Die Figur des Mose gilt im abrahamitischen Glauben als Fundament. Er soll das Volk Israel aus Ägypten geführt, das Rote Meer geteilt und auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln direkt von Gott empfangen haben. Obwohl man den Berg bis heute geografisch nicht lokalisieren kann.
Wer dieses Fundament anbohrt, bringt das gesamte theologische Gebäude ins Wanken. Genau das tat der US-amerikanische Alttestamentler Thomas L. Thompson (geb. am 7. Januar 1939) in den 1970er-Jahren.
Eine Geschichte, die es Wert ist, erzählt zu werden – zeigt sie doch, wie befangen der akademische Betrieb war (und ist), wenn es um die Pfründe religiöser Glaubensgemeinschaften geht.
Unbedenkliche Wissenschaft unter „nichts hindert“ (nihil obstat)
Übrigens bis heute und auch in Deutschland: Professorinnen und Professoren für katholische oder evangelische Theologie (einschließlich der biblischen Exegese) benötigen für ihre Lehre die kirchliche Unbedenklichkeitserklärung (im katholischen Raum das Nihil obstat).
Entziehen die Bischöfe diese Lehrerlaubnis – etwa aufgrund von theologischen Abweichungen zu Themen wie Zölibat, Frauenordination oder Sexualmoral –, verliert der Wissenschaftler in der Regel seinen Lehrstuhl an der Fakultät.
Zurück zu Thomas L. Thompson und seinem skandalösen Gebahren. Anstatt aus Sicht der Kirche wünschenswerte historische Belege für die Erzählungen der Genesis und des Exodus zu erarbeiten, legte er dar, dass es für die Erzväter und Mose keinerlei archäologische oder historische Beweise gibt.
Heute ist das akademischer Mainstream. Die Reaktion der damaligen akademisch-theologischen Welt hingegen erfolgte prompt: Thompson erlebte eine Welle der Ausgrenzung, die seine universitäre Karriere in den USA zerstörte.
Die Zerschlagung eines Mythos: Thompsons Kritik an der Historizität von Mose
Thompsons Promotion von 1974 mit dem Titel „The Historicity of the Patriarchal Narratives“ traf die damalige alttestamentliche Wissenschaft mitten ins Herz.
Seine Dissertation legte er bereits 1971 am Lehrstuhl in Tübingen vor, wo sie aber abgelehnt wurde, unter anderem vom späteren Papst Joseph Ratzinger, der damals Professor am Lehrstuhl für Katholische Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen war. Der Verlag De Gruyter veröffentlichte die Arbeit 1974 trotzdem. Thompson verließ Tübingen im darauffolgenden Jahr.
Bis dahin dominierten Ansätze, welche die biblischen Erzählungen um Abraham, Isaak, Jakob und Mose als im Kern historische Berichte des zweiten Jahrtausends v. Chr. verteidigten.
Thompson wies nach, dass die literarischen Schichten und kulturellen Marker der Erzählungen keineswegs in die Bronzezeit passen. Vielmehr handele es sich um Fiktionen und Mythen, die erst viele Jahrhunderte später – in der persischen oder hellenistischen Epoche – verfasst wurden, um ein kollektives Identitätsnarrativ zu stiften.
Mythos Mose vs. historisch-kritische Evidenz
| Theologische Behauptung | Wissenschaftliche Evidenz |
|---|---|
| Mose als historische Persönlichkeit und Verfasser der Tora | Keine außerbiblischen Belege oder archäologische Spuren |
| Exodus aus Ägypten als reales historisches Massenereignis | Ägyptische Quellen schweigen vollständig über das Ereignis |
| Vätergeschichten als Berichte aus der Bronzezeit | Anachronismen belegen Entstehung in der Eisenzeit oder später |
Warum gibt es keine archäologischen Beweise für den Exodus aus Ägypten?
Wer nach den Spuren von Hunderttausenden Menschen sucht, die angeblich 40 Jahre lang durch die Sinai-Wüste wanderten, findet: nichts.
Wedelnde Palmwedel, prunkvolle Pharaonengräber und detaillierte Verwaltungsakten der Ägypter dokumentieren quasi jeden Grenzübertritt – doch ein massenhafter Auszug von hebräischen Sklaven taucht in keinen Annalen auf.
Die Archäologie des Nahen Ostens hat im 20. Jahrhundert gezeigt, dass die biblischen Berichte keine Augenzeugenberichte sind. Die Figur des Mose erfüllt die Funktion einer mythischen Gründergestalt, vergleichbar mit Romulus und Remus für Rom.

