Die Frage, ob Jesus von Nazareth tatsächlich Wunder vollbracht hat, gehört zu den zentralen Streitpunkten zwischen Glauben und historisch-kritischer Forschung. Kaum eine andere Figur der Antike ist so eng mit übernatürlichen Taten verknüpft worden wie Jesus.
Gleichzeitig stammen sämtliche „Berichte“ über seine Wundertätigkeit aus religiösen Texten, die Jahrzehnte nach seinem Tod verfasst wurden und eindeutig missionarische Ziele verfolgen.
Wer diese Frage ernsthaft beantworten will, muss daher weniger nach spektakulären Ereignissen suchen als nach den Bedingungen, unter denen solche Erzählungen entstanden sind.
Wunder als zentrales Element der Jesusüberlieferung
Die Evangelien präsentieren Jesus nicht primär als Morallehrer oder Sozialreformer, sondern als Wundertäter. Heilungen, Dämonenaustreibungen und Naturwunder sind fester Bestandteil der Erzählung und strukturieren weite Teile der Überlieferung.
Ohne diese übernatürlichen Elemente würde das Bild Jesu, wie es das Christentum tradiert, in sich zusammenfallen. Denn dann wäre Jesus ja nur ein x-beliebiger jüdischer Wanderprediger im eschatologischen Wahn gewesen – und von denen gab es damals viele.
Warum Wunder für die christliche Theologie unverzichtbar sind
Jesus muss sich im Verständnis der Urchristen von den anderen Wanderpredigern unterscheiden. Und wie macht er das? Mit Wundern. Die anderen labern nur – Jesus wirkt, so der Spin. In der christlichen Theologie sind Wunder deswegen nicht nur Beiwerk, sondern Fundament.
Sie sollen zeigen, dass Jesus mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch: ein von Gott legitimierter Gesandter oder sogar Gott selbst. Ohne Wunder gäbe es keinen überzeugenden Grund, warum ausgerechnet ein hingerichteter Wanderprediger zur zentralen Erlöserfigur werden sollte.
Jesus-Wunder als Legitimation religiöser Autorität
Wunder fungieren als Machtnachweis. Wer Kranke heilt, Dämonen vertreibt oder Naturgesetze außer Kraft setzt, beansprucht Autorität, die über menschliche Maßstäbe hinausgeht.
In den Evangelien dienen Wunder genau diesem Zweck: Sie sollen Zweifel beseitigen, Anhänger gewinnen und Gegner diskreditieren. Und zwar, wie wir gleich noch sehen werden, in zunehmendem Maße.
Der antike Kontext: Eine Welt voller Wundererzählungen
Wunderberichte waren in der Antike nichts Ungewöhnliches. Philosophen, Propheten, Kaiser und Göttersöhne wurden regelmäßig mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet.
- Alexander der Große wurde angeblich von einem Gott gezeugt und von sprechenden Tieren durch die Wüste geleitet.
- Julius Cäsar soll beim Übergang über den Rubikon eine übernatürliche Gestalt von gewaltiger Größe erschienen sein, die eine Trompete blies und als Erste den Fluss überquerte, was Caesar als göttliches Zeichen zum Angriff deutete.
- Der römische Kaiser Vespasian soll in Alexandria einen Blinden und einen Lahmen geheilt haben, indem er den Blinden mit Speichel benetzte – ein Motiv, das verblüffende Parallelen zu biblischen Wunderberichten aufweist, wie schon der Historiker Tacitus festhielt.
- Pythagoras wurde nachgesagt, er könne an zwei Orten gleichzeitig sein (Bilokation) und habe einen goldenen Schenkel besessen, den er als Beweis seiner göttlichen Herkunft vorzeigte.
- Der sagenhafte Gründer Roms, Romulus, wurde bei seinem Lebensende wundersam „entrückt“: Während einer Truppenschau auf dem Marsfeld brach plötzlich ein gewaltiges Unwetter aus. Unter Blitz und Donner wurde Romulus in einer dichten Wolke gen Himmel gehoben. Danach wurde er als Gott Quirinus verehrt, wie der Historiker Livius beschreibt.
- Bei seinem Einzug in Rom nach Caesars Tod soll Kaiser Augustus ein strahlender Kreis (Halo) um die Sonne erschienen sein – ein Zeichen seiner künftigen Macht.
