Die „Divine Command Theory“ (DCT) lässt sich am treffendsten als „Theorie des göttlichen Befehls“ oder „göttliche Gebotstheorie“ ins Deutsche übersetzen.
Dieser Begriff bezeichnet eine ethische Theorie, die moralische Prinzipien vollständig auf den Willen oder die Gebote eines göttlichen Wesens gründet.
Eine wortgetreue Übersetzung wie „göttliche Befehls-Theorie“ wirkt oft sperrig, während „göttliche Gebotstheorie“ die Verbindung zu religiösen Normen und deren moralischem Anspruch besser zeigt. Damit wird die zentrale Idee klar: Moralität wird von Gott definiert und ist ohne ihn nicht denkbar.
Was ist die Divine Command Theory?
Die Divine Command Theory (DCT) ist ein ethisches Konzept, das moralische Prinzipien auf göttliche Gebote zurückführt.
Laut dieser Theorie ist etwas moralisch richtig, weil Gott es befiehlt, und falsch, weil er es verbietet.
„Etwas“ ist richtig? Nein, der Theorie nach ist „alles“ richtig, was Gott befiehlt – weil er es befiehlt. Das ist so, weil die Theorie des göttlichen Befehls davon ausgeht, dass Gott die ultimative Quelle aller moralischen Wahrheit ist.
Alles, was Gott befiehlt, ist automatisch richtig?
Der göttlichen Gebotstheorie folgend ist das so.
Moralität wird dabei nicht als universell verständlich betrachtet, sondern ausschließlich durch göttliche Offenbarung definiert.
Divine Command Theory und theologischer Voluntarismus
Die Divine Command Theory (DCT) ist eine spezifische Ausprägung des theologischen Voluntarismus, bei dem Moral von Gottes Willen oder Befehlen abhängig gemacht wird.
Während der theologischer Voluntarismus allgemein davon ausgeht, dass Gott die moralischen Gesetze setzt, betont die DCT, dass moralisches Handeln genau das ist, was Gott befiehlt.
Beide Konzepte sehen Gottes Willen als oberste moralische Autorität, unterscheiden sich jedoch in ihrer Anwendung: Der Voluntarismus kann abstrakter bleiben, während die DCT konkrete göttliche Gebote als moralischen Maßstab definiert.
In moralischen Diskussionen argumentieren theistische DCT-Vertreter oft, dass das moralisch Gute letztlich in Gottes Wesen begründet liegt.
Sie behaupten, dass Gottes unveränderliche, vollkommen gute Natur als Quelle der Moral gilt, anstatt allein sein Wille oder seine Gebote. Dies schränkt theoretisch ein, welche Befehle Gott geben könnte, da sie seiner eigenen moralisch vollkommenen Natur nicht widersprechen können.
Logische Darstellung der Theorie des göttlichen Befehls
Die Grundannahmen der Divine Command Theory (DCT) lassen sich wie folgt logisch darstellen:
- Existenz einer göttlichen Instanz:
G (Gott) existiert als allmächtiges, allwissendes und moralisch vollkommenes Wesen. - Definition von Moral durch göttlichen Befehl:
Eine Handlung x ist moralisch richtig (M), wenn und nur wenn Gott sie befiehlt (B). - Abhängigkeit der Moralität von göttlichen Befehlen:
Moral existiert nicht unabhängig von göttlichen Geboten. - Objektivität göttlicher Moral:
Was Gott befiehlt, ist universell und objektiv gültig.
Kritik der göttlichen Gebotstheorie
Der logische Aufbau der Divine Command Theory (DCT) ist in mehreren Punkten angreifbar.
Prämissen der göttlichen Gebotstheorie
Die Grundannahmen der DCT setzen einen Gott voraus, der existiert, moralisch vollkommen ist und kommunizieren kann.
Diese Prämissen sind alles andere als unbestritten und können getrost angezweifelt werden.
Divine Command Theory ist zirkulär
Die Theorie des göttlichen Befehls stützt sich auf die Autorität Gottes, um Moral zu begründen. Dabei wird vorausgesetzt, dass Gottes Gebote gut sind, weil sie von Gott kommen, was eine Zirkelschlusslogik impliziert.
Die Zirkularität der Divine Command Theory (DCT) besteht darin, dass sie moralische Werte ausschließlich auf göttliche Gebote zurückführt und gleichzeitig behauptet, dass diese Gebote gut sind, weil sie von einem guten Gott stammen.
- Annahme: „Gottes Gebote sind gut.“
- Begründung: „Gott ist gut und seine Natur definiert das Gute.“
- Rückschluss: „Das Gute wird durch Gottes Gebote definiert.“

