Jahwe zerstört die Stadt Sodom in einem Feuerregen

Sodom und Gomorrha: Bibel vs. Archäologie

Zwei Städte, ein Feuerregen, eine zur Salzsäule erstarrte Ehefrau. Kaum eine Erzählung des Alten Testaments hat sich so tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt wie die von Sodom und Gomorrha.

Sie lieferte ein Schimpfwort, einen Straftatbestand, Hollywood-Stoff und jahrhundertelang Munition für Kanzelpredigten. Nur eines lieferte sie bis heute nicht: einen belastbaren archäologischen Beleg. 

Wer die Geschichte ernst nehmen will, muss sie also dreimal anschauen. Als Erzählung, als Kulturgut und als Behauptung über die Wirklichkeit.

Geschichte der biblischen Welt
Geschichte der biblischen Welt: von den Anfängen der menschlichen Besiedlung bis zum 3. Jahrhundert n. u. Z. [Anzeige]

Was ist die biblische Geschichte von Sodom und Gomorrha?

Sodom und Gomorrha Bibelstelle: Wo steht die Geschichte, und was passiert dort?

Die zentrale Bibelstelle zu Sodom und Gomorrha steht im ersten Buch, dem ersten Buch der Tora.

Der Plot geht so: Jahwe erscheint Abraham, begleitet von zwei Engeln, und kündigt an, die „Schreie“ aus Sodom und Gomorrha zu prüfen.

20 Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, denn ihre Sünden sind sehr schwer. 21 Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse. 22 Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen nach Sodom. Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN 23 und trat herzu und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? 24 Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären?

1. Mose 18

Dann feilscht Abraham wie auf dem Basar. Fünfzig Gerechte? Fünfundvierzig? Dreißig? Zehn? Bei zehn gibt der Allwissende nach. Beachtlich, dass ein allgütiger Richter erst heruntergehandelt werden muss.

Die Engel ziehen weiter nach Sodom und kehren bei Abrahams Neffen Lot ein. Abends umstellt die männliche Bevölkerung das Haus und fordert die Herausgabe der Gäste. Lots Reaktion ist der moralische Tiefpunkt der Erzählung: Er bietet den Männern stattdessen seine beiden jungfräulichen Töchter an (1. Mose 19,8). 

Die Engel schlagen die Meute mit Blindheit, treiben Lot samt Familie aus der Stadt und warnen: nicht zurückblicken. Dann regnet es „Schwefel und Feuer“ (1. Mose 19,24). Lots Frau schaut doch zurück und erstarrt zur Salzsäule. 

Lot flieht nach Zoar, dann in eine Höhle. Dort zeugen seine Töchter, nach eigenem Plan und mit viel Wein, Kinder mit ihrem Vater. Es sind die angeblichen Stammväter der Moabiter und Ammoniter, der verhassten Nachbarvölker Israels.

31 Da sprach die ältere zu der jüngeren: Unser Vater ist alt und kein Mann ist mehr im Lande, der zu uns eingehen könnte nach aller Welt Weise. 32 So komm, lass uns unserm Vater Wein zu trinken geben und bei ihm schlafen, dass wir uns Nachkommen schaffen von unserm Vater. 33 Da gaben sie ihrem Vater Wein zu trinken in derselben Nacht. Und die erste ging hinein und legte sich zu ihrem Vater; und er ward’s nicht gewahr, als sie sich legte noch als sie aufstand.

1.Mose 19

Halten wir fest: Der „gerechte“ Lot (so nennt ihn später 2. Petrus 2,7) überlebt, trotz Töchter-Angebot.

Die Einwohner der Stadt sterben, unabhängig von ihrer Schuld. Frauen, Kinder, Säuglinge und Alte inklusive. Auch das liebe Vieh stirbt in den Flammen.

Wer hier eine Lehre über göttliche Gerechtigkeit sucht, findet vor allem ein Theodizee-Problem im Taschenformat.

Was war die „Sünde“ von Sodom? Ein Blick in die übrigen Bibelstellen

Doch was hatten die Sodomiten eigentlich vebrochen? Die gängige Lesart („Homosexualität“) ist erstaunlich jung und erstaunlich dünn.

Jahwe als Rachegott bei Sodom
Unsere KI-Interpretation zeigt die Zerstörung Sodoms

Die Szene in 1. Mose 19 zeigt etwas ganz anderes, nämlich einen versuchten Gruppenübergriff auf Fremde, also Gewalt und Bruch des Gastrechts, kein Beziehungsmodell oder sexuelle Orientierung.

Die Bibel selbst deutet das an anderer Stelle auch völlig anders.

