Götterpaar Pantheon: Jahwe und Aschera

Aschera und Jahwe: War der Gott der Bibel verheiratet?

Wer heute an Jahwe (den Gott des Alten Testaments) denkt, sieht meist den Prototyp des alleinstehenden Patriarchen vor sich.

Weißer Bart, strenger Blick und so. 

Allerdings stand auch Jahwe genau so unter dem Pantoffel wie viele Normalsterbliche auch: Er war nämlich verheiratet.

War Gott verheiratet?

Klingt erstmal schräg, denn schließlich ist der abrahamitische Gott Jahwe doch ein monotheistischer Gott.

Er regiert also alleine. Als einziger Gott.

Er ist „der“ Gott. The One and Only.

Wie kann er also dann verheiratet gewesen sein?

Dass er das war, sagt uns die Archäologie: Sie zeichnet ein Bild, das den heutigen Verwaltern des Monotheismus den Schweiß auf die Stirn treibt. Es scheint nämlich, als hätte der „Eifersüchtige“ eine etwas dunkle Vergangenheit – und eine göttliche Partnerin, die er später schlicht aus seinem Lebenslauf tilgen ließ. 

Die Göttergattin hieß Aschera.

Nachzulesen ist das unter anderem bei Israel Finkelstein: Ja, genau.

Der israelische Top-Archäologe. Der, der die Spuren des Exodus finden sollte, aber mit leeren Händen zurückkam. 

Finkelstein Archäologie Bibel
Lange diente biblische Archäologie zum Beweis der Heiligen Schrift. Die beiden international renommierten Archäologen Finkelstein und Silberman drehen den Spieß um und lassen die Ausgrabungen eine eigene Sprache sprechen. (Klicke auf das Cover | Anzeige)

Wer ist die Göttin Aschera und was hat sie mit der Bibel zu tun?

Bevor die biblischen Autoren den Monotheismus mit der Brechstange im kulturellen Gedächtnis verankerten, war der Nahe Osten ein spiritueller Marktplatz, eine Art kultische Cafeteria: Man nahm sich Kulte und Riten, Götter und Engel, die man irgendwie gut fand, mischte sie fröhlich zusammen und würzte die metaphysische Melange noch mit ein paar eigenen narrativen Nuancen.

Vermischen unterschiedlicher Mythen zum Monotheismus
Vom Polytheismus über den Henotheismus zum Monotheismus: Das ist alles nur geklaut

Who the fuck is „Aschera“?

Auch, wenn du von ihr noch nie was gehört hast: Aschera war im Zweistromland keine Unbekannte. 

Sie wurde auch Ascherah oder Ašerā genannt und galt als die Himmelskönigin und Partnerin des Schöpfergottes El; als kanaanäische Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin. 

Plakat mit einer Statue der Göttin Asherah
Aschera-Statue des 13. Jahrhunderts v. u. Z. (Plakat des Israel-Museums)

Aschera wurde als Nährerin von Mensch, Tier und Natur verehrt: eine schützende, mütterliche Autorität.

Ihr Kult, oft durch Kultpfähle oder „grüne Bäume“ symbolisiert, wurde in Israel zeitweise praktiziert, aber später von Reformern als Götzendienst bekämpft.

Da Jahwe im Zuge der israelitischen Religionsgeschichte viele Attribute von El übernahm, erbeutete er offenbar auch dessen Ehefrau.

Warum wurde die Partnerin Gottes aus den offiziellen Schriften gestrichen?

Ganz gestrichen wurde sie nicht; es finden sich nach wie vor einige Erwähnungen sowie versteckte Hinweise.

Und als Ahab Elia sah, sprach Ahab zu ihm: Bist du es, der Israel ins Unglück stürzt? Er aber sprach: Nicht ich stürze Israel ins Unglück, sondern du und deines Vaters Haus dadurch, dass ihr des Herrn Gebote verlassen habt, und du den Baalen nachgelaufen bist. Wohlan, so sende nun hin und versammle zu mir ganz Israel auf den Berg Karmel und die vierhundertfünfzig Propheten Baals, auch die vierhundert Propheten der Aschera, die vom Tisch Isebels essen.

1. Könige, 18–19 (Lutherbibel, Hervorhebung vom Autor)

Und der König gebot dem Hohenpriester Hilkija und den zweitobersten Priestern und den Hütern der Schwelle, dass sie aus dem Tempel des Herrn hinaustun sollten alle Geräte, die dem Baal und der Aschera und allem Heer des Himmels gemacht waren. Und er ließ sie verbrennen draußen vor Jerusalem im Tal Kidron und ihre Asche nach Bethel bringen.