- Der „heidnische Christus“, Apollonius von Tyana, war ein Zeitgenosse Jesu, dem zahlreiche Wunder der Totenauferweckung und Telepathie zugeschrieben wurden. Auch Dämonenaustreibung: In Korinth entlarvte er angeblich eine wunderschöne Braut als Lamia (ein blutsaugendes Monster), woraufhin diese und ihr gesamter prunkvoller Haushalt vor den Augen der Gäste verschwanden.
Das antike Publikum im Römischen Reich und anderswo erwartete solche Geschichten, und religiöse Bewegungen nutzten sie gezielt, um Glaubwürdigkeit und Prestige zu erzeugen.
War Jesus ein Zauberer? Seine wichtigsten Wunder im Überblick
Die Evangelien schreiben Jesus eine breite Palette an Wundern zu, die verschiedene Lebensbereiche abdecken. Dabei folgt die Auswahl weniger historischen Kriterien als theologischen Absichten.
Heilungswunder: Blinde, Lahme, Aussätzige
Heilungen gehören zu den häufigsten Wundern. Jesus gibt Blinden das Augenlicht, lässt Lahme gehen und reinigt Aussätzige. Diese Erzählungen transportieren nicht nur Mitgefühl, sondern symbolisieren göttliche Gnade. Hier sind einige bekannte Beispiele mit den entsprechenden Bibelstellen, das Hinzufügen der Vokabel „angeblich“ spare ich mir hier.
- Heilung eines Aussätzigen (Markus 1,40–45)
Jesus berührt einen Mann mit Aussatz und macht ihn gesund. - Der Gelähmte am Teich Bethesda (Johannes 5,1–18)
Ein Mann, der seit 38 Jahren krank war, wird von Jesus am Sabbat geheilt. - Heilung der Schwiegermutter des Petrus(Matthäus 8,14–15)
Jesus heilt sie in Kafarnaum von einem hohen Fieber. - Heilung eines Gelähmten(Markus 2,1–12)
Freunde lassen einen Gelähmten durch das Dach eines Hauses zu Jesus hinunter, der ihn heilt. - Heilung von zehn Aussätzigen (Lukas 17,11–19)
Auf dem Weg nach Jerusalem heilt Jesus eine Gruppe von zehn Männern gleichzeitig. - Der blindgeborene Mann (Johannes 9,1–12)
Jesus heilt einen Mann, der von Geburt an blind war, indem er einen Teig aus Speichel und Erde auf seine Augen streicht. - Heilung der blutflüssigen Frau (Matthäus 9,20–22)
Eine Frau „die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte“,wird gesund, indem sie lediglich das Gewand Jesu im Vorbeigehen berührt
Exorzismen und Dämonenaustreibungen
Besonders im Markusevangelium spielt die Austreibung von Dämonen eine zentrale Rolle. Krankheiten werden als Besessenheit interpretiert, und Jesus erscheint als Macht, die das Böse unmittelbar kontrolliert. Das spiegelt ein antikes Weltbild, in dem Krankheit, Moral und Dämonologie eng verbunden waren.

Man wusste wenig über Humanbiologie und Medizin und noch weniger von Psychologie. Im Zweifel waren die Leute halt „besessen“ – eine Überzeugung, an der die katholische Kirche überraschenderweise noch heute festhält.
Sehen wir uns einige der „Dämonenaustreibungen“ an.
- Heilung eines Besessenen in der Synagoge (Markus 1,23–28)
In Kafarnaum treibt Jesus einen unreinen Geist aus einem Mann aus, indem er ihm gebietet, zu schweigen und den Besessenen zu verlassen. - Heilung des Besessenen von Gerasa (Lukas 8,26–39)
Jesus befreit einen Mann von einer Legion Dämonen, die daraufhin mit Jesu Erlaubnis in eine Herde Schweine fahren und sich in einen See stürzen. - Heilung eines stummen Besessenen (Matthäus 9,32–34)
Nachdem Jesus einen Dämon ausgetrieben hat, kann der zuvor stumme Mann plötzlich sprechen, was die Menge in Staunen versetzt. - Heilung der kanaanäischen Tochter (Matthäus 15,21–28)
Aufgrund des beharrlichen Glaubens einer heidnischen Mutter heilt Jesus ihre fernab befindliche Tochter von einem bösen Geist. - Heilung des mondsüchtigen Jungen (Markus 9,14–29)
Jesus treibt einen „stummen und tauben Geist“ aus einem Jungen aus, den seine Jünger zuvor nicht heilen konnten, und betont dabei die Kraft des Gebets.

