sie die Grundlage für allerlei Schadzauber und Praktiken schwarzer Magie, die vom 12. bis ins 19. Jahrhundert belegbar sind.
Nachfolgend beschäftigen wir uns mit einzelnen Fluchpsalmen und untersuchen ihren historischen und kulturellen Kontext. Darüber hinaus ordnen wir ihre Rolle in der Theologie und Ethik ein. Wir werden auch ihre psychologischen und spirituellen Aspekte sowie ihre Bedeutung in der modernen Praxis und im interreligiösen Dialog betrachten.

Historischer und kultureller Hintergrund der Fluchpsalmen
Fluchpsalmen entstanden im Kontext der alten nahöstlichen Kulturen, in denen Flüche und Verwünschungen Teil religiöser und gesellschaftlicher Praktiken waren.
Quelltext der Fluchpsalmen: das Buch der Psalmen
Das „Buch der Psalmen“, auch bekannt als die Psalmen oder der Psalter, ist eine Sammlung von 150 poetischen Liedern und Gebeten, die einen zentralen Bestandteil des jüdischen und christlichen Bibelkanons darstellen.
Die Entstehungsgeschichte und -zeit des Buches der Psalmen ist vielschichtig: Die Psalmen wurden von verschiedenen Autoren verfasst und spiegeln eine Vielzahl von Traditionen und Stilen wider. Viele der Psalmen werden traditionell König David zugeschrieben, obwohl moderne Gelehrte annehmen, dass sie tatsächlich von vielen verschiedenen Dichtern und in verschiedenen Epochen verfasst wurden.

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Sie wurden über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten gesammelt und zusammengestellt. Die Entstehung der Psalmen erstreckt sich grob vom 10. bis zum 3. Jahrhundert v. u. Z.
Dieser Zeitraum umfasst damit verschiedene Phasen der israelitischen und frühen jüdischen Geschichte. Insgesamt umgreift der hebräische Text 2527 Verse. Über die Jahrhunderte hinweg wurden die Psalmen redaktionell bearbeitet und zusammengestellt. Die endgültige Form des Psalters, wie er heute vorliegt, wurde vermutlich in der Zeit nach dem babylonischen Exil festgelegt.

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Ursprung und Entwicklung von Feindpsalmen
Ähnliche Verwünschungsformen finden sich in anderen alten Kulturen des Nahen Ostens, was darauf hindeutet, dass die Fluchpsalmen der Bibel Teil eines breiteren kulturellen und religiösen Musters waren.
Integration in die Psalmen: Im Laufe der Zeit wurden diese Verwünschungsgebete in das Buch der Psalmen integriert, eine Sammlung von Gebeten und Hymnen, die verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens und der Beziehung zu Gott abdecken.
Rolle und Funktion der Fluchpsalmen in der antiken Gesellschaft
Fluchpsalmen dienten als Mittel, um Gefühle von Wut, Verzweiflung und dem Wunsch nach Gerechtigkeit auszudrücken, oft in Zeiten von Not und Unterdrückung (Ausdruck von Emotionen).
Theologische Bedeutung: Sie reflektieren eine Auffassung von Gerechtigkeit, in der Gott als Richter und Rächer von Unrecht gesehen wird.

