Porträt des Heiligen Nikolaus

Nikolaus: Der Mann, der Kinder beschenkt

Jedes Jahr am Abend des 5. Dezember dasselbe Theater: Kinder polieren ihre Schuhe, stellen sie vor die Tür und warten auf einen bärtigen Mann im roten Mantel, der Süßigkeiten, Nüsse und Mandarinen bringt.

Oder eine Rute. Je nachdem, wie brav man war. Wobei heutige Kinder ja nicht mehr so traumatisiert werden, wie wir ältere Semester früher, denen noch angedroht wurde, vom „Krampus“ (Knecht Ruprecht) in einen Sack gesteckt zu werden.

Nikolaus also. Den kennt hier jeder. Den feiert hier jeder. Den hinterfragt hier kaum jemand. Ein Wohlfühl-Feiertag für alle. 

Dabei lohnt sich ein genauerer Blick – denn was sich hinter dem Nikolaus-Brauchtum verbirgt, ist eine veritable Mischung aus historischer Halbwahrheit, kirchlicher PR-Arbeit, frühchristlicher Legendenbildung und einer gehörigen Portion orientalischen Ursprungs, der so gar nicht zu Nikolaus-Märkten in deutschen Altstädten passen will. 

Wer war dieser Mann wirklich? 

Was weiß die Geschichtswissenschaft tatsächlich über den Nikolaus? 

Und was hat der Kerl mit Schuhen, Goldmünzen und einer türkischen Kleinstadt zu tun?

Wir schauen nach. Holt schonmal die Nuss-Snacks raus.

Wann kommt Nikolaus – am 5. oder 6. Dezember?

Diese Frage klingt banal, verursacht aber jedes Jahr aufs Neue Familienstreit. Die Antwort: Es kommt darauf an, wen man fragt – und wo man lebt.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz bringt der Nikolaus die Geschenke traditionell in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember. Genauer gesagt: Er kommt am Nikolausabend (5. Dezember), die Kinder finden die gefüllten Schuhe also am Morgen des 6. Dezember, dem eigentlichen Nikolaustag. 

Der 6. Dezember gilt als Gedenktag des Bischofs Nikolaus von Myra – der vermutliche Todestag des historischen Mannes, auf den die Legende zurückgeht.

In manchen Regionen Westdeutschlands und der Niederlande, wo Nikolaus als Sint Nikolaas oder kurz Sinterklaas auftritt, kommt er sogar schon am Abend des 5. Dezember persönlich vorbei. Mit Gefolge. Und mit einer Menge Folklore, über die man seit Jahren leidenschaftlich streitet.

Ist Nikolaus ein christlicher Feiertag?

Ja – zumindest dem Ursprung nach. Der 6. Dezember ist im römisch-katholischen Heiligenkalender als Fest des heiligen Nikolaus eingetragen, ebenso bei den orthodoxen Christen. 

Er gehört zu den sogenannten Gedenktagen, an denen die Kirche an das Leben eines Heiligen erinnert – in diesem Fall an Nikolaus von Myra, Bischof in der heutigen Südtürkei, gestorben irgendwann im 4. Jahrhundert n. Chr.

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Hier liegt das erste interessante Problem: Der Mann ist historisch kaum greifbar. Keine zeitgenössischen Quellen, keine verlässlichen Daten, kein archäologischer Beweis für sein Wirken. Was die Kirche als Heiligenbiographie verkauft, ist zu großen Teilen fromme Legendenbildung aus dem 6. Jahrhundert und später. Dazu gleich mehr.

Sind Nikolaus und der Weihnachtsmann ein und dieselbe Person?

Nein. Aber sie sind Verwandte – und zwar durch eine ziemlich verwinkelte Familiengeschichte, die über Niederländer, niederländische Einwanderer in Amerika und die Marketingabteilung von Coca-Cola führt.

Der Weihnachtsmann (englisch: Santa Claus) leitet sich direkt aus dem niederländischen Sinterklaas ab, der wiederum eine volkstümliche Verkürzung von Sint Nikolaas ist. 

Niederländische Einwanderer brachten die Tradition nach Nordamerika, wo sie sich mit britischen Weihnachtsbräuchen vermischte und im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts zur globalen Comicfigur Santa Claus wurde – freundlich, fettleibig, in Rot-Weiß gekleidet. Das Rot und Weiß, das Coca-Cola in einer Werbekampagne der 1930er-Jahre so konsequent bediente, dass es seitdem kaum jemand vergessen hat.

