Judas-Evangelium

Das Judas-Evangelium: Verräter oder Vertrauter?

Judas, der berühmteste Verräter der Geschichte – oder war doch alles ganz anders? War Judas Iskariot etwa Teil einer gnostischen Sekte, der „Verrat“ nur ein Puzzleteil des größeren göttlichen Plans? Genau das geht nämlich aus einem berühmten Dokument hervor: dem Judas-Evangelium. Dabei handelt es sich um einen antiken Papyrus aus Ägypten.

Was ist das Judas-Evangelium?

Das Judas-Evangelium (ebgekürzt „EvJud“) ist eines der faszinierendsten und kontroversesten Schriftstücke, die in den letzten Jahrzehnten entdeckt wurden.

Dieses apokryphe Evangelium, (apokyrph = nicht zum Bibelkanon gehörend) das Teil der sogenannten Nag-Hammadi-Schriften ist, bietet eine radikal andere Perspektive auf die Figur des Judas Iskariot. Den kennt man ja traditionell aus den kanonischen Evangelien als Verräter. Im Judas-Evangelium allerdings klingt seine Rolle etwas anders.

Das Dokument, das auf Koptisch verfasst und vermutlich im 2. Jahrhundert n. Chr. geschrieben wurde, gibt Einblick in die gnostischen Strömungen des frühen Christentums und fordert konventionelle christliche Vorstellungen heraus.

Die Entdeckung des Judas-Evangeliums und seine Veröffentlichung haben dabei nicht nur theologische, sondern auch historische Diskussionen angeregt. 

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Wer schrieb das Judas-Evangelium?

Anders als der Name suggeriert, wurde das Judas-Evangelium nicht von Judas Iskariot verfasst. Es handelt sich um ein Pseudepigraph, das lediglich unter seinem Namen verfasst zu sein scheint. Das Judas-Evangelium wird traditionell einer gnostischen Gruppe zugeschrieben, aber der genaue Autor oder die genauen Autoren des Textes sind unbekannt. 

Der Text selbst gibt keine expliziten Hinweise auf seinen oder seine Verfasser. Historische Analysen und theologische Studien legen nahe, dass das Judasevangelium von Mitgliedern einer frühen gnostischen Sekte geschrieben wurde, die eine alternative Sicht auf die Rolle von Judas Iskariot und seine Beziehung zu Jesus hatte.

Entdeckung und Veröffentlichung des Judas-Evangeliums

Das Judas-Evangelium war lange Zeit nur als Legende bekannt. Erstmals erwähnt wurde es von Kirchenvater Irenäus von Lyon um das Jahr 180. Das EvJud fand seinen Weg in die öffentliche Aufmerksamkeit durch eine außergewöhnliche Entdeckung und eine ebenso dramatische Veröffentlichung. 

In seinem Werk „Gegen die Häresien“, in denen Irenäus gnostische Lehren und Gruppierungen zurückweist, kritisiert er die Überzeugung,  „der Verräter Judas (…) allein habe die Wahrheit erkannt und das Geheimnis des Verrates vollendet; er habe alles Irdische und Himmlische getrennt. Diese Dichtung nennen sie das Evangelium des Judas.“

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Das Judas-Evangelium wurde 1976 in Ägypten gefunden. Es handelt sich um ein Papyrus-Manuskript in koptischer Sprache, das Teil eines größeren Kodex ist, des sogenannten Codex Tchacos.

Aufgrund verschiedener Umstände erhielt die Wissenschaft aber erst im Jahr 2000 Zugriff darauf. Die Veröffentlichung des Textes im Jahr 2006 löste weltweit Debatten und Diskussionen aus, da es das traditionelle Bild von Judas Iskariot und seine Rolle im Neuen Testament infrage stellt.

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Geschichte der EvJud-Entdeckung

Das Manuskript des Judas-Evangeliums wurde 1976 nahe der Stadt Al Minya in Ägypten entdeckt, zusammen mit anderen gnostischen Texten. Diese Funde waren Teil eines größeren Corpus, das in einer antiken Grabstätte versteckt war, wahrscheinlich um sie vor der Zerstörung durch orthodoxe christliche Autoritäten zu bewahren. 

