Die Frage, ob „Jahwe“ und „El“ dieselbe Gottheit beschreiben, taucht zwangsläufig auf, wenn man sich mit der Geschichte der monotheistischen Religionen etwas näher befasst.
Die beiden Namen sind in der Bibel an unterschiedlichen Stellen zu finden und spielen jeweils eine Rolle in der Entwicklung des altisraelitischen Glaubens.

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Die Wurzeln von „El“ reichen bis in die frühe kanaanitische und ugaritische Mythologie zurück, wo El als oberste Gottheit verehrt wurde – zumindest zeitweise („Henotheismus“).
Die Ursprünge und Gemeinsamkeiten von Jahwe und El beleuchten wir nun näher und gehen natürlich auch der Frage nach, ob Jahwe tatsächlich aus El hervorging oder ob es sich um zwei verschiedene Götter und Gottesbilder handelt.
El: Der Gott des Himmels aus Ugarit
El war in der antiken kanaanitischen Religion der Name des höchsten Gottes und gilt als Vater der Götter und Menschen. Er wurde als uralte, weise Gottheit verehrt und hatte in der Mythologie Kanaans eine bedeutende Stellung.
Seine Ursprünge reichen aber bis ins Reich der Ugariter. Ugarit war eine Stadt, die nachweislich seit ca. 2.400 v. u. Z. besiedelt wurde. Sie lag im heutigen Syrien. Rund 1.000 Jahr später gab es zudem ein gleichnamiges Königreich. Die Stadt wurde von den sogenannten Seevölkern um das Jahr 1.190 v. u. Z. zerstört und danach nicht mehr in erwähnenswertem Ausmaß besiedelt.

Himmelsvater El
Texte aus Ugarit (ca. 1300 v. Chr.) beschreiben El als den Schöpfer und als Oberhaupt eines Götterpantheons. In einigen ugaritischen Texten wird er als „Vater der Menschheit“ und „Schöpfer der Schöpfung“ bezeichnet, an anderen als „Erbauer des Erbauten“.

Das polytheistische Pantheon der ugaritischen Religion weist eine große Ähnlichkeit zu anderen Göttersystemen im alten Nahen Osten auf. Übrigens tauch hier auch die Geschichte von Adam und Eva bereits auf.
Der bekannteste Vertreter dieses Pantheons ist wohl der Fruchtbarkeitsgott Baal, der auch des öfteren im Alten Testament Erwähnung findet.

In der ugaritischen Tradition hatte El einen hohen Status als eine Art allmächtiger Himmelsgott und Vaterfigur. Seine Beinamen („König“, „der Freundliche“, „Stier“) stehen für seinen umgänglichen Charakter und seine Stärke. Der Anruf „Stier-El“ soll seine herausragende Macht betonen. Sogar in der Bibel findet sich eine Rekurrenz auf El als Stier:
Gott hat sie aus Ägypten herausgeführt.
4.Mose 23,22
Er hat Hörner wie ein Wildstier.
In den frühesten Schriften der Bibel, insbesondere im Pentateuch, wird der Name „El“ mehrfach als allgemeiner Begriff für Gott verwendet. So finden sich im Alten Testament Namen wie „El Shaddai“ (Gott, der Allmächtige) oder „El Elyon“ (Gott, der Höchste), die auf diese Tradition zurückgehen.
Hier scheint El weniger ein Begriff für eine eigene Gottheit zu sein, als vielmehr ein Titel für das Göttliche.
Dies könnte darauf hinweisen, dass die Vorstellung von El im frühen Israel bereits in das Konzept des einen Gottes integriert war. Das Wort El wurde in einigen semitischen Sprachen zum Gattungsbegriff für „Gott“. Auch das Wort „Allah“ leitet sich von „El“ ab, wie auch das ungeübte Auge unschwer erkennt.
In den ersten Nennungen in der ugaritischen Keilschrift kommt El meist als Wortverbindung vor, die letztlich immer die „Gattung“ Gott bezeichnet.