Der Nikolaus dagegen ist im deutschen Sprachraum eine eigenständige Figur geblieben: Bischofsmütze, roter Mantel, weißer Bart, Krummstab – und Begleiter Knecht Ruprecht (oder je nach Region: Krampus, Hans Muff, Père Fouettard). Nikolaus kommt am 5./6. Dezember, der Weihnachtsmann am 24. Dezember. 

Zwei Figuren, ein mythischer Ursprung, viel Konfusion.

Niklaus und Knecht Ruprecht
Früher hatte der Nikolaus den furchteinflößenden Krampus (Knecht Ruprecht) dabei (KI-Interpretation)

Was tat der heilige Nikolaus wirklich?

Die kurze, unbefriedigende Antwort: Wir wissen es nicht. 

Der historische Nikolaus von Myra hinterließ keine zeitgenössischen Schriften, keine Dokumente, keine datierte Inschrift. Nichts.

Was wir haben, sind Legenden. Und die sind, vorsichtig formuliert, fantastisch.

Die bekannteste erzählt von drei verarmten Töchtern, deren Vater kein Geld für ihre Mitgift aufbringen konnte. Nikolaus soll nachts heimlich Goldbeutel durch das Fenster geworfen haben, einen für jede Tochter. In einer Variante landete das Geld in aufgehängten Strümpfen. Daher die Tradition mit den Stiefeln.

Wofür ist der heilige Nikolaus Schutzpatron?

Nikolaus ist Schutzpatron der Kinder, der Schiffer, der Kaufleute, der Bäcker, der Pfandleiher und – in Russland – des ganzen Landes. Ein theologisches Schweizer Taschenmesser.

Was hat Nikolaus mit der Türkei zu tun?

Alles. Der historische Nikolaus soll Bischof von Myra gewesen sein – einer antiken Stadt in Lykien, die heute zum Süden der Türkei gehört, zur Provinz Antalya.

In Demre steht die Nikolauskirche, erbaut im 5. oder 6. Jahrhundert, heute eine Touristenattraktion.

Sankt Nikolaus als junger Mann
Ungewohntes Bild: Aber irgendwann muss „der“ Nikolaus auch jung gewesen sein und sah vielleicht so aus (KI-Interpretation)

Wer war der echte Nikolaus? Die wahre Geschichte hinter dem Heiligen

Hier muss man ehrlich sein: Der historische Nikolaus ist eine der am wenigsten belegten Figuren des frühen Christentums. 

Sein Geburtsjahr? Unbekannt. 

Sein Todesdatum? Umstritten (traditionell: 6. Dezember 346 n. Chr.). 

Seine Biografie? Rekonstruiert aus Legenden, die erst Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden.

Die Kirchengeschichtsschreibung nennt ihn Bischof von Myra zur Zeit Konstantins des Großen, also im frühen 4. Jahrhundert. Ob er am Konzil von Nicäa (325) teilnahm, ist historisch nicht gesichert. Die Geschichte, er habe dort dem Theologen Arius eine Ohrfeige verpasst, taucht erst in deutlich späteren Quellen auf.

Konzil von Nizäa
Der Heilige Nikolaus ohrfeigt Arius beim Konzil von Nizäa

Kurz: Nikolaus von Myra ist eine Figur, die sich die Kirche im Laufe der Jahrhunderte zurechtgelegt hat – ein Projektionsfläche für Tugenden, die man verehren wollte.

Wie ist die wahre Geschichte von Nikolaus – was sagt die Wissenschaft?

Die wissenschaftliche Hagiographie (Heiligenkunde) unterscheidet zwischen dem historischen Kern und dem legendären Überbau. 

Beim historischen Kern von Nikolaus ist der Befund mager. Es gibt eine alte Bischofskirche in Myra mit Bezug auf seinen Namen. Es gibt Grabinschriften und spätantike Zeugnisse, die auf eine Verehrungstradition hinweisen. Das war es auch schon.

Der legendäre Überbau hingegen ist immens. Die berühmte Goldspenden-Geschichte (drei Tochter, Mitgift, Fenster) ist das Muster des spätantiken Wundertäter-Topos: Hilfreich, diskret, gottgeleitet. 