Wer schrieb die Tora wirklich, wenn nicht Mose?
Die traditionalistische Annahme, Mose habe die ersten fünf Bücher der Bibel (den Pentateuch) selbst verfasst, bricht bereits bei einfacher Textanalyse zusammen. Wie hätte Mose seinen eigenen Tod schildern können?
Die historisch-kritische Forschung zeigt, dass die Tora ein komplexes Redaktionsprodukt aus verschiedenen Quellen und Zeitschichten ist. Die Texte entstanden über Jahrhunderte hinweg im Exil und danach. Wer Mose als historischen Autor verteidigt, opfert wissenschaftliche Standards auf dem Altar des Dogmas.

Akademische Inquisition: Wie Thomas L. Thompson mundtot gemacht wurde
Die wissenschaftliche Ehrlichkeit bezahlte Thompson teuer. Seine Dissertation wurde in den USA faktisch zensiert und von etablierten Theologen heftig bekämpft.
Universitätsleitung und Fakultäten verweigerten ihm Festanstellungen, da Theologieprofessuren in den USA meist von konservativen Geldgebern oder kirchlichen Institutionen abhängig waren.
Thompson sah sich gezwungen, den Wissenschaftsbetrieb zeitweise zu verlassen. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete er jahrelang als Maler und Hilfskraft. Erst Jahrzehnte später erhielt er an der Universität Kopenhagen eine Professur, wo er gemeinsam mit Kollegen den sogenannten „Kopenhagener Minimalismus“ begründete.
Welche Rolle spielten konservative Netzwerke bei Thompsons Berufsverbot?
Die Repressalien gegen Thompson waren kein Zufall, sondern System. Konservative theologische Seminare und Fakultäten schützten die Historizität der Bibel wie ein Heiligtum. Ein Forscher, der Mose zur Legende erklärte, gefährdete die Grundlagen der evangelikalen wie auch katholischen Hermeneutik.
Durch gezielte negative Rezensionen, die Verweigerung von Publikationsmöglichkeiten und informelle Absprachen bei Berufungsverfahren wurde Thompson systematisch aus dem US-amerikanischen Wissenschaftsbetrieb gedrängt. Er nahm seine Lehrtätigkeit erst ab 1990 wieder auf, und zwar außerhalb der USA in Kopenhagen.
Biblischer Minimalismus und Kopenhagener Schule
Der biblische Minimalismus ist auch als Kopenhagener Schule bekannt, weil zwei seiner prominentesten Vertreter an der Universität Kopenhagen lehrten. Einer davon war Thompson, der andere Niels Peter Lemche.
Biblischer Minimalismus ist eine Bewegung oder Strömung innerhalb der (altestamentarischen) Bibelwissenschaft, die in den 1990er Jahren mit zwei zentralen Thesen begann:
- dass die Bibel nicht als verlässlicher Beleg für die Geschehnisse im alten Israel angesehen werden kann; und
- dass „Israel“ selbst ein problematisches Thema für die historische Forschung ist.
Das minimalistische Element bei dieser Schule ist, dass historische Realität nur dem zugestanden wird, was sich durch außerbiblische, archäologische Funde auf ein absolut unumstrittenes Minimum reduzieren und verifizieren lässt.
Der biblische Text selbst wird damit nicht als Tatsachenbericht gewertet, sondern als Spätprodukt (meist aus persischer oder hellenistischer Zeit) mit theologischer oder nationalistischer Propagandatendenz.
Der Minimalismus ist keine einheitliche Bewegung, er bezeichnet eine Denkrichtung mehrerer Wissenschaftler an verschiedenen Universitäten, so neben Niels Peter Lemche und Thomas L. Thompson auch Philip R. Davies (Professor in Sheffield und u. a. Direktor des Zentrums für die Schriftrollen vom Toten Meer sowie Herausgeber des Journal for the Study of the Old Testament) und Keith Whitelam.
Der Minimalismus löste in den 1990er Jahren heftige Debatten aus – der Begriff „Minimalisten“ war eigentlich eine abwertende Bezeichnung, die von den Gegnern geprägt wurde, die daraufhin als „Maximalisten“ bezeichnet wurden; tatsächlich akzeptierte jedoch keine der beiden Seiten diese Bezeichnungen.

