Einen sogenannten Katakombenheiligen zu sehen, ist gar nicht so schwer: Läuft man durch eine etwas größere Barockkirche in Bayern, Österreich oder auch in der Schweiz, stehen die Chancen ganz gut, dass in dem Gotteshaus ein prunkvoll geschmückter Glaskasten steht, indem eine ebenso prunkvoll geschmückte Ganzkörperreliquie liegt.
Unser Beitragsbild zeigt den Heiligen Hyacinthus in der Klosterkirche Fürstenfeldbruck (die übrigens immer einen Besuch wert ist!). Weiter Beispiele finden sich Oberammergau, Konstanz, München, Straubing, Waldsassen, Graz, Dürnstein, Wien, Luzern, Baden, oder Zug.
Wikipedia führt dazu eine Liste der Katakombenheiligen.
Aber warum ist das Skelett im Glaskasten dann ein Katakombenheiliger? In einer Katakombe liegt er ja gar nicht!
Das stimmt, aber er lag früher mal in einer. Dazu muss man nur ein bisschen über die „Entstehung“ (man könnte auch sagen: Fälschung) dieser „Heiligen“ wissen. In der Welt des Übernatürlichen gibt es wenig, das so bizarr anmutet wie die Geschichte der Katakombenheiligen.
Was sind Katakombenheilige?
Was heute wie die Requisite eines zweitklassigen Horrorfilms wirkt, war im 16. Jahrhundert ein Exportschlager der römischen Kurie: Skelette aus den Katakomben Roms.
Es ist das perfekte Beispiel dafür, wie Religion versucht, durch physische Überreste eine angeblich historische Wahrheit zu zementieren, die wissenschaftlich auf vollkommen tönernen Füßen steht.
Denn: Ja, die Skelette sind echt.
Und sie sind auch aus Rom.
Es handelt sich aber nicht um frühchristliche Märtyrer.
Sondern einfach nur um Bewohner Roms, die damals eben in den Katakomben begraben wurden. Das war nämlich damals so üblich.
1578: Die Entdeckung der „Märtyrer“ in den römischen Katakomben
Dass es in Rom ausgedehnte Katakomben (also unterirdische Grabgewölbe) gibt, war in der Antike allgemein bekannt. Klar – schließlich wurden hier ja die Toten begraben. Das war einfach der „Friedhof“.
Mehr als 60 Katakomben gab es allein in Rom. Im Jahr 450 v. Chr. wurde durch das sogenannte römische Zwölftafelgesetz vorgeschrieben, dass nur noch außerhalb der römischen Stadtmauern bestattet werden durfte (Tafel X).
Die Katakomben durften auch unterirdisch nicht über das auswiesene Grundstück hinausreichen; deshalb legte man sie im weichen römischen Tuffstein sogar mehrgeschossig an.
Wie konnte man Katakomben vergessen?
Die gängige Geschichte besagt, dass die Katakomben nach den Plünderungen der Goten und Langobarden im Frühmittelalter in Vergessenheit gerieten.
Das stimmt nur halb. Klingt es für dich klogisch, dass man oben prächtige Basiliken baut, und gleichzeitig das Fundament der christlichen Identität (die Gräber der „Märtyrer“) einfach vergisst?
Nein. Tatsächlich wurden die meisten Katakomben ab dem 9. Jahrhundert einfach nicht mehr genutzt. Und was für die Kirche keinen unmittelbaren Nutzen in Form von Pilgerströmen und Einnahmen bot, wurde schlichtweg sich selbst überlassen. Es war kein Vergessen aus Unwissenheit, sondern ein Desinteresse aus ökonomischen Gründen.

Einzelne Stätten wie die Sebastian-Katakombe waren über das gesamte Mittelalter hinweg zugänglich. Aber für die breite Masse und vor allem für die Gelehrtenwelt existierte die Unterwelt nicht mehr.
Weinbauern lösen Erdrutsch bei Calixtus-Katakombe aus
Am 31. Mai 1578 lösten Weinbauern an der Via Salaria (Rom) einen kleinen Erdrutsch aus und stießen dadurch zufällig auf ein riesiges Netz unterirdischer Gräber: die Calixtus-Katakombe. Diese „Wiederentdeckung“ war nicht nur ein archäologischer Glücksfall.
Die katholische Kirche, die im Zuge der Reformation gerade massiv unter Druck geriet, witterte eine PR-Chance epischen Ausmaßes – quasi ein göttliches knochiges Geschenk für die Gegenreformation.
Zu einer Zeit, als Martin Luther und seine Mitstreiter den Reliquienkult als Schwindel und Aberglauben attackierten, lieferte der römische Boden plötzlich frisches Material.
Plötzlich war jedes dort gefundene Skelett potenziell ein „Heiliger“.
Dass viele dieser Skelette wahrscheinlich ganz gewöhnliche Heiden waren, spielte für die apologetische Verwertung natürlich keine Rolle.

Es entstand geradezu eine Industrie der Heiligenverehrung. Die Katakomben wurden zum Steinbruch für das Übernatürliche.
Jedes gefundene Gefäß wurde zum „Blutfläschchen eines Märtyrers“ umgedeutet, um die spirituelle Vormachtstellung Roms zu zementieren.
Warum schickte Rom Skelette nach ganz Europa?
Die Logik war simpel: Die Protestanten hatten den Reliquienkult als Aberglauben entlarvt. Rom konterte nun, indem es die verunsicherten Gemeinden im Norden mit „echten“ Märtyrern flutete.
Die Protestanten fragten: „Wo ist eure Verbindung zum Urchristentum?“ Die Antwort lag nun buchstäblich unter den Füßen der Römer, wo aus einem schier endlosen Bestand der spontan umdeklarierten Urchristen- und Märtyrerskelette nun eine Unzahl von Relqiquien erzeugt, hübsch verpackt und anschließend vermarktet wurde.
Ja, vermarktet im Sinne von „verkauft“.
Allen voran profitierten die Jesuiten und die Oratorianer. Gelehrte wie Antonio Bosio, der „Kolumbus der Katakomben“, widmeten ihr Leben der Erforschung – oder besser gesagt: der Katalogisierung im Sinne der Kirche.

