Das Kamel durchs Nadelöhr war als Kind eines meiner Lieblingsgleichnisse: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Himmelreich kommt.“
Dieser Satz findet sich in allen drei synoptischen Evangelien:
- Markus 10,25,
- Matthäus 19,24 und
- Lukas 18,25.
[22] Als Jesus das hörte, sagte er ihm: Eines fehlt dir noch: Verkauf alles, was du hast, und verteil es an die Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! [23] Der Mann aber wurde sehr traurig, als er das hörte; denn er war überaus reich. [24] Jesus sah, dass er sehr traurig geworden war, und sagte: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! [25] Denn leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. [26] Die Leute, die das hörten, fragten: Wer kann dann noch gerettet werden? [27] Er erwiderte: Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich.
Nadelöhr-Gleichnis nach Lukas 18,22–27 (Einheitsübersetzung)
Auch im Nazaräerevangelium (einer Apokryphe) taucht das Gleichnis auf. Nur Johannes kennt das Kamel-Nadelöhr-Gleichnis nicht. Dabei gehört es zu den bekanntesten Jesuszitaten überhaupt.
Als kindlicher Kirchgänger hat er mir auch schon gut gefallen – schließlich entbehrt es nicht einer gewissen Komik, sich ein Trampeltier vorzustellen, wie es sich bemüht, einen seiner großen Plattfüße durch ein Nadelöhr zu stecken.
Und zweitens ist es ein scharfer Kommentar zur Macht des Geldes, eine rhetorische Spitze gegen die Reichen – und das hat mir als Kind eben auch schon zugesagt: Endlich haben die Großkopferten mal das Nachsehen, endlich mal ein bisschen ausgleichende Gerechtigkeit.
Doch möglicherweise ist das lustige Kamel das Ergebnis eines simplen Übersetzungsfehlers. Denn die griechischen Manuskripte, die diesen Satz überliefern, könnten eine feine, aber folgenschwere Verwechslung enthalten.

Was wäre, wenn Jesus gar nicht von einem Kamel sprach, sondern von etwas ganz anderem?
Der berühmte Kamel-Vergleich: Reiche und das Himmelreich
Die Pointe des Jesuswortes lebt vom Kontrast: Ein riesiges, schwer beladbares Wüstentier – das Kamel – soll durch ein winziges Nadelöhr passen.