Das Evangelium befand sich in einem äußerst schlechten Erhaltungszustand, was die Entschlüsselung und Übersetzung erschwerte. Bei Berührung zerfiel der Papyrus buchstäblich zu Staub.

Der genaue Fundort und die Umstände dieser Entdeckung sind von einer Aura des Mysteriums umgeben, da illegale Antikenhändler beteiligt waren, was die Provenienz und Authentizität des Dokuments kompliziert macht.

Judas-Evangelium_Erste Seite Codex Tchacos
Der schlechte Erhaltungszustand des Judasevangeliums ist bereits an seiner ersten Seite gut erkennbar

Prozess der Veröffentlichung

Nach seiner Entdeckung blieb das Judas-Evangelium lange Zeit unveröffentlicht, teilweise aufgrund seiner fragilen Beschaffenheit und der komplexen Eigentumsansprüche. 

Erst im Jahr 2000 gelang es einer Gruppe von Wissenschaftlern und Historikern, unter der Leitung der National Geographic Society, das Manuskript zu erwerben und mit der sorgfältigen Restaurierung und Übersetzung zu beginnen. 

Die Veröffentlichung im April 2006 war das Ergebnis intensiver wissenschaftlicher Arbeit, die nicht nur die Übersetzung des koptischen Textes umfasste, sondern auch dessen historische Einordnung und theologische Bewertung. Die Veröffentlichung löste eine breite Debatte über die Interpretation des Textes und seine Bedeutung für das Verständnis der biblischen Geschichte aus, wobei die kontroverse Darstellung des Judas Iskariot im Zentrum stand.

Judas-Evangelium
Verräter oder erster Schüler und Best Buddy? Das Judas-Evangelium interpretiert das Verhältnis von Jesus und Judas Iskariot ganz neu

Alter des Judas-Evangeliums

Das Manuskript wurde mit Radiokarbondatierung (C14-Methode) untersucht. Der Ursprung des Judasevangeliums-Papyrus liegt infolgedessen im 3. oder 4. Jahrhundert. Es wird angenommen, dass dem koptischen Text ein älterer, griechischer Text zugrunde liegt, welcher aber nicht überliefert ist. Es gibt also nur diese eine, schlecht erhaltene, koptische Ausgabe des Judas-Evangeliums.

Inhalt des Judas-Evangeliums

Das Judas-Evangelium bietet eine alternative Erzählung zu den traditionellen Berichten der kanonischen Evangelien des Neuen Testaments. Es umfasst Dialoge zwischen Jesus und Judas Iskariot, die in den Tagen vor Jesu Kreuzigung stattfinden. 

Diese Dialoge enthüllen gnostische Konzepte der Theologie, die stark von anderen christlichen Lehren abweichen. Zu den zentralen Themen gehören die mystische Bedeutung von Jesu Lehren, die wahre Natur der Göttlichkeit und die Rolle des Wissens (Gnosis) in der Erlösung der Seele. Das Evangelium präsentiert komplexe kosmologische Systeme und eine tiefgründige Diskussion über die Seele und den materiellen Körper.

Inhalt des Judas-Evangeliums

Aufgrund seines schlechten Erhaltungszustands ist der Inhalt nicht lückenlos erschlossen. Hier eine grobe Zusammenfassung (CT steht für Codex Tchacos):

Nach einem kurzen Prolog (CT S. 33,1-6) und einer zusammenfassenden Beschreibung von Jesu Wirken (CT S. 33,6-21) beginnt die Erzählung eines ersten Tages (CT S. 33,22-36,10): Jesus trifft seine Jünger während einer Mahlzeit, die er herabsetzt. Er bestreitet, dass der von den Jüngern verehrte Gott sein Vater sei. Es entfaltet sich eine Art Wettbewerb um Standhaftigkeit in Jesu Gegenwart: Die Jünger können es kaum ertragen, ihm gegenüberzustehen, während Judas sich zumindest etwas besser behauptet und eine angemessene Erklärung zu Jesus abgibt. Daraufhin ermutigt Jesus Judas, sich von der Gruppe zu trennen und verspricht ihm weitere Belehrungen. 