Wie hier in der Schlacht bei Gibeon greift Gott laut Bibel aktiv ins Kampfgeschehen der Landnahme Israels ein
Diese Psalmen hatten auch eine soziale Funktion, indem sie eine Sprache und eine Struktur für individuelle und kollektive Klagen über Ungerechtigkeit und Leid boten.
Analyse spezifischer Fluchpsalmen
Diese Psalmen teilen gemeinsame Themen von Leid, Vergeltung und dem Wunsch nach göttlicher Gerechtigkeit, die im Angesicht von Ungerechtigkeit und Feindseligkeit ausgedrückt werden.
Psalm 58
Enthält Flüche gegen ungerechte Herrscher und wird oft im Kontext von sozialer Gerechtigkeit und göttlicher Vergeltung betrachtet. In diesem Psalm wird die Ungerechtigkeit der Herrscher angeprangert, und es werden drastische Flüche gegen sie ausgesprochen.
Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Maul, zerschlage, HERR, das Gebiss der jungen Löwen! Sie werden vergehen wie Wasser, das verrinnt. Zielen sie mit ihren Pfeilen, so werden sie ihnen zerbrechen.
Psalm 58,7-8
Psalm 59
Der Psalmist bittet um Gottes Schutz vor Feinden und wünscht sich, dass deren böse Pläne gegen sie selbst gerichtet werden.
Vertilge sie ohne alle Gnade, vertilge sie, dass sie nicht mehr sind! Lass sie innewerden, dass Gott Herrscher ist in Jakob, bis an die Enden der Erde.
Psalm 59,14
Psalm 69
Dieser Psalm enthält Bitten um Rettung und Gerechtigkeit, aber auch starke Verwünschungen gegen die Feinde des Psalmisten. So sollen „ihre Augen finster“, ihre „Wohnstätten verwüstet“ und sie selbst „aus dem Buch des Lebens getilgt“ werden.
Psalm 79
Hier wird um Gottes Eingreifen gebeten, nachdem der Tempel zerstört und das Volk misshandelt wurde. Es enthält Bitten um Vergeltung gegen die Angreifer.
Lass vor dich kommen das Seufzen der Gefangenen; durch deinen starken Arm erhalte die Kinder des Todes und vergilt unsern Nachbarn siebenfach ihr Schmähen, mit dem sie dich, Herr, geschmäht haben.
Psalm 79,11-12
Psalm 83
Dieser Psalm ist eine eindringliche Bitte an Gott, gegen feindliche Nationen vorzugehen, die sich gegen Israel verschworen haben.
Mein Gott, mache sie wie verwehende Blätter, wie Spreu vor dem Winde. Wie ein Feuer den Wald verbrennt und wie eine Flamme die Berge versengt, so verfolge sie mit deinem Sturm und erschrecke sie mit deinem Ungewitter. Bedecke ihr Angesicht mit Schande, dass sie, HERR, nach deinem Namen fragen müssen. Schämen sollen sie sich und erschrecken für immer und zuschanden werden und umkommen.
Psalm 83,14-18
Psalm 109
Psalm 109 ist einer der bekanntesten Fluchpsalmen. Er enthält starke Verwünschungen gegen einen individuellen Feind des Psalmisten. Dieser Psalm stellt aufgrund seiner intensiven Flüche besondere theologische und ethische Herausforderungen dar und wird oft in theologischen Diskussionen über die Natur von Gerechtigkeit und Vergeltung in der Bibel zitiert. (Lies dazu auch: Völkermord in der Bibel.)
Verschiedene Auslegungen versuchen, den Psalm im historischen Kontext zu verstehen oder seine Botschaft symbolisch oder als Ausdruck menschlicher Verzweiflung zu interpretieren. Hier der vollständige Text des Psalms (Luther-Übersetzung).

