Religion und Moral

Religion und Moral – eine Debatte steht Kopf

Religion und Moral – in den Augen vieler Gläubiger ein untrennbares Paar, ein Duo, das sich gegenseitig stützt und stärkt. Gläubige bestehen oft darauf, dass die „wahre“ Moral nur durch religiöse Werte definiert wird und sich nur durch den Glauben an ein übernatürliches Wesen überhaupt herleiten lasse. Im Gegenzug schließen sie vom Vorhandensein ethischer Prinizipien auf Gott („moralischer Gottesbeweis“)

Das wird in den zahllosen Religions-Diskussionsforen im Internet nur allzu deutlich: Viele Gläubige vertreten die Auffassung, dass ohne göttliche Anleitung alles in moralischer Beliebigkeit versinken würde und dass nur ihr Glaube – sei es an Jahwe, Allah oder eine andere Gottheit – ein stabiles Fundament für Ethik und Werte schaffen kann. 

Die Idee der „absoluten Moral“, die angeblich nur durch religiöse Gebote verkündet wird, klingt verlockend. Doch je genauer man hinschaut, desto mehr Risse und Widersprüche tun sich auf: Unter den Füßen ihrer Vertreter befindet sich eine gigantische logische Falltür.

Von den „moralischen“ Praktiken diverser Religionsgemeinschaften (Genitalverstümmelungen, Selbstmordattentate, Sexismus, Missbrauch, Völkermord, Homophobie, … ) gar nicht erst zu sprechen.

Die Forderung nach absoluter Moral: Wer bestimmt, was richtig und falsch ist?

Gläubige, die sich auf eine „absolute Moral“ berufen, argumentieren oft, dass nur Gott (und natürlich nur der jeweils richtige) eine festgelegte, unveränderliche Moral liefern kann. 

Das bedeutet für sie: Regeln, die von Jahwe oder Allah oder sonstwem stammen, sind universell gültig, unumstößlich und gelten bis in alle Ewigkeit – egal wie sich die Gesellschaft entwickelt oder welche Erkenntnisse über Menschlichkeit und Gerechtigkeit wir im Laufe der Jahrhunderte gewinnen.

Das klingt in der Theorie stabil und beständig, fast wie ein Leuchtturm im Sturm moderner moralischer Verwirrung. Doch sobald wir diese „absoluten“ moralischen Vorgaben genauer unter die Lupe nehmen, wird das Bild weniger ideal. 

Denn so mancher göttliche Befehl wirkt – harmlos ausgedrückt – recht fragwürdig. Etwas weniger harmlos ausgedrückt, wirkt der Gott der abrahamitischen Religionen wie ein angetrunkener gewaltbereiter Choleriker.

Dawkins schrieb dazu seinen berühmt gewordenen Diss: 

„Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“

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Göttlicher Hang zur Gewalt

Es gibt tatsächlich eine Religion des Friedens, wenn man so möchte: den Jainismus. Er propagiert ein Leben völliger Gewaltlosigkeit. Seine Anhänger könnten sich daher mit einiger Berechtigung auf eine „objektive Moral“ berufen (was sie aber nicht tun). Sie fordern Toleranz und glauben an das Karma.

Aber die abrahamitischen Gläubigen? Wohl eher nicht. Sie huldigen einer Kultur, die nicht nur voller Gewalt ist, sondern diese fordert.

Eines der offensichtlichsten Beispiele sind die vielen Gewaltaufrufe und das Plädoyer für grausame Strafen, die in den heiligen Schriften der großen Religionen nur allzu oft zu finden sind. 

Laut der Bibel bestraft Jahwe Menschen mit Krankheiten, Plagen, und Naturkatastrophen (denken wir nur an die Sintflut) – oft für Verstöße, die heute niemand mehr als verwerflich betrachten würde und die sich in keinem bürgerlichen Gesetzbuch wiederfinden wie etwa „Zauberei“ oder „Götzenanbetung“.

Sintflut Bibel
Jahwe rächt sich an der Menschheit

Bei der großen Flut tötet Jahwe „aus Grimm“ fast alle Landlebewesen auf dem Planeten – auch die, die gar nichts dafür konnten.

Soll das moralisch absolut sein?

