Die präsuppositionale Apologetik ist eine Methode, die in christlichen Kreisen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Sie basiert auf der Überzeugung, dass man ohne die Annahme der Wahrheit des christlichen Gottes nicht sinnvoll argumentieren kann.
Klingt erstmal beeindruckend und nach einem erkenntnistheoretischen Schachmatt, oder? Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich grundlegende Schwächen in dieser Argumentationsstrategie, die sie als intellektuelles Kartenhaus entlarven.
Was ist präsuppositionale Apologetik?
Die präsuppositionale Apologetik geht davon aus, dass jeder Mensch mit grundlegenden Annahmen (Präsuppositionen) argumentiert.
Für Christen sei die Präsupposition, dass Gott existiert und die Bibel wahr ist. Ohne diese Grundannahmen, so die Vertreter dieser Methode, seien Logik, Moral und Wissenschaft nicht möglich, da diese auf einer göttlichen Ordnung beruhen würden.
Das Ziel dieser Strategie ist es, andere Weltanschauungen als irrational darzustellen, weil sie angeblich keine kohärente Grundlage für Wissen und Ethik bieten können.

Die Hauptvertreter des Präsuppositionalismus und ihr Ansatz
Bekannte Vertreter der präsuppositionalen Apologetik sind der Theologe Cornelius Van Til (1895–1987) und Greg Bahnsen (1948–1995).
Sie argumentieren, dass alle Menschen letztlich in einer Art zirkulären Argumentation gefangen seien.
Der Unterschied liege darin, dass der christliche Zirkel angeblich kohärent sei, während atheistische oder naturalistische Weltanschauungen in Widersprüche führten.
Ein zentraler Bestandteil dieser Methode ist der Versuch, den Nicht-Christen zu einem sogenannten „inneren Widerspruch“ zu führen, indem man zeigt, dass er Konzepte wie Wahrheit, Logik oder Moral verwendet, die ohne Gott keinen Sinn ergeben sollen.
Wie wir gleich sehen werden, greift dieser ANsatz durchgehend zu kurz und erklärt letztendlich gar nichts.
Abgrenzung des Präsuppositionalismus von anderen christlichen Apologetiken
Der Präsuppositionalismus unterscheidet sich von anderen apologetischen Ansätzen wie der evidentialistischen Apologetik oder klassischen Apologetik durch seinen Ausgangspunkt.
Statt Beweise („Evidenzen“) oder logische Argumente als neutralen Boden zu nutzen, setzt der Präsuppositionalismus voraus, dass die christliche Weltanschauung die einzige Grundlage für Vernunft, Moral und Logik ist.
Nur durch die Anerkennung Gottes wären diese Konzepte kohärent erklärbar. Andere Ansätze bemühen sich um einen Dialog mit skeptischen Perspektiven, während der Präsuppositionalismus betont, dass solche Weltanschauungen von Haus aus und unauflösbar innerlich widersprüchlich seien.
