Warum verbirgt sich Gott? Ist das nicht bemerkenswert?
Einerseits ist Gott das größte, mächtigste, älteste Wesen – andererseits ist er gar nicht zu sehen. Fast so, als versteckte er sich mit Absicht.
Die Verborgenheit Gottes ist ein echtes Problem, und ich erinnere mich noch gut daran, wie es mir schon als Kind merkwürdig vorkam: Weil alle zwar ständig von Gottes großen Taten und seiner Herrlichkeit sprachen – aber mit welchem Recht?
Denn mit eigenen Augen gesehen hat Gott ja offenkundig in letzter Zeit niemand.
Gott ist verborgen: das grundlegende Problem
Die Verborgenheit Gottes ist eines der zentralen Themen in der Religionsphilosophie und der Theologie.
Für Gläubige kann die Tatsache, dass Gott nicht offensichtlich in der Welt erkennbar ist, ein Prüfstein des Glaubens sein. Nun ja – „nicht mein Problem“, könnte man als Atheist da sagen.
Kritiker wie der Religionsphilosoph J.L. Schellenberg hingegen betrachten die Verborgenheit Gottes als ernsthaftes Argument gegen die Existenz eines allmächtigen und allgütigen Wesens. In diesem Artikel beleuchten wir das Argument von Schellenberg und seine Implikationen.

Was bedeutet die Verborgenheit Gottes?
Die Idee der göttlichen Verborgenheit beschreibt den Zustand, dass Gott sich der direkten Wahrnehmung oder klaren Evidenz entzieht — obwohl die meisten monotheistischen Religionen Gott als aktiv und involviert in die Schöpfung beschreiben.
Wie passt das zusammen?
Diese Abwesenheit offensichtlicher göttlicher Handlungen wird oft durch einen theologischen Rückzug erklärt: Gott wolle den Menschen die Freiheit geben, aus eigenem Willen an ihn zu glauben, prüft die Menschen, etc.
Die Spannung zwischen den Erzählungen der religiösen Überlieferungen und der realen (Nicht-)Erfahrung des Göttlichen ist ein zentraler Ansatzpunkt für Schellenbergs Argument, das unter der Bezeichnung „Verborgenheit Gottes“ mittlerweile einen festen Platz in der religionsphilosophischen Debatte einnimmt.
Gott zeigt sich nicht
Denn ähnlich wie bei der Theodizee fragt man sich: Warum macht Gott das? Warum lässt Jahwe (denn dieser ist selbstverständlich gemeint) uns im Dunkeln tappen und fordert uns quasi dazu auf, sein größtes Geschenk – unseren Verstand – in einer grotesken Schleife ins Leere laufen zu lassen?
Denn rational – so viel steht fest – lässt sich die Verborgenheit Gottes nicht erklären. Rational würde man folgenden Schluss ziehen:
Die Welt zeigt sich so, als ob es keinen Gott gibt. Er erscheint nirgendwo und greift nirgendwo ein. Also müssen wir davon ausgehen, dass es ihn nicht gibt.
Und das ist ja auch die Kernaussage des modernen Atheismus.
Faule Ausreden für den Theismus
Denn eigentlich klingt das ja nach einer faulen Ausrede: Du kannst Gott nicht sehen, messen oder nachweisen (auch wenn du es dir so wünschst), aber geben tut’s ihn trotzdem – du musst nur fest genug dran glauben.
Dabei wäre der gesamten Menschheit mit dieser metaphysischen Klarheit geholfen, ja, sie hätte das Potenzial, die Menschen weltweit zu vereinen.
Ein einziges nachvollziehbares Erscheinen würde doch reichen: vor laufenden Kameras beim Superbowl-Finale oder auf dem Petersplatz oder in einer voll besetzten Çamlıca-Moschee.
Der verborgene Gott nach John L. Schellenberg
Das Erscheinen bleibt aber aus. Stattdessen verbirgt Gott sich, aber warum?
Will er sich nicht zeigen oder kann er sich nicht zeigen?
Oder gibt es Gott einfach nicht?

Der verborgene Gott nach John L. Schellenberg
Traditionell haben Theisten behauptet, dass Gott verborgen ist, um die Tatsache zu erklären, dass die Beweise für seine Existenz („Gottesbeweise“) so schwach sind.
Neu entfacht wurde die Diskussion im Jahr 1993 vom kanadischen Philosophen John L. Schellenberg.
„Divine Hiddenness and Human Reason”
In seinem gut zu lesenden religionsphilosophischen Beitrag „Divine Hiddenness and Human Reason” behandelt J. L. Schellenberg ein grundlegendes, jedoch vernachlässigtes religiöses Problem:
Wenn es einen Gott gibt, fragt er, warum ist seine Existenz nicht offensichtlicher?

