Flaggellum eines Bakteriums als Beispiel für irreduzible Komplexität

Irreduzible Komplexität: kreationistisches Rückzugsgefecht

„Lebewesen sind so komplex, dass man sie nur mit göttlicher Schöpfung erklären kann.“ Die sogenannte irreduzible Komplexität ist einer dieser Mythen, die einfach nicht totzukriegen sind.

Kreationistische Kosmologien sind scheinbar besonders überzeugend, wenn man sie in ein schickes, pseudowissenschaftliches Gewand hüllt. 

Das kennen wir nicht nur von Argumenten des Theismus, sondern auch aus der Esoterik. Hauptsache, man sagt irgendwas mit Quanten, Energie und Niveau. Weil: Dann ist es Wissenschaft – oder klingt zumindest danach, was aber vielen schon zu genügen scheint. 

atheistisches Meme
„Irgendwas mit Energie und Quanten“

Die „irreduzible Komplexität“ ist das Lieblingsspielzeug der Intelligent-Design-Anhänger. Es klingt nach Hochtechnologie, nach tiefer Einsicht und nach einer unüberwindbaren Hürde für Charles Darwin. 

Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Konzept als etwas ganz anderes: als logischer Fehlschluss, der das eigene Unverständnis zur universellen Barriere erklärt.


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Was ist irreduzible Komplexität und warum nutzen Kreationisten diesen Begriff?

Der Begriff der irreduziblen Komplexität (oft auch „nichtreduzierbare Komplexität“) wurde maßgeblich von Michael Behe geprägt, einem Biochemiker, der offensichtlich beschlossen hat, dass das „Buch der Natur“ von einem himmlischen Ghostwriter verfasst worden sein muss. 

Wie ist irreduzible Komplexität definiert?

Die Kernidee: Ein System ist irreduzibel komplex, wenn es aus mehreren aufeinander abgestimmten Teilen besteht, die alle zusammenwirken müssen, damit das System überhaupt funktioniert. Nimmt man ein Teil weg, ist das Ganze wertlos.

Behe definiert dementsprechend: 

(…) ein einzelnes System, das aus mehreren zusammenpassenden und zusammenwirkenden Teilen besteht, die zur Grundfunktion beitragen, wobei das Entfernen irgendeines der Teile bewirkt, dass das System effektiv zu funktionieren aufhört.

Michael Behe und Intelligent Design in den USA 

Behe ist Jahrgang 1952 und lehrt Biochemie an der US-amerikanischen Lehigh University (Bethlehem, Pennsylvania). Behe hielt zunächst die Evolutionstheorie für überzeugend, las dann aber das Buch „Evolution: A Theory In Crisis“ von Michael Denton. 

Fotografie von Michael J. Behe, 2008
Michael Behe während eines Vortrags 2008 (Quelle: Wikicommons/G. Ambrus), Foto von Bryan Matluk

Davon ausgehend, begann er, die Evolution in Frage zu stellen. 1996 veröffentlichte er „Darwin’s Black Box“. In diesem Buch entwickelte er das Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität, als deren einzige Alternative er einen intelligenten übernatürlichen Schöpfer sah. Mittlerweile ist Behe Mitglied des „Discovery Institutes“, eines fundamental-christlichen Think-Tanks in Seattle. 

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Das Institut gilt als Zentrum des Intelligent-Design-Ansatzes und engagiert sich politisch für dessen Darstellung in schulischen Lehrplänen als gleichberechtigte Alternative („equal Time“/„teach the Controversy“) zum wissenschaftlich außerordentlich gut belegten Hypothese der natürlichen Selektion.

Beispiele für Nichtreduzierbarkeit: Die berühmte Mausefalle als Analogie

Behes populärstes Beispiel ist die klassische Mausefalle. Sie besteht aus einer Grundplatte, einer Feder, einem Haltebügel und so weiter. Fehlt auch nur ein Element, fängt man keine Maus, weil der Mechanismus nicht funktioniert – die Falle ist „irreduzibel“. 

Die Kreationisten übertragen dieses Bild auf biologische „Wunderwerke“ wie das Flagellum (den „Außenbordmotor“ mancher Bakterien) oder die Blutgerinnungskaskade. 