Einiges davon klingt spektakulär, aber die meisten dieser Beschreibungen sind nicht besonders eindrücklich. Nehmen wir das Beispiel des Matthäus 9:
32 Als diese nun hinausgingen, siehe, da brachten sie zu ihm einen Menschen, der war stumm und besessen. 33 Da der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und das Volk verwunderte sich und sprach: So etwas ist noch nie in Israel gesehen worden.
Man erfährt also gar nicht genau, was denn nun tatsächlich geschehen sein soll. Matthäus behauptet jedoch gleich anschließend, Jesus sei durch „alle Städte und Dörfer“ gezogen und habe dort „alle Krankheiten und alle Gebrechen“ geheilt. Die Überzeugungskraft speist sich also eher durch Masse als durch Klasse.

Naturwunder: Sturmstillung, Wasser zu Wein, Brotvermehrung
Hier überschreiten die Erzählungen die Grenze vom Heilenden zum kosmisch Handelnden. Jesus kontrolliert Wind und Wellen, verwandelt Substanzen und vermehrt Nahrung. Diese Wunder sind theologisch besonders aufgeladen und historisch besonders problematisch.
- Stillung des Sturms (Mk 4,35–41)
Jesus befiehlt dem Wind und dem Meer: „Schweig, werde still!“, woraufhin eine große Stille eintritt. - Wandel auf dem See (Mk 6,45–52)
Die Jünger halten den auf dem Wasser gehenden Jesus zunächst für ein Gespenst. - Speisung der Fünftausend (Mk 6,30–44)Mit nur fünf Broten und zwei Fischen werden alle satt.
- Die Münze im Maul des Fisches (Mt 17,24–27)
Um die Tempelsteuer zu zahlen, weist Jesus Petrus an, einen Fisch zu fangen, in dessen Maul er eine Münze findet. - Die Verfluchung des Feigenbaums (Mt 21,18–22)
Ein Baum verdorrt augenblicklich auf Jesu Wort hin (kommt auch bei Markus vor, wird bei Matthäus aber noch „naturwunder-artiger“ als sofortiges Ereignis geschildert). - Der erste wunderbare Fischfang (Lk 5,1–11)
Jesus beruft seine ersten Jünger, nachdem sie trotz einer erfolglosen Nacht auf seinen Befehl hin ihre Netze füllen. - Das Weinwunder zu Kana (Joh 2,1–11)
Jesu erstes öffentliches Auftreten, bei dem er auf einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt. - Der zweite wunderbare Fischfang (Joh 21,1–14)
Nach der Auferstehung fangen die Jünger auf Jesu Wort hin genau 153 große Fische. Warum 153? Nach Hieronymus dachte man damals wohl, das wäre die exakte Anzahl der globalen Fischarten.
Totenerweckungen: Jairus’ Tochter, Jüngling von Nain, Lazarus
Es gibt drei Totenerweckungen Die Tochter des Jairus kommt bei den Synoptiker vor, nicht aber bei Johannes. Der Jüngling kommt nur bei Lukas voir. Lazarus kommt nur bei Johannes vor.
Die frühen Evangelien verwenden noch ambivalente Formulierungen bei der Erweckung von Toten: Markus und Lukas schildern detailliert, wie Jesus die Tochter des Jairus mit den Worten „Talita kum“ („Mädchen, steh auf!“) erweckt. Bei Matthäus ist der Bericht deutlich knapper.
Im Johannesevangelium steigert sich die Überlieferung zur spektakulären Wiederbelebung des seit Tagen Verstorbenen und bereits verwesenden Lazarus. Das Johannesevangelium nutzt dieses Wunder als „letztes Zeichen“, das direkt zur Entscheidung der Hohepriester führt, Jesus zu töten.