2. Könige 23,4–7 (Lutherbibel, Hervorhebung vom Autor)

Aber warum das? Die Antwort ist so alt wie die Machtpolitik selbst: Kontrolle.

Eine göttliche Gemahlin passte nicht in das Konzept einer zentralisierten Priesterschaft in Jerusalem, die den exklusiven Zugang zu einem einzigen, männlichen Gott beanspruchte. 

Hierzu empfehle ich euch den Beitrag des artedea-Blogs, der nicht nur verschiedene kultische Handlungen zu Ehren Ascheras beschreibt, sondern viele lesenswerte Artikel zu weiblichen Ur-Göttinen bietet. 

Abbild der Göttin Ascherah
Bild der Göttin Ashera (KI-Interpretation)

Aschera repräsentierte das Heimische, das Fruchtbare und – was für religiöse Dogmatiker am schlimmsten war – eine weibliche Ebene der Spiritualität.

Wie wird das Wort „Aschera“ in modernen Bibelübersetzungen verschleiert?

In vielen Bibeln wird der Name Aschera geschickt „wegübersetzt“. Da ist dann die Rede von „Kultpfählen“ oder „Hainen“, die zur Aschera-Verehrung dienten.

Diese Pfähle bzw. Stämme hießen übrigens ebenfalls Ascheren, wie das Bibellexikon weiß, welches den Brauch allerdings auf die Göttin Astoret zurückführt (die Hauptgöttin der Phönizier und Sidonier neben Baal). 

Hebr. asherah, asherath, Plural Ascherim, Ascherot. Dieser Ausdruck bezeichnet einen Baumstamm mit Zweigen, der ohne Wurzeln zu Ehren der Göttin Astoret in die Erde gesetzt wurde. Dies lässt sich aus verschiedenen Stellen des A.T. ableiten. So wird gesagt, dass die Aschera gepflanzt (5. Mo 16,21), gemacht (1. Kön 14,15) bzw. gebaut wurde (1. Kön 14,23).

Die Anspielungen sind eindeutig – an einigen Stellen des Alten Testaments werden die kultischen Aschera-Handlungen allerdings als Hurerei oder Prostitution verunglimpft. Denn die Göttin-Anbetung wurde als Abfall vom Gott Israels gesehen und entsprechend streng verurteilt. König Josia (640–609 v. Chr.) ließ entsprechend die Aschera des Tempels vernichten.

Den jahwistischen Autoren schien es wohl peinlich, dass das Volk Israel jahrhundertelang völlig selbstverständlich „Jahwe und seine Aschera“ verehrte. Diese Formulierung fand man in einer wichtigen archäologischen Grabungsstätte der Sinai-Halbinsel: Kuntillet Arjud.

Welche archäologischen Funde beweisen die Existenz von Jahwes Frau?

Glaube ist eine Sache, Ton- und Steininschriften sind eine andere. Während Theologen noch über Metaphern debattieren, haben Archäologen längst die Fakten aus dem Wüstensand ausgegraben. So geschah das auch bei Aschera.

book cover of "Did God Have a Wife?: Archaeology and Folk Religion in Ancient Israel"
Anknüpfend an seine beiden jüngsten, viel beachteten Studien zur Geschichte und Gesellschaft des alten Israel rekonstruiert William Dever hier die Religionsausübung im alten Israel von Grund auf. [Anzeige]

Die Aschera-Funde in Kuntillet Ajrud

Kuntillet Ajrud ist eine Karawanenstation auf der Sinai-Halbinsel, in der man ab 1870 archäologische Funde herausragender Bedeutung machte. Die Anlage wird auf den Zeitraum von 850-750 v. u. Z. geschätzt. 1975/76 entdeckte man hier zwei große Phitoi (ein Phitos ist ein verzierter Vorratskrug aus Ton). 

https://maps.app.goo.gl/6B7b57MXepw57e2b8

Man fand auch Wandgemälde mit Textfragmenten, die das Erscheinen Gottes (Theophanie) beschreiben, ähnlich wie in biblischen Psalmen oder dem Buch Habakuk. Eine Malerei zeigt eine Thronszene mit einer Person (möglicherweise König), die auf einem Thron sitzt und eine Lotusblüte hält.

Zudem gab es noch eine Reihe von Kleinfunden und Votivgaben: In den sogenannten Bankräumen wurden zahlreiche Opferschalen und Textilien gefunden. Die Mengen an Wolle und Leinen deuten darauf hin, dass der Ort auch ein Zentrum für Textilverarbeitung oder Handel war.