An den folgenden Tagen trifft er jedoch wieder mit der Gruppe zusammen (CT S. 36,11-37,20; 37,20-42,??). Die Jünger berichten von einer nächtlichen Vision, in der zwölf Priester im Namen Jesu Opfer darbringen, dabei gravierende Sünden begehen, von Unzucht bis zum Kindermord, und die Gläubigen in die Irre führen. Jesus setzt diese Priester mit den zwölf Jüngern gleich – Judas ist in diesem Evangelium nicht einer der Zwölf, sondern nimmt als der Dreizehnte eine Sonderstellung ein. 

Später offenbart Jesus auch Judas eine Vision (CT S. 42,??-57,20; der Text ist nur fragmentarisch erhalten). Diese Vision ist weniger negativ, schließt Judas jedoch von einem Ort des Heils aus. Ein Großteil ihres Gesprächs besteht aus einem gnostischen Schöpfungsmythos, in dem Jesus Judas über die Entstehung der Welt aufklärt, die nicht durch den obersten Gott, sondern durch ein niederes und fehlerhaftes himmlisches Wesen erschaffen wurde (CT S. 47,1-53,7). 

Gegen Ende deutet Jesus an, dass Judas den Menschen opfern wird, der ihn verkörpert (CT S. 56,19-21). Aufgrund von Textlücken ist unklar, ob dies als positive oder negative Handlung zu verstehen ist. Am Ende trennt eine Lichtwolke die beiden, vermutlich verschwindet Jesus damit, während Judas in der letzten Szene Geld von den Hohepriestern bzw. Schriftgelehrten annimmt und entsprechend deren Wünschen handelt (CT S. 57,20-58,26).

Hauptthemen und Erzählungen des EvJud

Die Hauptthemen des Judas-Evangeliums konzentrieren sich auf die gnostische Vorstellung der spirituellen Erleuchtung und der Verachtung der materiellen Welt. Dass EvJud betont die Idee, dass wahres Verständnis der göttlichen Realität nur durch persönliche Offenbarung und geistige Erkenntnis erlangt werden kann. Gnosis in Reinform, eben!

Das Evangelium stellt die physische Welt als Schöpfung niedrigerer, dem göttlichen Wesen entgegengesetzter spiritueller Kräfte dar. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Aufforderung an die Gläubigen, die materielle Welt zu überwinden und ihre wahre, spirituelle Natur zu erkennen. Der Text fordert seine Leser damit auf, über die buchstabengetreue Interpretation der Schriften hinauszugehen und eine tiefere, metaphorische Bedeutung zu suchen, die zur „spirituellen Befreiung“ führt.

Darstellung von Judas Iskariot

In scharfem Kontrast zu seiner Darstellung in den kanonischen Evangelien, wo er als Verräter gilt, wird Judas im Judas-Evangelium als der am meisten erleuchtete der Jünger präsentiert, der Jesus‘ besonderes Vertrauen genießt. 

Judas-Evangelium

Judas wird dargestellt als der einzige Jünger, der das wahre Verständnis von Jesu Lehren erreicht, und Jesus beauftragt ihn sogar, ihn zu verraten. Dieser Akt des Verrats wird nicht als Verrat im herkömmlichen Sinne dargestellt, sondern als ein notwendiger Teil des göttlichen Plans, der dazu dient, Jesus von seinem materiellen Körper zu befreien und somit seine Rückkehr zum göttlichen Reich zu ermöglichen. 

Diese Interpretation stellt eine radikale Umkehrung des traditionellen Narrativs dar und betont die gnostische Sicht auf die Erlösung durch Geheimwissen, nicht durch den Opfertod in der Passion Christi.