Dadurch wird die Grundlage der Moral nicht unabhängig begründet, sondern selbstreferentiell auf Gott zurückgeführt, ohne externe Validierung. Das bringt uns gleich zum nächsten Kritikpunkt.
Nicht-Falsifizierbarkeit der Gebotstheorie
Da die DCT auf göttlicher Offenbarung basiert, bietet sie keine unabhängige Möglichkeit, ihre Gültigkeit zu überprüfen. Dadurch wird sie anfällig für epistemische Kritik.
Denn Offenbarung kann rein subjektiv interpretiert und nicht unabhängig überprüft werden.

Ohne externe Kriterien, die unabhängig von der Offenbarung sind, kann man weder sicherstellen, dass die Gebote tatsächlich göttlichen Ursprungs sind, noch, dass die zugrunde liegende Definition von „gut“ universell gültig ist.
Ambiguität göttlicher Gebote
Die Interpretation göttlicher Befehle ist subjektiv und kann nicht eindeutig formalisiert werden.
Die Ambiguität (Mehrdeutigkeit) göttlicher Gebote in der Divine Command Theory (DCT) entsteht aus der Tatsache, dass religiöse Texte oft metaphorisch, historisch geprägt oder doppeldeutig formuliert sind oder einander widersprechen.
Das führt dazu, dass Gläubige die Gebote unterschiedlich interpretieren können, je nach kulturellem, sprachlichem oder historischem Kontext.
Ein Beispiel für die Ambiguität göttlicher Gebote in der Bibel findet sich in der Bergpredigt bei Matthäus. Jesus sagt: „Widerstehe nicht dem Bösen“ (Matthäus 5:39), aber zugleich finden sich in der Bibel Passagen, die Selbstverteidigung oder das Töten im Krieg rechtfertigen (z. B. Josua 10).
Soll Gewalt also immer gemieden werden, oder gibt es Ausnahmen?
Ein Beispiel für Ambiguität im Alten Testament findet sich in den Zehn Geboten: „Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20:13). Gleichzeitig befiehlt Gott in anderen Passagen die Tötung ganzer Völker, wie etwa bei den Kanaanitern (5. Mose 20:16-17), oder tötet selbst, wie bei der Sintflut, dem Auszug aus Ägypten oder der Schlacht bei Gibeon.

Dies führt zu einem offensichtlichen Konflikt: Gilt das Verbot des Tötens universell, oder gibt es Situationen, in denen Töten geboten ist?
Solche Widersprüche eröffnen Raum für unterschiedliche Interpretationen und machen die „göttlichen Gebote“ schwer als einheitlich oder eindeutig gültig zu betrachten.
Damit können Theologen zu widersprüchlichen Schlüssen gelangen, was „göttlich geboten“ ist, insbesondere wenn keine klaren Kriterien existieren, um zwischen verschiedenen Auslegungen zu entscheiden.
Diese Differenzen müssen „harmonisiert“ werden, soll die interne Konsistenz der DCT nicht gefährdet und moralische Konflikte innerhalb einer Glaubensgemeinschaft begünstigt werden.
So kommt es dazu, dass Theologen und Philosophen auch die verwerflichsten Dinge verteidigen können.
William L. Craig, den wir als Apologeten des kosmologischen Kalam-Arguments kennen, argumentiert zum Beispiel folgendes:
Die von den Israeliten auf Gottes Geheiß hingeschlachteten Kanaaniter hätten sich ihre Vernichtung selbst zuzuschreiben, denn sie hätten den Israeliten ihr Territorium und ihre Städte ja auch gewaltlos überlassen können.
Damit haben die ethnischen Säuberungen, die in der Bibel im Rahmen der „israelitischen Landnahme“ in mehreren Städten durchgeführt wurden, schon ihre „Richtigkeit“. Eine seltsame Auffassung von Moral.