Ein abwegiger Gedanke, der die Absurdität unterstreicht, mit der Reichtum und Erlösung zusammengedacht werden. Der Vergleich zielt ganz offensichtlich auf die Undurchlässigkeit des Materiellen für das Geistige.
Kein Wunder also, dass dieser Vers in Predigten, Armutsethik und Theologiegeschichte eine zentrale Rolle spielt. Doch die sprachliche Grundlage dieses Gleichnisses ist alles andere als unproblematisch.
Gab es zur Zeit Jesu überhaupt Kamele in Judäa?
Ja, schon – aber sie waren keine alltäglichen Arbeitstiere im städtischen oder dörflichen Alltag der jüdischen Bevölkerung. Kamele wurden vor allem für Handelskarawanen genutzt, die durch die Wüstengebiete des Nahen Ostens zogen.
In den Erzählungen des Neuen Testaments, die sich oft auf das ländliche Leben in Galiläa und Judäa konzentrieren, tauchen sie eher selten auf.
Es wäre also durchaus untypisch, wenn Jesus ausgerechnet ein Kamel als Vergleich heranzieht – wo er doch in seinen Gleichnissen sonst auf alltägliche Bilder zurückgreift: Saat, Münzen, Vögel, Schafe.
Ein Seil – wie wir gleich sehen werden – wäre da ein viel naheliegenderes Bild gewesen.
Vom Schiffstau zum Wüstentier
Der eigentliche Clou liegt im Griechischen. Und das Neue Testament wurde ja auf Griechisch verfasst.
Im Griechischen gibt es zwei sehr ähnliche Wörter:
- kámēlos (κάμηλος), das tatsächlich „Kamel“ bedeutet, und
- kamilos (κάμιλος), ein seltenes Wort für ein dickes Seil oder Schiffstau – ebenfalls unvorstellbar, es durch ein Nadelöhr zu fädeln.
Wie aus „kamilos“ ein „kamelos“ wurde
Gelehrte vermuten, dass der ursprüngliche Text „kamilos“ meinte, aber von späteren Kopisten zu „kamelos“ verändert wurde. Die frühesten Manuskripte sind sich in dieser Frage nicht einig – und selbst Kirchenväter wie Origenes diskutierten den Begriff.
Der Gedanke, dass aus einem nautischen Seil ein Wüstentier wurde, ist nicht nur linguistisch plausibel – er würde das Bild auch im jüdisch-palästinensischen Kontext stimmiger machen.
Zur „Harmonisierung“ von Fehlern
Wie wir das schon von Textabweichungen der Bibel kennen, lassen christliche Theologen diese nicht einfach unkommentiert stehen – das würde den Bibeltext ja am Ende noch so aussehen lassen, als sei er menschengemacht und fehlerbehaftet.
So finden sich Stimmen, die die Variante mit dem Kamel … sagen wir: Ins Sinnhafte zu verdrehen suchen. Die Logik hier: Gerade weil das Beispiel so absurd ist, ist es plausibel. Das kennen wir so ähnlich schon von der Verborgenheit Gottes, wo es als Indiz für die Existenz Gottes betrachtet wird, dass er verborgen ist.
Die Apologeten von katholisch.de schreiben, der „provozierende Satz vom Kamel enthält also keine Handlungsanweisung für den sicheren Weg in den Himmel, sondern soll aufrütteln“ – und genau dies geschehe durch das irritierende Beispiel mit dem Kamel.
Aus der österreichischen Diözese Eisenstadt hingegen hört man, das Kamel sei nur eine „Metapher“ – also das übliche christliche Rosinenpicken, wo al gusto entscheiden wird, welche Textstelle wörtlich zu nehmen ist und welche nur metaphorisch sei. Das Sprachbild diene dazu, „über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lebens nachzudenken“.

Die methodistische Heilsarmee hingegen ist sich sicher, die Textstellen bezögen sich „auf die Tore in der Stadtmauer Jerusalems, das kleinste von diesen Toren heißt Nadelöhr.“
Und aus der Schweiz lässt die christliche Medienorganisation jesus.ch verlauten, dass sowohl Seil als auch Stadttor wiederum Umdeutungsversuche des biblischen Literalsinns seien. Das Gleichnis sei ein Adynaton (eine rhetorische Figur, bei der gesagt wird, dass etwas unmöglich geschehen kann, was aber trotzdem indirekt ausgedrückt wird). Als Adynaton ergebe das Kamel Sinn.
Forschungsstand zu Kamel und Nadelöhr
Während die „Seil“-Lesart in heutigen Bibelausgaben selten ist, taucht sie in alten Übersetzungen wie der armenischen und georgischen Bibel, aber auch in der Peschitta – der syrischen Bibelübersetzung aus dem 2. Jahrhundert – auf. Auch die byzantinische Enzyklopädie Suda erwähnt diese Bedeutungsnähe.
Diese Funde sprechen dafür, dass das „Seil durch ein Nadelöhr“ ursprünglich gemeint war – und dass das Kamel eine spätere, volkstümliche Umdeutung darstellt, die sich durch Lautähnlichkeit und fehlerhafte Abschrift einschleichen konnte.
Die theologisch aufgeladene Kamel-Metapher wäre demnach kein authentisches Jesuswort, sondern ein Übersetzungsirrtum.
Das Bild eines dicken Taus erzeugt eine subtilere, aber ebenso kraftvolle Metapher: Auch hier wird klar, dass es um etwas Unmögliches geht – aber ohne den absurden Zirkuseffekt. Insgesamt halte ich das für viel plausibler.