Hier die Übersicht:
| Wunder | Matthäus | Markus | Lukas | Johannes |
|---|---|---|---|---|
| Tochter des Jairus | Mt 9,18–26 | Mk 5,21–43 | Lk 8,40–56 | – |
| Jüngling von Naïn | – | – | Lk 7,11–17 | – |
| Lazarus | – | – | – | Joh 11,1–45 |
Die Auferweckung von Toten stellt die ultimative Machtdemonstration dar. Es ist unverständlich, warum es hier abweichende Schilderungen gibt – wie so oft gibt uns die Bibel einfach keine einheitliche Story.
Reaktionen der Pharisäer auf die Wundertätigkeiten
Die Pharisäer waren eine theologische jüdische Schule und wurden zu Jesu Zeiten als Schriftgelehrte bezeichnet. Sie stehen in den Evangelien für den jüdischen Tempelkult und agieren oft als Gegner Jesu. Die Beziehung ist kompliziert – ich empfehle dir im Wikipedia-Artikel den Abschnitt über das Verhältnis von Pharisäern und Christentum.
Die Reaktionen der Pharisäer auf die angeblichen Heilungen und Austreibungen jedenfalls waren oft negativ – geprägt von Skepsis, Ablehnung und dem Versuch, seine angebliche göttliche Autorität zu untergraben.
- Der Beelzebul-Vorwurf (Matthäus 12,22–24)
Nachdem Jesus einen blinden und stummen Besessenen heilt, behaupten die Pharisäer, er treibe die Dämonen nur durch Beelzebul, den „Obersten der Dämonen“, aus. - Empörung über Sabbatbruch (Markus 3,1–6)
Als Jesus am Sabbat einen Mann mit einer verkümmerten Hand heilt, beratschlagen die Pharisäer gemeinsam mit den Herodianern sofort, wie sie ihn töten können, da er gegen ihre Sabbat-Regeln verstoßen hat. - Spaltung und Leugnung (Johannes 9,13–16)
Nach der Heilung des Blindgeborenen sind die Pharisäer gespalten: Einige erklären, Jesus könne nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält, während andere sich fragen, wie ein Sünder solche Zeichen tun könne. - Anklage der Gotteslästerung (Lukas 5,17–26)
Bei der Heilung des Gelähmten, dem Jesus auch die Sünden vergibt, werfen ihm die Pharisäer im Stillen Gotteslästerung vor, da nur Gott allein Sünden vergeben dürfe. - Tötungsabsicht aus Neid (Johannes 11,45–53)
Nach der Auferweckung von Lazarus (einem der größten Heilungswunder) fürchten die Hohepriester und Pharisäer um ihren politischen Einfluss und beschließen offiziell, Jesus umzubringen.
Der biblische Befund über Jesu Wunder
Ein genauer Blick in die Evangelien zeigt, dass die Wunderüberlieferung alles andere als einheitlich ist. Unterschiede, Auslassungen und Umdeutungen sind eher die Regel als die Ausnahme.
Nicht jedes Wunder erscheint in jedem Evangelium. Markus kennt viele Erzählungen noch nicht, die Matthäus und Lukas später übernehmen oder erweitern. Johannes wiederum ignoriert große Teile der Tradition und setzt eigene Akzente.
Markus schildert Jesus oft als emotional, zögerlich und missverstanden. Matthäus und Lukas glätten diese Züge und machen ihn souveräner. Johannes schließlich präsentiert einen nahezu allwissenden, kosmischen Christus, dessen Wunder eher symbolische „Zeichen“ sind als spontane Taten.
Selbst dort, wo dieselbe Geschichte erzählt wird, variieren Details wie Ort, Zeitpunkt und Reaktionen der Beteiligten. Solche Unterschiede sprechen nicht gerade für Augenzeugenberichte, sondern für theologische „Bearbeitung“.

Die Sonderrolle des Johannesevangeliums mit seinen „Zeichen“
Johannes vermeidet den Begriff „Wunder“ und spricht von „Zeichen“. Diese sollen nicht Staunen erzeugen, sondern Glauben erzwingen. Historische Plausibilität tritt hier nun endgültig hinter symbolische Bedeutung zurück.
Warum? Weil Wunder als Werbeargument in einem religiös umkämpften Markt dienten. Wer mehr und größere Wunder vorweisen konnte, hatte bessere Chancen auf Anhänger.