Ein bekanntes Beispiel ist die Zerstörung Jerichos (Josua 6), das durch ein Wunder unter der Führung von Josua an die Israeliten fiel.
Nicht nur die Krieger werden getötet, sondern auch Frauen, Kinder und sogar das Vieh. Das erscheint nicht nur moralisch verwerflich, da die Nutztiere ja kaum der Aufforderung nachkommen können, das Land zu verlassen. Es erscheint auch unsinnig.
Da erhob das Volk ein Kriegsgeschrei, und man blies die Posaunen. Und als das Volk den Schall der Posaunen hörte, erhob es ein großes Kriegsgeschrei. Da fiel die Mauer um, und das Volk stieg zur Stadt hinauf, ein jeder, wo er gerade stand. So nahmen sie die Stadt ein und vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Weib, Jung und Alt, Rindern, Schafen und Eseln.
Josua 6, 20–21
Weitere eroberte Städte umfassen …
- Ai (Josua 7–8),
- Hazor (Josua 11:10–13),
- Hebron (Josua 10:36–37)
- Lachisch (Josua 10:31–32)
- Eglon (Josua 10:34–35)
- Gibeon (Josua 10:1–2, 10:9–10)
- Makkeda (Josua 10:28)
- Debir (Josua 10:38–39)
Die Städte wurden häufig durch militärische Auseinandersetzungen oder göttliche Intervention erobert.
Diese Eroberungen sind zentral in der biblischen Erzählung des „Landes Gottes“.

„Gott will es“ – „Deus vult“
Die Divine Command Theory (DCT) basiert auf der Annahme, dass moralische Prinzipien allein durch göttliche Gebote definiert sind.
Das führt zu einer problematischen Schlussfolgerung: Wenn Gott will, dass bestimmte Taten begangen werden – seien es Gewaltakte oder andere „schadhafte“ Handlungen – dann sind diese moralisch gerechtfertigt.
Geradezu zynisch scheint es deswegen, wenn Religionsvertreter Atheisten vorwerfen, sie könnten ihre Moralsysteme nicht begründen. Gerne wird in diesem Zusammenhang Dostojewski zitiert: „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.“

Zynisch ist es, weil unter dem „göttlichem Gebot“ JEDE Handlung moralisch wird: Kreuzzüge, Sklaverei, Genitalverstümmelung bei Kindern, Selbstmordattentate, Vergewaltigung, Todesstrafe für Apostaten und Andersgläubige, Mord. Das ganze Paket.
Wie kann jemand, der diese Theorie verfolgt, Atheisten mangelnde Moral vorwerfen, wenn das göttliche Gebot jede Handlung legitimieren könnte, die als göttlicher Wille interpretiert wird?

Probleme bei der Theorie des göttlichen Befehls
Wie tragfähig ist die Idee der Theorie des göttlichen Befehls in einer pluralistischen Welt?
Wir haben die Grundlage, die philosophischen Herausforderungen und moralischen Implikationen dieses Konzepts bereits betrachtet.
Jetzt heben wir noch einmal die Probleme bei der Theorie des göttlichen Befehls heraus.

