Katholiken lieben ihre Reliquien! Dabei sind auch einige kuriose Überbleibsel aus den christlichen Legenden und Mythen dabei: Barthaare von Propheten, von Noah oder gar von Jesus selbst, der Daumen des Johannes, Dornen der Kreuzigungskrone, Splitter vom Kreuz, der Geldbeutel des verräterischen Judas und sogar der Kot des Palmesels.
So auch in Deutschland: Nichts scheint zu weit hergeholt, als dass die Kirche es ihren Gläubigen nicht als angeblichen Beleg für ihre wahnwitzigen Behauptungen präsentieren würde. Zumindest duldet die Kirche, dass Christenmenschen denken, es wären Belege – man ist etwas vorsichtig geworden und hält sich lieber bedeckt, was die Zuverlässigkeit der angeblichen Artefakte, Körperteile und so weiter angeht.
Schließlich hält kaum eine Reliquie einer näheren Untersuchung stand – nicht, was die Entstehungsgeschichte betrifft, nicht, war die Entstehungszeit betrifft und schon gar nicht, was die übernatürlichen Implikationen betrifft.

Trotzdem behält man den ganzen scheinheiligen Krempel da und präsentiert ihn gut abgehangen den in Ehrfurcht erstarrten Pilger*innen – entweder bei jeder Gelegenheit oder aber bewusst selten nur alle sieben symbolische Jahre oder so.
Dabei hat sich einiges an Skurrilem angesammelt. Auch in deutschen Sakristeien lagern entsprechend Schätze des Christentums, bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Als Religionskritiker sehen wir es als unsere Pflicht, den Staub von den folgenden neun „Heilstümern“ zu wedeln und zu fragen: Wie tief muss der intellektuelle Anspruch eigentlich sinken, damit das hier noch als „heilig“ durchgeht?
9 bizarre Reliquien, Teil 1: Komische Knochen und andere Körperteile
Wenden wir uns zunächst den Reliquien „ex ossibus“ („aus dem Knochen“) zu. Das sind Leichenteile diverser Heiliger, die publikumswirksam gelagert werden.
Dazu nutzt man neben den meist aufwändig verzierten Reliquienschreinen vor allem die sogenannten Ostensorien. Ein Ostensorium ist ein Gefäß mit Guckloch, häufig aus Glas oder Bergkristall. Als Zeichen der Demut sind die Dinger meist aus Gold, meisterhaft verziert und reichhaltig mit Edelsteinen geschmückt.

Von Jesus gibt es Reliquien „ex ossibus“ natürlich nicht – der hinterließ dank Auferstehung und Himmelfahrt ja keine Knochen, sondern nur Nabelschnur, Milchzähne, Haare, Blut und Vorhaut („Präputium“, s. u.). Der Rest ist halt aufgefahren – eine praktische Antwort auf die ketzerische Frage, warum es eigentlich keine sterblichen Überreste von Jesus gibt.
Zur Rolle von „Katakombenheiligen“ bei Reliquien in Deutschland
Wer in barocken Kirchen Süddeutschlands, Österreichs oder der Schweiz den Blick schweifen lässt, erstarrt oft vor verglasten Schreinen, in denen goldbehangene, in Samt und Seide gehüllte Gerippe den Betrachter aus leeren Augenhöhlen angrinsen. Ein schauriges Spektakel, das uns als tiefe Frömmigkeit verkauft wird.

Bei näherem Hinsehen erinnert das alles jedoch eher an eine mittelalterliche Folge von „Pimp my Skeleton“. Denn die religionsgeschichtliche Bedeutung der Katakombenheiligen beginnt im Frühmittelalter, und nimmt dann im 16. Jahrhundert richtig Fahrt auf, als der Vatikan nämlich ein massives PR-Problem hatte und Reliquiennachschub gerade richtig kam.
Man wusste, dass in Rom einige Märtyrer begraben waren. Die ließ man aber in Ruhe – zumindest zunächst.
Ab dem 7. Jahrhundert wurden dann einige Skelette „entnommen“. Damit begann ein steter Nachschub an „frischen“ Knochenreliquien. Die waren sehr beliebt und absolute Publikumsmagneten. Und eine ganze Weile ging das so seinen Gang.
Dann aber kam die Reformation: Sie hatte den Reliquienkult als hanebüchenen Unfug entlarvt. Viele Reliquien wurden im Bildersturm der Reformation zerstört.