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Schellenbergs Argument zur Verborgenheit Gottes in Kürze
Schellenbergs Argument lässt sich in drei Schritten zusammenfassen:
- Gottes Liebe erfordert Beziehung:
Ein allgütiger Gott würde eine persönliche Beziehung zu seinen Geschöpfen wünschen, insbesondere zu rationalen Wesen wie Menschen. Eine solche Beziehung setzt voraus, dass die Existenz Gottes für alle Menschen klar erkennbar ist.
- Widerstandslose Nichtgläubige:
Es gibt viele Menschen, die ernsthaft und aufrichtig nach der Wahrheit suchen, aber keine Evidenz für die Existenz Gottes finden. Schellenberg spricht von „widerstandslosen Nichtgläubigen“. Diese widerstandslosen Nichtgläubigen wünschen sich eine Beziehung zu Gott, sind jedoch aufgrund der mangelnden Evidenz nicht in der Lage, an ihn zu glauben.
- Die Schlussfolgerung:
Wenn ein allgütiger Gott existierte, gäbe es keine „widerstandslosen Nichtgläubigen“. Da es sie aber gibt, spricht dies gegen die Existenz eines solchen Gottes.
Erläuterungen zu Schellenbergs Argument
Ich erläutere das Argument nun noch etwas genauer.
Gott wird als vollkommenes persönliches Wesen aufgefasst. Er könnte nicht weniger als „vollkommen liebend“ sein, manche sprechen auch von „allgütig“.
Ein solcher vollkommen liebender Gott wäre immer offen für eine bedeutungsvolle, bewusste Beziehung mit endlichen Personen. Zumindest mit solchen, die dazu erkenntnismäßig in der Lage sind und auch bereit sind, an einer solchen Beziehung teilzunehmen – sie also nicht ablehnen.
Dies impliziert: Wenn es einen Gott gibt, ist jede endliche Person, die diese Beschreibung erfüllt, in der Lage, Teil einer solchen Beziehung zu sein.
Das kann jedoch nicht der Fall sein – es sei denn, jeder, der diese Beschreibung erfüllt, glaubt, dass Gott existiert (denn um eine bewusste Beziehung zu jemandem zu haben, muss man glauben, dass derjenige oder diejenige existiert).
Daraus folgt: Wenn es einen Gott gibt, kann es niemanden geben, der die obige Beschreibung erfüllt und nicht glaubt, dass Gott existiert. Es gibt dann keine „widerstandslosen Nichtgläubigen“. Aber die gibt es in freier Wildbahn sehr wohl.
Die logische Konsequenz: Dann kann es eben keinen Gott geben.