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Titel des Fluchpsalms: „Ein Ruf zu Gott gegen erbarmungslose Widersacher“
1 Ein Psalm Davids, vorzusingen. Gott, mein Ruhm, schweige nicht!
2 Denn ihr Mund ist voll Frevel, ihr Lügenmaul haben sie wider mich aufgetan. Sie reden wider mich mit falscher Zunge
3 und reden giftig wider mich allenthalben und streiten wider mich ohne Grund.
4 Dafür, dass ich sie liebe, feinden sie mich an; ich aber bete.
5 Sie erweisen mir Böses für Gutes und Hass für meine Liebe.
6 Gib ihm einen Frevler zum Gegner, und ein Ankläger stehe zu seiner Rechten.
7 Wenn er gerichtet wird, soll er schuldig gesprochen werden, und sein Gebet werde zur Sünde.
8 Seiner Tage sollen wenige werden, und sein Amt soll ein andrer empfangen.
9 Seine Kinder sollen Waisen werden und seine Frau eine Witwe.
10 Seine Kinder sollen umherirren und betteln und vertrieben werden aus ihren Trümmern.
11 Es soll der Gläubiger alles fordern, was er hat, und Fremde sollen seine Güter rauben.
12 Und niemand soll ihm Gutes tun, und niemand erbarme sich seiner Waisen.
13 Seine Nachkommen sollen ausgerottet werden, ihr Name soll schon im zweiten Glied getilgt werden.
14 Der Schuld seiner Väter soll gedacht werden vor dem HERRN, und seiner Mutter Sünde soll nicht getilgt werden.
15 Der HERR soll sie nie mehr aus den Augen lassen, und ihr Andenken soll ausgerottet werden auf Erden,
16 weil er so gar keine Barmherzigkeit übte, sondern verfolgte den Elenden und Armen und den Betrübten, ihn zu töten.
17 Er liebte den Fluch, so komme er auch über ihn; er wollte den Segen nicht, so bleibe er auch fern von ihm.
18 Er zog den Fluch an wie sein Hemd; der drang in sein Inneres wie Wasser und wie Öl in seine Gebeine;
19 er werde ihm wie ein Kleid, das er anhat, und wie ein Gürtel, mit dem er allezeit sich gürtet.
20 So geschehe denen vom HERRN, die mich verklagen und die Böses reden wider mich.
21 Aber du, HERR, mein Herr, / sei du mit mir um deines Namens willen; denn deine Gnade ist mein Trost: Errette mich!
22 Denn ich bin arm und elend; mein Herz ist zerschlagen in mir.
23 Ich fahre dahin wie ein Schatten, der schwindet, und werde abgeschüttelt wie Heuschrecken.
24 Meine Knie sind schwach vom Fasten, und mein Leib ist mager und hat kein Fett.
25 Ich bin ihnen zum Spott geworden; wenn sie mich sehen, schütteln sie den Kopf.
26 Steh mir bei, HERR, mein Gott! Hilf mir nach deiner Gnade,
27 und lass sie innewerden, dass dies deine Hand ist und du, HERR, das tust.
28 Fluchen sie, so segne du. / Erheben sie sich, so sollen sie zuschanden werden; aber dein Knecht soll sich freuen.
29 Die mich verklagen, sollen mit Schmach angezogen und mit ihrer Schande bekleidet werden wie mit einem Mantel.
30 Ich will dem HERRN sehr danken mit meinem Munde und ihn rühmen in der Menge.
31 Denn er steht dem Armen zur Rechten, dass er ihm helfe von denen, die ihn verurteilen.
Psalm 109, 1-31
Psalm 137
Bekannt für seine leidenschaftliche und gewalttätige Sprache gegenüber den Feinden Israels, insbesondere in den Schlussversen.

Psalm 140
In diesem Psalm („Bitte um Rettung vor Feinden“) bittet der Psalmist um Schutz vor gewalttätigen Menschen und ruft Gottes Gericht über sie herab.
Das Unglück, über das meine Feinde beraten, komme über sie selber. Er möge feurige Kohlen über sie schütten; er möge sie stürzen in Gruben, dass sie nicht mehr aufstehen.
Psalm 140,10-11
Fluchpsalmen: theologische und ethische Bewertung
In der Gesamtbetrachtung bieten Fluchpsalmen zwar ein tiefes Verständnis für die menschliche Erfahrung von Leid und Ungerechtigkeit und die Suche nach göttlicher Intervention – trotzdem wirken sie verstörend. Wirkt doch Gott hier wie ein gewalttätiger Tyrann, der nach Willkür oder auf „Bestellung“ Gewalt über Menschen bringt.
Entsprechend mussten die Psalmen umgedeutet werden. Augustinus setzte dazu einfach die Feinde mit unerwünschten Handlungen gleich.
Herausforderungen bei der Fluchpsalm-Interpretation
Die in den Fluchpsalmen ausgedrückten Wünsche nach Rache und Leid für andere werfen ernsthafte ethische Fragen auf, besonders im Kontext moderner moralischer Vorstellungen und christlicher Vorstellungen wie des Doppelgebots der Liebe.
Diese Psalmen stellen eine Herausforderung für das Bild eines liebevollen und gerechten Gottes dar. Damit führen sie geradewegs zur Frage der Theodizee und der Kritik der Religionsphilosophie am Wesen Gottes.