Dem ugaritischen Schöpfungsmythos nach hat El mit mehreren Göttinnen zahlreiche Abkömmlinge, die „Banu Elima“ (Söhne des El) genannt wurden.
Mit dem Eindringen der Seevölker veränderte sich die Rolle Els in Ugarit abrupt.
Die Stadt wurde zerstört. In den folgenden zwei Jahrhunderten verlor El zunehmend an Bedeutung. Etwa ab 1000 v. Chr. verschwindet der Name seiner ersten Gemahlin Athirat aus den Überlieferungen.
Ein neuer Gott, Ba’alšamen (im Phönizischen) bzw. Be’elšamen (im Aramäischen), trat an Els Stelle und verdrängte ihn um 1.000 v. Chr. endgültig in Ugarit.
Jahwe: Der Gott Israels und sein exklusiver Anspruch
Jahwe hingegen taucht als spezifischer Name für den Gott Israels in späteren Schriften auf.
Im Gegensatz zu El wird Jahwe in der Bibel als der persönliche Gott des Volkes Israel vorgestellt, der mit diesem einen Bund schließt und aktiv in die Geschichte eingreift.
Die ersten biblischen Texte, in denen Jahwe explizit erwähnt wird, stammen wahrscheinlich aus der Zeit um 1200–1000 v. Chr., als die Israeliten begannen, eine eigene nationale Identität zu entwickeln.
Jahwe wird in den biblischen Schriften als derjenige beschrieben, der die Israeliten aus Ägypten befreite und ihnen das verheißene Land gab. Im Unterschied zu El ist Jahwe ein eifernder und oft zorniger Gott, der unbedingte Treue fordert und sich klar von den Göttern der Nachbarvölker abgrenzt.
Sein Name ist so heilig, dass er in jüdischen Traditionen später nicht einmal mehr ausgesprochen werden durfte und stattdessen durch Adonai („mein Herr“) ersetzt wurde.

Diese Darstellung Jahwes als nationaler Gott deutet darauf hin, dass Jahwe ursprünglich nicht dieselbe Rolle wie El spielte. Jahwe tritt als exklusive Gottheit auf, die sich von anderen Göttern – auch vom allmächtigen El – abhebt.
Mit dem Aufstieg des Monotheismus im alten Israel entwickelte sich Jahwe immer mehr zur einzigen Gottheit, während andere Götter entweder verdrängt oder in sein Wesen integriert wurden.

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Der synkretistische Ursprung: Wurde Jahwe aus El „geboren“?
Der Übergang vom Vielgötterglauben zum Monotheismus in Israel scheint eine Verschmelzung und Transformation verschiedener göttlicher Vorstellungen gewesen zu sein.
Einige Forscher vermuten, dass Jahwe ursprünglich eine eigenständige, vielleicht sogar regional begrenzte Gottheit war, die erst später in das israelitische Pantheon integriert wurde.

Aus archäologischen Funden geht hervor, dass in einigen Regionen, vor allem in Südpalästina, Jahwe möglicherweise als ein Kriegsgott verehrt wurde, bevor er zur Hauptgottheit des israelitischen Glaubens aufstieg.