Aschera-Inschriften der Krüge A + B

Die Funde lassen wenig Spielraum für die fromme Phantasie einer rein monotheistischen Frühzeit. Die Phitoi erwähnen nämlich unsere Aschera. Und zwar beide. 

Krug A enthält folgende Inschrift:

„Es spricht ’… …: Sprich zu Jehalle…, und zu Jo‘asa und …: Ich segne euch bei/vor JHWH von Samaria und seiner Aschera.“

portrait von Asherah und Jahwe
Cute Couple: „Jahwe und seine Aschera“ (KI-Interpretation)

Krug B zeigt hingegen folgende Inschrift:

„Es spricht Amarjaw: Sprich zu meinem Herrn: Geht es dir gut? Ich segne dich bei/vor JHWH von Teman und seiner Aschera. Er möge segnen und dich behüten und mit meinem Herrn sein …“

Die Inschriften zeigen also nicht nur, dass Jahwe gerne mit „seiner“ Aschera auftrat, sondern dass es auch regional verschiedene Jahwe-Kulte gab: eben mit Jahwe von Samaria und Jahwe von Teman. So oder so ein Tiefschlag für alle Monotheisten, die es mit dem Gott Abrahams halten. 

Buch: Analyse der These eines Götterpaares 'Jahwe und Aschera' anhand der Funde von Kuntillet Agrud
Diese Studienarbeit aus dem Jahr 2002 im Fachbereich Theologie beschäftigt sich mit der Frage nach „Jahwe und Aschera“ in der vorexilischen Religion Israels bzw. Judas. [Anzeige]

Die Bedeutung der Terrakotta-Figuren in antiken israelitischen Haushalten

Es gibt aber noch mehr archäologische Aschera-Spuren. Und zwar reichlich! In zahllosem Haushalten im antiken Juda befanden sich kleine Tonfiguren von Frauen, die ihre Brüste stützen. 

Über 1.000 dieser Aschera-Tonfiguren sind bis dato gefunden worden – ein erstaunlicher Ertrag, bedenkt man doch, dass sie zwischen dem 8. und 6. Jahrhundert vor unserer Zeit besonders beliebt waren, also rund 26 Jahrhundert überdauert haben müssen, um heute vorzuliegen. 

Diese sogenannten „Pillar Figurines“ und ihre enorme Verbreitung deuten darauf hin, dass die Menschen zu Hause wenig Interesse an den abstrakten Geboten der Jerusalemer Elite hatten. Für den normalen Bürger war die göttliche Weiblichkeit in Form der Aschera ein fester Bestandteil des Lebensschutzes.

Portraät der Göttin Ascherah
Sah Ascherah so aus? Das denkt zumindest unsere KI

Warum ist das Wissen über Aschera für moderne Religionskritiker so wichtig?

Die Entdeckung der Aschera ist mehr als eine historische Randnotiz. Sie ist der Beweis dafür, dass Religionen keine statischen Offenbarungen sind, sondern Produkte menschlicher Redaktion. 

Der Monotheismus fiel nicht vom Himmel; er wurde durch das systematische Auslöschen konkurrierender Ideen mühsam zusammengebastelt.

Wie die Erfindung des einen Gottes die patriarchale Unterdrückung festigte

Mit dem Verschwinden der Aschera verschwand auch das weibliche Korrektiv aus dem göttlichen Pantheon. Übrig blieb nur der strafende Vater, der Gehorsam fordert. 

Wer versteht, dass Jahwe einst eine Frau hatte, begreift auch, dass die frauenfeindlichen Strukturen der abrahamitischen Religionen auf einer gezielten Geschichtsfälschung beruhen.

Du sollst dir kein Ascherabild aus Holz errichten bei dem Altar des HERRN, deines Gottes, den du dir machst.

5. Mose 16,21

Warum der Polytheismus die wahre Wurzel der biblischen Geschichte ist

Der Blick auf Aschera entlarvt die Bibel als das, was sie ist: ein Palimpsest, bei dem die ursprünglichen, bunten Mythen des Nahen Ostens mühsam überschrieben wurden. 

Für uns Skeptiker ist dies ein wunderbares Lehrstück darüber, wie Mythen entstehen, sich paaren und schließlich von der politischen Macht zurechtgestutzt werden. Jahwe war nie allein – er war nur sehr gut darin, die Zeugen verschwinden zu lassen.

Jahwe, der biblische Gott: Ein Porträt
Dieses Buch zeichnet ein Porträt des biblischen Gottes, der in einer beispiellosen „Karriere“ von der Gottheit eines politisch unbedeutenden Volkes am östlichen Rand des Mittelmeers zum monotheistischen Gott der westlichen Kultur aufgestiegen ist.
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