Schema eines Flagellums
Schema eines bakteriellen Flagellums

Die Botschaft ist simpel: „Das kann sich nicht schrittweise entwickelt haben, also muss es ein Designer gebaut haben.“ Ein klassischer Fall vom „Gott der Lücken“, verpackt in biochemischen Jargon.

Warum klingt das Argument für Laien so überzeugend?

Das Argument spielt geschickt mit unserer Intuition. Wir Menschen bauen Dinge – Autos, Computer, Uhren. Diese funktionieren nur, wenn sie fertig sind. Es fällt uns schwer, uns organische Prozesse vorzustellen, in denen Teile über Jahrmillionen hinweg ihre Funktion ändern oder „Gerüste“ wegfallen, die während des Baus nötig waren. 

Die „irreduzible Komplexität“ bietet eine bequeme Abkürzung: Wer keine Lust auf komplexe Evolutionsbiologie hat, flüchtet sich in die scheinbare Logik der Unmöglichkeit.

Das Argument kommt insbesondere in christlich-konservativen Kreisen gut an: Diese sind von der Richtigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte überzeugt, manche sogar im Literalsinn („Junge-Erde-Kreationismus“). 

Da ist jedes bisschen Lack, dass man von der Evolutionstheorie angeblich abkratzen kann, herzlich willkommen. Das grundlegende Argument ist hier auf ein „Argumentum ad ignorantiam“: 

  1. Ich kann mir nicht vorstellen, wie System X schrittweise entstanden sein könnte.
  2. Also ist System X nicht schrittweise entstanden.
  3. Also muss es einen Designer geben.

Dieser Sprung von „wir wissen es (noch) nicht“ zu „es ist unmöglich, deshalb Gott“ ist logisch unzulässig. Nur weil ein Pfad derzeit nicht vollständig rekonstruiert werden kann, bedeutet das nicht, dass kein Pfad existiert oder dass postulierte übernatürliche Wesenheiten deswegen plausibler werden.

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Die wissenschaftliche Antwort: Wie entstehen komplexe biologische Systeme?

Die Evolutionsbiologie hat längst geliefert, was die Skeptiker vermissen: Erklärungsmodelle, die ohne einen übernatürlichen Uhrmacher auskommen. Das Zauberwort heißt nicht „Wunder“, sondern Variation, Selektion und Zeit. 

Was heute wie ein perfekt abgestimmtes Uhrwerk aussieht, war gestern vielleicht noch eine simple Schaufel – oder etwas völlig anderes.

Auch ein „halbes“ Auge sieht mehr als gar kein Auge

Besonders gerne wird das Beispiel des Auges genommen, um die Evolution zu widerlegen. Immerhin hatte auch Darwin selbst dieses Beispiel angeführt und dazu geschrieben, es erscheine „im höchsten Maße absurd“ anzunehmen, „dass das Auge mit all seinen unnachahmlichen Vorrichtungen zur Fokussierung auf unterschiedliche Entfernungen, zur Regulierung des Lichteinfalls und zur Korrektur sphärischer und chromatischer Aberrationen durch natürliche Selektion entstanden sein könnte“. 

Es erscheint aber nur absurd, wenn man annimmt, dass alles auf einmal entstanden ist. In einer evolutionären Schrittfolge gedacht, klappt das prima.

Es lassen sich nämlich Evolutionsstufen des Auges nachweisen, die zwar nicht die High-Tech-Funktionalität eines voll ausgebildeten komplexen Linsenauges wie des menschlichen besitzen. Trotzdem erkennt man auch mit den Vorstufen des Auges mehr, als wenn man gar keines hätte. Und diese Stufen werden allmählich verfeinert, ausgebaut und angereichert. 