  • Hesekiel 16,49 nennt Hochmut, Übersättigung und Gleichgültigkeit gegenüber Armen.
  • Jesaja 1 und Matthäus 10,15 (Verweigerung von Gastfreundschaft) setzen ebenfalls andere Akzente.
  • Der Judasbrief (Vers 7) spricht dagegen von „fremdem Fleisch“.

Selbst innerhalb der Bibel herrscht also keine Einigkeit darüber, was die Städte eigentlich verbrochen haben.

Dazu passt der literarische Zwilling in Richter 19: Ein Levit wird in Gibea beherbergt, die Männer der Stadt belagern das Haus, und diesmal wird die Nebenfrau tatsächlich ausgeliefert. Dieselbe Szene, nur ohne Engel. Quellenkritisch spricht viel dafür, dass wir es mit einem Erzählmuster zu tun haben und nicht mit einem Bericht.

Wer nachlesen will, findet die Geschichte und ihre Deutungen an diesen Stellen:

Die Erzählung selbst:

  • 1. Mose 13,10–13: Lot wählt die fruchtbare Jordanebene, Sodoms Bewohner werden vorab als „böse“ eingeführt.
  • 1. Mose 14: der Krieg der Könige, Lot wird verschleppt, Abraham befreit ihn.
  • 1. Mose 18,16–33: Abraham feilscht mit Jahwe.
  • 1. Mose 19,1–29: Engel, Meute, Feuerregen, Salzsäule.
  • 1. Mose 19,30–38: Lots Töchter, Moab und Ammon.

Deutungen im Alten Testament:

  • 5. Mose 29,22 und Jesaja 1,9–10 (Sodom als Chiffre für Vernichtung)
  • Jeremia 49,18 und 50,40 (Vergleich mit der Zerstörung)
  • Hesekiel 16,46–50 (Hochmut und Gleichgültigkeit gegenüber Armen)
  • Klagelieder 4,6 und Zefanja 2,9
  • Weisheit 10,6–8 (deuterokanonisch)

Neues Testament:

  • Matthäus 10,15 und 11,23–24 sowie Lukas 10,12 (Gerichtsvergleich, Gastfreundschaft)
  • Lukas 17,28–32 („Denkt an Lots Frau!“)
  • 2. Petrus 2,6–8 und Judas 7
  • Offenbarung 11,8 (Jerusalem wird „geistlich“ Sodom genannt)

Auffällig: Fast keine dieser Stellen nennt Homosexualität als Grund, und selbst die Verfasser des Neuen Testaments bedienen sich der Geschichte als flexiblem Drohbild.

Kulturelle Bedeutung: Was bleibt von Sodom und Gomorrha?

Aus einem Stadtnamen wurde ein Rechtsbegriff. „Sodomie“ entstand in der mittelalterlichen Theologie und diente Jahrhunderte als Sammelbezeichnung für alles, was Kirchenmänner an Sexualität verdächtig fanden.

Von „Sodomie“ bis Proust: Wie die Story Sprache, Moral und Kunst prägte

Das Bekannteste vornweg: Die Redewendung „wie in Sodom und Gomorrha“ drückt Entsetzen über große Unordnung, Sittenlosigkeit oder chaotische Zustände aus.

„Das geht ja hier zu wie in Sodom und Gomorrha.“ 

Redewendung

Auch der Islam kennt die Geschichte. Im Koran ist es der Prophet Lūṭ, dessen Volk durch einen Steinregen vernichtet wird (u. a. Sure 7, 11, 26). Die Szene ist also ein Gemeingut der abrahamitischen Religionen, und zwar in jeder Variante mit einem Gott, der kollektiv bestraft.

Die Kunst liebte das Spektakel. William Turner malte 1805 die Zerstörung Sodoms, John Martin 1852 ein Weltuntergangspanorama in Öl, Gustave Doré lieferte die Holzstiche. Katastrophe verkauft sich eben seit jeher besser als Nächstenliebe.

The Destruction of Sodom (Gemälde von William Turner)
Das Gemälde von William Turner (1805) ist 237 cm breit

Welche Filme und Bücher erzählen die Geschichte von Sodom und Gomorrha?

Filme:

  • „Sodom und Gomorrha“ (1922, Michael Curtiz): österreichischer Monumentalstummfilm.
Hier die rekonstruierte Fassung des Stummfilms
In der Szene metzelt der Engel die Stadtbewohner in Kung-fu-Manier nieder

Bücher:

  • Marcel Proust: „Sodom und Gomorra“ (Teil der „Suche nach der verlorenen Zeit“, 1921/22).
  • Jean Giraudoux: „Sodom und Gomorrha“ (Theaterstück, 1943).
  • Mark D. Jordan (1997) und Michael Carden (2004) zur Wirkungsgeschichte, siehe oben.
  • Steven Collins und Latayne Scott: „Discovering the City of Sodom“ (2013), die bibeltreue Gegenposition.