Moralisches Mikromanagement

Zudem befasst sich Gott mit allerlei Details, die nun wirklich nicht wesentlich erscheinen, zum Beispiel mit Kleidungsvorschriften, welche Art von Stoff man trägt, ob man tätowiert ist und ob man gern Meeresfrüchte isst. 

Meeresfrüchte werden – im Gegensatz zur Sklaverei – an mehreren Stellen entschieden abgelehnt und wiederholt ausdrücklich verboten. Schwein übrigens auch.

Moralische Zwiespälte: Gott und die Ansichten über Sklaverei, Krieg und Frauenrechte

Ein kurzer Blick in die Bibel (oder den Koran) reicht, um zu sehen, dass die göttlichen Moralvorstellungen vor allem auf einem basieren: Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes – egal, wie fragwürdig oder unzeitgemäß dieser erscheinen mag. 

Es ist erstaunlich, was alles in den heiligen Schriften steht, was heute moralisch vollkommen inakzeptabel wäre.

Gläubige indes winden sich in Debatten aufs Äußerste, um die offensichtlichen Widersprüche zum eigenen Gewissen und dem moralischen Empfinden anderer zu „harmonisieren“. Man nennt das auch Rosinenpicken.

Levitikus Moral
Levitikus fordert gar, die eigenen Kinder zu töten, wenn sie ungehorsam sind

Hand aufs Herz: Niemand, der nicht vollkommen psychopathisch ist, will seine Nachbarin „zu den Toren der Stadt führen und sie steinigen“, nur weil sie bei der Hochzeit keine Jungfrau mehr war.

Sind solche Gebote dann überhaupt tragbar? Wird in ihnen nicht lediglich „die Kernmoral eines barbarischen Nomadenstammes“ sichtbar (Edmüller)? Und ist es nicht sogar so, dass sie unser Miteinander bedrohen würden, wenn wir sie ernst nähmen?

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Sklaverei ist für Gott o.k.

Nehmen wir das Thema Sklaverei. Jahwe lässt in der Bibel keinen Zweifel daran, dass Sklaverei vollkommen akzeptabel ist. In Exodus 21 gibt es klare Regeln für den Kauf und die Behandlung von Sklaven. 

Die Anweisung: „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er dir sechs Jahre dienen“ (Exodus 21:2), mag in der damaligen Zeit vielleicht üblich gewesen sein, aber wo bleibt hier die göttliche Moral, die ethische Überlegenheit eines übermenschlichen Wesens?  

Die Vorstellung, dass Sklaverei in irgendeiner Form akzeptabel wäre, steht in scharfem Widerspruch zu den heutigen Werten, die auf der Achtung der Menschenrechte basieren. Gläubige kontern dies gern mit dem Argument, dass „die Menschen damals“ eben Sklaverei normal fanden und Gott quasi sie nur dort abholte, wo sie moralisch waren.

Altes Testament Sklaverei
Sklaverei wird im Alten Testament nicht verboten. Im Gegenteil, sie wird sogar legitimiert

Wenn das kein moralischer Relativismus ist, dann weiß ich es auch nicht. Denk daran: Wir sprechen von einem per Definition allmächtigen Wesen, das die Geschicke, die Einsichtsfähigkeit oder das Denken der gesamten Menschheit mit einem Fingerschnippen hätte ändern können. 

Stattdessen entschied er sich, über Jahrhunderte unermessliches Leid über unschuldige Menschen zu bringen. Das wird auch nicht durch den Sündenkult und das Märchen von Adam und Eva im Paradies auch nur um ein Deut besser.

Adam und Eva im Paradies

Der Mythos der ersten Menschen findet sich übrigens in erstaunlich ähnlicher Form in alten Keilschriften aus Ugarit, nebst anderen merkwürdigen Parallelen zwischen Jahwe und der ugaritischen Gottheit El

Frauen sind für Gott Menschen zweiter Klasse

Oder schauen wir auf die Rolle der Frau: Sowohl in der Bibel als auch im Koran wird die Frau dem Mann untergeordnet. 

Es wird ihr eine klare, untergeordnete Rolle zugeschrieben, und sie wird oft als Besitz oder zumindest als von Männern „geleitet“ beschrieben.

Aussagen wie „Die Frau schweige in der Gemeinde“, wie Paulus von Tarsus an die Korinther schrieb oder die Vorschrift, dass Frauen ihren Ehemännern gehorchen sollen, illustrieren dies deutlich. 

Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens. Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.

1. Korinther 14, 33–35

Doch was ist daran „absolut“ moralisch?

Soll das wirklich ein unveränderliches, göttliches Prinzip sein? Oder doch eher das Wunschdenken und die tribalistischen Wertevorstellungen einer bronzezeitlichen Hirtenkultur?

„Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?“

Ein weiteres Beispiel ist der Umgang mit sogenannten „Sündern“. Die Bibel fordert an mehreren Stellen die Todesstrafe für Ehebruch oder das Arbeiten am Sabbat. 

Ist es wirklich eine „absolute Moral“, wenn wir Menschen für geringfügige Verfehlungen mit dem Tod bestrafen?

Levitikus Blutquelle
Levitikus fordert die Todesstrafe für Sex während der Menstruation

Moderne ethische Vorstellungen lehnen solche extremen Strafen ab, doch diese fundamentalen Unterschiede zeigen, wie tief die Kluft zwischen zeitgemäßer Moral und den brutalen Anweisungen in den heiligen Texten ist.

Die Komiker von Monty Python nahmen genau diesen Widerspruch sehr treffend aufs Korn. Er erscheint absurd. Auch, dass Frauen nicht daran teilnehmen dürfen (siehe den Punkt darüber).

Die Doppelmoral der göttlichen Gebote

Gläubige, die auf einer absoluten Moral bestehen, müssen sich die Frage gefallen lassen, ob diese „göttlichen Gebote“ tatsächlich mit moralischen Prinzipien wie Gerechtigkeit, Mitgefühl und Menschlichkeit übereinstimmen.

Oder mit der „goldenen Regel“, die sich in jeder bekannten Kultur in der einen oder anderen Abwandlung wiederfindet: „Was du nicht willst, das man dir tu … “

In vielen Fällen wird eine solche Übereinstimmung zweifelhaft. Wenn Allah oder Jahwe blutige Rache an „Ungläubigen“ fordern oder die Unterwerfung von Andersdenkenden und Frauen als Tugend predigen, dann stellen sich hier elementare Fragen.

Die Werte der westlichen Welt gehen auf die Bibel zurück

Das Argument hört man oft, obwohl es genau genommen die „Objektivität“ biblischer Moral gar nicht stützt: Die Werte der westlichen Welt werden oft mit dem Christentum und der Bibel in Verbindung gebracht. Doch diese Sichtweise greift zu kurz.

Moral und Religion

Zwar haben biblische Prinzipien wie die Nächstenliebe oder das Streben nach Gerechtigkeit Einfluss auf die westliche Kultur gehabt, aber viele zentrale Werte wie Menschenrechte, Demokratie, Gleichheit und individuelle Freiheit stammen aus der Aufklärung und basieren auf rationaler Ethik, wissenschaftlichem Denken und Humanismus

Diese Bewegungen entwickelten sich zu keinem geringen Teil gegen kirchliche Autoritäten, die lange Zeit Werte wie die Freiheit des Individuums und Gleichberechtigung nicht unterstützten. 

Insofern ist das westliche Wertesystem heute weniger durch die Bibel als vielmehr durch eine historische Entwicklung geprägt, in der sich die Gesellschaft zunehmend von dogmatischen Normen befreit hat.

Die zehn Gebote als Kondensat absoluter Moral

Aber die zehn Gebote – sicherlich gibt es keinen besseren moralischen Kompass der Menschheit als den Dekalog?

Darüber lässt sich streiten. Zunächst einmal gibt es zwei Versionen im Alten Testament, die sich unterscheiden (Exodus 20,2–17) und Deuteronomium 5,6–21). Vielleicht nur in Nuancen – aber trotzdem. 

Drei der zehn Gebote beziehen sich auf die Verehrung Jahwes, nun ja. In Exodus 34 gibt es gar eine dritte Version, wo es noch mehr Gebote für Moses Steintafeln gibt.

Wichtig ist lediglich zu wissen, dass Mose kurz nach Erhalt der zehn Gebote, deren sechstes lautet, nicht zu töten, auf Geheiß Gottes zum Schwert greift und die Abtrünnigen Israeliten ermordet.

Mose trat in das Lagertor und sagte: Wer für den HERRN ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn. Er sagte zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nachbarn.