Dasselbe gilt für die Getreideschiffs-Legende, die Knabenmörder-Geschichte (Nikolaus erweckt drei von einem Schlachter getötete Knaben zum Leben – eine der dunkleren Legenden) und viele andere.

Was bleibt? Ein Name. Eine Stadt. Eine Kirche. Und Jahrhunderte frommer Wunschprojektion.

Wo ist der echte Nikolaus begraben?

Das ist tatsächlich eine der strittigen Fragen der christlichen Reliquiengeschichte – und ein kleines Lehrstück in Sachen kirchlicher Habgier.

Der erste Anspruch liegt klar in Demre/Myra (Türkei): Die Nikolauskirche dort gilt als sein ursprüngliches Grabmal.

Im Jahr 1087 jedoch stahlen – und das ist das wortwörtliche Verb der Kirchengeschichte – italienische Kaufleute aus Bari die Gebeine des Heiligen aus Myra und brachten sie nach Süditalien. Seitdem residieren die Hauptreliquien im Untergeschoss der Basilika di San Nicola in Bari, Apulien.

Noch bunter: Ein Teil der Gebeine soll im frühen 11. Jahrhundert nach Venedig gelangt sein, wo sie in der Kirche San Nicolo al Lido auf dem Lido verehrt werden. Bari und Venedig streiten bis heute.

Im Jahr 2017 machte eine Knochenprobenstudie der Universität Oxford Schlagzeilen: DNA-Analysen und Radiokarbon-Datierungen von Reliquien verschiedener europäischer Kirchen deuteten darauf hin, dass zumindest manche Gebeine tatsächlich aus dem 4. Jahrhundert stammen und aus dem östlichen Mittelmeerraum. 

Ob es sich um Nikolaus handelt? Nicht zu beweisen. Aber die Kirche freut sich über die Schlagzeilen, wie immer bei Reliquien.

Nikolaus-Geschenke: Was packt man in den Stiefel?

Die klassischen Nikolaus-Mitbringsel sind bekannt: Nüsse, Mandeln, Mandarinen, Schokolade, Lebkuchen, kleine Spielzeuge. Kein teures Zeug – das ist Weihnachtsmann-Terrain. 

Beim Nikolaus geht es ums Symbolische: der Schuh als Empfangsgefäß für Segensgaben, die Süßigkeiten als Belohnung für ein Jahr Wohlverhalten. Oder der Stock als Gegenmodell.

Moderner Nikolaus-Brauch in vielen Familien: Südfrüchte und Schokofiguren für die Kleinen, Kerzen und Gewürze fur die Großen, und eine kleine handgeschriebene Notiz, in der Nikolaus das Kind lobt. Auch dieser Brauch ist eine Erfindung. Aber eine nette.

Nikolaus-Bücher: Empfehlungen für Kinder (und kritische Erwachsene)

Für Kinder:

Für Erwachsene:

Fazit: Nikolaus – frommer Wunsch, historische Leerstelle

Nikolaus von Myra hat möglicherweise existiert. Er war vermutlich irgendein Bischof in einer kleinasiatischen Küstenstadt im 4. Jahrhundert. Alles andere – die Goldbeutel, die Schiffe, die Knaben, die Wunder, der Stiefel, der Stock, der rote Mantel, Rentiere, der Nordpol – ist eine Schicht frommer Übermalung nach der anderen.

Das ist kein Zufall. So funktioniert Heiligenverehrung: Sie löst reale, historische Personen aus ihrem Kontext und verwandelt sie in symbolische Großformen, die für Gemeinschaft, Moral und Kindererziehung nützlich sind. Der echte Nikolaus interessiert dabei kaum jemanden. Wichtig ist der Nikolaus, den man braucht.

Für Kinder: der gute Mann, der belohnt.
Für die Kirche: ein Anlass für Liturgie und Gemeinschaft.
Für Kaufleute: der früheste Advent-Kommerz. 

Und für alle anderen: eine weitere Gelegenheit, sich an Mandarinen und warmem Lebkuchen zu erfreuen, während man die Frage, ob das alles so stimmt, diskret unter den Teppich kehrt. Direkt neben den Stiefeln.

Feiertage im Überblick
Kirchenjahr im Überblick

Falls ihr euch mit den christlichen Feiertagen schwertut, empfehle ich euch diese beiden Bücher. Sie bieten einen guten Überblick. [Anzeige]

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