Fluchpsalmen in der modernen Theologie
Moderne Theologen suchen oft nach Wegen, Fluchpsalmen so zu reinterpretieren, dass sie mit zeitgenössischen ethischen und theologischen Vorstellungen vereinbar sind.
Einige Theologen betrachten die Flüche als symbolischen Ausdruck tiefer menschlicher Emotionen und nicht als wörtlich zu verstehende Wünsche.
Auch seien die Fluchpsalmen Ausdruck einer „existenziellen Not“ und ein kleiner existenzieller Notruf nach Gewalt am Gegner – das muss doch gestattet sein. Zudem könne man von Menschen nicht erwarten, dass sie „nicht immer in abgeklärter frommer Ergebung das Lob Gottes singen“ könnten. Manchmal wünscht man sich halt einfach, dass andere Menschen brennen.
Und schließlich muss Gott die Gewalt ja nicht ausüben. Er kann. Das heißt, großmütig verzichtet der Psalmist selbst auf die Ausübung der eigentlichen Gewalt – Gott wird sich schon für die richtige Strafe entscheiden.
Fluchpsalmen im Kontext der Psalmenliteratur
Vergleich mit Lob- und Klagepsalmen
Während Lob- und Klagepsalmen Gott für seine Güte preisen bzw. um Hilfe in schwierigen Zeiten bitten, drücken Fluchpsalmen Wut und den Wunsch nach göttlicher Vergeltung aus. Die Fluchpsalmen ergänzen sozusagen das emotionale Spektrum der Psalmenliteratur, indem sie die dunkleren Aspekte menschlicher Erfahrungen ansprechen.
Die Einzigartigkeit der Fluchpsalmen
Die Fluchpsalmen zeichnen sich durch ihre Direktheit und emotionale Intensität aus, die in anderen Psalmkategorien weniger ausgeprägt ist. Ihre Rolle im Psalmenbuch: Sie bieten eine ehrliche und ungeschönte Darstellung menschlicher Gefühle und tragen zur Authentizität des Psalmenbuchs bei.
Psychologische und spirituelle Aspekte der Fluchpsalmen
Emotionale Ausdrucksformen und ihre Bedeutung
Fluchpsalmen können im besten Fall als Mittel zur Verarbeitung und zum Ausdruck starker Emotionen wie Wut und Enttäuschung gesehen werden. Sie erlauben eine ehrliche Auseinandersetzung mit negativen Gefühlen, die in religiösen Kontexten oft unterdrückt werden.
Spirituelle Verarbeitung und Transformation
Das Rezitieren oder Meditieren über Fluchpsalmen könnte eine Form der spirituellen Katharsis und Transformation darstellen. Sie könnten auch helfen, ein tieferes Verständnis für menschliches Leid und die Suche nach göttlicher Gerechtigkeit zu entwickeln.
Fluchpsalmen in der Praxis