Wie reagierte die Kopenhagener Schule auf die Zensur bibelkritischer Forschung?
In Kopenhagen fand Thompson Gleichgesinnte wie Niels Peter Lemche. Gemeinsam formulierten sie eine radikal evidenzbasierte Sicht auf das Alte Testament: Die Bibel ist kein Geschichtsbuch, sondern ein literarisches Werk aus der persischen (ca. 5. Jahrhundert v. u. Z.) oder hellenistischen Periode (ca. 3. Jahrhundert v. u. Z.).
Die Kopenhagener Schule zeigte auf, wie stark die westliche Archäologie über ein Jahrhundert lang von dem Wunsch geleitet war, „die Bibel recht zu geben“. Thompson zeigte, dass echte Wissenschaft erst dort beginnt, wo das Wünschen aufhört.
Wunschdenken statt Evidenz: Warum die Theologie an Mythen festhält
Der Fall Thomas L. Thompson offenbart das Grundproblem der Theologie: Wenn Glaubensdogmen mit empirischer Evidenz kollidieren, zieht die Wissenschaft im kirchlich geprägten Umfeld meist den Kürzeren.
Der Zwang, historische Narrative konstruieren zu müssen, dient allein dem Erhalt religiöser Machtstrukturen. Die historische Baufälligkeit der Mose-Figur lässt sich nicht mehr kaschieren. Der Versuch, kritische Geister wie Thompson mundtot zu machen, hat die Glaubwürdigkeit der theologischen Forschung nicht gerettet, sondern ihren apologetischen Charakter entlarvt.
Methodenvergleich im Diskurs
| Dogmatische Theologie | Evidenzbasierte Forschung |
|---|---|
| Ergebnis steht vorab fest (Bibel hat recht). | Ergebnis folgt aus den Daten (Open End). |
| Ausblendung konträrer Archäologie. | Integration aller Funde und Anachronismen. |
| Sanktionierung kritischer Stimmen. | Offener wissenschaftlicher Diskurs. |

Warum ist die Historizität von Mose für Gläubige so entscheidend?
Fällt Mose als historische Gestalt, fällt die Unfehlbarkeit der Offenbarung. Wenn der Bund am Sinai, die Zehn Gebote und der Auszug aus Ägypten literarische Fiktionen sind, schwindet der göttliche Legitimitätsanspruch der Tora und des Alten Testaments.

Die Behauptung, Gott habe in der Geschichte konkret gehandelt, erfordert historische Ankerpunkte. Fehlen diese Ankerpunkte, löst sich der Glaubensanspruch in Wohlgefallen auf – übrig bleibt antike Poesie und Identitätsstiftung.
Was lehrt uns der Fall Thompson über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion?
Der Fall zeigt unmissverständlich: Religion und objektive Geschichtswissenschaft sind inkompatibel, sobald religiöse Autoritäten versuchen, Forschungsergebnisse zu diktieren. Wissenschaft verlangt die Bereitschaft, jede Hypothese verwandeln oder verwerfen zu lassen, wenn die Evidenz es erfordert.
Religion hingegen verlangt Festhalten am Dogma – zur Not durch die Vernichtung akademischer Existenzen. Thomas L. Thompson hat den Preis für diese Erkenntnis bezahlt, aber seine Arbeiten bleiben ein Denkmal für die Freiheit der Wissenschaft.
Quellen:
- Thompson, Thomas L.: The Historicity of the Patriarchal Narratives: The Quest for the Historical Abraham. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1974.
- Thompson, Thomas L.: The Bible in History: How Writers Create a Past. Jonathan Cape, London 1999.
- Lemche, Niels Peter: The Israelites in History and Tradition. Westminster John Knox Press, Louisville 1998.
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