Was ist ein widerstandsloser Nichtgläubiger? Ein Beispiel
Ein hervorragendes Beispiel für die Existenz von widerstandslosen Nichtgläubigen ist der Brite Alex O’Connor, der auf verschiedenen Social-Media-Kanälen als „Cosmic Skeptic“ unterwegs ist.
Er schildert in diesem Video, was er alles aktiv unternommen hat, um sich von der Existenz Gottes zu überzeugen. (Das Video ist auf Englisch, aber du kannst eine automatische Übersetzung im Untertitel anstellen).
Alex war demnach Ministrant in der katholischen Kirche, ging auf eine katholische Schule, studierte Philosophie und Theologie, war Teil von Bibelgruppen und baute über Jahre eine Expertise in theologischen Debatten auf, die zum Beispiel das Fine-Tuning-Argument oder das Argument der irreduziblen Komplexität adressierten. Er zog sogar in eine WG mit Tiefgläubigen, um zu erfahren, ob die Gottgläubigkeit im Alltag auf ihn abfärbe. Zusätzlich las er religionsphilosophische Primärtexte von Thomas von Aquin, Augustinus und Anselm und beschäftigte sich mit den soziologischen Aspekten von Religion bei Jung, Freud, Marx und Durkheim und mit der literarischen Aufarbeitung religiöser Erlebnisse bei James, Dostojewski und anderen. All das erfolglos.
Alex geht ausdrücklich auf Schellenbergs Argument ein. Schellenberg berücksichtigt sorgfältig die relevanten Ansichten von Theisten wie Pascal, Butler, Kierkegaard, Hick und anderen. Er sichtet ihre Vorschläge hinsichtlich der göttlichen Verborgenheit und zeigt, wie sie es versäumen, eine Widerlegung für das von ihm präsentierte Argument zu liefern.
Apologetische Antworten auf Schellenberg und ihre Schwächen
Schellenbergs Argument zeigt, dass die göttliche Verborgenheit nicht mit der Vorstellung eines liebevollen und allmächtigen Gottes vereinbar ist.
Insbesondere betont er, dass die Unkenntnis Gottes nicht die Schuld des Menschen sein kann, wenn dieser aufrichtig sucht. Theologen haben auf Schellenbergs Argument unterschiedliche Antworten gegeben.
Verborgenheit schützt den freien Willen
Eine häufige ist, dass die göttliche Verborgenheit den freien Willen schützt. Gott möchte, dass wir aus freiem Willen an ihn glauben und uns für eine Beziehung zu ihm entscheiden. Entscheide selbst, inwiefern das logisch klingt. Christliche Apologeten berufen sich dazu häufig auf eine Bibelstelle bei Jesaja:
„Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“
Jesaja 45,15
Wenn Gott sich offenbaren würde, würde dies unsere Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und unseren Glauben zu entwickeln, beeinflussen.
In einer bemerkenswerten Dialektik wird gerade aus der Verborgenheit Gottes damit noch eine Tugend gemacht:
„In seiner Verborgenheit ist und bleibt Gott der Heiland und Retter seiner Leute.“
Quelle: ERF Medien e. V.
Damit stellt man die Beweislast dann endgültig auf den Kopf.
Nimmt man diese Argumentation ernst, muss man die Verborgenheit Gottes selbst als Beweis für seine Existenz deuten. Dass wir das Göttliche nicht direkt wahrnehmen können, deutet schließlich darauf hin, dass ein höheres Wesen existiert, das sich bewusst verbirgt.
Das Problem hier: Ich könnte das gleiche auch von allen möglichen anderen unsichtbaren „mächtigen“ Geistwesen behaupten: Kobolden, goldenen Einhörnern, Feen und so weiter.
Sicherlich würden hier die allermeisten Menschen die Intuition haben, es wäre höchst problematisch zu denken, dass deren Abwesenheit als Beweis für ihre Existenz gedeutet werden könne.
Das Argument hat noch weitere Schwächen:
- Keine Zwangsüberzeugung: Klare Evidenz für Gott wäre nicht gleichbedeutend mit Zwang. Menschen glauben an die Existenz der Sonne, ohne dass sie gezwungen werden, sie anzubeten.
- Prüfung oder Strafe? Ein liebender Gott würde rationale Wesen nicht mit der Abwesenheit von Evidenz bestrafen, insbesondere wenn ihre Skepsis auf ehrlicher Reflexion basiert.
Gottes Wege sind „unergründlich“
Eine weitere apologetische Antwort ist, dass Gottes Pläne für Menschen unergründlich sind – damit wird alles zu einer Art persönlicher Prüfstein.
Doch diese Haltung birgt Risiken.
Sie fordert eine Art „blinden Glauben“, der unabhängig von Evidenz oder Vernunft existiert. Für Skeptiker wie Schellenberg ist dies ein Zeichen dafür, dass Religionen eher psychologische als metaphysische Konstrukte sind.
Diese Antwort erscheint grundsätzlich eher wie ein Ausweichen: Wenn Gottes Existenz nicht hinterfragt werden darf, wird jede Diskussion sinnlos.

Verborgenheit ist Prüfung des Glaubens
Einige theologische Perspektiven argumentieren, dass Gottes Verborgenheit eine Prüfung des Glaubens ist und dass wir durch unseren Glauben an seine Existenz und Führung wachsen und reifen. Durch die Suche nach dem Unsichtbaren können wir unseren Glauben stärken und eine tiefere Verbindung mit dem Göttlichen finden.
Diese „Chance zu wachsen“ bedeutet nichts anderes, als gegen die eigene Wahrnehmung und wider besseres Wissen zu glauben, dass da doch noch jemand ist, der meine Gebete erhört und vielleicht mein krankes Kind heilt.
Man solle den verborgenen Gott „aushalten“.
Das ist natürlich ein Win-win für den Glauben: Erhört „Gott“ meine Gebete, ist seine wundersame Kraft bestätigt, halleluja! Erhört er sie hingegen nicht, ist das nur Zeichen weiterer Prüfung und mystischer göttlicher Verborgenheit.
Egal, wie man’s wendet: Es wird immer der Glaube „bestätigt“.

Welch famoser dialektischer Zug: Gott verlangt von dir perfekte Kontrolle und Selbstaufgabe. Weil er sich aber aus Liebe zu dir vor dir verbirgt, schickt er ganz irdische Vertreter, die das überprüfen und notfalls vehement von dir einfordern. Von diesen Rattenfängern irdischen Vertretern gibt es praktischerweise stets genug.