Die zunehmende Wundertätigkeit im Verlauf der Evangelien
Ein bemerkenswerter Befund der Forschung ist die Steigerung der Wundertätigkeit im Laufe der Überlieferung. Besonders pointiert herausgearbeitet hat dies Karlheinz Deschner, dessen kleinen Band „Der gefälschte Glaube“ ich euch generell als Lesetipp mitgeben möchte.

Das Markusevangelium als zurückhaltender Anfang
Markus, das älteste Evangelium, ist vergleichsweise nüchtern. Jesus scheitert teilweise, wird missverstanden und verbietet sogar die Weitergabe seiner Taten. Wunder wirkt Jesus aber schon bei Markus.
Erweiterungen und Steigerungen bei Matthäus und Lukas
Matthäus und Lukas ergänzen und verdoppeln die Wunder und laden sie moralisch auf. Jesus wird hier eindeutiger als göttlicher Akteur inszeniert. Die Agenda ist durchschaubar. Beispiele:
- Bei Markus wird ein blinder Bettler geheilt – bei Matthäus sind es bei derselben Geschichte schon zwei.
- Bei Markus wird ein Besessener „mit unreinem Geist“ geheilt – bei Matthäus sind es schon zwei.
- Bei Markus heilt Jesus die Kranken aus Galiläa – bei Matthäus kommen sie bis aus Syrien angereist.
- Bei Markus sind es „viele Kranke“, die geheilt werden – bei Matthäus „alle“.
- Bei der wundersamen Speisung macht Matthäus aus den „Viertausend“ einfach „viertausend Männer ungerechnet der Frauen und Kinder“ – zack, Wunder verdoppelt!
- Markus und Matthäus erwähnen eine Totenerweckung. Lukas fügt noch eine zweite hinzu.
Johannes: weniger Wunder, dafür maximal symbolisch und kosmisch
Johannes reduziert die Anzahl der Wunder, steigert aber ihre Bedeutung. Jedes „Zeichen“ verweist auf eine metaphysische Wahrheit; Deschner nennt dies die „fortschreitende Vergottung Jesu im vierten Evangelium“.
„Überhaupt werden Jesu Wunder weiter gesteigert, das liegt im Zug der übrigen Erhöhung des Herrn. Zwar hat der vierte Evangelist die früher erzählten Dämonenheilungen ganz unterdrückt, doch nur, weil sie zu alltäglich waren. Auch ignoriert er mancherlei von den Synoptikern berichtete Wunder und wiederholt bloß drei von ihnen erzählte größere, die er allerdings noch etwas aufpoliert. Dazu bietet er vier weitere, von seinen Vorgängern merkwürdigerweise (oder auch nicht) unerwähnte besondere Heldentaten: die Weinverwandlung auf der Hochzeit zu Kana, am Teich Bethesda die Heilung des Mannes, der achtunddreißig Jahre krank war und zum Zeichen der Genesung sein Bett nahm und ging – ebenso wie in einer schon dreihundert Jahre früher bezeugten heidnischen Wundergeschichte der von der Schlange gebissene Midas nach seiner Rettung sein Bett trägt und gehen kann –, die Heilung des blind Geborenen und endlich, der Höhepunkt, die Auferweckung des Lazarus, der bereits roch. (…) Und wieder ist es seltsam (oder auch nicht), daß gerade dieses Mirakel, das größte zu Jesu Lebzeiten, alle früheren Evangelisten übergehen.“
Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, S. 73
Diese Entwicklung spricht für eine theologische Eskalation, nicht für wachsende historische Genauigkeit.
Widersprüche und Probleme der Wunder-Überlieferung
Die Wundererzählungen sind von inneren Spannungen durchzogen, die sich historisch kaum auflösen lassen. Dasselbe Wunder ereignet sich an verschiedenen Orten oder in unterschiedlicher Reihenfolge. Chronologie scheint nebensächlich. Mal führen Wunder zu Begeisterung, mal zu Ablehnung, mal zu Schweigen. Die Reaktionen passen oft besser zur theologischen Botschaft als zur Situation. Jedes Evangelium richtet sich an ein anderes Publikum und formt die Wunder entsprechend seiner Bedürfnisse.