Katakombe = Heiligmachungskammer
Was macht man also? Man gräbt neue aus. 1578 entdeckte man dann in Rom den Zugang zu weiteren, umfangreichen Katakomben. Für die Kirche war das wie ein Lottogewinn: Tausende namenlose Skelette wurden kurzerhand zu „frühchristlichen Märtyrern“ deklariert. Die Logik der Kirche: Wer in Rom unter der Erde liegt, muss in Rom für den Glauben gestorben sein.
Wissenschaftlich betrachtet gibt es keinerlei Beleg dafür, dass die Gebeine tatsächlich Märtyrern gehörten. Es waren ja auch die Friedhöfe der römischen Normalbevölkerung.
Wie erkenne ich also echte Reliquien von Katakombenheiligen? Die Antwort ist ernüchternd: Gar nicht.

Das aber nur zu den Knochen der „Katakombenheiligen“. Es gibt ja auch noch andere.
Mal sind es Ganzkörperreliquien, mal ist es nur ein Fingerglied oder eine Schädeldecke. Sehen wir uns ein paar Highlights an.
1. Der mumifizierte Finger des „Heiligen Nikolaus“ von Halberstadt
Im Halberstädter Dom werden zahlreiche „Kostbarkeiten“ aufbewahrt, die für die katholische Liturgie mal irgendeine Rolle spielten. Unter anderem mehrere „Armreliquiare“- diese grotesken Nachbildungen menschlicher Arme sind meist aus einem bescheidenen Material wie Gold gefertigt und enthalten Speiche oder Elle von Heiligen, oft auch Knochen der Hand und Finger. Prunkstück ist das Armreliquiar des Heiligen Nikolaus. Wir zitieren:
Das leicht überlebensgroße Armreliquiar birgt hinter seiner mittigen Schauöffnung einen mumifizierten Finger, der dem heiligen Nikolaus zugesprochen wird. Während des Vierten Kreuzzugs kam die Reliquie in den Besitz des Halberstädter Bischofs Konrad von Krosigk (amt. 1201-1208, gest. 1225), der sie nach seiner Abdankung von der Bischofswürde zunächst mit ins Kloster Sittichenbach nahm. Im Jahr 1225 wurde sie dem Halberstädter Domkapitel zugesprochen. Daraufhin entstand das Reliquiar. (…) Hinter der mittig eingelassenen Bergkristallscheibe auf der Vorderseite wird die Reliquie unverhüllt zur Schau gestellt. Die Hülse aus vergoldetem Silberblech, die den mit Draht umwickelten Ansatz des Fingers umfasst, trägt die Aufschrift „+ DIGITVS · SANCTI · NICOLAI“ (dt.: Finger des heiligen Nikolaus).
Quelle: museum-digital deutschland
Um den Finger ranken sich zahlreiche Legenden. So soll er einmal – nach Jahrhunderten – angefangen haben zu bluten. Ein andermal habe er durch die Anrufung des Heiligen eine Flut von Köln abgewendet.

(© Bertram Kober, CC BY 3.0)
Den legendären mumifizierten Finger des angeblichen Heiligen kann man bis heute in Halberstadt sehen, der – wie aus dem behaupteten Jenseits mahnend emporgestreckt – die Besucher daran erinnert, was für armselige Würstchen sie angesichts der ganzen Glorie der katholischen Kirche doch sind.
2. Die Birne der heiligen Berta: Schädelreliquien
Hildegard von Bingen sammelte als Heilkundlerin nicht nur Kräuter, sondern auch Reliquien. Diese Sammlung fand sich später im Eibinger Reliquienschatz wieder.
Dazu gehören einige Schädelreliquien, wie die der heiligen Berta, der Gudula, des Wilpert und des frühchristlichen Märtyrers Valerian.
Aus Pietätsgründen wickelt man die heiligen Häupter in ein Tuch und präsentiert sie dann in einer großen Vitrine den Besuchern aus nah und fern.

3. Die „Heiligen Drei Könige“ in Köln
Der Kölner Dom als Ganzes ist quasi um den Schrein der drei biblischen Sterndeuter herumgebaut. Historisch gesehen gibt es zwar keinerlei Beleg für deren Existenz, und schon gar nicht natürlich für ihre Reise nach Köln.
Trotzdem liegen in Köln in einem pompösen Schrein („Dreikönigenschrein“) deren angebliche sterbliche Überreste.
Der Schrein ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten im Kölner Dom; er ist zweigeschossig und wurde zwischen 1190 und 1225 gefertigt. Zuletzt geöffnet wurde er 1864. Das Ding ist über einen Meter breit, 1,53 Meter hoch und 2,20 Meter lang. Das Gewicht von Eichenholz, Gold, vergoldetem Silber und Kupfer summiert sich auf über eine halbe Tonne.