Kritik an der präsuppositionalen Apologetik
Die präsuppositionale Apologetik basiert also auf der Annahme, dass der Glaube an Gott als Ausgangspunkt für rationales Denken unvermeidlich sei.
Zirkuläre Argumentation
Der größte Kritikpunkt an der präsuppositionalen Apologetik ist ihre zirkuläre Natur. Sie behauptet, dass man die Existenz Gottes voraussetzen muss, um etwas anderes zu begründen.
Dieser Ansatz überzeugt natürlich nur diejenigen, die die Ausgangsprämisse – die Existenz Gottes – bereits akzeptieren. Für Außenstehende wirkt es wie ein Versuch, sich der Diskussion zu entziehen, indem man die eigenen Annahmen als unanfechtbar erklärt.
Aus der Luft gegriffene Argumentation
Hier ein Beispiel von der „Gemeinde Gottes“, eine Kirche der Pfingstbewegung.
„Eine Diskussion über die biblische Schöpfung ist wie eine Diskussion über die Existenz von Luft. Was würde der Kritiker der Luft sagen? Was auch immer seine Argumente sein mögen, er müsste Luft verwenden, um zu argumentieren. Ebenso muss der Evolutionist biblische Schöpfungsprinzipien verwenden, um gegen die biblische Schöpfung zu argumentieren.
Quelle
(…)
Die Tatsache, dass Evolutionisten gegen die Schöpfung argumentieren, beweist paradoxerweise, dass die Schöpfung wahr ist!“
Die Behauptung, dass „Evolutionisten“ biblische Prinzipien verwenden müssen, um gegen die Schöpfung zu argumentieren, ist logisch unhaltbar. Ein Paradoxon ersetzt keine kohärente Argumentation oder wissenschaftliche Evidenz.
Auch die Analogie mit der Luft ist irreführend: Luft ist immerhin empirisch nachweisbar, während die biblische Schöpfung auf reinen Glaubensannahmen beruht.
Evolution basiert auf wissenschaftlichen Prinzipien wie Empirie, Beobachtung und Hypothesenprüfung, die unabhängig von religiösen Prämissen funktionieren.
Die Aussage, dass jede Gegenargumentation die Schöpfung bestätigt, ist ein klassischer Zirkelschluss, der Kritik immunisieren will, statt sie rational zu entkräften. Sie verkennt grundlegende wissenschaftliche Methodik.
Dieser intellektuelle Hokuspokus im theologischen Zirkuszelt ist ungefähr so überzeugend wie zu sagen, dass Einhörner real sind, weil wir Worte benutzen, um ihre Nichtexistenz zu erklären.
Evolutionisten brauchen keine biblischen Prinzipien, um die Schöpfung zu kritisieren – wissenschaftliche Fakten und rationale Logik genügen.
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Kohärenz im Zirkelschluss?
Die Behauptung, dass der „christliche Zirkel“ kohärent sei, basiert auf der Annahme, dass die christliche Weltanschauung alle Aspekte der Realität konsistent erklären kann.
Dies gilt, solange man voraussetzt, was zu beweisen ist, nämlich die Wahrheit des Christentums.

