Sieben Tage, sieben Priester, sieben Widderhörner, eine Stadtmauer, die auf Kommando in sich zusammenfällt. Das ist großes Kino, Hollywood hätte es nicht besser gekonnt. Nur dass Hollywood wenigstens zugibt, dass es Kino ist.
Wie hält sich die Geschichte von Josua 6 gegenüber dem, was Archäologen tatsächlich aus dem Boden geholt haben? Und was bleibt von den „Posaunen von Jericho“, wenn man Spaten, Radiokarbonlabor und Hebräisch-Wörterbuch auspackt?
Was ist Jericho in der Bibel? Die Geschichte von Josua 6 im Überblick
Jericho ist im Buch Josua die erste Stadt, die das Volk Israel nach dem Jordanübertritt erobert. Die Erzählung folgt einem strengen Zahlenritual. Sechsmal um die Nudel rum, eins im Sinn und dann kommt der Übertrag und das göttlich inspirierte Schlachten geht los.
Josua 6: sieben Tage, sieben Hörner, ein Massaker
Sechs Tage lang zieht das Heer einmal um die Stadt, voran die Bundeslade, dazu sieben Priester mit sieben Widderhörnern. Am siebten Tag geht es siebenmal herum, dann Geschrei, dann Mauersturz (Jos 6,1–20).
Danach wird es unappetitlich. Laut Jos 6,21 wird an allem, was in der Stadt lebt, der „Bann“ vollstreckt: Männer, Frauen, Kinder, Rinder, Schafe, Esel, alles „mit der Schärfe des Schwertes“.
Verschont bleibt nur die Hure Rahab samt Familie, die zuvor die israelitischen Kundschafter versteckt hatte (Jos 2).
Ein Gott, der Mauern fallen lässt und anschließend den Völkermord anordnet, wird in Sonntagsschulen gern auf „Wunder“ verkürzt. Der Rest hüllt sich in dezentes Schweigen.
Auch die Fortsetzung ist aufschlussreich. Josua spricht einen Fluch über jeden aus, der die Stadt wieder aufbaut (Jos 6,26). Nach 1 Kön 16,34 tut das später ein gewisser Hiël aus Bet-El, und der Fluch trifft ihn prompt.
Die Erzählung dient also auch als Warnschild und Erklärung für eine Ruine, die zur Zeit der Verfasser noch sichtbar war. Das ist ein klassisches ätiologisches Motiv: Man sieht Trümmer und erfindet die passende Vorgeschichte dazu.
Wo liegt Jericho heute?
Jericho liegt im Jordangraben im Westjordanland, einer Region, die nach dem Sechstagekrieg 1967 von Israel besetzt wurde. Die Stadt zählt rund 20.000 Einwohner und steht unter palästinensischer Verwaltung.
Der antike Siedlungshügel Tell es-Sultan liegt etwa 1,5 Kilometer nördlich des heutigen Zentrums, an der tiefsten Landstelle der Erde, rund 250 Meter unter dem Meeresspiegel.
2023 nahm die UNESCO den Hügel als „Ancient Jericho/Tell es-Sultan“ in die Welterbeliste auf. Die Fundschichten reichen bis etwa 10.500 v. Chr. zurück, und schon im 9. bis 8. Jahrtausend v. Chr. gab es dort eine große feste Siedlung mit Mauer, Graben und Turm.
Jericho ist also tatsächlich uralt, und zwar um Jahrtausende älter als Josua, Mose und Abraham zusammen. Nur gehört die berühmte Mauer eben nicht dorthin, wo die Bibel sie hinstellt. Dazu gleich mehr.
Kontext der Landnahme: Wann soll Josua überhaupt gekommen sein?

Das Datierungsproblem: 1446 oder 1250 v. Chr.?
Die Eroberung Jerichos ist der Auftakt der biblischen „Landnahme“. Ein Problem fängt schon bei der Jahreszahl an. Wer 1 Kön 6,1 wörtlich nimmt (480 Jahre vor Salomos Tempelbau), landet beim Exodus um 1446 v. Chr. und bei einer Eroberung um 1400. Wer dagegen die Ortsangabe „Ramses“ (Ex 1,11) ernst nimmt, rückt ins 13. Jahrhundert. Beides gleichzeitig lässt sich nicht halten.

Außerhalb der Bibel taucht „Israel“ erstmals auf der Merenptah-Stele um 1208 v. Chr. auf, als Volk im Land Kanaan, das gerade „verwüstet“ sei und „kein Saatgut“ habe.
Klingt nicht wie ein Eroberer, der dort gerade mauerbrechend durchgezogen wäre.
Kanaan stand in der Spätbronzezeit zudem unter ägyptischer Oberhoheit, und genau das macht eine Blitzeroberung durch einen Wüstenstamm historisch heikel. Davon schweigen die ägyptischen Quellen bemerkenswert laut.
Vier Modelle, ein Ergebnis der Landnahme: Keine Blitzeroberung
Die Forschung hat sich an der Landnahme jahrzehntelang abgearbeitet:
- Eroberungsmodell (William F. Albright):
Israel erobert das Land militärisch. Das wurde lange von der Archäologie gestützt, bis die Funde es nicht mehr stützten. - Infiltrationsmodell (Albrecht Alt):
Halbnomaden sickern friedlich in die Berge ein. - Revolutionsmodell (George Mendenhall, Norman Gottwald):
Unterdrückte Landbewohner erheben sich gegen die kanaanäischen Stadtkönige. - Autochthones Modell (Israel Finkelstein u. a.):
Die frühen Israeliten waren größtenteils Einheimische, die sich im Bergland neu organisierten.
Keines dieser Modelle braucht eine einstürzende Mauer. Heute bevorzugen die meisten Forscher eine Variante der letzten beiden Erklärungen. Das biblische Eroberungsnarrativ ist demnach keine Chronik, sondern ein späteres Gründungsepos mit politischer Absicht.

