Papst Franziskus ist gestorben – und schon wenige Tage später ist ein Nachfolger gefunden: Als Papst Leo XIV. tritt der US-amerikanische Kardinal Robert Francis Prevost die Nachfolge des „heimgegangenen“ Franziskus an.

Die Nachrichten waren plötzlich voller Bilder aus Rom, der Vorbereitung der nächsten Papstwahl während der sogenannten Sedisvakanz (also dem „Leerbleiben“ des päpstlichen Stuhls) und dem anstehenden Konklave.

Plötzlich redet also alles über den Papst – zugleich fragen sich viele Menschen: Warum gibt es überhaupt einen Papst und was legitimiert ihn eigentlich? 

Der Papst als Oberhaupt der Katholiken

Der Papst ist eines der bekanntesten religiösen Oberhäupter der Welt – und eines der umstrittensten. 

Für Katholiken ist er der Stellvertreter Christi auf Erden, für Kritiker eine mittelalterliche Institution mit monarchischen Allüren. 

Doch woher kommt das Papsttum eigentlich? 

Was rechtfertigt seine Sonderstellung? 

Und ist dieses Amt im 21. Jahrhundert überhaupt noch zeitgemäß? 

Ein Blick auf Geschichte, Theologie, Macht und Widerspruch des Papsttums.

Pontifex: Die Geschichte der Päpste
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Die Ursprünge des Papstamts

Die Wurzeln des Papsttums reichen tief in die Spätantike zurück. Ursprünglich war der „Papa“ (lateinisch: Vater) lediglich der Bischof von Rom – einer von vielen lokalen Kirchenführern in einer sich entwickelnden christlichen Bewegung. 

Erst im Lauf der Jahrhunderte entstand aus diesem Amt der Anspruch auf universale Führerschaft. 

Frühchristliche Gemeinden organisierten sich eher dezentral und egalitär – ein charismatischer Gegensatz zu der späteren Hierarchie mit einem absoluten Oberhaupt an der Spitze. Die Entwicklung vom einfachen Gemeindeleiter zum Pontifex Maximus war daher weniger göttlich inspiriert als historisch gewachsen.

Das Petrus-Prinzip – ein göttlicher Auftrag?

Katholische Theologie begründet das Papstamt mit einem einzigen Satz aus dem Matthäusevangelium: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18). 

Daraus wurde das sogenannte Petrusprinzip – die Idee, dass Jesus Simon Petrus persönlich zum ersten Papst ernannt habe. Diese Interpretation ist allerdings hochgradig umstritten.

Weder lässt sich historisch belegen, dass Petrus jemals Bischof von Rom war, noch spricht irgendetwas in den neutestamentlichen Texten dafür, dass er als Gründer einer Institution im heutigen Sinne gedacht war. 

Vielmehr handelt es sich hier um eine klassische nachträgliche Legitimationsstrategie: Göttliche Autorität wird herangezogen, um menschliche Macht zu sichern.

Die Entwicklung des römischen Primats

Im Laufe der ersten Jahrhunderte n. u. Z. setzte sich Rom als kirchliches Zentrum immer stärker durch – nicht zuletzt wegen seiner politischen Bedeutung im römischen Imperium. 

Der Bischof von Rom konnte auf Prestige, Ressourcen und Nähe zur Macht zurückgreifen. 

Spätestens mit Leo dem Großen (5. Jh.) nahm das Papsttum eine hegemoniale Stellung ein. 

Warum gibt es Päpste?
Leo der Große

Das sogenannte römische Primat wurde zementiert – mit theologischen und politischen Mitteln. Das Papstprimat besagt, dass der jeweilige Papst das geistliche (und weltliche!) Oberhaupt aller Christen ist. 

In Wahrheit war es ein klassisches Machtspiel: Autorität wurde nicht geschenkt, sondern durchgesetzt – gegen die Konkurrenz in Konstantinopel, Alexandria und Antiochia. Tatsächlich war die Stellung des Papstes auch bei den beiden großen Spaltungen (Schismen) der Kirche Teil der Kontroverse.