2.Mose 32,26–27

Hier werden zwei Probleme deutlich. Erstens: Die Zehn Gebote gelten von Haus aus nur für die in den göttlichen „Bund“ mit Jahwe verpflichteten Israeliten. Andersdenkende oder Ketzer dürfen selbstverständlich getötet werden.

„ … andere Menschen werden als außerhalb dieser Moral stehend betrachtet und sind grundsätzlich nicht oder nur bedingt geschützt. Sie (auf Befehl Jahwes) auszurotten oder zu versklaven ist kein moralischer Schnitzer, das darf man.“

A. Edmüller, Die Legende von der christlichen Moral, S. 81

Deswegen (und zweitens): Das passt mit den tatsächlichen Moralvorstellungen unserer Gesellschaft überhaupt nicht zusammen – nicht nur bei Agnostikern und Atheisten, sondern auch bei vielen Gläubigen nicht.

„Aus den Zehn Geboten alleine und ihrem Kontext lassen sich sehr viele moralische Überzeugungen, die von sehr vielen Christen vertreten werden, nicht gewinnen. Sollen diese Überzeugungen beibehalten und begründet werden, so braucht man eine andere Menge an Grundannahmen“

A. Edmüller, Die Legende von der christlichen Moral, S. 85
Die Legende von der christlichen Moral: Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist
Andreas Edmüller kommt in seinem Buch zu einem überraschenden Ergebnis: Eigentlich verfügt das Christentum über keinerlei ernstzunehmende Morallehre.[Klicke auf das Cover | Anzeige]

„Jesus hat die alten Gesetze abgelöst“

Hält man Christenmenschen vor, wie gewalttätig ihr Gott in der Vergangenheit war und wie barbarisch seine Gesetze sind, wird dies sofort relativiert: Das war ja nur der Alte. 

Mit Jesus hätten die alten Gesetze keine Gültigkeit mehr, weil Jesus die Gesetze und Prophezeiungen „erfüllt“ habe. 

Dies geht auf Matthäus 5,17 zurück, wo dies behauptet wird. Gleich darauf fährt Jesus aber fort zu sagen, dass „nicht der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz“ ignoriert werden darf. Insofern müsste man des Todes sein, wenn man Schweinefleisch verzehrt, am Sabbat arbeitet und so weiter. 

Zudem gibt es einige Aussagen von Jesus, die aus heutiger moralischer Perspektive durchaus fragwürdig erscheinen. Hier einige Beispiele:

  • Familienentfremdung: Jesus spricht davon, dass er „nicht gekommen sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Matthäus 10,34) und dass er „Sohn gegen Vater, Tochter gegen Mutter“ aufbringen werde. Die Bindung zu Jesus sei wichtiger sei als familiäre Beziehungen.
  • Ablehnung Andersgläubiger: In Matthäus 15,21-28 spricht Jesus zunächst abweisend mit einer kanaanitischen Frau, die ihn um Heilung für ihre Tochter bittet, und vergleicht Nichtjuden mit „Hunden“. Diese Episode zeigt eine deutliche Abgrenzung und wird heute oft als chauvinistisch kritisiert, obwohl Jesus ihr letztlich dann doch hilft.
  • Selbstverstümmelung als Strafe für Sünde: Jesus empfiehlt in Matthäus 5,29-30 metaphorisch, das eigene Auge auszureißen oder die Hand abzuhacken, wenn diese zur Sünde verführen. Selbst wenn dies symbolisch gemeint war, bleibt die Schärfe und Strenge der Aussage moralisch fragwürdig und kaum mit heutigen Auffassungen von Selbstakzeptanz und psychischer Gesundheit vereinbar.

Diese Aussagen Jesu werfen Fragen darüber auf, wie moralische Lehren, die in einem völlig anderen kulturellen Kontext entstanden sind, heute noch als allgemeingültig angesehen werden können.

Manche Theologen interpretieren diese Stellen symbolisch oder als rhetorische Übertreibungen. Doch der Widerspruch zwischen diesen Aussagen und modernen ethischen Werten bleibt bestehen und unterstreicht die Herausforderungen, die damit verbunden sind, biblische Texte als zeitlose moralische Richtschnur zu sehen.

Gegen den „moralischen Relativismus“

Die Abneigung von Kirche(n) und ihrer meist männlichen Vertreter von Änderungen im Werte- und Normensystem ist schon fast pathologisch – wenn auch erklärbar.

