Eine mit zahllosen Anmerkungen versehene Bibelseite

Der vierfache Schriftsinn: vier Wege, einen Text zu verbiegen

Die Bibel ist ein seltsames Buch. Sie enthält Poesie, Gesetze, Stammbaum-Listen, apokalyptische Visionen, Liebesgedichte und die genauen Maße einer Arche.

Wer sie liest und feststellt, dass sich all das schlecht zu einer konsistenten, göttlich verbürgten Wahrheit zusammenfügen lässt, hat ein Problem. Die mittelalterliche Kirche hatte dasselbe Problem – und löste es mit einer Methode, die ebenso elegant wie erschreckend ist: dem vierfachen Schriftsinn.

Vier Interpretationsebenen, mit denen man aus jedem Vers herausholen konnte, was man brauchte:

  1. wörtlich (historischer Sinn),
  2. allegorisch (typologischer Sinn),
  3. moralisch (tropologischer Sinn) und
  4. eschatologisch (anagogischer Sinn).

Hauptsache, man brauchte etwas.

Der vierfache Schriftsinn. Zugänge zur Auslegung der Bibel: Entwicklung, Darstellung, Chancen und Grenzen
Entwicklung, Darstellung, Chancen und Grenzen des „vierfachen Schriftsinns“ erläutert diese Studienarbeit von David Löwen [Anzeige]

Was ist der vierfache Schriftsinn? Die vier Ebenen im Überblick

Der Begriff „Schriftsinn“ bezeichnet die Art und Weise, wie ein biblischer Text zu verstehen ist – seinen „Sinn“, seine Bedeutungsschicht. Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn geht davon aus, dass ein und derselbe Bibeltext gleichzeitig auf vier verschiedenen Ebenen sinnvoll gelesen werden kann. Nicht entweder/oder. Sondern: 1 und 2 und 3 und 4.

Zusammengefasst wurde diese Methode im berühmten Merkvers des Johannes Cassianus (5. Jahrhundert) und später von Thomas von Aquin und anderen Scholastikern systematisiert. Der Merksatz, der durch die Schule ging, lautete auf Lateinisch:

Littera gesta docet,
quid credas allegoria,
moralis quid agas,
quo tendas anagogia.

Zu Deutsch:

Der Literalsinn lehrt, was geschehen ist;
die Allegorie, was du glauben sollst;
der moralische Sinn, wie du handeln sollst;
die Anagogie, wohin du strebst.

Hübsch. Und unglaublich praktisch.

1. Der Literalsinn: Was dasteht – und schon beginnt das rätseln

Die erste Ebene ist der sensus literalis oder sensus historicus: der buchstäbliche, wörtliche Sinn des Textes.

Die typischen W-Fragen halt: Wer hat wann was wo und warum gemacht?

Bei der Erzählung vom Auszug aus Ägypten (Exodus) wäre das: Das Volk Israel war versklavt, Gott schickte Plagen, Pharao ließ es ziehen, das Meer teilte sich, alle marschierten durch.

Klingt simpel. Ist es aber nicht, denn schon hier fangen die Probleme an.

Was tut man als Christ mit Texten, die buchstäblich gelesen schlicht absurd oder moralisch anstößig sind?

Gott befiehlt, Hunderttausende zu massakrieren. Er verhärtet Pharaos Herz, um dann Pharao für sein hartes Herz zu bestrafen. Die Erde ist sieben Tage alt und gleichzeitig voller Fossilien.

Der Literalsinn allein reicht nicht, denn es tun sich Widersprüche und sonstige logische Abgründe auf – und genau das war die Einladung zur nächsten Etage.

2. Allegorie, Tropologie, Anagogie: das Deutungs-Karussell dreht sich

Ebene zwei ist der sensus allegoricus: Der Text bedeutet etwas anderes, als er sagt. Er stellt eine Allegorie dar.

Der Auszug aus Ägypten?
Ein Bild für die Erlösung der Menschheit durch Christus.

Die Bundeslade?
Symbol für Maria.

Das Manna in der Wüste?
Vorausdeutung auf die Eucharistie.

Nahezu jede alttestamentliche Erzählung kann so zur Prophezeiung des Neuen Testaments umgedeutet werden – und wurde es auch. Die Allegorie ist das hermeneutische Schweizer Messer: vielseitig, immer zur Hand, nie wirklich für einen Zweck gebaut.

3. Moralischer Schriftsinn

Ebene drei heißt sensus tropologicus oder sensus moralis: Was bedeutet der Text für mein Handeln, meine Seele, mein Leben? „Tropen“ sind in der Rhetorik Sprachfiguren wie zum Beispiel die Metapher.