Christentum Schismen
Schismen: Abspaltungen des Christentums in der Übersicht; beim Morgenländischen Schisma (1054) und bei der Reformation (1517) ging es jeweils auch um den Papst und seine Führungsansprüche

Macht, Dogma, Politik – die weltliche Seite des Pontifikats

Das Papsttum war nie nur ein geistliches Amt. Seit dem Frühmittelalter war der Papst auch weltlicher Herrscher – über die Päpstlichen Staaten, über Kaiser, über Völker. Vom Investiturstreit bis zur Inquisition: Der Heilige Stuhl mischte sich ein, wo immer es politisch opportun war. 

Das Dogma wurde nicht selten zur Waffe, um abweichende Meinungen mundtot zu machen. Die Päpste waren Herrscher, Kriegstreiber, Machtstrategen – mit göttlichem Anstrich. 

Von der Ausrufung von Kreuzzügen bis zur Indexierung unerwünschter Bücher: Der Pontifex agierte oft eher wie ein Cäsar in weißer Soutane denn wie ein demütiger Diener Gottes.

Kreuzzüge Moral
Zimperlich waren die wenigsten Päpste der Weltgeschichte

Warum braucht die katholische Kirche heute noch einen Papst?

Offiziell ist der Papst der Garant für Einheit und Kontinuität in der katholischen Welt. In einer Kirche mit über einer Milliarde Mitgliedern erscheint ein zentraler Sprecher durchaus sinnvoll – zumindest organisatorisch. 

Er ist theologischer Entscheider, moralische Autorität, weltweiter Medienprofi. Doch hinter der Fassade lauert ein tiefes Spannungsverhältnis: Wie kann ein einzelner Mann, der gleichzeitig absoluter Monarch und demütiger Diener sein soll, glaubwürdig bleiben? 

Die Vorstellung, dass ein unverheirateter älterer Herr im Vatikan verbindlich über Ehe, Sexualität und das Seelenheil von Milliarden urteilt, wirkt zunehmend anachronistisch.

Warum gibt es einen Papst?
Menschlich sympathisch – aber auch Papst Franziskus war quasi ein lebender Anachronismus
(Bild: Wikimedia Commons, Xonn, CC BY-SA 4.0)

Kritik am Papsttum – überkommene Struktur oder notwendiges Symbol?

Kritiker sehen im Papsttum daher eine überholte Monarchie mit sakralem Anstrich. Die Vorstellung, dass ein Mensch unfehlbar sein kann (wenn auch nur „ex cathedra“), ist ein dogmatisches Relikt aus dem 19. Jahrhundert – eingeführt 1870, als die Welt längst säkular dachte. 

Weißer Rauch und falsche Mönche: Eine andere Geschichte der Papstwahl
In seiner anderen Geschichte der Papstwahl erklärt der Vatikan-Experte Stefan von Kempis, wie eine Papstwahl vonstattengeht und wie sich die Wahlen über die Jahrhunderte verändert haben. Garniert mit Skurrilitäten und Kuriosa und der Antwort auf die Frage, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass ein Papst zurücktreten kann. (Anzeige)

Der Klerikalismus, der sich um das Papsttum rankt, fördert eine autoritäre Struktur, in der Laien – vor allem Frauen – systematisch ausgeschlossen bleiben. Natürlich sind Frauen auch für eine Papstwahl nicht zugelassen. Sie können ja nicht einmal Bischof oder auch nur einfacher Priester werden im Katholizismus. 

Auf der anderen Seite sehen viele Gläubige im Papst ein Symbol der Einheit, einen moralischen Kompass und einen Hoffnungsträger. Gerade Papst Franziskus wurde von vielen für seine sozialen Positionen geschätzt – auch wenn seine tatsächliche Macht begrenzt bleibt.

Papsttum vs. moderne Welt – ein unlösbarer Widerspruch?