Historische und theologische Analyse

Das Judas-Evangelium ist ein faszinierendes Dokument, das Licht auf die gnostische Bewegung innerhalb des frühen Christentums wirft. Historisch betrachtet, repräsentiert es eine von vielen theologischen Strömungen, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus existierten, bevor sich eine orthodoxe Linie durchsetzte. 

Theologisch bietet es eine radikale Abweichung von den Lehren, die in den kanonischen Evangelien gefunden werden, insbesondere in Bezug auf die Natur von Jesus und die Rolle von Judas. 

Die Gnostiker, die dieses Evangelium wahrscheinlich verfasst haben, waren bekannt dafür, dass sie die materielle Welt ablehnten und stattdessen eine tiefere, verborgene Wissensebene suchten, die sie für notwendig hielten, um wahre spirituelle Erleuchtung zu erreichen.

Die gnostische Perspektive

Die gnostische Sichtweise, wie sie im Judas-Evangelium dargestellt wird, ist tief esoterisch und symbolisch. Sie betont die Vorstellung, dass die materielle Welt und der menschliche Körper Gefängnisse der Seele sind, die von einem niederen Gott, dem Demiurgen, erschaffen wurden. Eine ähnliche Perspektive findet sich übrigens in weiteren apokryphen gnostischen Schriften wie etwa dem Thomas-Evangelium.

Gnostiker
Großer Gott und Demiurg in der Gnosis

Diese Weltanschauung steht im Gegensatz zur traditionellen christlichen Doktrin, die die Schöpfung als gut und von einem allmächtigen, liebevollen Gott erschaffen betrachtet. 

Im Judas-Evangelium ist Erleuchtung (Gnosis) der Schlüssel zur Befreiung von den Fesseln der materiellen Existenz, und Judas wird als zentraler Akteur in diesem Prozess der spirituellen Befreiung dargestellt. Das deutet seine Rolle von einem Verräter zu einem unerlässlichen Helfer in Jesu göttlichem Plan um.

Vergleiche mit den kanonischen Evangelien

Im Vergleich zu den kanonischen Evangelien, die Judas als den ultimativen Verräter porträtieren, der Jesus aus Selbstsucht und Gier verrät, bietet das Judas-Evangelium eine vollkommen andere Sicht der Dinge. 

Während die kanonischen Texte Judas‘ Tat als den Akt darstellen, der letztendlich zur Kreuzigung Jesu führt, sieht das gnostische Evangelium darin einen notwendigen Schritt zur Erlösung Jesu’ spiritueller Essenz. 

Dieser fundamentale Unterschied in der Darstellung von Judas‘ Rolle zeigt, dass die frühchristlichen Doktrinen keinesfalls so fest standen, wie es aus heutiger Sicht gerne suggeriert wird. Politische und theologische Machtstrukturen beeinflussten die Entwicklung des christlichen Kanons. 

Das Judas-Evangelium fordert somit nicht nur das traditionelle Verständnis von Verrat heraus, sondern bietet auch eine andere Sichtweise auf die Ereignisse der Passion Christi und die Natur der „Erlösung“ selbst. Dass das damals schon nicht gut ankam, zeigt der Fakt, dass der Text sorgsam versteckt werden musste – gnostische Schriften wurden als Häresien betrachtet und wo immer möglich vernichtet. Schon früh – im 2. Jahrhundert – begann sich damit der Kanon des Neuen Testaments herauszubilden.

Kontroversen und Debatten um das Judas-Evangelium

Seit seiner Entdeckung und Veröffentlichung hat das Judas-Evangelium intensive Debatten und Kontroversen ausgelöst.

Die Rolle des Judas Iskariot

Die zentrale Kontroverse dreht sich um die Interpretation von Judas Iskariots Rolle: Während das Evangelium ihn als eine Schlüsselfigur in einem göttlichen Erlösungsplan darstellt, bleibt er in der traditionellen christlichen Lehre ein Symbol für Verrat und menschliches Scheitern. 

