Ist Religion wahnhaft?

Ist Religion kollektiver Wahn? Zur Psychopathologie des Glaubens

Diskutiert man als Atheist mit Gläubigen, kommt es schnell zu Irritationen. In der Regel geht es bei theologischen Diskussionen schnell ans Eingemachte – schließlich stehen ganze Weltbilder und Lebensentwürfe zur Debatte.

Menschen reagieren generell empfindlich, wenn man ihnen vorhält, sie würden ihr Leben vollkommen falsch ausrichten – was von beiden Seiten geschieht.

Die unterschiedlichen theologischen (oder atheistischen) Positionen werden also erwartbar mit einiger Vehemenz verteidigt. Religiöse Apologeten neigen hier zur besonderen Beharrlichkeit. Schließlich geht es ja auch um das (angenommene) Leben nach dem Tod und ihre (angenommene) unsterbliche Seele

Schnell wird aus dieser Beharrlichkeit allerdings eine dogmatische Starrheit, der kein adäquates Abbild der Wirklichkeit mehr zugrunde liegt. Dies geschieht etwa, wenn heilige Schriften wörtlich genommen werden, weil dies der dogmatischen Ausrichtung der jeweiligen Religionszugehörigkeit entspricht.

Beispiel: Jemand glaubt wirklich, es gäbe Dämonen, die unsichtbar zwischen uns weilen, in unser Leben eingreifen und mit Weihwasser bekämpft werden können. Erwachsene, die wirklich an den Weihnachtsmann oder wirklich an die Wandlung während der Transsubstantiation glauben.

Exorzismus Teufel
Dämonen: Eventuell ist dein Nachbar davon überzeugt, von solchen Wesen verfolgt zu werden

Spätestens dann kann man sich durchaus fragen, ob religiöse Weltauffassungen nicht grundsätzlich wahnhaft sind. 

Religion und Wahn – eine berechtigte Frage?

Darf man Religion als Wahn bezeichnen?

Diese Frage mag wie ein Fall für den Blasphemieparagrafen 166 wirken, ist aber aus erkenntnistheoretischer Sicht durchaus legitim – insbesondere dann, wenn religiöse Überzeugungen faktenresistent, irrational und immun gegen Kritik auftreten. 

Während Einzelpersonen für vergleichbare Denkstrukturen mit einer psychiatrischen Diagnose rechnen müssten, genießt Religion dafür nicht nur gesellschaftlichen Schutz, sondern wird dafür noch geradezu geschätzt. 

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Man hat fast den Eindruck, dass je abstruser und absurder die „Glaubenswahrheiten“ daherkommen und wie verrückter die kultischen Handlungen und Riten, umso mehr kulturelle Würdigung erfahren diese Sekten

Meme Religion Wahnsinn

Doch warum eigentlich? Woher die gesellschaftliche Akzeptanz des Fragwürdigen, des Unsichtbaren, der grundlosen Überzeugung?

Was ist ein Wahn – und worin unterscheidet er sich vom Glauben?

In der Psychiatrie ist ein Wahn definiert als eine unerschütterliche Überzeugung, die nicht der Realität entspricht, trotz gegenteiliger Beweise nicht aufgegeben wird und in der Regel nicht von anderen Menschen geteilt wird

Entscheidend ist: Der Wahn ist idiosynkratisch – also individuell, bizarr und sozial nicht anschlussfähig. Sobald jedoch Millionen Menschen an denselben Unsinn glauben, nennt man das Religion.

Der Unterschied liegt also nicht in der inhaltlichen Plausibilität, sondern im soziokulturellen Kontext. Oder polemisch gesagt: Der Wahn im Singular ist Psychose, im Plural ist er Religion.

Der Verrückte hört Stimmen – der Gläubige nennt sie Engel und kriegt Beifall dafür.

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Religion als kollektive Denkstörung?

Die Psychologie kennt viele kognitive Verzerrungen, die in religiösen Systemen systematisch verstärkt werden: Confirmation Bias, Immunisierung gegen Kritik, Autoritätsgläubigkeit, Dissonanzreduktion, magisches Denken

Diese Mechanismen sind nicht Ausdruck individueller Pathologie, sondern kulturell erlernt – oft bereits in der Kindheit, belohnt durch Gemeinschaft, Tradition und moralische Anerkennung.

Die Denkstruktur ist dabei häufig dieselbe wie bei pathologischen Wahnsystemen: Eine zentrale, unbeweisbare Annahme (z. B. „Gott existiert“, „Jesus ist auferstanden“) wird durch ein System von Erzählungen, Dogmen und Regeln stabilisiert.

Kritik wird abgewehrt, Zweifel als Schwäche oder Sünde gedeutet. Erkenntnis ist nicht das Ziel, sondern eine Bedrohung.

Freud, Dawkins & Co. – Wenn Religion zur Neurose wird

Schon Sigmund Freud bezeichnete 1927 in seiner Schrift „Die Zukunft der Illusion“ Religion als „kollektive Zwangsneurose“ und beschrieb religiöse Rituale als zwanghafte Handlungen, die Sicherheit durch Wiederholung suggerieren.