Man betet hier im Grunde drei anonyme Skelette an, die Friedrich Barbarossa als Kriegsbeute aus Mailand mitschleppte. Ein großartiges Marketingkonzept für den Kölner Tourismus und während des mittelalterlichen Reliquienwahns sicher lohnend für die Stadtkasse, aber wissenschaftlich wertlos.

4. Die Blutreliquie von Weingarten: Jesu Blut
In der Basilika Weingarten wird ein Tropfen des Blutes Christi verehrt, vermischt mit Erde von Golgatha. Jedes Jahr findet zu seinen Ehren der „Blutritt“ statt, die größte Reiterprozession Europas.

Rund 2.000 Pferde und Reiter huldigen einem antiken Reagenzglas – dem antiken Anlass entsprechend in Frack und Zylinder. Dass die Überlieferungsgeschichte des angeblich 2.000 Jahre alten Blutes die Provenienz über den Legionär Longinus, der Jesus angeblich mit seiner Lanze am Kreuz durchbohrte, gar nicht hergibt, ist egal.
Schließlich müssen die Reliquien, die die Historizität des ganzen katholischen Glaubenssystems stützen sollen, gar nicht historisch sein. Klingt komisch, ist aber so – siehe dazu weiter unten den Teil mit den Heiligen Windeln.
5. Jesu Vorhaut
Als Jude wurde Jesus laut Lukas beschnitten. Die Vorhaut ist also abgetrennt worden und ist wohl auch nicht mit in den Himmel aufgefahren – so das Kalkül findiger Kleriker, die diese wertvolle Reliquie flugs zur Verfügung stellten – und das nicht nur einmal.
Denn plötzlich tauchten im Mittelalter an verschiedenen Stellen heilige Vorhäute auf. Verschiedene Kirchen beanspruchten Besitzrechte, darunter in Frankreich und Italien. Deutschland war bei der Vorhaut-Konkurrenz mit Hildesheim vertreten.

Am bekanntesten wurde schließlich aber das Exemplar in der italienischen Stadt Calcata.
Die Provenienz (Herkunft) der Vorhäute ist historisch nicht nachvollziehbar; sie beruht meist auf spätmittelalterlichen Legenden, die das Objekt mit Karl dem Großen oder byzantinischen Reliquiensammlungen verbinden.
Mehr als ein Dutzend der sogenannten „Präputien“ war einst bekannt. Seltsamerweise will die Kirche davon heute nichts mehr davon wissen.
1900 erließ der Vatikan ein Dekret, das es verbot, öffentlich über diese spezifische Reliquie zu sprechen, und drohte bei Zuwiderhandlung mit Exkommunikation. Dies führte dazu, dass die einst zahlreichen Vorhaut-Reliquien auf nebulöse Weise im Dunst der Geschichte verschwanden. Besichtigen kann man heute jedenfalls keine mehr.
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6. Jesu Nabel: Sanctus Umbilicus
Es gibt Überlieferungen über die Verehrung der Heiligen Nabelschnur (Santa Umbelico; „Sanctus Umbilicus“ = Heiliger Nabel). Sie wurde historisch an mehreren Orten beansprucht, am bekanntesten in der Kirche San Giovanni in Laterano in Rom sowie in Châlons-en-Champagne in Frankreich.
In Deutschland nicht, aber der Nabel ist einfach zu skurril, um ihn nicht zu erwähnen.
Die Vorstellung dahinter ist simpel: Wenn Jesus als Mensch geboren wurde, muss es auch eine Nabelschnur gegeben haben, deren Überrest als Reliquie existieren könne. In verschiedenen mittelalterlichen Kirchen Europas wurden daher Objekte als „heiliger Nabel“ oder als Teil der Nabelschnur Christi verehrt.
Wie bei vielen Reliquien dieser Art fehlen jedoch zeitgenössische Quellen völlig; die Überlieferung beginnt meist erst im Hochmittelalter, also mehr als tausend Jahre nach der Geburt Jesu. Mit dem Niedergang der Reliquienfrömmigkeit verschwanden diese Objekte weitgehend aus der öffentlichen Verehrung, und ihr heutiger Verbleib ist oft unklar.