Diese Diskrepanz wirft Fragen auf über die Authentizität und den Ursprung des Textes sowie seine theologische Ausrichtung. Kritiker argumentieren oft, dass das Evangelium eine späte gnostische Erfindung sein könnte, die darauf abzielt, bestehende Narrative zu untergraben und spezifische theologische Agenden zu fördern. Die Diskussionen umfassen auch methodologische Bedenken bezüglich der Textkritik und Interpretation, wobei Gelehrte die unterschiedlichen Überlieferungsströme des frühen Christentums untersuchen.

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Textkritik des Judasevangeliums

Die Textkritik des Judas-Evangeliums umfasst die sorgfältige Prüfung des Textes auf seine ursprüngliche Form. Da von diesem spezifischen Text nur eine koptische Übersetzung bekannt ist und das Originalmanuskript sowie andere unabhängige Kopien fehlen, sind Textkritiker darauf angewiesen, den Erhaltungszustand, die sprachliche Kohärenz und die möglichen späteren Ergänzungen oder Modifikationen des Textes zu analysieren. Fragen der Textintegrität, wie Hinzufügungen oder Auslassungen durch Kopisten, sind besonders relevant, da diese die Interpretation des Textes wesentlich beeinflussen können.

Die Interpretation des Judas-Evangeliums erfordert eine differenzierte hermeneutische Strategie, die die gnostische Weltanschauung und ihre besondere, symbolische Sprache miteinbezieht. Gnostische Texte verwenden oft metaphorische und symbolische Sprache, die sich deutlich von den kanonischen Schriften unterscheidet. Die Interpretation dieser Texte verlangt daher ein tiefes Verständnis gnostischer Symbole und Metaphern.

Überlieferungskontext des EvJud

Das Verständnis des Überlieferungskontextes, in dem das Judas-Evangelium entstanden ist, ist entscheidend. Das Evangelium stammt aus einer Zeit, in der viele christliche Gruppen ihre eigenen theologischen Ansichten in Form von Schriften verbreiteten. 

Die gnostischen Überzeugungen, die im Judas-Evangelium zum Ausdruck kommen, repräsentieren nur einen von vielen Strömungen des frühen Christentums. Dieser Kontext muss bei der Bewertung der Lehren des Textes berücksichtigt werden.

Überlieferungsströme des EvJud und ihre Untersuchung

Gelehrte, die die Überlieferungsströme des frühen Christentums untersuchen, suchen nach Verbindungen und Unterschieden zwischen verschiedenen Texten und Traditionen. Dies beinhaltet den Vergleich von gnostischen Schriften wie dem Judas-Evangelium mit den kanonischen Evangelien und anderen außerbiblischen Texten. Solche Vergleiche helfen, die Vielfalt der theologischen Ideen in der Frühzeit des Christentums zu kartieren und zu verstehen, wie unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Aspekte von Jesus‘ Lehren und Taten betonten.

Die Auseinandersetzung mit dem Judas-Evangelium ist somit ein exemplarisches Studienfeld, das zeigt, wie die Untersuchung alter Texte Licht auf die Entstehung und Entwicklung religiöser Überzeugungen werfen kann und wie diese Überzeugungen die Formierung religiöser Gemeinschaften beeinflussten.

Akzeptanz des Judas-Evangeliums in der wissenschaftlichen Gemeinschaft

In der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird das Judas-Evangelium als wichtiger Teil des gnostischen Korpus angesehen, der Einblicke in die vielfältigen theologischen Strömungen der frühchristlichen Zeit bietet.

Während die meisten Wissenschaftler sich einig sind, dass der Text ein authentisches Artefakt aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert darstellt, gibt es Diskussionen über seine Bedeutung für das Verständnis der historischen Jesusfigur. 

Die Forschung konzentriert sich auf die philologische Analyse und den historischen Kontext des Textes, um ein besseres Verständnis seiner Ursprünge und seiner Auswirkungen auf die Entwicklung christlicher Ideen zu erlangen. 

Obwohl das Judas-Evangelium nicht als kanonisch betrachtet wird, erkennen viele Gelehrte seinen Wert als historisches Dokument an, welches die Komplexität der frühen christlichen Theologie widerspiegelt.