Diese sind schnell gefunden: Gehen wir der Einfachheit halber einmal vom Gott der Juden und Christen, Jahwe, aus.
Dieser handelt ja laut biblischer Überlieferung durchaus so, dass man ihn heutzutage wegen zahlreicher Straftaten vor Gericht zitieren würde: Er ertränkt während der Sintflut ganze Populationen, fordert die Israeliten bei der Landnahme zum Völkermord auf, ermutigt sie, Sklaven zu halten, ihre Frauen zu unterdrücken und dergleichen mehr.
Ist der göttliche Befehl nicht vollkommen willkürlich?
Die Bindung der Moral an göttliche Befehle macht sie anfällig für Willkür. Ein Gott, der Folter oder Mord befiehlt, könnte diese als moralisch deklarieren, was zeigt, dass die Divine Command Theory keine intrinsische moralische Struktur besitzt.
Dass unmoralische Befehle als moralisch gelten, wenn Moral allein von göttlichen Befehlen abhängt, konnten wir bei den Beispielen der israelitischen Landnahme ja bereits sehen.

(Klicke auf das Cover | Anzeige)
Euthyphron-Dilemma: Ein altgriechisches Problem
Das berühmte Dilemma von Sokrates stellt die DCT vor ein logisches Problem:
Ist etwas gut, weil Gott es befiehlt, oder befiehlt Gott es, weil es gut ist?
Diese Dichotomie bringt die Anhänger Gottes in argumentative Bedrängnis, denn entweder wird die Moral willkürlich oder Gott selbst ist einem höheren moralischen Prinzip unterworfen.
Die erste Option (etwas ist gut, weil Gott es befiehlt) führt zu Willkür – Mord wird moralisch, wenn Gott ihn anordnet.
Die zweite Option (Gott befiehlt etwas, weil es gut ist) untergräbt Gottes Allmacht, da Moral unabhängig von ihm existiert.
Vertreter der Befehlstheorie versuchen oft, das Dilemma durch komplexe Argumente zu umgehen, überzeugen dabei jedoch selten.

Widersprüchliche Gebote
Die biblischen Texte, die oft als Grundlage der DCT dienen, enthalten widersprüchliche moralische Gebote. Beispielsweise fordert das Alte Testament Rache, während das Neue Testament Vergebung predigt.
Welche Gebote sollen Gläubige denn jetzt befolgen?
Oder müssen die alle erst einmal „ausgelegt“ werden?

Dieser Mangel an Konsistenz zeigt, dass göttliche Gebote keine verlässliche Grundlage für universelle Moral bieten.
Widersprüchliche Religionen
Verschiedene Religionen formulieren widersprüchliche göttliche Gebote.
Die Frage, welche Religion den „wahren“ Gott repräsentiert, bleibt ungelöst und untergräbt den Anspruch der DCT auf universale Gültigkeit.
- So gibt es im Judentum eine Menge Speisevorschriften auf Basis des Tanachs.
- Christen gehen aufgrund Markus 7,18-19 davon aus, dass alle Speisen rein sind.
- Der Koran hingegen untersagt bestimmte Speisen wie Schweinefleisch und nicht-halal geschlachtete Tiere.
Alternative Erklärungen für Moral
Humanistische Ethik und evolutionäre Psychologie bieten plausible Alternativen zur Theorie des göttlichen Befehls.
Moralische Prinzipien wie Altruismus und Gerechtigkeit lassen sich als soziale Mechanismen erklären, die das Überleben und die Zusammenarbeit fördern. Diese Ansätze benötigen keine göttliche Intervention, sondern basieren auf menschlicher Vernunft und Empathie.
Die Divine Command Theory mag für Gläubige attraktiv erscheinen, doch ihre logischen und praktischen Schwächen machen sie als universelle Ethik unhaltbar. Moral kann ohne göttliche Gebote existieren – und deswegen muss sie auch von Religion unabhängig werden, um zu gedeihen.

Du möchtest ab und zu eine Verkündigung? Abonniere hier den Newsletter.

Kommentar verfassen