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Kritik der archäologischen Forschung: Was fanden die Ausgräber in Jericho?
Der Brite John Garstang grub in den 1930er Jahren am Tell es-Sultan und glaubte, die Mauern der biblischen Stadt gefunden zu haben, zerstört um 1400 v. Chr.
Für Bibeltreue war das ein Triumph.
Er hielt allerdings nur sechs Jahre.
Garstang gegen Kenyon: Der Streit um die Mauer
In den 1950er Jahren kam Kathleen Kenyon mit moderner Stratigrafie und einem Spaten, der sich für Schichten interessierte statt für Schlagzeilen.
Ihr Befund: Die von Garstang gefundene Mauer stammt aus der Frühbronzezeit, also etwa aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. und damit rund 1000 Jahre vor dem biblischen Datum.
Aus der Spätbronzezeit, der Zeit Josuas, blieben dagegen nur dürftige Reste. Die Stadt lag weitgehend brach, und Erosion hatte große Teile der obersten Schichten abgetragen.
Und eins ist gewiss: Wo keine Stadt war, konnte auch keine erobert werden.
Woods Rettungsversuch, Radiokarbondatierung und die „Posaunen“-Ernüchterung
Der Archäologe Bryant Wood versuchte 1990, Garstangs Datierung zu retten. Er wertete Keramik, Skarabäen und eine Brandschicht neu aus und plädierte für eine Zerstörung um 1400 v. Chr.
Das Problem: Radiokarbondatierungen von kurzlebigem Material, publiziert von Hendrik Bruins und Johannes van der Plicht (1995), setzen das Ende der Stadt dieser Schicht um etwa 1560 v. Chr. an, am Ende der Mittelbronzezeit. Das passt weder zu Woods noch zu Josuas Datum.
Dazu kommt: Selbst eine Brandzerstörung beweist keine Israeliten. In einer Region mit ägyptischen Feldzügen, Stadtstaatenkriegen und Erdbeben gab es genug andere Verdächtige.
Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman haben das in „The Bible Unearthed“ (2001; deutsch: „Keine Posaunen vor Jericho“) zusammengefasst.

Auch keine Posaunen bei Ai
Ähnlich übel sieht es bei Ai aus, der nächsten „eroberten“ Stadt. Auch sie war in der Spätbronzezeit unbewohnt. Der Name bedeutet auf Hebräisch schon „Ruine“, was die Sache nicht glaubwürdiger macht.
Was bedeuten die Trompeten von Jericho?
Schofar statt Trompete: Was im hebräischen Text steht
Die „Posaunen von Jericho“ sind ein Produkt der Übersetzung. Im hebräischen Text stehen schofarot ha-jovelim, also Widder- bzw. Jubelhörner. Gemeint sind Blasinstrumente aus Tierhörnern, wie sie bis heute im jüdischen Gottesdienst verwendet werden.
Luther machte daraus „Posaunen“, und die Redensart vom Lärm, der Mauern einstürzen lässt, war geboren. Mit einem Orchester hatte das wenig zu tun. Es war ein Signalhorn, kein Instrument für Mauerbrecher.
Die Symbolik ist rituell. Sieben ist in der Bibel die Zahl der Vollständigkeit, die Lade steht für die Gegenwart Jahwes, das Horn für den Kriegsruf. Das ist liturgische Dramaturgie die mir Belagerungstaktik nichts zu tun hat, auch nicht in der Bronzezeit.
Ein Ritual, das Mauern zum Einsturz bringt, ist zwar dramaturgisch großartig, aber militärisch vollkommen unbrauchbar.
Erdbeben, Schall oder Legende? Was die Jericho-Mauern wirklich zu Fall brachte
Hartnäckig hält sich die Idee, ein Erdbeben oder eine Resonanzwirkung hätten die Mauern zum Einsturz gebracht. Das Erdbeben ist nicht abwegig, denn der Jordangraben ist seismisch aktiv.
Nur lässt sich daraus eben kein Beleg für Josua ableiten, schon weil die Mauer, um die es geht, tausend Jahre zu alt ist. Dass Schall von Widderhörnern eine Stadtmauer fällt, ist physikalischer Unfug, auch wenn es der Phantasie gefällt.
Jericho hat es gegeben, es ist uralt und beeindruckend.
Die angebliche Eroberung durch Josua hat aber archäologisch keine tragfähigen Spuren hinterlassen. Und die berühmten Trompeten waren Widderhörner, die vermutlich nie vor einer Mauer geblasen wurden, die zu der Zeit gar nicht stand.
Was bleibt, ist ein starkes Erzählmotiv: ein Gott, der seinem Volk eine fremde Stadt schenkt, nachdem er deren Bewohner zum Tode verurteilt hat.

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