Last Thursdayism ist die Vorstellung, dass das gesamte Universum – einschließlich aller Erinnerungen, historischen Spuren und persönlichen Erfahrungen – erst am vergangenen Donnerstag (engl.: Last Thursday) erschaffen wurde.
Alles, was älter scheint, wurde mitsamt seinen Anzeichen lediglich so gestaltet, dass es alt wirkt: Fossilien, Geschichtsbücher, Familienfotos und sogar deine Zahnschmerzen von letztem Montag.
Diese absurde Idee ist natürlich kein ernsthafter Glaubenssatz, sondern ein Gedankenexperiment, das die Grenzen zwischen Wissen, Glaube und Erinnerung ins Lächerliche zieht – und genau deshalb so aufschlussreich ist.

Herkunft und Ursprung der Idee des „Letzten Donnerstags“
Der Begriff „Last Thursdayism“ ist eng mit satirischen Religionskritiken wie dem „Fliegenden Spaghettimonster“ oder der „Unsichtbaren Rosa Einhorn“ verwandt.
Er greift auf ältere erkenntnistheoretische Überlegungen zurück, etwa die von Bertrand Russell formulierte Hypothese, dass die Welt auch vor fünf Minuten entstanden sein könnte – komplett mit eingebauten Erinnerungen.
„Es besteht keine logische Unmöglichkeit in der Hypothese, dass die Welt vor fünf Minuten plötzlich zu existieren begann, genau wie sie in dem Augenblick war, mit einer Bevölkerung, die sich an eine völlig irreale Vergangenheit ‚erinnerte‘.“
Bertrand Russell, Die Analyse des Geistes

Last Thursdayism spielt diese Idee ironisch durch und benennt einfach den letzten Donnerstag als Erschaffungszeitpunkt. Damit wird ein Punkt verdeutlicht: Jede Behauptung über die Vergangenheit lässt sich nicht endgültig beweisen – sie bleibt immer ein Akt des Vertrauens auf unsere Sinne, unser Gedächtnis und unsere kollektiven Erzählungen.
Die Philosophie dahinter: Skeptizismus und Erkenntnistheorie
Hinter dem absurden Witz steckt ein ernsthafter philosophischer Kern: radikaler Skeptizismus.
Die erkenntnistheoretische Frage lautet: Woher wissen wir eigentlich, dass die Welt älter ist als eine Woche?
Unsere gesamte Wahrnehmung basiert auf mentalen Konstruktionen – Erinnerungen, Zeugenaussagen, Spuren. Doch was, wenn all diese Konstruktionen eingebaut sind?
Die Idee führt uns vor Augen, dass unser Wissen über die Welt letztlich auf nicht verifizierbaren Prämissen ruht. Last Thursdayism ist daher nicht nur Unsinn, sondern eine intellektuelle Provokation, die zeigt, wie dünn das Eis unter unseren vermeintlich sicheren Erkenntnissen sein kann.
Die Omphalos-These von 1857 und ihr Zusammenhang mit Last Thursdayism
Ein historischer Vorläufer von Last Thursdayism findet sich in der sogenannten Omphalos-Hypothese, benannt nach dem gleichnamigen Buch des Naturforschers Philip Henry Gosse aus dem Jahr 1857.

Gosse versuchte darin, den biblischen Schöpfungsmythos mit den damals aufkommenden Erkenntnissen der Geologie und Paläontologie zu versöhnen. Seine Lösung: Gott habe die Welt mit einer eingebauten Vergangenheit erschaffen – inklusive Baumringe, Fossilien und Lichtstrahlen, die gerade erst von fernen Sternen auf die Erde trafen.
Der Name „Omphalos“ (griechisch für „Nabel“) spielt auf die Frage an, ob Adam einen Bauchnabel hatte – obwohl er ja keinen natürlichen Ursprung hatte.
Gosse behauptete also, dass Gott die Welt mit Spuren versehen habe, die auf eine nicht existierende Geschichte hinweisen. Diese absurde Form von göttlicher Täuschung ist geistiger Vorläufer des Last Thursdayism – nur dass letzterer als Spaßreligion die Idee von Schöpfung und göttlicher Absicht durch ein philosophisches Gedankenexperiment und ein gesundes Maß an Satire ersetzt.
Beide Modelle entziehen sich konsequent der Falsifikation – und demonstrieren gerade dadurch, wie gefährlich es ist, Logik und Evidenz durch metaphysische Fantasie zu ersetzen. Wer glaubt, die Welt sei letzten Donnerstag erschaffen worden, hat philosophisch denselben Boden unter den Füßen wie jemand, der die Erde für 6000 Jahre alt hält – nämlich keinen.
Warum Last Thursdayism nicht widerlegbar ist
Genau darin liegt die Stärke – und die Parodie – dieser Idee: Sie ist vollkommen unfalsifizierbar.
Jeder Versuch, sie zu widerlegen, wird durch sie selbst vereitelt.
- Alte Knochen im Boden? Wurden letzten Donnerstag dort platziert.
- Erinnerungen an deine Kindheit? Eingepflanzt.
- Wissenschaftliche Erkenntnisse? Ebenfalls erschaffen – mitsamt Peer-Review.
In ihrer radikalen Konsequenz ist diese Hypothese genauso immun gegen Beweisführung wie viele religiöse Weltanschauungen. Und das ist kein Zufall: Last Thursdayism demonstriert auf überzeichnete Weise, wie leicht sich ein Weltbild gegen jede Kritik abschotten lässt – wenn man die Regeln der Logik und Empirie einfach außer Kraft setzt.
Satire oder ernst gemeint? Die absurde Grenze des Denkbaren
Natürlich ist Last Thursdayism als Satire gedacht – und doch kratzt es an einer tiefen Grenze. Denn wie unterscheidet sich diese absurde Idee eigentlich logisch von anderen religiösen Weltbildern, die auf Offenbarung, unüberprüfbaren Behauptungen oder göttlicher Eingebung beruhen?
Der Unterschied ist weniger methodisch als emotional. Während religiöse Gläubige mit existenzieller Überzeugung an ihre Geschichten glauben, führt Last Thursdayism diese Erzählmechanik ad absurdum.
Die Hypothese lädt dazu ein, nicht nur zu lachen, sondern zu reflektieren: Wo beginnt eigentlich der Unterschied zwischen Glaube und Wahn, zwischen ernst gemeint und bloß behauptet?
Was uns Last Thursdayism über Glauben und Wissen lehrt
Last Thursdayism ist ein Spottspiegel – eine absurde Idee, die genau deshalb entlarvend wirkt. Sie zeigt, wie leicht man ein vollständiges Weltbild bauen kann, das sich gegen jede Kritik immunisiert – wenn man nur konsequent genug alles anzweifelt oder alles behauptet. Der Witz wird zum Werkzeug der Erkenntniskritik.

Wer über Last Thursdayism lacht, erkennt vielleicht, wie nahe manche dogmatische Überzeugung dem philosophischen Nonsens kommt.
Und dass echter Skeptizismus nicht bedeutet, alles zu glauben – sondern alles zu hinterfragen, selbst die eigene Erinnerung. Vor allem, wenn sie vom letzten Donnerstag stammt.

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