Philosophisch betrachtet ist ein kohärenter Zirkel nicht automatisch wahrheitsgemäß, sondern lediglich in sich widerspruchsfrei.
Der Zirkel bricht aber, wenn externe Kriterien wie historische Widersprüche, moralische Probleme oder alternative plausible Erklärungen ins Spiel kommen.
Solche historischen Widersprüche finden sich zahlreich. Die Evangelien etwa enthalten widersprüchliche Berichte über zentrale Ereignisse, die die interne Konsistenz untergraben. Beispiele:
- die Geburtsgeschichte Jesu,
- der Stammbaum Jesu,
- die Umstände der Auferstehung,
- bei der Himmelfahrt,
- die letzten Worte Jesu und
- weitere zahlreiche Differenzen bei der Passion Christi.
Moralische Probleme finden sich in der Ethik des Alten Testament ebenfalls reichlich (z. B. göttlich sanktionierter Völkermord, die Vernichtung der Menschheit bei der Sintflut, Sexismus, Sklaverei, Homophobie, Sippenhaft etc).

Zu modernen moralischen Standards stehen sie in offensichtlichem Widerspruch. Der Versuch, dies als gerecht zu erklären, erscheint willkürlich und unplausibel.
Zudem gibt es alternative Erklärungen für Moral oder das Universum. Sie können naturalistisch erklärt werden, ohne auf dogmatische Glaubensannahmen zurückzugreifen.
Oder: durch andere religiöse Systeme. Es wird schließlich nicht mit einem Wort begründet, warum das Christentum hier glaubwürdiger oder plausibler sein sollte, als ein beliebiges anderes Glaubenssystem. Die Begründung endet im Dogma – einer der Sackgassen des Münchhausen-Trilemmas.
Universalität von Logik und Moral
Die Behauptung, Logik und Moral seien nur in einem theistischen Rahmen sinnvoll, ist schlicht unhaltbar.
Wir zitieren wieder von den Pfingstlern:
„Für den materialistischen Atheisten, also für jemanden, der an nichts jenseits des physikalischen Universums glaubt, sondern nur an das, was aus beweglicher Materie besteht, sind Gesetze der Logik besonders peinlich. Das Problem ist nämlich, dass Gesetze der Logik keine Materie sind – sie sind nicht Teil des physikalischen Universums. Daher könnten Gesetze der Logik nicht existieren, wenn der Materialismus wahr wäre!“
Diese Schlussfolgerung ist jedoch alles andere als zwingend. Logik kann unabhängig von Metaphysik betrachtet werden, da sie auf Konsistenzregeln basiert, die in menschlicher Erfahrung und Kommunikation überprüfbar sind.
Logik ist eine menschliche Abstraktion, die auf intersubjektiv überprüfbaren Prinzipien basiert. Logische Gesetze wie der Satz des Widerspruchs können als universale, aber nicht notwendigerweise theistische Prinzipien verstanden werden. Sie beruhen auf ihrer Anwendbarkeit und Konsistenz.
Ebenso lässt sich Moral auf evolutionäre, soziale und kulturelle Entwicklungen zurückführen, ohne dabei auf einen Gott angewiesen zu sein.
Die Behauptung der Pärsuppositionalisten, dass Moral in einer evolutionären Weltanschauung bedeutungslos sei, verkennt dies völlig.
Ignorieren alternativer Weltanschauungen
Präsuppositionale Apologetik blendet konsequent die Tatsache aus, dass auch andere Religionen oder philosophische Systeme konsistente Grundlagen für Ethik und Wissen bieten können.
Es ist schlicht willkürlich, warum der christliche Gott der einzige mögliche Ursprung von Logik und Moral sein soll, während man andere Götter oder metaphysische Systeme ignoriert.

Mit demselben Zirkelschluss könnte man schließlich auch für die Wahrheit des Korans und die Allmacht Allahs argumentieren.
Weitere alternative Systeme wären das Mormonentum, der Hinduismus, Jainismus, Zoroastrismus, das Jesidentum, der Dudeismus, der Diskordianismus oder das Fliegende Spaghettimonster.
Ich denke, das Problem hier ist offensichtlich.
Ein apologetischer Versuch ohne Zündkraft
Die präsuppositionale Apologetik mag auf den ersten Blick elegant erscheinen, doch sie scheitert an grundlegenden Schwächen.
Ihre zirkuläre Natur, die mangelnde Bereitschaft, alternative Perspektiven zuzulassen, und die Behauptung, Logik und Moral seien exklusiv christlich, machen sie zu einem rhetorischen Taschenspielertrick, der mehr Fragen aufwirft, als Antworten liefert.
Eine Frage wäre, warum die präsuppositionale Apologetik diese ganzen Anstrengungen überhaupt unternimmt.

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Die Antwort liegt nahe: Weil mit der kritisch-historischen Methode der Textkritik für jeden, der sich dafür interessiert, transparent geworden ist, wie viele Widersprüche die christliche Theologie in sich trägt und wie wenig sie diese überhaupt mit Evidenz stützen kann.
Das Scheitern der evidentialistischen Apologetik sieht man schon daran, dass sie nicht einmal zweifelsfrei darlegen kann, dass es Jesus jemals gab.
Wer Wahrheit und Sinn sucht, sollte sich aber nicht von zirkulären Argumenten blenden lassen, sondern nach evidenzbasierten und rational nachvollziehbaren Grundlagen suchen.
Und genau das ist der Punkt: Wenn Gott der Ursprung aller Rationalität wäre, warum müssen wir dann so irrationale Wege gehen, um seine Existenz zu beweisen?

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