Und selbst wenn es Gläubigen gelingt, die Verborgenheit Gottes zu akzeptieren und sich auf die Suche nach ihm einzulassen. Selbst wenn sie durch diesen Glauben eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen. Selbst wenn dies Halt in einer vieldeutigen Welt gibt:
Was, wenn es Gott nun wirklich nicht gäbe und der Glaube nur eine irregeleitete Suche nach einer Fata Morgana ist?
Ein Luftschloss, ein Hirngespinst?
Was, wenn man sein Leben basierend auf einer Lüge, auf falscher Sicherheit, auf einer Illusion verbracht hätte?
Der Ausweg des „schlichten“ Glaubens scheint mir hier doch etwas zu billig, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht, nämlich das gesamte Weltbild und die Lebensausrichtung einer Person.

Offenbarung vs. Verborgenheit
Aber Moment: Hat sich Gott nicht längst gezeigt? Am Berge Sinai, im brennenden Busch, durch schizophrene Episoden, äh, Erscheinungen von Engeln, durch Parteinahme in Kriegszügen und selbst Völkermord?
Davon sprechen doch Tanach, Bibel, und Koran: Gott offenbart sich dem Abraham und den ganzen anderen Propheten. Er spricht mit ihnen.
War das wirklich so? Wir wissen nichts Direktes darüber und haben nur die Aufzeichnungen eines Hirtenvolkes, das an der Schwelle zur Verschriftlichung von einem Götzen zum nächsten Gott taumelte.
Das war vor zweieinhalbtausend bis dreieinhalbtausend Jahren – in einer Kultur, in der man keine Wissenschaft betrieb, nichts über den Kosmos wusste, Krankheiten nicht verstand, kaum schreiben konnte und an Hexerei glaubte (siehe auch: Fluchpsalmen).
Und dann die Offenbarung. Als brennender Busch.

Warum erschien Gott nicht zu einem anderen Zeitpunkt? Oder an einem anderen Ort, zum Beispiel in China, wo „Leute schon lesen konnten“, wie Hitchens eins fragte.
Warum erscheint er nicht ständig?
All diese Fragen bleiben offen.

Was bedeutet die göttliche Verborgenheit für den Glauben?
Die Diskussion über Schellenbergs Argument setzt sich bis heute in wissenschaftlichen Zeitschriften, Anthologien, anderen Büchern und auch online fort.
Vorwiegend zwar im anglophonen Raum, aber so langsam schwappt das Problem denn auch ins Deutsche.
Mit der Verborgenheit Gottes umgehen
Der Umgang mit der Verborgenheit Gottes ist nur für diejenigen eine Herausforderung, die glauben wollen. Für Skeptiker, Agnostiker und Atheisten ist dies nichts, was einen aktiven „Umgang“ erfordern würde.
Möglichkeiten für Gläubige erschöpfen sich in der „spirituellen Öffnung“ gegenüber dem Unerwarteten, dem Loslassen von Erwartungen und ähnlich esoterisch angehauchtem Mumbo-Jumbo.
Noch einmal zur Erinnerung: Auch andere Götter als Jahwe sind unsichtbar und unwirksam.

Wenn man von seinem Kult nicht direkt indoktriniert ist, wirkt eine Jahwe-Anhängerschaft deswegen genauso albern wie beispielsweise das Anbeten von Kühen, Elefanten, der Göttin Eris, „Jehovah 1“ oder des Fliegenden Spaghettimonsters.
Die „Glaubensgewissheiten“ und „Glaubensbekenntnisse“ kommen als spirituell verbrämtes „White Noise“ daher – nur graduell unterschieden von Kulten wie Voodoo oder dem Mormonentum.

Für viele Gläubige ist es hilfreich, sich über Fragen und Zweifel auszutauschen. Das ermutigt; ein leicht durchschaubarer Trick, der mit der Einbettung in eine Gemeinschaft eines unserer grundlegendsten sozialen Bedürfnisse erfüllt.
Die Verborgenheit Gottes und der Beweis für seine Abwesenheit
Skeptiker sehen die Abwesenheit von Gottesbeweisen als Beweis für Gottes Abwesenheit.
Das Argument der göttlichen Verborgenheit führt damit zu einer Kernfrage: Warum würde ein Gott, der angeblich allmächtig und allgütig ist, seine Existenz verstecken?
Schellenbergs Argument zeigt, dass die Abwesenheit Gottes eine bisher ungelöste Herausforderung für Theologen ist.
Für nüchtern denkende Menschen ist sie hingegen mehr als nur ein theologisches Problem: Sie wird (fast) zur Gewissheit darüber, dass wir allein sind und dass es keinen allgegenwärtigen Übervater gibt, der uns tagtäglich beobachtet.

Denn ein Gott, der sich seinen „Untertanen“ auf solch perfide Weise entzieht, kann nach Schellenberg eben nicht existieren.
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