Gibt es archäologische Beweise für Sodom und Gomorrha?

Die kurze Antwort: nirgends überzeugend. Die längere Antwort hat zwei Lager.

Wo werden die Überreste von Sodom und Gomorrha vermutet?

Das Südlager verortet die Städte am südöstlichen Toten Meer. Dort fanden Walter Rast und Thomas Schaub in den 1970ern Siedlungen der Frühbronzezeit (Bab edh-Dhra, Numeira, später Safi, Feifa und Chanazir).

Bab edh-Dhra hat einen riesigen Friedhof, Numeira zeigt Brandspuren. Passt perfekt zu „fünf Städten der Ebene“? Leider nein. 

Die Orte wurden gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. aufgegeben, also lange vor der Zeit, in die man Abraham traditionell setzt.

Eine Katastrophe mit Feuerhagel lässt sich daraus nicht ableiten, und dass sie überhaupt gleichzeitig untergingen, ist unbelegt. Dazu kommt: Für Abraham und Lot als historische Personen gibt es keinerlei außerbiblischen Beleg.

Das Nordlager setzt auf Tall el-Hammam, nordöstlich des Toten Meeres im heutigen Jordanien. Die Grabungen unter Steven Collins laufen seit 2005. 

Um dort „Sodom“ unterzubringen, muss man allerdings die biblische Chronologie dehnen und die geografischen Angaben der Bibel großzügig umdeuten. Das Ganze erinnert stark an eine Beweisführung, die das Ergebnis schon vor der Grabung kannte.

Der „Kometen-Airburst“: Warum die Sensationsstudie zurückgezogen wurde

2021 behauptete ein Team in Scientific Reports, ein Meteor-Luftsprengsatz von Tunguska-Größe habe Tall el-Hammam um 1650 v. Chr. ausgelöscht. 

Feuersturm über Sodom
Wurden zwei biblische Städte durch Jahwe ausgelöscht? Es gibt dafür keine Beweise (KI-Bild)

Die Medien jubelten: Sodom gefunden! Kritik folgte prompt. Noch im selben Jahr erschien ein Kommentar im selben Journal, der jede mineralogische und geochemische Evidenz für einen Einschlag bestritt. 

Mark Boslough, ein auf Airbursts spezialisierter Physiker, dokumentierte über Jahre Fehler, darunter den Verweis auf ein nicht existierendes Paper. Die Zeitschrift zog den Artikel schließlich zurück. Der Retraction Note zufolge sind die Behauptungen nicht ausreichend durch die Daten gestützt und der Tunguska-Vergleich beruht auf überschätzten Temperaturen und Windgeschwindigkeiten. Retraction Watch berichtete ausführlich. Ein Teil der Autoren widersprach der Entscheidung öffentlich.

Bleibt die naheliegendste Erklärung: Das Tote-Meer-Becken ist geologisch unruhig, voller Bitumen, Schwefel und Salz. Der Salzberg Jebel Usdum liefert gleich die passenden „Salzsäulen“. 

Genesis 14,10 erwähnt sogar Asphaltgruben im Tal Siddim. Aus einer lebensfeindlichen, vernarbten Landschaft, vielleicht verstärkt durch Erdbeben und die Erinnerung an aufgegebene Siedlungen, entstand eine Ursprungserzählung. Sie erklärt die Gegend, schmäht die Nachbarvölker Moab und Ammon und predigt Gehorsam. Dafür braucht es keinen Kometen.

Fazit: Feuer vom Himmel? Eher Feuer unterm Hintern der Apologeten

Sodom und Gomorrha ist als Erzählung wirkmächtig und als Tatsachenbericht unbelegt. Die Quellenlage ist literarisch, die Archäologie liefert Frühbronzezeit-Ruinen am falschen Datum oder eine zurückgezogene Studie am möglicherweise richtigen Ort. 

Und die moralische Bilanz ist noch schlechter als die archäologische: ein Gott, der verhandelt, ein „Gerechter“, der seine Töchter anbietet, und Kinder, die mitverbrennen. Wer das für göttliche Gerechtigkeit hält, sollte sich zumindest fragen, warum er an dieser Stelle weniger kritisch liest als bei jedem anderen Zeitungsbericht.

Geschichte des alten Israel
Das Buch behandelt die Geschichte der Hebräer von der langen Phase der Ansiedlung, die um 1200 begann, bis zum Ende der Monarchie Israel 721 und derjenigen Judas 587. [Anzeige]

Du möchtest ab und zu eine Verkündigung? Abonniere hier den Newsletter. 

Entdecke mehr von konfessionen.org

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

×