Die Geschichte von David und Goliath ist demnach nicht nur ein historischer Bericht und nicht nur ein christologisches Bild – sie lehrt auch, dass man seinen inneren Hochmut (Goliath) mit dem Glauben (David) bezwingen soll. Erbaulich. Und ziemlich beliebig, denn warum sollte Goliath der Hochmut sein und nicht die Kirche, der Staat oder ein unliebsamer Bischof?

4. Interpretation nach oben: Anagogie

Ebene vier schließlich ist der sensus anagogicus: die eschatologische oder „hinaufführende“ Bedeutung. Anagigie stammt vom altgriechischen ἀναγωγή (anagogḗ) und bedeutet „Hinaufführung“. Sie meint in christlichen Schriften seit Origenes eine Textauslegung, die über die wörtliche Lesart „höher“ hinausführt.

Was sagt ein Text also über das ewige Leben, das Jenseits, die Vollendung der Heilsgeschichte?

Jerusalem bedeutet auf dieser Ebene nicht die Stadt in Israel, nicht die Kirche auf Erden, nicht die Seele des Gläubigen – sondern das himmlische Jerusalem, das Ende aller Dinge.

Die Anagogie ist die Ebene, auf der jeder Text irgendwie ins Transzendente aufrauscht.

Vier Ebenen, ein Text, unbegrenzte Möglichkeiten.

Wozu das Ganze? Funktion und historische Logik der Methode

Man wäre ungerecht, wenn man den vierfachen Schriftsinn als bloße Taschenspielerei abtäte. Er hatte eine historische Logik – und er löste echte Probleme. Nur dass die Probleme, die er löste, keine waren, die eine unfehlbare heilige Schrift eigentlich haben dürfte.

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Die Bibel passt immer – wenn man flexibel genug ist

Das Kernproblem: Die Bibel ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Textkonglomerat, das aus höchst unterschiedlichen Quellen, Gattungen und Theologien zusammengesetzt ist. Sie widerspricht sich.

Sie enthält Grausamkeiten, die mit einem liebenden Gott schwer vereinbar sind. Sie sagt Dinge, die buchstäblich falsch sind. Und sie muss trotzdem als Einheit und als Offenbarung Gottes gelten.

Der vierfache Schriftsinn war die Lösung.

Ein Vers, der buchstäblich problematisch ist?
Dann eben die Allegorese.

Ein Text, der moralisch anstößig wirkt?
Der Tropologie zuschlagen, die eine erbauliche Botschaft herausdestilliert.

Ein Widerspruch zwischen Altem und Neuem Testament?
Die Allegorie überbrückt ihn mühelos, indem das Alte zur Vorausdeutung des Neuen wird.

Origenes von Alexandria (185–254 n. Chr.) legte den Grundstein dieser Methode und war ehrlich genug zuzugeben, dass buchstäblich unglaubwürdige Stellen eben allegorisch gelesen werden müssten. Das war kein Eingeständnis – das war also Programm.

Die heilige Schrift kann gar nicht falsch sein; also muss die Interpretation flexibel genug sein, um jeden möglichen Befund aufzufangen.

Augustinus, Thomas und die Akademisierung des Willkürlichen

Augustinus von Hippo (354–430) verfeinerte das System und gab ihm philosophische Würde. In seinem Werk „De doctrina christiana“ legte er dar, dass der Literalsinn stets zu beachten sei – aber wo er nicht weiterhelfe oder gar anstößig sei, dürfe und müsse man allegorisch lesen.

Von der christlichen Lehre: (De Doctrina Christiana)
Die ersten drei Bücher wurden im Jahr 397 veröffentlicht, das vierte wurde im Jahr 426 hinzugefügt. [Anzeige]

Das Kriterium: Eine Interpretation ist richtig, wenn sie die Liebe zu Gott und zum Nächsten fördert. Was immer also eine gute christliche Lehre stützt, ist ein zulässiger Schriftsinn.

Man beachte die Eleganz dieser Zirkelkonstruktion: Was christlich wahr ist, kann man aus der Schrift herauslesen; was man aus der Schrift herausliest, ist christlich wahr, weil es die Liebe fördert.

Atheismus-Meme
Dafür gibt es 10 Punkte vom Philosoraptor!

Thomas von Aquin (1225–1274) bemühte sich in der „Summa theologiae“ (I, q.1, a.10) um Ordnung und Hierarchie: Der Literalsinn sei die Grundlage, die geistlichen Sinne bauten darauf auf. Nur der Literalsinn dürfe zur Begründung von Lehrsätzen herangezogen werden – die anderen Sinne hätten erbaulichen Charakter.