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„Die Zukunft der Illusion“ erschien 1927. Grundlage der Religion ist für Freud die menschliche Hilflosigkeit. Eine infantile Reaktion hierauf sei der Wunsch nach einem „schützenden Vater“. [Anzeige]

Richard Dawkins sprach vom „Virus des Glaubens“, einer memetischen Infektion, die nicht durch Wahrheit überlebt, sondern durch Reproduktionsfähigkeit – ähnlich wie ein Computervirus, der sich nicht durch Nützlichkeit, sondern durch Verbreitung legitimiert.

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Der Philosoph Karl Jaspers erkannte die Nähe zwischen Wahn und Religion ebenfalls, unterschied sie aber durch den Grad der sozialen Akzeptanz: Der Wahnhafte wird isoliert, der Gläubige integriert.

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Gesellschaftliche Isolation vs. Akzeptanz aufgrund von Wahnvorstellungen

Rational ist dieser Unterschied irrelevant – gesellschaftlich ist er entscheidend.

Beispiele für gegenteilige Evidenz – und wie sie ignoriert wird

Ein zentrales Merkmal wahnähnlichen Denkens ist die Resistenz gegenüber Fakten. Auch hier gibt es frappierende Parallelen zur Religion. Einige klassische Beispiele:

Die Schöpfung in sechs Tagen

Obwohl geologische, physikalische und biologische Befunde eindeutig belegen, dass die Erde über vier Milliarden Jahre alt ist, halten Kreationisten an einer wörtlichen Auslegung der Genesis fest.

Dass Licht von Milliarden Lichtjahren entfernten Galaxien unsere Augen erreicht, scheint kein Problem darzustellen – man erklärt es einfach mit „Gottes Wundern“.

Die Sintflut

Eine globale Flut, bei der alle Tiere gerettet werden – mit einer Arche, die alle Arten beherbergt und Koalas aus Australien importiert?

Die biologische und geologische Absurdität dieses Szenarios ist offensichtlich. Doch logisches Denken wird durch „Glauben“ ersetzt.

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Regenbogen laut Religion

Die Jungfrauengeburt

Eine Jungfrauengeburt ist biologisch unmöglich. Die Empfängnis und Geburt eines Kindes ohne Beteiligung eines Mannes (Parthenogenese) ist bei der Spezies Mensch weder plausibel noch dokumentiert. Es gibt entsprechend keine medizinisch anerkannten Fälle von Jungfrauengeburt. Die Jungfrauengeburt ist ein rein religiöses Konzept, das in der Wirklichkeit keinerlei Entsprechung hat.

Der zugrunde liegende Bibelvers wurde im Übrigen falsch übersetzt: „alma“ bedeutet im Hebräischen schlicht „junge Frau“, nicht „Jungfrau“. Doch die dogmatische Lehre steht – als wäre Biologie irrelevant.

Gebetswirksamkeit

Mehrere kontrollierte Studien zeigen, dass Gebete keinen messbaren Effekt auf Heilungsverläufe haben.

Das hindert Gläubige nicht daran, Gebete bei Genesungen als Ursache zu benennen – und ihr Ausbleiben bei Todesfällen als „unergründlichen Willen Gottes“ umzudeuten. Ein perfekter Zirkelschluss.

Die Auferstehung

Die biblischen Berichte über Jesu Auferstehung sind widersprüchlich, literarisch stilisiert und historisch unbelegt. Trotzdem wird dieses Ereignis zum Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens erhoben – völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass niemand je nach drei Tagen klinischem Tod wieder lebendig wurde.

Christi Himmelfahrt
„Trust me, Bro“: Ähnliches gilt auch für die sogenannte Himmelfahrt.

Fazit: Religion als sozialisierter Wahn?

Religion erfüllt aus Sicht der rationalen Kritik viele Kriterien eines Wahns: Sie basiert auf unbelegten Überzeugungen, immunisiert sich gegen Kritik, deutet gegenteilige Evidenz um oder ignoriert sie, und sie entzieht sich systematisch jeder Falsifikation. Der entscheidende Unterschied zur Psychose ist nicht die Denkstruktur, sondern die soziale Sanktionierung.

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So lässt sich provokant, aber treffend sagen: Religion ist eine kollektive Denkstörung mit kulturellem Gütesiegel. Nicht, weil sie wahr ist – sondern weil genug Menschen daran glauben. 

Voltaire brachte es auf den Punkt:

„Wahnsinn bei Einzelnen nennt man Irrsinn, bei Völkern nennt man ihn Religion.“

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Kommentare

2 Kommentare zu „Ist Religion kollektiver Wahn? Zur Psychopathologie des Glaubens“

  1. Hallo,
    als Kognitionspsychologe halte ich diesen Wahn für normal und natürlich primär sozial verankert, abgesehen von der medial-politischen Unterstützung durch eine medial-politische Elite, die Religion als Steuerungsinstrument der Massen betrachtet.