Reaktionen der christlichen Kirchen

Die Reaktionen der christlichen Kirchen auf das Judas-Evangelium waren größtenteils zurückhaltend und skeptisch. 

Viele kirchliche Autoritäten haben den Text als häretisch und irreführend abgelehnt, besonders im Licht seiner Darstellung von Judas, die stark von der traditionellen Lehre abweicht. 

Diese Ablehnung basiert auf der Ansicht, dass das Evangelium eine revisionistische Perspektive bietet, die nicht mit den etablierten Schriften des Neuen Testaments übereinstimmt. Einige christliche Führer haben jedoch auch die Wichtigkeit betont, den Text als Teil eines breiteren Diskurses über die Vielfalt der frühchristlichen Glaubensrichtungen zu studieren. Trotz der Kontroversen bietet das Judas-Evangelium eine Gelegenheit für theologische und akademische Diskussionen, die die Verständnisse von Schrift und Tradition herausfordern und bereichern können.

Bedeutung und Einfluss des Judas-Evangeliums

Das Judas-Evangelium hat nicht nur wegen seiner kontroversen Perspektiven Bedeutung erlangt, sondern auch, weil es wesentliche Einblicke in die Vielfalt des frühen Christentums bietet. 

Die Existenz solcher Texte zeigt, dass die frühen christlichen Gemeinschaften eine Vielzahl von Überzeugungen und Schriften pflegten, die weit über das hinausgehen, was im kanonischen Neuen Testament festgehalten ist. 

Das Judas-Evangelium erweitert unser Verständnis davon, wie komplexe theologische Debatten bereits in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte stattfanden. Es beleuchtet die Rolle von alternativen Narrativen innerhalb der Glaubensgemeinschaften und fordert die monolithische Sichtweise auf die Urchristenheit heraus.

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EvJud und moderne Theologie

Das Judas-Evangelium hat die moderne theologische Forschung maßgeblich beeinflusst, indem es zu einer breiteren Anerkennung der gnostischen Traditionen und ihrer Beiträge zur christlichen Theologie beigetragen hat. 

Theologen und Gelehrte nutzen den Text, um die Entwicklung der christlichen Ideen über Verrat und Erlösung neu zu bewerten. In einem breiteren Kontext fördert es ein tiefgehenderes Verständnis dafür, wie unterschiedliche Interpretationen derselben Ereignisse nebeneinander existieren und die Glaubensrichtungen formen können.

Verständnis gnostischer Texte und Judasevangelium

Das Judas-Evangelium ist auch ein Schlüsseldokument für das Studium der Gnostik, einer Bewegung, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus bedeutend war, aber später von der orthodoxen Christenheit verdrängt wurde. 

Es zeigt die philosophischen und theologischen Überzeugungen der Gnostiker, insbesondere ihre Sicht auf die materielle Welt und das Konzept eines höheren Wissens als Weg zur Erlösung. Die Wiederentdeckung solcher Texte hat zu einem besseren Verständnis der spirituellen und kulturellen Landschaft der antiken Welt geführt und die Bedeutung der gnostischen Schriften innerhalb der historischen Theologie unterstrichen.

Das Judas-Evangelium bleibt ein herausfordernder und aufschlussreicher Text, der die Grenzen dessen testet, was viele als die Grundpfeiler des christlichen Glaubens betrachten. Seine Entdeckung und die darauffolgenden Forschungen haben die Perspektiven auf die Bibel und ihre Interpretation erweitert und vertieft. 

Dieses Evangelium dient als Erinnerung daran, dass die Geschichte des Christentums eine Geschichte von Diversität und Debatte ist und dass das Verständnis dieser Vielfalt wesentlich ist, um die Entwicklung religiöser Überzeugungen und Praktiken vollständig zu würdigen. Es lädt Gläubige und Gelehrte gleichermaßen dazu ein, die Annahmen über die bekannten Erzählungen und die Textur der frühen christlichen Theologie zu hinterfragen.

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