Mit der wachsenden Bedeutung Jahwes in der israelitischen Religion könnte dieser, so eine Deutung der Religionshistoriker, allmählich die Eigenschaften und Titel von El übernommen haben. So war El der Gott der Schöpfung und des Himmels, und dieselben Attribute wurden später auf Jahwe übertragen.
Diese Deutung wird durch einige Bibelstellen gestützt. Demnach könnte es sich um dieselbe Wesenheit handeln. Beispiel: Jakob erwirbt nach seiner Begegnung mit Esau ein Stück Land bei Sichem.
Dort errichtete er einen Altar und nannte ihn: El, Gott Israels.
1.Mose 33,20
Das Wort Isra-El selbst nimmt auf den Namen El Bezug. Auch Wortbildungen wie El-Schaddai werden im Alten Testament erwähnt, wobei nicht ganz geklärt ist, was das Schaddai tatsächlich bedeutet. Im 1. und 2. Buch Mose wird sogar explizit erwähnt, dass Jahwe und El-Schaddai identisch sind.
Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm: Ich bin El-Schaddai. Geh vor mir und sei untadelig!
1.Mose 17,1
Und Gott sprach zu ihm: Ich bin El-Schaddai. Sei fruchtbar und vermehre dich! Ein Volk, eine Schar von Völkern soll aus dir werden, Könige sollen aus deinen Lenden hervorgehen.
1.Mose 35,15
Ich bin Abraham, Isaak und Jakob als El-Schaddai erschienen, aber unter meinem Namen HERR habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben.
2.Mose 6,3
Eine weitere, sehr häufige Wortbildung ist die kanaanitische Stadt Lus, die nach einer Erscheinung Jakobs (Engel etc.) in Bet-El umbenannt wird, was „Haus Gottes“ bedeutet. Bet-el ist nach Jerusalem der am zweithäufigsten genannte Ort in der Bibel.
Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.
1. Mose 28,16–19

Verschmelzung zu einem monotheistischen Gott
Die monotheistische Entwicklung im alten Israel könnte eine „Verchristlichung“ der beiden Gottheiten gewesen sein: Jahwe übernahm die universellen, väterlichen Aspekte Els und verband diese mit den Eigenschaften eines aktiven und eifersüchtigen nationalen Gottes.
In Texten wie Deuteronomium 6,4, wo es heißt: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“, spiegelt sich dieser Übergang zu einem exklusiven Monotheismus wider, in dem Jahwe als der einzige wahre Gott verehrt wird.
Indem Jahwe die Attribute Els annahm, konnte er die Rolle als alleiniger Gott Israels übernehmen, wodurch El zunehmend in den Hintergrund trat.
Die sprachliche und kulturelle Verbindung zwischen El und Jahwe
Interessanterweise wurden in der Bibel viele Titel und Beschreibungen von El auf Jahwe übertragen, was darauf hinweist, dass die beiden Konzepte bereits in früheren Schriften ineinander übergegangen sein dürften.
So finden sich Begriffe wie „Elohim“ (Pluralform von El, die als Bezeichnung für Gott verwendet wird) in vielen frühen Texten, obwohl sich der Bezug eindeutig auf Jahwe richtet.
Auch der Name „Israel“ enthält die Silbe „El“ und könnte darauf hindeuten, dass die frühen Israeliten ursprünglich El als Hauptgott verehrten, bevor Jahwe diese Position übernahm.
Dies deutet auf einen historischen Prozess hin, bei dem sich die Religion der Israeliten von einer polytheistischen zu einer monotheistischen Vorstellung entwickelte, wobei Jahwe schließlich die Rolle Els übernahm.
Fazit: Ist Jahwe El?
Die Beziehung zwischen Jahwe und El ist sowohl kompliziert als auch facettenreich.
Archäologische Funde, linguistische Analysen und biblische Texte legen nahe, dass Jahwe und El ursprünglich getrennte Gottheiten waren, die im Laufe der Jahrhunderte allmählich verschmolzen.
Während El in der kanaanitischen Religion als universeller Vatergott verehrt wurde, begann Jahwe als ein spezifischer Nationalgott der Israeliten und übernahm nach und nach die universellen Eigenschaften Els.
Diese Verschmelzung kann als eine Anpassung an die monotheistische Entwicklung im alten Israel gesehen werden, bei der Jahwe als alleinige Gottheit alle Aspekte und Titel des Göttlichen annahm, die zuvor auch El zugesprochen worden waren. Heute verstehen die meisten Juden und Christen Jahwe als den einzigen Gott und sehen El nur noch als einen der vielen Namen, die dieses eine Wesen in verschiedenen Kontexten trägt.
Doch historisch betrachtet bleibt die Frage, ob Jahwe ursprünglich El war, ein spannendes Rätsel, das uns Einblick in die Entwicklung des monotheistischen Gottesbildes im antiken Israel gibt.



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