    Der Wahn ist kein Wahn im engen Sinne, weil irrationale Normalität. Sobald Sachverhalte eine gewisse Komplexitätschwelle überschreiten, treten beim Normalmenschen psychische Meinungsbildungsfaktoren die Überhand an. Das gilt auch für Wissenschaftler außerhalb ihres Fachgebietes. Lediglich freie und tolerante Diskussion verbunden mit der Fähigkeit, seine Meinung zu ändern, lässt psychische Meinungsbildungsfaktoren in den Hintergrund treten.

    Zu den psychischen Meinungsbildungsfaktoren gehören – ohne Anspruch auf Vollständigkeit
    – Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit im engen Sinn (Familie, Freunde) und im weiten Sinne (Anhängerschaft an Sportclubs, Religionsanhängerschaft)
    – Wunsch nach Bestätigung/Anerkennung
    – Wunsch übergeordneter Identität (Nationalismus, verblendeter Welthumanismus)
    – Wunsch nach Lebenssinn überlappt mit Wunsch nach übergeordneter Identität und Gruppenzugehörigkeit.
    – Wunsch nach materieller/körperlicher Sicherheit und subjektiv wahrgenommener kognitiver Beherrschbarkeit der Umgebung bzw. Unsicherheitsreduktion.

    Die kognitiven Wege zur Erlangung dieser Wünsche sind

    – Selektive Faktenwahrnehmung, ungeprüftes Glauben scheinbar bestätigender Fakten, ungeprüftes Ablehnen oder ignorieren widersprechender Fakten und logischer Zusammenhänge. Gezielte Suche nach bestätigenden (angeblichen)Fakten,
    – Feindbildbildung, wir die GUten, die Anderen die Schlechten bis hin zu massiver Vorurteilssbildung, Zweck ist die Aufwertung direkt der eigenen Person oder indirekt über die Gruppenzugehörigkeit durch Abwertung anderer Personen/Gruppen.
    – Meinungsbestätigung über (gegenseitige) soziale Bestätigung, statt über Fakten und logische Zusammenhänge. Es wird geglaubt, was der linke und rechte Nachbar auch glauben – völlig egal was für ein Schwachsinn das ist.

    Religion hat den Vorteil, praktisch alle genannten Bedürfnisse zu erfüllen bzw. es zumindestens zu versprechen, sie zu erfüllen, solange bis z.B. eine jahrelange Dürre den Lügencharakter dieser Versprechen offenbart.

    Diesem Wahn verfallen wir alle, in unterschiedlichem Ausmaße natürlich. Der eigene Fußballverein, die Nationalmannschaft oder auch nur die wahnsinnig besonderen eigenen Kinder. In diesen Fällen harmlos. Bei Ausländerhass aber nicht mehr harmlos, bei übertriebenem Nationlismus sicherlich nicht mehr harmlos, bei einem völlig verblendeten Welthumanismus äußerst gefährlich und bei Religionsfaschismus ala Iran oder Afghanistan extrem gefährlich.
    Wahn ist die Normalität, heutige Wissenschaft das genaue Gegenteil davon und zwar genau aus den genannten Gründen. Eine freie qualifizierte Presse, die sich nicht als Erziehungs-/Manipulationsmedium des Wahlvolkes versteht, wäre auch eine gute Gegenmaßnahme. Aber dieses Thema ist komplizierter und geht über das vorliegenden Thema hinaus.

    Wie schon erwähnt, nicht zu vergessen die Nutzung der Religion zur gesellschaftlichen Steuerung, wie aktuell vor allem in islamischen Staaten betrieben und natürlich jahrtausendelang auch vom Christentum.

    1. Lieber Hans Jürgen,

      vielen Dank für deinen ausführlichen und fundierten Kommentar – es freut mich sehr, hier eine Perspektive aus der Kognitionspsychologie zu lesen. Deine Einordnung religiöser Weltdeutungen als „irrationale Normalität“ im Sinne sozialer Bedürfnisbefriedigung trifft meines Erachtens einen zentralen Punkt in der Debatte. Besonders den Gedanken, dass psychische Meinungsbildungsfaktoren bei steigender Komplexität die Oberhand gewinnen, finde ich bedenkenswert und absolut anschlussfähig für die Religionskritik.

      Deine Liste der psychischen Bedürfnisse und kognitiven Strategien, mit denen sich Menschen vor kognitiver Dissonanz schützen, erinnert stark an klassische sozialpsychologische Modelle wie motivated reasoning, ingroup bias oder cognitive ease. Dass Religion hier ein besonders attraktives „Paket“ bietet, liegt auf der Hand – sie stillt Bedürfnisse nach Sicherheit, Identität, Zugehörigkeit und Sinn in einer Weise, die oft resistent gegen rationale Kritik ist.

      Mich würde interessieren: Welche dieser psychischen Meinungsbildungsfaktoren würdest du persönlich als die stärksten Triebkräfte in Bezug auf religiösen Glauben einschätzen? Gibt es aus deiner Sicht empirische Hinweise darauf, welche Faktoren bei religiösen Menschen dominant sind?

      Herzliche Grüße
      Robert

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