9 skurrile Reliquien, Teil 2: Verehrte Fetzen
Die Textilindustrie des antiken Palästinas muss gigantisch gewesen sein, wenn man bedenkt, wie viele Stofffetzen heute in den Schatzkammern diverser Dome, Kathedralen und Kirchen Wunder wirken sollen. Laut katholischer Überlieferung gibt es nämlich eine ganze Menge Stoff – im wahrsten Sinne des Wortes –, der verehrungswürdig scheint.
Ganz vorne dabei sind natürlich die sogenannten Herrenreliquien – also solche, die der angebliche Jesus angeblich selbst getragen hat. Unterhalb dieses „obersten Regals“ der katholischen Herrenausstatter gibt es noch eine ganze Menge anderer anbetungswürdiger Fetzen: Das Kleid der „heiligen Mutter“ Maria und diverse andere Klamotten diverser anderer Heiliger. Beginnen wir aber mit den Anziehsachen vom Oberboss.
7. Die Heiligen Windeln von Aachen
Im Aachener Dom werden tatsächlich die „Windeln Jesu“ aufbewahrt. Nicht nur das: Alle sieben Jahre werden sie bei der Aachener Heiligtumsfahrt präsentiert.
Es handelt sich um einen dicken, dicht gewalkten, braunen Stoff, der filzartig wirkt und ca. 68 cm hoch sowie 94 cm breit ist. Es heißt, die Windel sei aus der Fußbekleidung des heiligen Josef gefertigt worden, was auf die Armut Jesu bei der Geburt hindeuten soll. Der Tradition der Armut folgend, wird die Heilige Windel in einem zentnerschweren goldenen „Marienschrein“ aufbewahrt, der mit über 1.000 Edelsteinen besetzt ist.

Wissenschaftlich untersucht wurde der Windelstoff bereits (Quelle: Monica Paredis-Vroon: Stoffwechsel. Die vier Aachener Heiligtümer aus textilrestauratorischer Sicht). Er ist aus spätantiker Wolle. Die Reliquie stammt demnach aus der Zeit zwischen dem 5. und der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Jesus kann die also nie getragen haben.
„Echtheit nicht im Vordergrund“
Man könnte das Alter mit der Radiokarbondatierung natürlich ziemlich genau feststellen. Das hingegen will die Kirche bzw. das Bistum Aachen nicht mit der fadenscheinigen Begründung, man wolle die Objekte nicht beschädigen. Fadenscheinig im wahrsten Sinne: Denn die heutzutage fast ausschließlich eingesetzte Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) kommt mit sehr kleinen Probenmengen aus; wir reden hier von einem einzelnen Faden von ca. 2 cm Länge für eine belastbare Datierung.
Ist aber eh egal, denn laut Bistum kommt es auf die Echtheit der Windel gar nicht an, sondern nur auf die Symbolik! Denn „Sinn der Verehrung“, so die katholisch leider vollkommen verbrämte Wikipedia-Seite zur Aachener Heiligtumsfahrt, sei „der symbolische Gehalt und Verweis auf die biblischen Erzählungen durch die Tuchreliquien als haptischer Bezugs- und Orientierungspunkt für den Gläubigen“.
Ist es Betrug?
Das Bistum Aachen steht auf dem Standpunkt, dass es auf die Echtheit überhaupt nicht ankomme, sondern auf die Heiligkeit. Aber wie können die Tücher heilig sein, wenn sie nicht echt sind? Denn als Berührungsreliquien wären sie nur dann heilig und wundertätig, wenn sie körperlichen Kontakt hatten zu ihren heiligen Besitzern. Aber dieser körperliche Kontakt kann nicht stattgefunden haben.
Die Kollegen von awq.de wittern hinter den irreführenden Bezeichnungen der Reliquien Betrug
Ich überlasse euch die Entscheidung, was lachhafter ist; die Reliquie selbst, die Begründung des Bistums oder aber die Vorstellung, dass Gläubige vor einer antiken Baby-Unterhose in die Knie gehen.
In jeder Hinsicht ist die Windel die Krönung der Infantilisierung. Ein Paradebeispiel für den Fetischcharakter religiöser Devotionalien.
8. Der Heilige Rock zu Trier
In Trier behauptet man, das ungenähte Gewand Christi zu besitzen. Die angebliche Tunika Jesu ist die bekannteste Reliquie dieser Art. Aufbewahrt wird sie im Trierer Dom. Der Überlieferung zufolge wurde er von der heiligen Helena der Trierer Kirche geschenkt.