Intelligent Design Auge
Das Bild fasst die Evolutionsschritte des Auges noch einmal zusammen. Alle Zwischenschritte können in der Natur gefunden werden und stellen eine graduelle Verbesserung des vorherigen dar:
a) Nervenschicht unterscheidet hell-dunkel
b) Einbuchtung erlaubt Richtungsbestimmung des Lichteinfalls
c) Lochkamera-Prinzip
d) Einfache Linse
e) Komplexe Linse

Evolutionsbiologe Richard Dawkins erklärt dies sehr anschaulich im folgenden Video: Anfangs gibt es nur eine Schicht lichtempfindlicher Zellen, die hell und dunkel unterscheiden können. Wird diese Schicht nach innen gewölbt, lässt sich bereits die Richtung des Helligkeitswechsels berechnen

Exaptation: Wenn Bauteile im Laufe der Zeit ihren Job wechseln

Einer der größten Fehler der Intelligent-Design-Fraktion ist die Annahme, dass ein Bauteil schon immer für seinen jetzigen Zweck da gewesen sein muss. Die Wissenschaft nennt den Gegenbeweis Exaptation.

Exaptation ist eine Form der „Zweckentfremdung“, bei der Eigenschaften, die zufällig oder für einen anderen Zweck entstanden sind, unter veränderten Bedingungen einen Überlebensvorteil bieten. Der Begriff stammt von Stephen Jay Gould und E. S. Vebra.

Stephen Jay Gould - Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt
Stephen Jay Gould (1941–2002) war Professor in Harvard und lehrte Geologie, Biologie und Wissenschaftsgeschichte (Anzeige)

Federn zum Beispiel wurden ursprünglich für die Thermoregulation entwickelt, später dann für den Flug exaptiert.

Lungen entwickelten sich vermutlich aus Schwimmblasen bei Fischen, die ursprünglich zur Auftriebsregulierung dienten.

Ein Protein, das heute in einer komplexen Kette für die Blutgerinnung sorgt, hatte vor Millionen von Jahren vielleicht eine ganz andere Aufgabe im Verdauungstrakt. 

Die Evolution ist kein Ingenieur, der am Reißbrett plant, sondern ein Bastler, der nimmt, was gerade da ist, und es umfunktioniert. Selbst die berühmte Mausefalle von Behe lässt sich zerlegen: Ohne Feder ist sie immer noch ein exzellenter Krawattenhalter.

Der schrittweise Weg vom „Einfachen“ zum „Unverzichtbaren“ und das „Scaffolding“-Prinzip

Ein weiterer Denkfehler ist die Ignoranz gegenüber „Gerüststrukturen“. Stellen Sie sich einen steinernen Torbogen vor. Er steht von selbst, aber nur, wenn der Schlussstein sitzt. Nimmt man ihn weg, stürzt alles ein – irreduzibel? 

Nein. Während des Baus wurde ein Holzgerüst (engl. Gerüst = Scaffold) verwendet, das den Bogen stützte, bis er stabil war. In der Biologie können Proteine oder Gensequenzen Funktionen stützen, die später durch Mutationen redundant werden und verschwinden. 

Übrig bleibt ein System, das so aussieht, als könne es ohne alle seine Teile nicht existieren – ein fossiler Abdruck eines ehemals noch komplexeren Prozesses.

Warum ist die irreduzible Komplexität keine echte Wissenschaft?

In der Wissenschaft gilt: Eine Theorie muss falsifizierbar sein und Vorhersagen treffen können. Die „irreduzible Komplexität“ tut nichts dergleichen. Sie ist eine reine Negativ-Behauptung. Sie sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das passiert ist, also war es ein Geist.“

Das ist kein Forschungsansatz, sondern schlicht ein falsche Dichotomie und letztendlich die intellektuelle Kapitulation zugunsten eines Mythos aus der Eisenzeit.

Bibel_Mythen-Wissenschaft
Die Bibel steckt voller krudem Unsinn über Entstehung und Beschaffenheit der Welt und des Kosmos

Warum schließen wissenschaftlich ausgebildete Leute wie Behe von der Komplexität auf Gott?

Bei Behe liegt kein Mangel an fachlichem Wissen vor, sondern eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte epistemologische (erkenntnistheoretische) Deutung. Damit steht er auch nicht alleine da – es gibt einige Wissenschaftler, die dasselbe tun.

Wenn sie hochkomplexe molekulare Maschinen wie die ATP-Synthase betrachten, sehen sie nicht nur ein Ergebnis von Selektion, sondern ein funktionales Design.

Abduktion

In ihrer Logik weist „Design“ zwingend auf einen „Designer“ hin. Sie wenden das Prinzip der Abduktion an (Schluss auf die beste Erklärung): Wenn es wie eine Maschine aussieht und wie eine Maschine funktioniert, muss es wie eine Maschine geplant worden sein.