„Translatio“: Katholischer Kurierservice für Skelette
Tausende Skelette wurden aus dem römischen Staub gezogen, getauft und per Kurier über die Alpen geschickt. Es war ein religiöses Franchising-System, bei dem die Evidenz der Heiligkeit lediglich aus der Fundstelle in den Katakomben bestand. Die „Wiederentdeckung“ war eine meisterhafte Inszenierung.
Der Ablauf war so:
- Exhumierung und Authentifizierung
Die Gebeine wurden in Rom ausgegraben und erhielten eine päpstliche Urkunde (Authentik), die ihren Status als Märtyrer bestätigte. - Erwerb und Transport
Klöster, Fürsten und Bischöfe schickten Beauftragte nach Rom, um die Reliquien zu kaufen oder als Geschenk zu empfangen. Die feierliche Überführung der Reliquien von Rom an ihren neuen Bestimmungsort nannte man „Translatio“. - Inszenierung
In Süddeutschland angekommen, wurden die Skelette kunstvoll rekonstruiert. Fehlende Teile wurden oft durch Holz ergänzt, und die Schädel erhielten Gesichter aus Pappmaschee mit Glasaugen, um sie „lebendiger“ wirken zu lassen.

Wie erkenne ich einen Katakombenheiligen in der Kirche?
Man nennt schlicht alle unbekannten Skelette aus den römischen Grabkammern so, die pauschal als frühchristliche Märtyrer deklariert wurden.
Sind die Skelettreliquien vollständig (Ganzkörperreliquie), werden sie auch als „Heilige Leiber“ bezeichnet.
Man erkennt sie leicht: Die Skelette finden sich (meist liegend) in prunkvollen Glaskästen. Oft finden sich diese Schausärge und Glassarkophage in der Predella (Sockel) von Altären. So auch in Fürstenfeldbruck.

Der Prozess des Einkleidens („Fassens“) der Skelette wurde oft meisterhaft von Kunsthandwerkern und Ordensschwestern (in Klosterarbeiten) erledigt: Diese Reliquienfasser verzierten die Knochen mit Gaze, Gold- und Silberdraht, Perlen und Edelsteinen.
Die Identitätskrise der anonymen Knochen
Das größte Problem bei diesem sakralen Re-Import war die totale Unbekanntheit der Verstorbenen. Niemand wusste, wer diese Menschen waren. Aber in der Theologie lässt man sich von Fakten selten aufhalten; man erfand die Identitäten kurzerhand dazu.
Wer waren die Katakombenheiligen wirklich?
Wissenschaftlich betrachtet? Wahrscheinlich ganz gewöhnliche Bürger des antiken Roms.
Die Behauptung, es handele sich um christliche Märtyrer, basierte oft nur auf vagen Zeichen wie einem eingravierten „M“, das man als „Märtyrer“ interpretierte, obwohl es genauso gut für „Marcus“ oder ein Grabmal-Maß stehen konnte. Aus heutiger Sicht ist das schlichter Etikettenschwindel auf Kosten der Totenruhe.
Warum tragen Katakombenheilige oft Namen wie „Fortunatus“?
Da man keine Namen hatte, griff man zu Tugendnamen.
„Pancratius“, „Felix“ oder „Hyacinthus“ klangen nach heldenhaftem Widerstand der angeblich verfolgten Frühchristen gegen die Löwen im Kolosseum.

Es war ein historisches Rollenspiel, bei dem anonyme Gebeine zu Identifikationsfiguren einer Ideologie umgedeutet wurden, die dringend Helden brauchte.
Wissenschaft gegen Wunderglauben im Barock
Die Verehrung dieser Skelette ist ein Paradebeispiel für die Flucht vor der Empirie. Während die Aufklärung langsam am Horizont erschien, klammerte sich der Klerus an tote Materie, um metaphysische Ansprüche zu untermauern.

Ist die Verehrung von Katakombenheiligen heute noch aktuell?
Im 19. Jahrhundert begann die Kirche selbst, den Kult diskret zu beenden. Viele Skelette wurden aus den Altären entfernt und in Kellern verstaut, als klar wurde, dass man die historische Echtheit niemals belegen konnte.
Die Wissenschaft hatte den Aberglauben eingeholt. Heute dienen sie eher als morbide Kuriositäten für Touristen denn als spirituelle Ankerpunkte.
Was lehrt uns der Kult um die Katakombenheiligen heute?
Er lehrt uns Skepsis. Er zeigt, wie leicht sich Menschen durch Inszenierung – Gold, Seide und sakrales Pathos – blenden lassen. Wenn wir heute nach Wahrheit suchen, finden wir sie in der Archäologie und der DNA-Analyse, nicht im Weihrauchnebel einer barocken Basilika.
Die Katakombenheiligen sind keine Zeugen Gottes, sondern Zeugen menschlicher Leichtgläubigkeit. Am Ende bleibt von der Mystik wenig übrig – nur eine Menge Staub und die Erkenntnis, dass die Kirche keine Skrupel kennt.

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