Schließlich untergraben diese Änderungen die Autorität kultischen Personals nicht nur theologisch, sondern auch gesellschaftlich.

Es sei denn natürlich, die Änderungen passen ihnen ideologisch grade in den Kram – so wie bei der Herabstufung des „Limbus“ (Vorhölle) durch einen Federstrich des Papstes. Die Auffassung, dass ungetaufte Kinder in der Hölle landeten, hatte schlechte PR und war der Kirche unliebsam. Also weg damit – hier ist der Relativismus dann in Ordnung. Man kann sich ja mal irren.

Christi_Himmelfahrt_Hölle
Jesus rettet die Seelen aus dem Limbus
(Mythos ist Teil der Himmelfahrt)

Das Problem dabei ist natürlich, dass solche Debatten es Gesellschaften erschweren, sich ohne theologische Last um moralische Fragen zu kümmern.

Oder, wie der britische Schauspieler Stephen Fry es einmal formulierte: „Was bedeutet eigentlich moralischer Relativismus? Dass man nachdenkt.“

„Was bedeutet eigentlich moralischer Relativismus? Dass man nachdenkt.“

Stephen Fry

Kann eine sich verändernde Gesellschaft auf „absolute Moral“ bauen?

Der wohl größte Widerspruch in der Forderung nach absoluter, göttlicher Moral ist, dass sich menschliche Gesellschaften seit Jahrtausenden entwickeln. Unsere moralischen Überzeugungen passen sich immer wieder neuen Erkenntnissen, kulturellen Fortschritten und dem Wandel der sozialen Strukturen an. 

Während vor Jahrtausenden religiöse Texte tatsächlich als Richtschnur für moralisches Verhalten dienten, könnten sie heute kaum weiter entfernt von modernen Werten sein.

Wo die Bibel und der Koran vor Jahrtausenden die „absolute Wahrheit“ beanspruchten, ist es heute die Gesellschaft, die moralische Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Empathie hervorhebt – oft in direktem Widerspruch zu den Anweisungen der heiligen Schriften

Was damals als normal und „von Gott gewollt“ galt, wirkt heute nicht nur unzeitgemäß, sondern auch grausam und ungerecht. Die Vorstellung, dass Moral festgelegt und unveränderlich sein soll, widerspricht der Realität, in der ethische Prinzipien ständig weiterentwickelt und verfeinert werden.

Brauchen wir wirklich Religion für Moral?

Schlussendlich stellt sich die Frage, ob Religion überhaupt eine verlässliche Quelle für Moral sein kann – oder ob wir nicht vielmehr ohne sie auskommen können, wenn sie nur ein altes, starrsinniges Regelwerk bietet. 

Die Behauptung, dass moralische Werte ohne Religion nicht existieren könnten, wird durch die Tatsache widerlegt, dass viele moderne Gesellschaften heute hohe moralische Standards pflegen, die unabhängig von religiösen Geboten bestehen. 

Die Idee, dass Religion eine unveränderliche „absolute Moral“ bietet, hält der näheren Betrachtung nicht stand. Vielmehr zeigt sich, dass religiöse Moralvorstellungen oft veraltet und widersprüchlich sind und häufig in Konflikt mit dem stehen, was heute als moralisch und gerecht angesehen wird. 

Die Legende von der christlichen Moral: Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist
Andreas Edmüller kommt in seinem Buch zu einem überraschenden Ergebnis: Eigentlich verfügt das Christentum über keinerlei ernstzunehmende Morallehre.[Klicke auf das Cover | Anzeige]

Die Idee einer absoluten Moral, wie sie in abrahamitischen Kontexten verstanden wird, erschwert zudem den wirklichen moralphilosophischen Diskurs: Weil sie so tut, als stünde eben alles schon fest – ein Anspruch, dem sie selbst nicht genügt.

Letztlich besteht die größte Leistung der Religion vielleicht darin, dass sie uns zeigt, wie Moral nicht funktionieren sollte: als starrsinnige Vorschriften aus der Vergangenheit, die mehr Schaden anrichten als Lösungen bieten. 

Wer wirklich nach moralischen Prinzipien sucht, sollte vielleicht weniger in alten Texten blättern – und sich stattdessen mit den Werten der modernen Menschheit im Hier und Jetzt intensiver beschäftigen.

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