Verwendung in der Liturgie und im Gottesdienst
Fluchpsalmen werden in der liturgischen Praxis oft selektiv oder gar nicht verwendet, aufgrund ihrer problematischen Inhalte. Einige Traditionen nutzen sie in spezifischen Kontexten, die eine Auseinandersetzung mit Themen wie Ungerechtigkeit und Leid erfordern.
Die Kontroverse um die Fluchpsalmen und das katholische Stundengebet
Die Fluchpsalmen stellten eine besondere Herausforderung dar, insbesondere im Kontext des Zweiten Vatikanischen Konzils, das beabsichtigte, das Stundengebet – größtenteils bestehend aus Psalmen – von einer exklusiven Klerikerliturgie in eine allgemeine Gemeindeliturgie zu überführen. Mit dem zunehmenden Trend zur Verwendung der Volkssprachen in der Liturgie wurden die Fluchpsalmen zum Gegenstand intensiver Diskussionen.
Trotz der weit verbreiteten Zustimmung der Konzilsväter zur Beibehaltung des ganzen Psalters entschied sich Papst Paul VI. für die Entfernung mehrerer Psalmen und einiger als anstößig empfundener Verse.
Rezeption und Wirkung in der Glaubensgemeinschaft
Die Rezeption von Fluchpsalmen in Glaubensgemeinschaften variiert stark. Während einige Gläubige sie verständlicherweise als unangenehm oder problematisch empfinden, finden andere in ihnen ein Ventil für ihre eigenen schwierigen Emotionen und Lebenserfahrungen.
Vergeltungspsalmen in der interreligiösen Perspektive
Vergleiche mit anderen religiösen Traditionen
Viele religiöse Traditionen haben Texte, die Flüchen oder Verwünschungen ähneln. Beispielsweise enthalten islamische, hinduistische und buddhistische Schriften ebenfalls Passagen, die mit dem Thema von Rache und Vergeltung umgehen.
Diese Parallelen zeigen, dass die in den Fluchpsalmen ausgedrückten Emotionen und Konflikte universelle menschliche Erfahrungen widerspiegeln, die über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg bestehen.
Bedeutung von Feindpsalmen für den interreligiösen Dialog
Die Auseinandersetzung mit Fluchpsalmen bietet im interreligiösen Dialog eine Plattform, um sich mit schwierigen religiösen Texten und Konzepten auseinanderzusetzen. Der Vergleich dieser Psalmen mit ähnlichen Texten in anderen Religionen kann helfen, ein tieferes Verständnis für die jeweiligen Traditionen und ihren Umgang mit Leid, Wut und Ungerechtigkeit zu entwickeln.
Fluchpsalmen: Fazit
Die Fluchpsalmen repräsentieren einen komplexen und oft herausfordernden Teil der biblischen Literatur. Die in den Fluchpsalmen zum Ausdruck gebrachten Wünsche nach Rache und Leid für andere werfen ernsthafte ethische Fragen auf. Die darin enthaltene Sprache und die Art der Verfluchungen stehen oft im Widerspruch zu zeitgenössischen Vorstellungen von Vergebung und Liebe, wie sie in vielen religiösen und moralischen Traditionen gelehrt werden.
Aufgrund ihres Inhalts sind die Fluchpsalmen in der liturgischen Praxis problematisch. Ihre Integration in Gottesdienste und Gebete kann zu Missverständnissen und Unbehagen in der Gemeinde führen, besonders wenn die Texte ohne den historischen und kulturellen Kontext ihrer Entstehung präsentiert werden. Ihre Verwendung ist daher selten – der Umgang mit einem Gottesbild, das auf Rache, Vergeltung und Gewalt beruht erscheint den Pfarrer*innen dann wohl doch zu kompliziert.
Insgesamt stellen die Fluchpsalmen eine Herausforderung für das Bild eines liebevollen und gerechten Gottes dar, wie es in anderen Teilen der Bibel vermittelt wird.

Sie scheinen im Widerspruch zu stehen zu den Lehren über Barmherzigkeit, Vergebung und Liebe zu Feinden. Die Umetikettierung von „Vergeltung“ zu „Gerechtigkeit“ und von „Rachedurst“ zu „existenziellem Notruf“ hilft dabei nur wenig und zeigt letztendlich nur die primitive moralische Entwicklungsstufe kultischer Gesellschaften in der Spätbronzezeit.
Widersprüche in der Bibel gibt es zuhauf.
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