Ethnolinguistik und Bibel: Was Übersetzungen verraten
Die Bibel ist ein Produkt jahrhundertelanger Übersetzungsarbeit – und jeder Übersetzer hat nicht nur sprachliche, sondern auch theologische Entscheidungen getroffen. Die kleine Differenz zwischen zwei griechischen Begriffen kann enorme Folgen für ganze Glaubenssysteme haben.
Wenn einem Übersetzer beispielsweise das Wort kamilos nicht geläufig war und er es für einen Schreibfehler hielt, könnte es also durchaus sein, dass er das Wort zum „Kamel“ verschlimmbessert hat. Auch, wenn das Bild des Kamels im Nadelöhr fast schon karikaturhaft wirkt.
Fußnote: Philologische Diskussion zu „kamilos“ vs. „kamelos“
Die Debatte um das richtige Wort im Jesuszitat findet sich in verschiedenen Textausgaben und theologischen Kommentaren. Die folgenden Werke bieten einen vertieften Einblick:
- Bauer, Walter et al. (2001): Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments (6. Aufl., Berlin/New York). Ein Standardwerk für neutestamentliches Griechisch – „kamilos“ wird dort als „Schiffstau“ aufgeführt, mit Verweis auf den Problemvers.
- Metzger, Bruce M. (1971): A Textual Commentary on the Greek New Testament. Dort diskutiert Metzger den Variantenbefund der Stelle in Mk 10,25 und Mt 19,24 ausführlich – und nennt „kamilos“ eine „interessante, aber unwahrscheinliche Lesart“, was allerdings unter Textkritikern umstritten ist.
- Schwienhorst-Schönberger, Ludger (2020): Biblische Hermeneutik. Dieses deutschsprachige Werk behandelt unter anderem die Wirkungsgeschichte von Übersetzungen und ihre theologischen Implikationen.
- Skeat, T.C. (1997): The Camel through the Needle’s Eye. In: New Testament Studies 33, S. 87–90. Eine klassische Auseinandersetzung mit der Variante „Seil“ statt „Kamel“.
Weitere berühmte Übersetzungsfehler aus der Bibel
Der Kamel-Seil-Konflikt ist nicht der einzige Übersetzungsfehler mit theologischer Sprengkraft.
Der gehörnte Mose
In der Vulgata, der lateinischen Bibelübersetzung des Kirchenvaters Hieronymus, wurde zum Beispiel aus dem hebräischen Begriff für „Lichtstrahlen“ bei Mose das lateinische cornuta – was fälschlich als „gehörnt“ übersetzt wurde. Ergebnis: Jahrhundertealte Darstellungen eines Mose mit Hörnern (Michelangelo lässt grüßen).
Jungfrau statt junge Frau
Auch die Jungfrau Maria verdankt ihren Status zum Teil einem Übersetzungsfehler: Das hebräische Wort „almah“ bedeutet einfach „junge Frau“, wurde aber im Griechischen mit „parthenos“ („Jungfrau“) übersetzt – und daraus wurde dann ein zentrales Dogma. Fehler mit Folgen also.
Was bleibt vom Kamel-im-Nadelöhr-Gleichnis? Zwischen Fehlinterpretation und Metapher
Ob nun Kamel oder Schiffstau – der Kern des Gleichnisses bleibt eine radikale Kritik an der Verquickung von Reichtum und Heil.
Jesus fordert eine Umwertung der Werte: Nicht Besitz, sondern Hingabe zählt. Doch gerade weil dieser Vers so drastisch ist, wurde er in der Geschichte immer wieder abgeschwächt, relativiert oder allegorisiert.

Wenn er nun auf einem Übersetzungsfehler beruht, bedeutet das nicht, dass seine Botschaft hinfällig wäre – im Gegenteil: Es zeigt, wie fragil die theologische Auslegung sein kann, wenn sie sich auf sprachlich unsichere Fundamente stützt.
Die Bibel ist eben kein Diktat Gottes, sondern ein historisches Dokument – voller Umwege, Missverständnisse und menschlicher Handschrift.

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