Wunder aus wissenschaftlicher Perspektive
Im religiösen Kontext bedeuten „Wunder“ einen Bruch mit den Naturgesetzen, ausgelöst durch göttliches Eingreifen.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keinen belastbaren Beleg für solcherlei Aufhebungen von Naturgesetzen. Wunder sind per Definition einmalig und nicht reproduzierbar. Praktisch! Das entzieht sie jeder empirischen Überprüfung.
Heilungserfahrungen lassen sich durch Erwartung, Gruppendynamik und psychosomatische Effekte erklären, ohne übernatürliche Annahmen. Das ist wie beim Beten, wo Placebo-Effekt und eine suggestive Heilung als Erklärmechanismen für angebliche Heilungen durch Bebeten herangezogen werden können.
Studien zeigen, wie stark Glaube und Suggestion körperliche Symptome beeinflussen können, zum Beispiel:
- Henry K. Beecher, „The Powerful Placebo“ (1955). Beecher wertete klinische Studien aus und zeigte, dass bei rund 30–35 % der Patienten messbare symptomatische Verbesserungen allein durch Placeboeffekte auftreten.
- Fabrizio Benedetti (u. a. „Placebo Effects“, Oxford University Press). Benedetti konnte in zahlreichen Experimenten zeigen, dass Erwartung und Suggestion nachweislich neurobiologische Prozesse auslösen, etwa die Ausschüttung von Endorphinen bei Schmerz oder Dopamin bei Parkinson.
- Irving Kirsch et al., Studien zu Antidepressiva (z. B. PLOS Medicine 2008). Kirsch zeigte, dass ein großer Teil der Wirkung vieler Antidepressiva durch Erwartung und Placebo erklärbar ist – inklusive objektiver Veränderungen im Erleben der Patienten.
- Hróbjartsson & Gøtzsche, Cochrane Reviews (ab 2001). Diese Meta-Analysen zeigen differenziert: Placebos wirken nicht auf alles, aber sehr wohl auf subjektive Symptome wie Schmerz, Übelkeit, Müdigkeit – genau dort, wo Suggestion eine Rolle spielt.
- Harold G. Koenig et al., Studien zu Religion, Gebet und Gesundheit. Koenig untersuchte Zusammenhänge zwischen religiösem Glauben, Stressreduktion und subjektivem Wohlbefinden. Ergebnis: Glaube kann Symptome lindern, ohne dass daraus eine übernatürliche Ursache folgt.
- Benson & Proctor, „Relaxation Response“. Sie zeigten, dass religiöse Rituale, Gebet oder Meditation physiologische Effekte haben (Blutdruck, Stresshormone), die sich vollständig durch psychophysiologische Mechanismen erklären lassen.
Wie plausibel ist die Wundertätigkeit Jesu?
Die historische Forschung trennt streng zwischen dem Menschen Jesus und dem theologischen Christus. Der historische Jesus war vermutlich ein jüdischer Prediger mit apokalyptischer Botschaft. Der wundertätige Erlöser ist das Produkt späterer Glaubensdeutung.
Wunder als Glaubensbehauptung, nicht als Beweis
Wunder sollen Glauben erzeugen, nicht überprüfen. Sie setzen voraus, was sie beweisen sollen – das klassische Merkmal zirkulärer Argumentationen. Jesus kann Wunder wirken, weil er der Erlöser ist – und dass er der Erlöser ist, sieht man ja daran, dass er Wunder wirken kann. Je spektakulärer die Behauptung, desto höher die Beweislast. Diese Belege fehlen. Vollständig.

Jesu Wundertätigkeit: Mythos, Mission und Mensch
Die Wunder Jesu sind natürlich keine historischen Berichte; sie sind theologische Konstruktionen. Im zeitlichen Verlauf der Entstehung der Evangelien kann man den Konstrukteuren dabei zusehen, wie sie die Wunder weiter und weiter aufbauschen.
Die Wundergeschichten spiegeln die Hoffnungen, Ängste und Überzeugungen früher Gemeinden wider. Überprüfbare Ereignisse kann man hier nicht erwarten. Was bleibt, ist Jesus als ein Mensch, dem Großes zugeschrieben wurde – und eine kirchliche Tradition, die aus (Aber-)Glauben Geschichte machte.

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