Kritik am methodologischer Naturalismus

Methodologischer Naturalismus ist die Arbeitsregel der modernen Wissenschaft. Sie besagt, nur nach materiellen Ursachen zu suchen. Andere Ursachen spielen keine Rolle, weil sie nicht messbar sind.

Behe und andere kritisieren, dass der methodologische Naturalismus damit eine künstliche Grenze ziehe. Sie argumentieren, dass die Wissenschaft „blind“ für die Wahrheit werde, wenn die Wahrheit außerhalb der Materie liege. Für sie ist der Schluss auf einen Schöpfer eine logische Erweiterung der Daten, sobald die materiellen Erklärungen (ihrer Meinung nach) nicht mehr ausreichen. Wir kennen das schon vom Fine-Tuning-Argument.

Auf diese Kritik am methodologischer Naturalismus gibt es einige gute Erwiderungen.

  • Problem der Testbarkeit (Falsifizierbarkeit)
    Wissenschaft basiert darauf, dass Hypothesen durch Experimente oder Beobachtungen widerlegt werden können. Eine übernatürliche Ursache entzieht sich per Definition jeder Messung und Prüfung. Damit endet die Suche nach Ursachen.
  • Beliebigkeit des Übernatürlichen
    Warum der christliche Gott Jahwe? Warum nicht Ahira Mazda oder Odin? Warum nicht eine Simulation? Warum nicht zeitreisende Biochemiker aus der Zukunft? Oder Aliens? Ohne die Beschränkung auf materielle Beweisketten wird Wissenschaft zu beliebiger Metaphysik.
  • Unabhängigkeit von Weltanschauungen
    Der methodologische Naturalismus ist die einzige Basis, auf der Menschen unterschiedlichster Kulturen und Religionen gemeinsam forschen können. Würde man „Design“ zulassen, müsste man klären, wessen theologische Interpretation in die Forschung einfließt.
  • Erfolgsbilanz: „It works, Bitches!“
    Man kann pragmatisch argumentieren: Der methodologische Naturalismus funktioniert schlichtweg am besten. Jedes Mal, wenn ein Rätsel der Natur gelöst wurde, war die Antwort naturalistisch, niemals übernatürlich. Es gibt keinen einzigen Fall, in dem eine wissenschaftliche Erklärung durch eine übernatürliche ersetzt werden musste, weil letztere mehr Vorhersagekraft besaß.

Das Problem mit der Beweislast und dem „Gott der Lücken“

Wer behauptet, ein übernatürlicher Designer habe die Hand im Spiel, trägt die Beweislast. Doch anstatt Beweise für diesen Designer zu liefern, versuchen Kreationisten lediglich, vermeintliche Löcher in der Evolutionstheorie zu finden. 

Jedes Mal, wenn die Wissenschaft eine dieser Lücken schließt – wie etwa beim Flagellum, dessen Vorstufen als Injektionsapparate für Gifte identifiziert wurden –, ziehen die Designer-Fans weiter zur nächsten Lücke.

Ihr „Gott“ wird mit jedem wissenschaftlichen Fortschritt kleiner und findet nur noch Platz in den Lücken, die durch wissenschaftliche Erkenntnisse (noch) nicht ausgefüllt sind..

„Gott ist eine stetig schrumpfende Nische der Unwissenheit im wissenschaftlichen Forschungsstand.“

Neil deGrasse Tyson

Warum „Intelligent Design“ in der Schule nichts zu suchen hat

Hinter der Fassade der „irreduziblen Komplexität“ verbirgt sich ein religiöses Motiv und eine politische Agenda. Es geht nicht um Erkenntnisgewinn, sondern um Ideologie. In einem modernen Biologieunterricht sollte es um Fakten, Evidenz und die Methode des kritischen Hinterfragens gehen. 

Wer Pseudowissenschaft wie Intelligent Design als gleichwertige Alternative zur Evolutionstheorie verkauft, begeht einen pädagogischen Offenbarungseid. Wir lehren in Erdkunde ja auch nicht die „Flache Erde“, nur weil manche Leute Probleme mit der Gravitation haben.

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