Erwähnt wurde der „Rock“ erstmals 1196 – seltsam, wie die ganzen Reliquien immer so plötzlich im Mittelalter auftauchten.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Rock so oft mit anderen Stoffen „verstärkt“ und restauriert, dass vom Original – so es denn je existierte – nichts mehr übrig sein kann. Es ist ein textiles Schiff des Theseus: Wenn man alles austauscht, bleibt nur noch die Einbildung der Gläubigen übrig.
9. Goldverbrämte Jesuslatschen aus dem Hochmittelalter in Prüm
Nein, die sind nicht von Birkenstock: Wenn man aber bedenkt, dass der Wanderprediger aus Nazareth vermutlich barfuß oder in einfachen Lederschlappen durch den galiläischen Staub schlurfte, ist es schon ein beachtliches Stück mittelalterlicher Marketing-Kunst, dass die „Heiligen Sandalen“ Christi heute in der Abtei Prüm lagern.
Diese prunkvoll verzierten Pantoffeln, die eher nach päpstlichem Pomp als nach asketischer Genügsamkeit aussehen, sind das Paradebeispiel für den Reliquien-Fetischismus der katholischen Kirche.
Wissenschaftlich betrachtet haben wir es hier mit einem faszinierenden Textil-Puzzle zu tun, bei dem antike Stoffreste irgendwann im 8. Jahrhundert in einen prestigeträchtigen Goldrahmen gepresst wurden, um die politische Macht der Karolinger göttlich zu legitimieren.

Dass gläubige Pilger bis heute vor diesem frühmittelalterlichen Schuhwerk niederknien, beweist vor allem eines: Die Sehnsucht nach einer greifbaren Wahrheit ist so groß, dass man sogar bereit ist, einem Paar alter Socken (oder deren Äquivalent) göttliche Kräfte zuzuschreiben, solange die Verpackung nur genug glitzert.
Psychologische Motive der Reliquienverehrung
Diese Beispiele zeigen: Die Grenze zwischen Pietät und Pathologie ist fließend. Wer Windeln anbetet oder anonyme Knochen in Gold fasst, hat den Boden der Vernunft endgültig verlassen.

Aber woher kommt eigentlich die Faszination der katholischen Kirche für Reliquien, Knochen und den Tod? Ist dies der Versuch, eine Brücke zwischen dem abstrakten Göttlichen und der menschlichen Sterblichkeit zu schlagen? Ist es schlicht die Angst vor dem Tod? Der eigenen Endlichkeit?
Reliquien dienen einerseits als angebliche Kondensationspunkte des Übernatürlichen: Anstatt der bloßen abstrakten Erzählung angeblicher göttlicher machen Reliquien die Glaubenskonstrukte durch materielle Objekte fassbar. Sie sind greifbare Erinnerungsstücke an Menschen, die Gott angeblich besonders nahe waren.
Die Psychologie hinter der Reliquienverehrung offenbart einen tief sitzenden, fast schon rührenden menschlichen Defekt: die Unfähigkeit, mit der Endgültigkeit des Todes und der Abstraktion des Nichts umzugehen.
Magisches Denken mit Übergangsobjekten
Wir haben es hier mit einer klassischen Form des magischen Denkens zu tun, bei der die physikalische Berührung eines Objekts – sei es ein Knochensplitter oder ein Textilrest – eine metaphysische Leitung zum „Jenseits“ suggerieren soll.
Psychologisch betrachtet fungieren Reliquien als Übergangsobjekte, ähnlich dem Kuscheltier eines Kleinkindes, die dem Gläubigen in einer chaotischen Welt Sicherheit vorgaukeln.
Durch die räumliche Nähe zu diesen Überresten wird die kognitive Dissonanz zwischen wissenschaftlicher Evidenz und religiösem Wunschdenken kurzzeitig überbrückt.

Es ist die pure Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, die Menschen dazu bringt, in verrottendem Gewebe eine göttliche Aura zu halluzinieren, anstatt die banale biologische Realität zu akzeptieren: Dass ein Schuh eben nur ein Schuh ist, egal wie viel Weihrauch man darüber schwenkt.
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