Ein löblicher Versuch zur Einschränkung. In der Praxis änderte er wenig: Allegorie und Anagogie blieben das Werkzeug, mit dem Dogmen, Mariologie, Sakramentenlehre und Eschatologie bibelexegetisch unterfüttert wurden.

In der „Summa theologica“ des Thomas von Aquin (1226-1274) erreicht die mittelalterliche Scholastik ihren Höhepunkt. [Anzeige]

Kritik: Wenn Interpretation zum Freifahrtschein wird

So schön das System auf dem Papier aussieht – aus wissenschaftlicher Perspektive ist der vierfache Schriftsinn ein Musterbeispiel für zirkuläres Denken und interpretatorische Beliebigkeit.

Hermeneutischer Zirkel oder: Ich lese heraus, was ich hineingelegt habe

Das fundamentale Problem ist erkenntnistheoretischer Natur. Jede Interpretation setzt Vorwissen und Vorannahmen voraus.

Wer die vier Ebenen anwendet, bringt das Ergebnis bereits mit: Er weiß, dass Christus der Messias ist, dass die Kirche das neue Israel ist, dass das himmlische Jerusalem wartet. Diese Überzeugungen sind nicht das Ergebnis der Schriftlektüre – sie sind ihre Bedingung. Der Text „beweist“ nur, was der Ausleger schon glaubt.

Karl Popper hätte es so formuliert: Eine Methode, die jeden Text auf jede Weise deuten kann, erklärt gar nichts. Sie ist nicht widerlegbar. Und was nicht widerlegbar ist, hat keinen Erkenntniswert.

Dazu kommt: Wer entscheidet, welcher Sinn der richtige ist? Im mittelalterlichen System war die Antwort klar: die Kirche, der Papst, das Lehramt. Die hermeneutische Beliebigkeit wurde durch institutionelle Autorität gebändigt und nicht durch methodische Strenge. Das System produzierte keine Wahrheit; es legitimierte Macht.

Was sagt die moderne Bibelwissenschaft dazu?

Die historisch-kritische Methode, die sich seit dem 17. Jahrhundert entwickelte und im 19. und 20. Jahrhundert zur Grundlage der akademischen Bibelwissenschaft wurde, verabschiedete sich vom vierfachen Schriftsinn. Ihr Programm: den Text in seinem historischen Kontext verstehen, seine Quellen, Gattungen und Redaktionsprozesse rekonstruieren, ohne dogmatische Vorannahmen.

Julius Wellhausen (1844–1918) und die Urkundenhypothese zeigten, dass der Pentateuch kein einheitliches Werk war, sondern aus mindestens vier Quellenschriften zusammengesetzt: Jahwist, Elohist, Deuteronomist, Priesterschrift.

Die Bibel war Menschenwerk – sorgfältig redigiertes, über Jahrhunderte entstandenes Menschenwerk, aber Menschenwerk. Göttliche Einheitlichkeit war eine Fiktion, der vierfache Schriftsinn ihre Rettungsmaßnahme.

Heute erkennen auch viele Theologen an, dass die allegorische Methode dem antiken und mittelalterlichen Leser viel, dem modernen Leser aber wenig gibt. Die Allegorese verrät mehr über die Weltanschauung des Auslegers als über den Sinn des Textes.

Sie ist, mit anderen Worten, Theologie – keine Exegese.

Fazit: Schriftsinn und Unsinn

Der vierfache Schriftsinn ist ein faszinierendes Stück Geistesgeschichte. Als intellektuelles Gebäude verdient er Respekt: elaboriert, kohärent innerhalb seiner Prämissen, von größten Denkern der christlichen Tradition ausgebaut. Als Wahrheitsmaschine taugt er nichts.

Er zeigt exemplarisch, was religiöse Hermeneutik in der Regel tut: Sie schützt einen Heiligen Text vor Falsifikation, indem sie ihn auf so viele Bedeutungsebenen verteilt, dass kein Befund ihn je beschädigen kann.

Buchstäblich falsch?
Allegorisch wahr.

Moralisch anstößig?
Tropologisch erbaulich.

Eschatologisch überholt?
Anagogisch ewig.

Es ist ein System, das sich selbst immunisiert – und das ist der sicherste Hinweis darauf, dass es mit Erkenntnisgewinn wenig zu tun hat.

Wer wissen will, was in der Bibel steht, liest sie. Wer wissen will, was die mittelalterliche Kirche in die Bibel hineingelesen hat, studiert den vierfachen Schriftsinn. Beides ist erhellend. Verwechseln sollte man es nicht.

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