Das Papsttum steht heute zwischen allen Stühlen. Die einen werfen ihm vor, zu liberal zu sein, die anderen, zu rückständig. 

Es muss gleichzeitig Dialog mit anderen Religionen führen, innere Reformen moderieren und seine eigene Vergangenheit bewältigen – von der Missbrauchskrise bis zur Rolle im Nationalsozialismus. 

Die moderne Welt erwartet Transparenz, Gleichberechtigung und Demokratie – das Papsttum hingegen beruht auf Autorität, Dogma und Hierarchie. In einer Zeit der Pluralität wirkt der Anspruch auf absolute Wahrheit zunehmend deplatziert.

Oberhirte oder Überbleibsel?

Der Papst ist Symbolfigur, Machtinstanz und Projektionsfläche zugleich. Er verkörpert eine jahrtausendealte Tradition – aber auch deren Widersprüche. Ob er als „Oberhirte“ gebraucht wird oder als historisches Überbleibsel überdauert, hängt nicht zuletzt von der Bereitschaft zur Reform ab. 

Solange das Papsttum auf göttliche Unfehlbarkeit pocht, bleibt es ein Machtmodell mit spirituellem Etikett – faszinierend in seiner Wirkung, aber fragwürdig in seiner Substanz.

In einer Welt, die mündige Gläubige und offene Diskurse braucht, wirkt der Pontifex Maximus eher wie ein Anachronismus mit PR-Abteilung.

Machtanspruch der katholischen Kirche: Kann das weg?

Dass es heute einen Papst gibt, ist kein Naturgesetz, sondern das Resultat einer langen, machtpolitisch motivierten Entwicklung innerhalb der katholischen Kirche.

Die Figur des Papstes ist das Endprodukt einer Institutionalisierung des Christentums, das sich von einer kleinen jüdischen Sekte zu einem hierarchischen Weltkonzern mit Alleinvertretungsanspruch auf „die Wahrheit“ entwickelt hat.

Warum gibt es Päpste
Eine Weile gab es sogar zwei Päpste gleichzeitig – ein Novum in der Moderne
(Bild: Mondarte, CC BY-SA 4.0)

Am Anfang steht das Märchen von Petrus als erstem Papst – ein nachträglich konstruierter Mythos. Zwar wird Petrus in den Evangelien erwähnt, doch es gibt keinen historischen Beleg, dass er je Bischof von Rom war oder gar ein „Amt“ innehatte, das sich auf heutige Weise fortsetzen ließe. Die Idee, dass Jesus Petrus zum Oberhaupt einer weltweiten Kirche gemacht habe, basiert auf einer hochgradig tendenziösen Interpretation einer einzigen Bibelstelle („Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ – Matthäus 16,18). Selbst das ist keine klare Anweisung zur Einrichtung eines Amts mit Nachfolge.

Die Realität ist: Im frühen Christentum gab es kein zentrales Oberhaupt. Gemeinden waren dezentral organisiert, oft basisdemokratisch oder von Ältesten geleitet. 

Erst mit dem Machtzuwachs Roms – sowohl politisch als auch theologisch – begannen sich die Bischöfe von Rom über andere Christen zu erheben. Sie reklamierten für sich die Nachfolge Petri, um ihre Autorität zu legitimieren. Das funktionierte besonders gut, als das Christentum unter Konstantin im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde und sich die kirchliche Struktur an das römische Imperium anlehnte.

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Der Papst wurde also nicht von Gott eingesetzt, sondern von Menschen – genauer gesagt: von einer Institution, die sich auf religiöse Mythen beruft, um weltliche Macht abzusichern.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Papsttum immer weiter ausgebaut: vom „ersten unter Gleichen“ zum „unfehlbaren Stellvertreter Gottes auf Erden“ – eine steile Karriere für jemanden, dessen Amt auf einer wackeligen Textzeile beruht.

Kurz gesagt: Es gibt einen Papst, weil eine Kirche mit Machtinteresse beschlossen hat, dass es ihn geben soll. Nicht, weil ein Gott ihn eingesetzt hätte.

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